von dem Liede der Not, komme ich auch heute mit meinem Anliegen nicht in
Person. Es handelt sich nicht um mich. Selbst wenn ich am Verhungern
wäre, würde ich eher rauben als betteln. Ein paar arme Kinder sind es,
für die ich Euer Gnaden Güte in Anspruch nehmen möchte.
Ich fand sie auf meinen Streifereien im Norden von Paris, der gewohnten
Beschäftigung meiner Mußestunden. Wer immer über das Pflaster zwischen
dicht gereihten Häusern trottet, vergißt allmählich, daß man auch auf
weichem Rasen zwischen grünen Bäumen gehen kann. Und das ist gut.
Die Kinder bettelten. Eins von ihnen, ein Mädchen, suchte im Kehricht
nach etwas Eßbarem. Ich folgte ihnen, als sie abends heimgingen. Das
eine Mal stieg ich bis unters Dach. In eine Kammer, die weder Schloß
noch Riegel hatte, blickte ich durch die fingerbreiten Spalten der
Holzwand. Ich sah eine Schar von Kindern, die sich, von Hunger
gepeinigt, über die eklen Speisereste stürzten, die das Mädchen aus der
Gosse gefischt hatte und ihnen zuwarf. Ein andermal folgte ich einem
Kinde in ein feuchtes Kellerloch tief unter dem Boden der Straße. Ein
triefäugiges Weib riß ihm die Lumpen von den mageren Gliedern, ein
anderes betrachtete die armselige Gestalt mit gierigen Blicken, als wäre
es ein Stück raren Fleisches. Um fünf Sous kaufte sie schließlich die
Kleine.
Seitdem ist es meine Leidenschaft, Kinder zu suchen. Ich habe mir schon
eine lange Liste von denen angelegt, die ich fand. Es sind in sechs
Gassen schon dreiundsiebzig, Mädchen und Knaben. Am liebsten hätte ich
sie heimlich entführt. Aber in meiner Kammer hat nur mein eignes Bett
Platz, weil ich ein Krüppel bin und nie gerade liege, und das Weib, das
mich geboren hat, würde mit meinen Schützlingen auch nur ein Geschäft
machen wollen. Abnehmer hat sie immer für Menschenware.
Nun hörte ich, daß es bei den vornehmen Damen neuerdings Mode ist, arme
Leute mit dem Abfall ihrer Küche und abgetragenen Kleidern dankbar zu
machen. Einige gründen auch Hospitäler, weil sie für ihre glatte Haut
die ansteckenden Krankheiten derer fürchten, die frei herumlaufen.
Wäre es nun nicht möglich, nachdem durch Herrn Rousseau sogar die Liebe
zu den Kindern Mode wurde, einen Zufluchtsort für sie zu schaffen? Sie
fänden wenigstens Schutz vor den wilden Bestien, die sie verfolgen: dem
Menschen und dem Hunger. Auch würde es weniger kosten, als ein neues
Kleid, wenn die Damen des Hofs sich alle daran beteiligen würden.
Ich fürchte, ich kann für andere nicht betteln. Nichts macht so
inbrünstig hassen, als bitten zu müssen.
Verzeihen mir Euer Gnaden gütigst all die Worte, die wie Steinwürfe
sind, und wie Schneeflocken sein sollten. Wenn Sie all die Güte, die Sie
an mich verschwendeten, den armen Kindern zuwenden wollten, so wären sie
gerettet.
Meine Liste steht Ihnen zur Verfügung.
Prinz Rohan an Delphine.
_Chantilly, am 25. September 1775._
Reizende Marquise. Sie weichen mir aus. Kaum glaube ich, Ihnen im Garten
nahe zu sein, so glitzern die Goldschuhe an den kleinen Füßchen schon
wieder fern zwischen den Hecken; sehe ich Sie im Salon, so umgibt Sie
die Schar Ihrer Bewunderer wie eine Mauer; wage ich es, Ihnen abends zu
folgen, so verscheucht mich gar bald die Kavalierpflicht der Diskretion.
So wähle ich diesen Weg, der es mir zugleich erleichtert, vor Ihnen der
zürnende Priester, statt der bewundernde Mann zu sein.
