Auf Grund dieser Bemerkung dürfen wir hoffen, Frau Marquise. Wie dieses

»wir« mich entzückt! Sie mögen sich sträuben, wie Sie wollen, schöne

Delphine: ein Gefühl und ein Geheimnis haben Sie gemeinsam mit mir --,

das sind die ersten Glieder einer Kette, die ich fester zu knüpfen mich

rastlos bemühen werde.

Wann empfangen Sie mich? Ihrer gnädigen Antwort sehe ich entgegen.

Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 9. März 1775._

In der sternhellen Frühlingsnacht, angebetete Frau, bin ich stundenlang

über die Wälle gegangen, habe vom feuchtwarmen Wind meine Haare

durchwühlen lassen, und, von Zeit zu Zeit erschöpft mich auf die Erde

werfend, meine glühenden Wangen an ihrer Brust gekühlt.

Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und

es dünkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, daß ich in einem

blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprühenden Feuer eines

Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschöpf, das aus Gottes

Hand je hervorging, mir gegenüber!

Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz ließ

mich vergessen, daß ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er

verschloß mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne --

ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! -- fühle ich meine

schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.

O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verständnisvoll

von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun möchte ich

Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthüllen, um Ihre Stimme um

meinetwillen zittern zu hören!

Und warum streichelte Ihre weiße Hand das kleine Buch; -- wenn ich es in

der meinen halte, spüre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf

presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur

eine Zuflucht weiß: Sie!

Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen,

und doch können Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Füßen

lege: die Menschen verschenken ihr Herz stückweise, -- den Freunden, den

Geschwistern, der Mutter, -- ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die

Menschen spielen mit ihrem Gefühl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung

wie eine Ware, -- ich aber flehe nur um die Gunst, daß Sie es nicht von

sich stoßen mögen! --

Erschrecken Sie nicht vor der Größe meiner Leidenschaft. Sie ist ein

Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein

kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krümmen imstande wäre. Den

Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu dürfen, wie gestern, ist

das Höchste, was ich begehre.

Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 16. März 1775._

Verehrteste Marquise! O, über die Launen schöner Frauen! Sollte man es

glauben, daß die kühnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten,

den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen

Feigling macht, -- sie schlug ihm Wunden, die er nicht rächte!! --, daß

dieselbe grausame Schöne eines kleinen Kapitäns mitleidsvolle

Wohltäterin werden will?! -- Sie haben recht: Herr von Pirch ist

blutarm, aber er trägt bereits die Anwartschaft auf ein Vermögen in der

Tasche. Er steht unter persönlicher Protektion des Herzogs von

Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst

des Königs von Preußen erworben hat. Wir würden diesen deutschen Baron

nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht große Vorteile davon

versprächen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem

Schützling eine glänzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu

rückhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu

gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.

Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr,

daß Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermöchte die rauhe

Faust noch zu ertragen, der von der zarten Führung Ihres Händchens

verwöhnt worden ist?!

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, Freitag._

Schönste Marquise, der König hat befohlen, daß ich den Prinzen Rohan

nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschäfte, die

ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht

mehr sehen zu können. Es würde mein Herz noch heftiger bluten machen,

wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwürdigen Zufall, Sie bei

meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so

sehr gelitten hätte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres

entzückenden Köpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso

unergründlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefühlen? War es Ihre

Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu

lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und

helfe, Sie möglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu

entfernen?!

Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de

Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und plädieren wie

Monsieur Linguet, der die Gräfin Bethune sogar dann noch rettete, als er

bereits gestürzt war.

In Paris sehen wir uns wieder -- in diesem göttlichen Paris, wo alle

Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glücksspiel, die

Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphäre von Straßburg würde mich

schwermütig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht

gesättigt gewesen wäre von diesem Paris.

Aber zuweilen entdecke ich, daß die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen

zu verschleiern beginnen, daß die erschreckende Nähe deutschen

Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen

legt; -- Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris!

Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen grüßen? Darf ich ihm auch

vom Baron von Pirch erzählen?!

Mit deutscher Andacht küsse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit

französischer Verwegenheit des rosigen Grübchens auf Ihrem Ellenbogen.

Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 29. März 1775._

Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, daß Sie

mir so kühl gegenüberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich

Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich weiß gar wohl: ich spiele eine

schlechte Figur zwischen Ihren glänzenden Gästen; zähneknirschend

empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine

schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnürte mir die Kehle

zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und

niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte,

so daß der arme Fußgänger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten,

verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer über den Rücken, sobald

der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre

Schwelle überschritt, während ich daneben stand mit leeren Händen!

Aber heißt es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Gründe für Ihre

Ungnade annehme? Habe ich überhaupt ein Recht, mich zu beklagen --, ich,

der ich versprach, wunschlos Ihre Nähe zu suchen?! Ach, Engel meines

Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie

geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen würde, vor Ihrer

Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvoll

fliehen, und das Dunkel der Nacht fürchten wie höllische Finsternis.

