als dieser, -- ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren
bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu
verwischen! --, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben,
so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.
Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie
persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen
Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, daß die Affäre des
kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse
Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris
zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, -- hätte er
nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen
gefunden?! -- den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, am 1. Juni 1775_.
Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht
Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues
Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast
eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer
Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen,
als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß
nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise
treffen zu wollen.
Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten
Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in
gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die
ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes
verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu
lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt
in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune,
teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese
Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz
oder lang beseitigen läßt, aber -- dessen fürchte ich sicher zu sein --
nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden.
Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und
Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr
von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene
Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert,
Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige
Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas'
Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein
augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der
Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.
Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu
schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen
leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende
Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein
geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der
allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher
Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende
Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die
Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue
Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von
zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen
liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es
ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter
Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht
aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien
anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr
von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem
geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz,
Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen.
Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen,
sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.
Da, wo er sich aufhält, -- in der nächsten Umgebung der Königin, -- ist
allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns,
wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter
erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier
bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin
in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die
Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin
schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz
hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der
Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und
die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den
König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den
Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer
Stellungnahme, -- denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir
für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, -- kam mir das
Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen
Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn
etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der
denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit
seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer
wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch
unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern,
mit dem sie sich umgeben hat.
Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft
mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu
erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben.
Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie
ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien
vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre
Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es
doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois,
sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac
Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem
Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die
die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in
bitterster Weise verspotten.
Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige
Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem
Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein
passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von
der Gestaltung der Dinge abhängt.
Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit.
Lucien Gaillard an Delphine.
Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgeführt. Ich faßte den
Prinzen Montbéliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Gräfin
Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei
meinem Anblick. Als ich Ihren Brief übergab, färbte sich sein blasses
Gesicht dunkelrot. Er entließ mich sehr ungnädig. Oder sollte mir Paris
den Star gestochen haben, so daß ich die gewohnte schlechte Behandlung
hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?!
Euer Gnaden sind gütig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen.
Ich müßte Mémoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darüber
gehörige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in
den fünfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Kürze will
ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie
für mich haben wollen. Es gehört, wie ich nachgerade weiß, zur vornehmen
Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen.
Aber ich möchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die
neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte.
Ich reiste zu Fuß; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und
den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine
überflüssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich
reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrückend war.
Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Ländereien
vor mir ausbreiteten, die eben von plünderndem Kriegsvolk verlassen
schienen: Einöden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen
durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes
Wesen auf mit strähnigen Haaren über schmutzstarrenden Zügen, das mich
aus roten Augen erschrocken anglotzte.
Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an
eine rußige Hütte. Mit einem Geheul, das an die Wölfe der Vogesen
erinnerte, stürzte mir ein Mensch entgegen.
»Ich habe nichts, gar nichts,« schrie er, »selbst das Schloß an der Tür
hat der Steuereinnehmer schon genommen.«
Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine
Hexe sein: ein paar schmutzigweiße Haare standen um ihren gelben
Schädel, über die bloßen Knochen ihres nackten Oberkörpers spannte sich
die braune Haut, ihre Brüste hingen, leere Schläuche, über den
gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hörte ich ein Wimmern aus dem
Dunkel der Hütte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe
nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden
aufgerissen, ein Bündel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den
Knochenarmen, sie preßte es an die welke Brust, und Tränen, die aus
ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht,
nicht größer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie küßte es.
Nun wußte ich, daß sie ein Weib war.
Allmählich im Weiterwandern hörte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah
immer dasselbe: Häuser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als
schmutziges Stroh. Die Möbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer
nähren müssen, ebenso wie die letzten Obstbäume vor den Türen. Alles
andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die
Winzer in Laferté ließen den Wein ins Wasser fließen, weil sie zu arm
waren, die Abgaben dafür aufzubringen.
Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern
entgegen, die ihre Äcker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu
wandern. Andere drängten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine
glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhändler, der
kürzlich gekommen war, um die Weiber für billiges Geld an seine
Webstühle zu spannen. Viele priesen ihn, als wäre er der Herrgott
selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras
gefressen hatten. Daß sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen
eine Erlösung, für die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl
schanzten.