Sie vergessen über Ihrem Schäferspiel unser Intriguenstück, schöne
Marquise, vielleicht weil der liebenswürdige Graf Chevreuse Ihr Partner
ist? Daß der Weg zum Kopf der Frau immer durch das Herz geht!
Aber auch dort, wo ich den Einfluß des Liebhabers nicht zu entdecken
vermag, hat Ihr Gemüt Ihren Verstand unterjocht.
Hören Sie, was mir jemand erzählte: »Jüngst ging die Königin, nur von
wenigen ihrer Damen begleitet, durch die neuen Gärten von Trianon. Im
Schatten der Weiden, vor dem Fischerhaus, begann sie, Geschichten zu
erzählen, wie die Umgebung sie ihr eingab. Jede der Frauen folgte unter
Lachen und Scherzen ihrem Beispiel. Nur die Marquise Montjoie, sonst
die heiterste von allen, blieb schweigsam. 'Sollte unsere reizende
Freundin sich angesichts dieser Hütte keiner Idylle erinnern,' mahnte
die Königin; die Marquise entgegnete: 'Einer Idylle?! Nein! Wohl aber
eines Trauerspiels!' und mit einer Beredsamkeit, bei der jedes Wort sich
am Wort entzündete, sprach sie von den Bauern der Champagne, ihren
Hütten ohne Fenster und ohne Bett, ihren verödeten Feldern und leeren
Scheuern, ihren Weibern, deren Jugend die Not zerfrißt, an deren
ausgedörrten Brüsten die Kinder verhungern. Die Damen hörten staunend zu
und die Königin weinte...«
Was ich fast nicht glauben wollte, hörte ich heute mit eigenen Ohren.
Als mitten im Pfänderspiel die Reihe an Sie kam, mit einer kleinen
Erzählung Ihr Perlenhalsband einzulösen, sprachen Sie mit jener Wärme,
die der nüchternen Wahrheit stets fern bleibt, von dem Elend der Kinder
von Paris. Sie erwähnten Dinge, die Ihr kultivierter Geschmack nicht
wissen, Ihr weicher Mund nicht aussprechen dürfte. Aber je hinreißender
Sie im Feuer Ihres Mitgefühls waren, um so gefährlicher war der Einfluß,
der von Ihnen ausging. Heißt das, teure Marquise, die Stellung Turgots
erschüttern, der nicht müde wird, dem Volke goldene Berge zu
versprechen, wenn er seine Reformen durchführen kann?
Ich muß Ihnen den ganzen Ernst der Lage ins Gedächtnis zurückrufen, um
Ihnen daran den Ernst unserer Aufgabe klar zu machen. Die Situation ist
auf die Spitze getrieben, und nicht nur das Vaterland, sondern auch
unsere heilige Kirche sind in höchster Gefahr, besonders seitdem der
Herzog von Choiseul aus der Verbannung zurückberufen wurde, derselbe
Choiseul, der -- ein Pompadourminister -- die frommen Väter des Ordens
Jesu auswies und zu gleicher Zeit die Philosophen und Gottesleugner
beschützte. Der Unglaube, die Verhöhnung menschlicher und göttlicher
Autorität breiten sich aus wie eine Seuche; ein verworfener Mensch wie
Voltaire wurde zum Orakel Frankreichs, die Enzyklopädie erscheint
ungehindert und trägt die Ideen der sogenannten Aufklärer, die bisher
nur in kleinem Kreise Unheil stifteten, in die Welt. Unsere Journale und
Pamphlete, ja selbst unsere Konversationen bis in die Kreise des Hofs
hinein sind erfüllt mit ihren Redensarten von der rechtlichen Gleichheit
und der politischen Freiheit, und der Name der Vernunft wird häufiger
angerufen als der Name Gottes.