Können Sie mir nicht lächeln, wie einst? Muß ich die Qual erdulden,

immer hinter den anderen zurückzustehen? Darf ich nie mehr allein den

Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heißen Kopf in

die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fähig um

den Preis eines Blicks voll Güte!

Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 16. April._

Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht

erholt, daß Sie den Baron von Pirch nicht beeinflußt haben wollten, und

meine Vermutung entrüstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel,

schönste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes

Interesse für den jungen Mann verstecken zu müssen? Was ich bei meinem

letzten Gespräch mit Ihnen aus der veränderten Lage des Kapitäns, seinen

englischen Pferden und Pariser Westen, nur schließen zu müssen glaubte,

ist mir inzwischen zur Gewißheit geworden: der Herzog von Aiguillon

erhielt die gewünschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den

Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, und Herr von

Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen.

Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem

Patriotismus wie Ihrer -- christlichen Nächstenliebe in gleicher Weise

Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist

solche zarte Rücksicht noch nötig, nachdem Sie mir neulich deutlich

genug zu verstehen gaben, daß ein grauer Bart zu stachlich ist für eine

zarte Haut wie die Ihre?

Zuverlässige Gewährsmänner erzählten mir, daß eine gewisse kleine Gräfin

Laval als Klosterschülerin nachts in den Straßen von Paris mit einem

jungen Manne gesehen wurde, und daß um die Gunst einer reizenden

Marquise, -- deren Name Ihnen nicht fremd sein dürfte --, der Prinz von

Montbéliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist

es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines

Douceur für seine Ritterdienste glaubte rechnen zu dürfen?

Ich küsse Ihnen die Hand --, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten

--, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.

Karl von Pirch an Delphine.

_Dienstag._

Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen.

Kniefälligen Dank dafür, daß ich Ihnen dienen darf! Ich werde zur

angegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten,

gehofft und -- gesündigt!

Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, den 17. April 1775._

Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und

ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden

kann, dem selbst der Tod gleichgültig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen,

von kühnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglühend warf ich mich nieder

vor Ihnen, als ich ihre Tränen sah und sie zu meinen Gunsten deutete!

Sie aber sprangen auf und stießen mich zurück, und wilder Zorn, nichts

als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor

die Füße warfen.

»Rächen Sie mich --«, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie

mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betörter fühlte,

während ich las, nur das Eine: daß Sie mich gerufen hatten, daß ich

Ihnen dienen durfte, daß ich des köstlichsten Lohnes dafür sicher sei!

Bis ich aus dem Traum gräßlich erwachte, bis ich endlich verstand, --

verstehen mußte, daß ich nicht einmal besaß, wessen der letzte Ihrer

Diener sich rühmen durfte: Ihre Achtung.

»Ein Vaterlandsverräter!« Darum also haben Sie sich von mir gewandt,

während ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu können! O, daß

ich Sie nicht früher kannte, daß meine Liebe nicht hellsehend genug war,

um mich Ihre Größe erkennen zu lassen!

Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben.

Jetzt aber kehre ich zurück, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele

dafür zu danken, daß Sie mich dieses Sterbens würdigten. Nach Stunden,

in denen die ganze Hölle sich meiner Seele bemächtigte, ist es still in

mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heißen,

ist der einzige, der mich zu Ihnen zurückführt. Ich werde fallen, und

entsühnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was

verlange ich mehr?

Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis über den Tod hinaus

bin ich es jetzt erst.

Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 17. April 1775._

Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlägt sich nicht

mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet

sein, wie ich.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 29. April 1875._

Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straßburg verlassen, und glauben, dem

Zentrum aller großen Ereignisse näher zu kommen, als es sich mit einer

cause célèbre an uns Provinzverächtern rächt. Ganz Paris spricht von

der Ohrfeige, die der Straßburger Marschall empfing und von der Kugel,

die der deutsche Baron sich darnach in die Schläfe jagte. Empfindsame

Seelen lassen ein paar Tränentropfen über die Wangen fließen und

flüstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere

schöne Polignac hat, -- ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen

Mannes, oder aus Neid über Ihren Ruhm?! --, einen Weinkrampf bekommen

und quält seitdem den Prinzen Montbéliard mit unermüdlichen Fragen nach

der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin fürchtet.

Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemüht, die Geschichte zu unserem

Vorteil -- »unserem«, schöne Frau! -- auszunutzen; die Gelegenheit dazu

ist so günstig, wie der kleine Roman selbst.

Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit

ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die

Ärzte führen die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer

Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die

-- Kunst zurück: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortäuscht, wo in

Wahrheit die vierschrötige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den

Puder, der gelbes Leder in weiße Lilienblätter umwandelt, auf die

Schminke, die bleichsüchtigen Lippen und Wangen blühende Rosenfarbe

verleiht, auf Liköre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot

getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts,

das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren

Mixturen mehr, sondern -- Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes

Landbrot, saures Obst, Leibesübungen, Morgenspaziergänge. Die Königin

und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfährige Patienten; ganz Paris

folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im

parfümierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen

Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons,

über den smaragdgrünen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit

ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Königin Geschichten à

la Marmontel zu hören. Es müssen aber, wie wir als Kinder zu sagen

pflegten, »wirkliche« Geschichten sein. Welche hätte den Wünschen der

hohen Frau besser entsprechen können, als die Ihre?