Ich näherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends
brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An üppigen
Schlössern und wundervoll blühenden Gärten kam ich vorbei. Aber ob sich
mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber hätte ich die
Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als
um zu betteln!
Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner
Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von
früh bis spät von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich
Männer der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt
arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch größer
ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich über seine
Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa
auf sich gerichtet.
Ich dränge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde
ich mir ein, bei den Philosophen oder den Ökonomisten die richtigen
Rezepte für die Volksseuche, die ich aus nächster Nähe kennen lernte,
gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, daß selbst die
berühmtesten Ärzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht
erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die
Ökonomisten: »die ökonomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die
Tyrannei der Grundbesitzer,« und der Abbé Baudeau antwortete ihm: »Ihr
Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers.« Ich
fürchte, sie haben alle beide recht.
Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und
spreche zu wenig, darum strömt mein Inneres in die Feder.
An Froberg denke ich zurück, wie an einen anderen Stern. Dort war alles
satt und sauber. Euer Gnaden Brief riß die dunklen Vorhänge meiner
Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, sodaß ich plötzlich
wieder in das ferne Licht hinübersehen mußte. Trotzdem möchte ich nicht
zurück; kämpfen ist besser als leben. Nur daß sich die Herrin dieses
Sterns mir wieder vor Augen rückte, war grausam. Ich könnte über ihr die
Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, daß Euer Gnaden sich in Paris
meiner erinnern werden?
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, am 2. Juli 1775._
Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich überrascht, da ich mich
der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rühmen darf.
Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte,
ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief
beglückt, daß es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger
Zeit weiß ich, daß es eine Täuschung war.
Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wußten, begeistert von Ihrer
seduisanten Persönlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht,
viel von Ihnen zu erzählen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich
jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig
verstummte.
Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir
erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider
nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige
Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen: Der Marschall von Contades
hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien,
ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter
anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblümten Aufforderung zu
einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige
Verse des Herrn von Pirch »an die Geliebte«, worin er den Duft Ihrer
Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wärme Ihres blühenden Busens in so
stürmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genuß all dieser
Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag.
Sie sind weiterhin so gnädig, an meinen Interessen und Plänen insoweit
Anteil zu nehmen, als sie Ihnen »gefährlich« und »abenteuerlich«
erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, daß
es nicht »Herzensenttäuschungen« sind, die den Wunsch in mir entstehen
ließen, Frankreich den Rücken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein,
ihre Überzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefühle zu
drehen, die der Männer ist es nicht.
Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene
tatenlose Existenz wären schon Grund genug, eine andere Lebenssphäre
sehnsüchtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist für mich der
Einblick in die Tatsache geworden, daß alle Systeme und Ideen unserer
Denker und Dichter, für die ich mich einst begeisterte, -- ich würde an
dieser Stelle gern »wir« gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht
wüßte, daß Sie jene Stunden in Etupes längst vergessen haben, -- nichts
als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren
Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also völlig
unkontrollierbar sind.
In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, statt nur
über sie zu reden. Dort würde ich also erfahren können, ob sie ein Gut
ist, für das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen.
Ich gedenke demnächst zur Vermählung meiner Schwester mit dem
Großfürsten Paul von Rußland nach Petersburg abzureisen, um darnach
Europa zu verlassen.
Vielleicht vermögen Sie diesen kurzen Zeilen wenigstens das Eine zu
entnehmen, daß ich nicht gewillt bin, in Hofintriguen und Liebesgetändel
mich zu verlieren, auch keine Anlage habe, den tragischen Helden zu
spielen.
Damit, Frau Marquise, dürften wir wohl das letzte Wort miteinander
gewechselt haben.
Ich hoffe, Paris wird Ihre Ansprüche und Erwartungen ganz befriedigen.