Verzeihen Sie, daß meine Vaterlandsliebe und meine Pflicht als Diener
der Kirche mich so weit treibt und in diese wolkenlosen Tage Ihres
Vergnügens seine Schatten wirft. Aber gerade hier ist mir deutlich
geworden, wie wertvoll Sie, verehrte Frau Marquise, unserer Sache werden
können, denn alles, von unserem edlen Gastwirt und dem Herzog von
Bourbon angefangen, huldigt Ihrer Schönheit, bewundert Ihren Geist. Ich
appelliere an Ihren Ehrgeiz, den Sie leicht befriedigen könnten, wenn
Sie Ihrer Pflicht als Tochter Frankreichs und der Kirche eingedenk
wären. Sie können der Königin beweisen, daß Frankreich weiter reicht,
als die Gärten von Trianon, daß sie berufen ist, ihre Rolle in der Welt
zu spielen, nicht nur auf der Bühne.
Wenn Sie daneben im stillen als heilige Elisabeth wirken wollen, -- ohne
die leicht erregten Gemüter überflüssig zu erhitzen --, so bin ich der
Erste, der Sie unterstützen wird. Hundert Louis aus meiner Schatulle
sende ich Ihnen noch morgen für Ihre armen Kinder und bin gewiß, daß Sie
überall eben so offene Hände finden werden. Um Tränen zu trocknen,
bedarf es, weiß Gott, keiner Reformgesetze. Das war von je die schönste
Aufgabe guter Christen.
Darf ich Sie an dieser Stelle noch an eins erinnern, schöne Frau? Der
Herr Marquis von Contades ist bereit, sein Wort als Edelmann dafür zu
verpfänden, daß Sie -- eine Französin! -- Herrn von Pirchs Handlungsweise
als Vaterlandsverrat verurteilt haben. Er versprach mir zwar, weil es
meinem Einfluß gelang, ihn von der erhaltenen Ohrfeige rein zu waschen,
von seiner Kenntnis keinen Gebrauch zu machen; aber es liegt natürlich
in meinem Belieben, ihn dieses Versprechens zu entbinden. Wird die
Marquise Delphine noch in der Lage sein, der Königin Geschichten zu
erzählen, wenn die hohe Frau erfährt, daß ihre jüngste Freundin --
preußisch fühlt?! Sie haben jetzt die reichste Gelegenheit, den kleinen
Fehler, den Ihre Jugend gewiß entschuldigt, wieder gut zu machen.
Jedenfalls sind Ihnen die Unvorsichtigkeiten Ihres warmen Herzchens
leichter zu verzeihen, als die Ihres Kopfes. Der gute Marquis ist
wirklich kein geeigneter Partner für die holden Freuden der Liebe. Darum
drückte ich als Ihr ergebener Freund beide Augen zu, als ich diese Nacht
an einer gewissen versteckten Hütte vorüberkam, und bemerkte, wie
entzückend natürlich Daphnis und Philidor ihre Rolle weiter spielen, --
obwohl ich als Priester hätte zürnen und strafen müssen. Erschrecken Sie
nicht, reizende Sünderin. Nur wenn das Vaterland es befiehlt, verrät ein
Rohan eine Frau, die er anbetet.
Trüben Sie auch nicht den Glanz Ihrer Augen durch Tränen falschen
Mitgefühls. Seien Sie gewiß: soweit der Arm der Kirche reicht, hungert
kein Mensch auf dem üppigen Boden Frankreichs!
Ich kehre noch heute nach Straßburg zurück. Sie werden mich gütigst bei
der Königin in Erinnerung bringen.
Zum Abschied werde ich Sie morgen früh --, falls die Türe zu Ihrem
Boudoir sich mehr als einem Kavalier öffnet --, nur um die eine Gnade
bitten, den rosigen Arm küssen zu dürfen, der sich so zärtlich um den
Hals des beneidenswerten Geliebten zu schlingen weiß.
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, den 6. Oktober 1775._
Als ich mich Ihnen, verehrte Frau Marquise, für das Werk Ihrer
Menschenliebe zur Verfügung stellte, hätte ich nicht geglaubt, daß wir
so rasch das Ziel erreichen würden. Aber Schönheit und Güte vereint
wirken Wunder! Die sechzig Kinder, die das Kloster zum Herzen Jesu
aufnahm, sind ein lebendiger Beweis dafür.