Unter den eben aufblühenden Syringen erzählte ich von der kleinen süßen

Klosterschülerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so

stolze Schloßfrau von Froberg; auf der weißen Bank zwischen den

Oleanderbäumen sprach ich von der geistvollen Königin der Straßburger

Feste; und als wir an der Schäferhütte unter den hellgrünen Schleiern

zarter Birken saßen, schwärmte ich von der wunderschönen Frau, um

derentwillen ein deutscher Träumer sterben mußte und ein französischer

Kavalier nichts heißer begehrt, als zu leben!

Der Königin blaue Augen schwammen in Tränen; unter den duftigen

Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, --

natürlich nur, weil der Arzt verordnet, daß Luft und Licht den Körper

berühren! --, bebten rosige Busen.

»Schreiben Sie der Marquise Montjoie, daß ich mit ihr leide,« sagte die

Königin; »fügen Sie auch hinzu, daß es mir eine besondere Freude sein

würde, sie zu empfangen.« Und mit jener rührenden Einigkeit, die, wie

Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle

den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Gräfin Polignac schwieg

zerstreut. Der Prinz Montbéliard war kurz vorher im Boskett

verschwunden.

Können, nein, dürfen Sie jetzt noch zögern? Versailles erwartet Sie im

schönsten Frühlingsschmuck, und Paris mit einer Fülle amüsanter

Attraktionen. Der Barbier von Sevilla füllt täglich das Theater und der

glückliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, -- ein Emporkömmling

dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser

Geschäftsmann, -- ist dermaßen in Mode, daß Prinzessinnen sich um ihn

reißen. Die drollige Komödie: »Die Kurtisanen«, versorgt die Salons mit

Bonmots, die die Gesellschaft um so herzhafter belacht, je mehr sie

sich getroffen fühlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief

beschließen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lächeln

bei Ihnen hervorzuzaubern --, jenes verführerische Lächeln, das

Perlenzähne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe

Grübchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben läßt. Ein junger,

vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat,

deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in

eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Gräfin nicht zu schämen

brauchte, zu ihren Füßchen, die in der Höhe des Spanns und der

Schmalheit der Fesseln der blaublütigsten Aristokratin gehören könnten,

macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form

akzeptiert. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Da öffnet sich die Tür,

herein tritt der Bruder der Schönen, -- Schmierstiefeln an den klobigen

Füßen, schmutzige Nägel an den breiten Händen, im roten Gesicht eine

noch rötere Nase --, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem

verblüfften Biedermann, der den Schwager gerührt in die Arme schließen

will, stürzt im selben Augenblick der verliebte Jüngling vorüber, zur

Tür hinaus. Der Anblick genügte, ihn von seiner Liebe und die kleine

Dame von einem Bräutigam zu befreien!

Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog »Wissen

Sie schon, Alcest hat die kleine Herzogin verlassen.« -- »Nicht

möglich! Und warum?« -- »Wegen der niedlichen Tänzerin Cléone«. --

»Gewinnt er denn bei diesem Tausch?« -- »Vom Standpunkt der guten Sitten

-- gewiß!« --

Von nun an erwarte ich Sie täglich!

Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 7. Mai 1775._

Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem längeren, ich möchte

beinahe sagen: geschäftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich

mir das besondere Vergnügen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu

richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so

nachhaltiger gewesen, daß ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf

Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer hätte hinter der Marmorstirn dieser

reizenden Frau so kluge und so -- kühle Gedanken vermutet; wer hätte je

geglaubt, daß Ihre große Jugend der Erkenntnis so ernster politischer

Fragen fähig wäre!

Und nun ist, dank eines glücklichen Zwischenfalls, der große Moment

gekommen, wo es gilt, die bisher -- unter uns gesagt -- noch

spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der

Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.

Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst

in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen und

Physiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge

der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern

entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und

Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus

Versailles, wo ich den König zwar nicht traf -- sein ganzes Interesse

gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd!

-- und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks

zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden,

kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder

sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße

vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und

Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß

ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.

Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung,

als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen

sein.

Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich

gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher

Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So

wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher

im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch ein Schweizer mit

all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr

für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch

zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts

anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen

sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die

Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen,

indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer

waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung

der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers

und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt,

spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten

bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese

neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und -- noch mehr

-- ihr Geld gebrauchen.

Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre

mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem

eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um

ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de

Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen

graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während der

schwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder

Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man

es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich

über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen

Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich

nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen

konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten

so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester.

Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese

Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem

hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu

frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das

Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf

die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen.

Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen.

Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in

Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert

haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht

unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich

geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, -- er gehört zu

den wenigen Hofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu

Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu

bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, -- zeigte

mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im

englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser

neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche

Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste

unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was

jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre

Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen

Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere

Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen

kann.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 6 / 23 段