SCHÄFERSPIELE
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Paris, am 1. August 1775._
Hiermit sende Ich Ihnen, schönste Marquise, Ihre Rolle als Daphnis. Die
Königin ist entzückt in dem Gedanken an Ihre Mitwirkung, und ich -- oh,
es gibt keinen Ausdruck für meine Empfindung!
Delphine lacht über Guys Liebesschwüre -- Daphnis wird sogar Philidors
Zärtlichkeit dulden müssen!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 15. August 1775._
Holdseligste! Noch fühle ich Ihren Atem auf meiner Wange, Ihren
schwellenden Körper in meinen Armen, und Ihre Lippen, kühl und weich wie
Rosenblätter auf meinem glühenden Mund. War es nur Daphnis, war es
Delphine?!
Ach, als ich noch trunken vor Seligkeit im Schatten der Kulissen Ihnen
zu Füßen sank, bereit, für ein zärtliches Wort mein Blut tropfenweise zu
verspritzen, rissen Sie mich mit Ihrer Frage: »War Friedrich-Eugen unter
den Zuschauern?« aus allen Himmeln. Als ich durch stummes Nicken
bejahte, tief verletzt durch Ihr dauerndes Interesse an einem
unliebenswürdigen Sonderling, und meine Leidenschaft die quälende Frage
laut werden ließ: »Lieben Sie den Prinzen?« Da erfüllte mich Ihre rasche
Antwort: »Ich hasse ihn!« mit neuer seliger Hoffnung. Und als Sie, an
mich geschmiegt, strahlend von Schönheit, leuchtend von Übermut, vor dem
entzückten Hof erschienen, und ein leiser Druck Ihres Arms mir die
Erlaubnis gab, neben Ihnen bleiben zu dürfen, fühlte ich mich dem
schwindelnden Glück Ihres Besitzes nahe.
Ihr kühler Abschied im Morgengrauen stürzte mich wieder in ein Meer von
Zweifeln. Retten Sie einen Schiffbrüchigen, und wenn Ihnen das nicht der
Mühe wert erscheint, die Hand auszustrecken, so retten Sie Ihre eigene
blühende Jugend! Erinnern Sie Sich, süße Delphine, daß Ihre Schönheit
zwar göttlich, Sie aber trotzdem nicht unsterblich sind! Soll der
Frühling ihrer Jugend welken, noch ehe die Sonne der Liebe den Sommer
entfaltete?
Sie leiden; ich weiß es; denn ich kenne alle Qualen wie alle Wonnen des
Herzens. Die Sehnsucht glänzt aus Ihren Augen, glüht aus Ihren
Fingerspitzen.
Wenn ich die Rosen, die ich Ihnen sende, heute abend an Ihrem Busen
wiedersehe, soll mir das ein Zeichen süßester Hoffnung sein. Mag dann
immerhin Guiberts Trauerspiel, dem der ganze Hof mit Spannung
entgegensieht, so langweilig sein, wie seine Kriegskunst, ich werde es
unterhaltend finden; Sie werden also, reizende Daphnis, nicht nur für
Ihres Schäfers Glück, sondern auch für des Dichters Ruhm verantwortlich
sein.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, den 20. August 1775._
Seit jenem Abend, wo ich die dunkelroten Rosen meiner Leidenschaft an
der weißen Seide Ihres Kleides glühen sah und, hingerissen, mitten im
Spiegelsaal von Versailles das Knie vor Ihnen beugte, bin ich im
Zweifel, ob das Leben vorher mein Leben war, ob all die Liebe, die ich
früher genoß, Liebe gewesen ist.
Wie im Traum höre ich noch Grétrys schmelzende Weisen, an deren Tönen
das Licht in Ihren Augensternen sich entzündete, sehe in Ihren Händen
das Glas mit dem perlenden Wein, dessen Feuer sich langsam in Ihre Adern
ergoß, und fühle den heißen Atem all der schönen Frauen, all der
glänzenden Kavaliere, der allmählich die duftenden Kerzen flackern, die
schwüle Luft vibrieren ließ, und Sie hineinzog in sein Fieber. War es
nur die Pracht dieses königlichen Festes, die Sie berauschte, war es der
Duft meiner Rosen?