Was mich aber noch tiefer ergriff als Ihr Eifer, eine Not lindern zu
wollen, welche leider nur ein Symptom der großen Krankheit ist, die
Frankreichs Leben bedroht, ist Ihr Unverständnis für die Medikamente,
die die Wurzeln des Übels ausbrennen sollen.
Seien Sie versichert: Reformen, und wären Sie noch so gut gemeint, sind
nichts als Betäubungsmittel. Neue Quellen des Reichtums gilt es zu
erschließen. Und dafür, -- ich wiederhole, was Herr von Beaumarchais und
ich Ihnen schon auseinanderzusetzen versuchten --, bietet sich jetzt
eine willkommene Möglichkeit. Unterstützen wir Amerikas Freiheitskampf,
so wird Amerika uns für den Kampf gegen die Not die einzig siegreichen
Waffen -- die pekuniären Mittel -- zur Verfügung stellen.
Ihre Schönheit, Frau Marquise, preist ganz Versailles; von Ihrer Güte
spricht halb Paris; Ihrem Geist aber winkt erst ein fruchtbares Feld des
Wirkens. Ihr Salon sollte der Mittelpunkt der besten Köpfe Frankreichs
sein! Meine Vaterlandsliebe läßt mich freilich aussprechen, was mein
Gefühl für Sie unterdrücken sollte. Oder dürfte ich hoffen, in Ihrem
Salon auch unter vielen immer noch Einer zu sein?
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Paris, am 10. Januar 1776._
Ist meine Göttin so wankelmütig wie die Sonne, die sich mehr und mehr
hinter grauen Winterschleiern versteckt?
Als ich gestern die sonst so freudig empfangenen Konfitüren brachte,
sagten Sie wegwerfend: »Die immer gleichen Süßigkeiten! sie widern mich
an!«
Zum Abschied nach einem gequälten Zusammensein hielten Sie mir die Wange
hin, als wären wir ein Ehepaar. Und als ich heute des kommenden Festes
bei der Prinzessin Lamballe Erwähnung tat, riefen Sie aus, die Lippen
unmutig schürzend: »Bietet Paris denn nichts anderes, als Komödien und
Feste, Feste und Komödien?!« Die neuesten Anekdoten, die ich erzählte,
die pikantesten Chansons, die ich vortrug, nötigten Ihnen kaum ein
Lächeln ab.
Da meldete Ihr Diener Herrn von Beaumarchais. Ihr Gesichtchen erhellte
sich, und Sie, die Sie bisher unser Tête-à-Tête durch niemanden
unterbrechen ließen, empfingen den Gast mit einem Aufatmen der
Erleichterung.
Jetzt verstehe ich, reizende Delphine: auch bei Ihnen blühen Liebe und
Treue nicht auf demselben Stamm. Ihre rasche Jugend, -- an deren
Existenz ich Sie zuerst erinnerte! --, Ihr stürmisches Temperament, --
dessen Fesseln erst an meiner Glut zerschmolzen! --, Ihr sprühender
Geist, -- dessen Funken freilich erst der Dichter Beaumarchais
herauszuschlagen vermochte, -- verlangen nach Abwechslung.
Der große Dramatiker Beaumarchais ließ das ganze Welttheater an Ihnen
vorüberziehen; die Kämpfe der Amerikaner, die Parlamentsreden der
Engländer, die Finanzen Frankreichs --, und Ihre Begeisterung für die
»Menschenrechte« der Bewohner der neuen Welt flammte so hoch auf, daß
die arme kleine Liebe daneben erlosch, wie der Morgenstern vor der
Sonne. Weiß Gott, ich, Guy Chevreuse gestehe ein, meine Rolle als
Liebhaber noch nicht ausgelernt zu haben: Neben der Kleinigkeit des
Herzens verlangt die kapriziöse Frau von heute auch noch Geist, auch
noch Kenntnisse, am Ende gar Taten von uns!
Süße Delphine, um einen Kuß von Ihren Lippen, -- aber einen, der der
Sehnsucht, nicht der Gewohnheit entspringt, -- könnte ich Riesen
bezwingen und Drachen erlegen. Fordern Sie jedoch nicht, daß ich mich
wegen so gemeiner Dinge, wie der Zänkereien unserer unsympathischen
Nachbarn mit ihren langweiligen Kolonialbrüdern echauffieren soll.