Ich will keine Antwort auf diese Frage, ich will sie nicht! Nur dem
göttlichen Augenblick will ich leben, süße Frau, gleichgültig, welch
einem Wunder ich ihn verdanke.
Was in Paris an Blumen aufzutreiben war, sende ich Ihnen heute. In
Lilienblätter will ich das Köpfchen der Geliebten betten, wenn ich
komme, roten Mohn will ich über ihre weissen Glieder streuen, und Amor
selbst erfülle mich mit seiner Kraft, daß ich die schönste der Frauen
zum Leben der Liebe erwecke.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 10. September 1775._
Holde! Süße! Daß ich Sie gestern nicht sehen durfte! Und doch empfingen
Sie den Grafen Guibert! Die wütendste Eifersucht würde mich plagen, wenn
ich nicht wüßte, daß der berühmte Poet und Kriegsmann ebenso berühmt als
der Liebhaber der Lespinasse ist. Aber ich gönne es ihm nicht, auch nur
den Geist meiner Geliebten anbeten zu dürfen.
Selbst die Königin bemerkte meinen Unmut. »Wo ist Daphnis, armer
Philidor?!« neckte sie. Wo ist Daphnis? wiederholt mein Herz jede
Stunde, die ich fern von ihr bin.
Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestät die
Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich
noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es nötig, die zarte
Tüllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hüften immer
raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verführerisch genug
für mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit
anderer Männer rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu
spießen?
Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drüben aus den Zimmern
der Polignac klingen schwärmerische Harfentöne, aus den Hecken trillert
ein Vogel, der vom Frühling träumt --, ich höre nur ein Wort aus allen
Tönen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens
sehnsuchtsvoll-stürmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine
Geliebte mit mir in den Zaubergärten Armidens sein!
Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Condé, der Chantilly zum
Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei
ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem
beziehungsvollsten Figarolächeln allerlei Andeutungen über die Wunder,
die sich begeben werden.
»Für Liebhaber der Einsamkeit«, sagte er, »finden sich im meilenweiten
Park stille Einsiedeleien, für philosophische Gespräche, die ungestört
bleiben müssen, gibt es im riesigen Schloß hinter unsichtbaren
Tapetentüren sichere Verstecke.« Alles, was jung ist und schön, hat der
Prinz geladen: »damit weder die bösen Zungen alter Weiber, noch die
lüsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu
leben.«
Darum, geliebteste aller Frauen, werden Sie nicht um unser Geheimnis zu
zittern brauchen, werden nicht erbleichen, wenn meine Hand die Ihre
sucht und fremde Blicke uns streifen, und nicht im Augenblick süßesten
Taumels die schönsten Augen der Welt angstgeweitet auf mich richten. Sie
werden endlich rückhaltlos mein sein.
Schon sehe ich uns in den verschwiegenen Tempeln der Gärten zu Eros, dem
reizenden Gott, die verschlungenen Hände erheben und im stillen Dunkel
der Hütte leise verschwinden, um die graue Buchenstämme als eherne
Wächter stehen, und deren kleine Fenster Epheuranken schamhaft
verhüllen.
Lucien Gaillard an Delphine.
_Paris, am 20. September 1775._
Verehrte Frau Marquise. Euer Gnaden gütige Erlaubnis, mich Ihnen bei
Ihrer Anwesenheit in Paris wieder persönlich vorstellen zu dürfen, habe
ich bisher nicht in Anspruch genommen. In den Ernst meines Lebens und
meiner Gedanken sollte kein Strahl jener Welt fallen, der ich endgültig
den Rücken kehrte. Ich, selbst ein Enterbter, will ganz meinen Brüdern
gehören. Ich verzeihe es mir nicht einmal, wenn hier und da noch ein
Gefühl der Sehnsucht in mir rege wird.