Freilich, wenn ich mich erinnere, was uns alles Böses von England kommt:
die Grundsätze der Moral, die demokratischen Ideen, die geschlossenen
Kleider, die hohen Stiefel --, ich könnte doch am Ende noch rasend
werden!
Darf ich morgen kommen? Zur gewöhnlichen Stunde? durch das
Gartenpförtchen? Allein?! Ich bringe, da meine Zärtlichkeit mit den
Konfitüren auf einer Stufe der Ungnade zu stehen scheint, ein ganzes
Vergnügungsprogramm mit: Mademoiselle Duthé spielt in ihrem
Privattheater ein von der Zensur verbotnes Stück, -- der Graf von Artois
ist seit acht Tagen bei ihr der glückliche Nachfolger des Herrn Larive;
-- eine vergitterte Loge steht Ihnen -- mit mir?! -- zur Verfügung.
Der Graf von Chartres arrangiert eine Schlittenfahrt, die in einem
nächtlichen Fest im Schloß von Monceau enden soll.
Der junge Vestries wird bei seiner neuesten Gönnerin, der Gräfin
Miramont, tanzen. Die weiblichen Gäste werden gebeten, die Belohnung des
Tänzers für seine Sprünge wenigstens an diesem Abend der Gräfin allein
zu überlassen!
Lucien Gaillard an Delphine.
_Paris, den 30. Januar 1776._
Hochverehrte Frau Marquise. Weil Sie es wünschten, bin ich im Kloster
zum Herzen Jesu gewesen. Ich erkannte meine Kinder nicht wieder. Buben,
die mich angespuckt hatten, küßten mir die Hände und nannten mich
»gnädiger Herr!« Alle sind sauber und satt und lernten beten. Ich weiß
nicht, warum mich die Lust ergriff, sie in die Höhlen ihres Elends
zurückzubringen. Bleibt armen Leuten immer nur die Wahl zwischen der
Knechtschaft der Seele und der des Körpers?
Sie müssen Nachsicht haben mit mir. Es ist mein Unglück, daß ich
ebensowenig danken kann als bitten.
Meine Spaziergänge, nach denen Sie fragen, setze ich fort. Doch ich
mache keine Listen mehr. Es lohnt sich nicht. Man müßte einen Strom von
Gold durch die Häuser und Gassen leiten, um sie von Schmutz und Jammer
rein zu waschen. Aber die großen Herren fürchten so sehr, zu verdursten,
daß sie mit ihren Eimern und Flaschen schon an seinen Quellen stehn, um
ihn abzufangen.
Gestern Nachts fand ich einen armen Jungen, einen Hessen, der über die
Grenze gelaufen war, weil der Markgraf seine Untertanen gegen bare
Münze verschachert. Englische Menschenhändler, so sagt er, kaufen
Soldaten für den Krieg gegen die Amerikaner. So ist's recht: Während die
Könige Europas den Philosophen Beifall klatschen, die von den
Menschenrechten deklamieren; -- die Kaiserin von Rußland bezahlt sie
sogar dafür, daß sie ihr auf so amüsante Art die Langeweile vertreiben,
-- bauen die Fürsten aus Menschenleibern einen Damm gegen die Freiheit.
Es sieht fast aus, als sehnte ich mich nach der Bastille. Aber leider
weiß ich: Sie sind sehr gut, oder nicht gut genug, um mich
hineinzubringen. Ich denke es mir nämlich wundervoll, einmal nichts zu
sehen, als Kerkerwände.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, den 3. Februar 1776._
Verehrte Frau Marquise! Erst heute, bei Gelegenheit eines meiner kurzen
Aufenthalte in Paris komme ich dazu, Ihnen für Ihren Empfang und -- was
mehr bedeutet -- für die Art Ihres Empfangs meinen Dank auszusprechen.
Sie sind die erste Frau unter den vielen geistreichen Frauen
Frankreichs, die für meine umfassenden politischen Pläne Verständnis und
Interesse gezeigt hat.
Selbst die Männer begegnen mir mit Mißtrauen. Weil man über meine
Komödien lacht, hält man auch meinen Ernst für Witz; daß Staatsmänner
Komödianten sind, wundert niemanden, aber daß Komödianten Staatsmänner
sein können, erscheint abstrus. Nichts ist heute für einen Mann von
Geist kompromittierender, als wenn er sich mit Politik beschäftigt. Und
unsere Minister vor allem wollen sich nicht kompromittieren!
Herr von Vergennes war für die großen Aussichten blind, die der Konflikt
zwischen England und Amerika Frankreich bietet. Ich öffnete ihm
wenigstens ein Auge. Trotzdem bleibt er Philosoph aus Bequemlichkeit und
beruft sich auf Grundsätze der Moral, weil das am wenigsten kostet.
Heimlich gegen England zu konspirieren, das beleidigt seine Grundsätze.
Wie kommt es nur, daß soviel Edelmut die Teilung Polens, die
Kolonialkriege, den Sklavenhandel dulden konnte?!
Auch Turgot ist gegen alle Feindseligkeiten; er will nicht einsehen, daß
es häufig sparsamer ist, Millionen zu verschwenden, als mit einem Sous
zu geizen. Wenn Frankreich Partei ergreift, wird es die Scharte von 1762
wieder auswetzen und durch ein Bündnis mit Amerika alle die Vorteile
genießen, durch die England sich seit einem Jahrhundert bereichert. Wir
brauchen nichts als Schiffe, Munition, Waffen. Die Menschen sind da. In
fieberhafter Ungeduld warten der Marquis Lafayette, der Prinz von
Montbéliard und ihre Freunde darauf, den Namen Frankreichs wieder
leuchten zu lassen, wie unter dem großen König, wo die Welt ihr ganzes
Licht von ihm empfing.
Verzeihen Sie mir die Kühnheit meiner Sprache; gedenke ich der schönen
Frau, an die sie gerichtet ist, so müßte ich mich schämen, wenn sie
nicht so klug wäre, nicht nur durch Schönheit herrschen zu wollen! Ich
wage zu hoffen, daß Ihr Enthusiasmus diesen Wunsch unterstützt; macht
der Kuß der Muse mir das Komödieschreiben zur Spielerei, so würde ich
meine schwere verantwortungsreiche Arbeit unter den Strahlen Ihrer Gunst
auszuführen vermögen, als tanzte ich Menuett mit Ihnen.
Wollen Sie die Gnade haben, meinem Diener wissen zu lassen, wenn Sie
mich empfangen wollen? Ich bleibe bis nächsten Mittwoch hier und stehe
ganz zu Ihrer Verfügung.
Prinz Louis Rohan an Delphine.
_Straßburg, am 10. März 1776._
Schönste Frau! Vergebens wartete ich auf eine Antwort von Ihnen und
fürchte schon, meine reizende Gönnerin durch ein paar harmlose
Bemerkungen verletzt zu haben, als ich von Ihren Leistungen unterrichtet
wurde: Sie eröffneten den Salon der Kriegspartei! Vortrefflich, ganz
vortrefflich, Frau Marquise! Sollte die Gicht, die das gesamte
Ministerium zu plagen scheint, weniger auf die guten Diners im Hause
Geoffrin, als auf die Enthaltsamkeit, die Sie ihm auferlegen,
zurückzuführen sein? »Les ministres s'envont goutte à goutte,« schrieb
mir neulich der Herzog von Chartres. Sie wissen, er hat für seine
Bonmots seit einiger Zeit den Geist der Frau von Genlis zu freier
Verfügung, -- womit ich natürlich nichts Böses angedeutet haben will,
denn Frau von Genlis spielt die Harfe und schreibt moralische Stücke für
die Jugend.
Derselbe Korrespondent berichtet mir, daß Sie der Königin neuerdings von
gefesselten Indianermädchen und liebenden Farmern rührende Geschichten
erzählen. Ausgezeichnet, Frau Marquise! Man trägt sogar schon Federn à
l'Amériquaine, und die Mode ist bei uns nicht nur Vorkämpfer, sondern
Gradmesser der Gesinnung.
Auch Ihre Trabanten haben Sie gewechselt. Der kleine Chevreuse ist wohl
jetzt vieux jeu? Ich wäre auch damit zufrieden, wenn ich nicht erfahren
hätte, daß der Graf Guibert sich nicht ohne Erfolg um seine Stellung in
Ihrem Boudoir bemüht. Er ist zwar im Augenblick sehr à la mode -- ein
Hofdichter, ein Kriegsgelehrter, ein Herzensbrecher -- aber sein Ruf als
Freidenker, seine Freundschaft mit Fräulein von Lespinasse
prädestinieren ihn zum Spion, nicht aber zum Mitglied unseres Kreises.
Sie haben die Wahl zwischen so vielen, warum muß es dieser sein?
So habe ich mir sagen lassen, daß der Prinz von Montbéliard sich nur
darum grollend auf sein Schloß zurückzog, weil eine gewisse reizende
Dame ihm ihre Gunst versagt. Er ist mit fast allen Höfen Europas
verschwägert, also eine sehr beachtenswerte Potenz. Übrigens ist er
hübsch und jung und erstaunlich tugendhaft. Er hätte sich gewiß nicht,
wie der Graf Chevreuse, -- den vielleicht nur die Verzweiflung über Ihre
Untreue dazu getrieben hat! --, an dem berüchtigten Fest der Kavaliere
beteiligt, das unter Leitung des Grafen Artois in Gesellschaft der
bekanntesten Kurtisanen und im Hotel der Guimard stattfinden sollte.
Gott sei dank, daß der Erzbischof rechtzeitig Einspruch erhob! Eine
reizende Geschichte übrigens: Hundert der vornehmsten Männer Frankreichs
vereinigen sich. Um dem Vaterlande zu dienen? Nein! Der Religion? Noch
weniger! All diese Gottheiten der Vergangenheit sind heute veraltet!
Lassen Sie bald von sich hören, teuerste Frau! Der Herr Marquis ist zwar
im Augenblick in Straßburg, -- erfolgreich beschäftigt mit der Sammlung
des einheimischen Adels zu einem letzten Coup gegen Turgot; (die
Stimmung ist eine aufs äußerste gereizte) --, er dürfte aber kaum zu
Ihrer Intimität gehören.
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, am 15. März 1776._
Ihr Wunsch, liebenswürdigste aller Marquisen, ist mir Befehl, um so
mehr, als ich begreife, daß eine Frau wie Sie im Hofleben kein Genüge
findet und das geistige Leben von Paris gerade dort kennen lernen will,
wo es am stärksten pulsiert. Fräulein von Lespinasse wird sich freuen,
Sie zu empfangen. Sie finden in ihr zwar eine schwer Kranke, aber um so
bewundernswürdiger wird Ihnen ihre geistige Kraft, ihre immer gleiche
Güte erscheinen. Wenn Sie den morgigen Tag zu ihrem Besuch wählen
wollten, so würden Sie unter anderem auch den Erzbischof von Toulouse,
Loménie de Brienne, bei ihr treffen, dessen Persönlichkeit insofern von
größerem Interesse ist, als man ihn in eingeweihten Kreisen als den
Nachfolger Turgots bezeichnet.
Leider hatte ich heute in der Akademie keine Gelegenheit, Ihre
Eindrücke, teuerste Marquise, über die Aufnahme des Herrn von Boisgelin
unter die Unsterblichen zu erfahren. Ist die ganze Feierlichkeit nicht
mehr und mehr eine Farce?! Der Enzyklopädist d'Alembert, der einen
konservativen Priester preisen mußte, und der konservative Priester, der
der Nachfolger eines Voisenon, des typischen Abbé libertin, geworden
ist! Die französische Akademie wird mehr und mehr aus einer Gesellschaft
von Gelehrten zu einem Konzil der Ekklesiastiker und der Prinzen.
Werden Sie mir die Gunst gewähren, Sie morgen nach dem Besuch bei
Fräulein von Lespinasse in die Comédie française zu geleiten? Ich nehme
das Stück meines Rivalen gern in den Kauf, wenn es mir zum Vorwand
dient, einige Stunden länger dieselbe Luft mit Ihnen zu atmen.
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, am 1. April 1776._