Neue Romane? Frauen schreiben sie mit derselben Fingerfertigkeit, wie

sie Goldfäden zupfen. Es sind Herzensergüsse auf dem Papier, weil die

Liebhaber sich aus dem Staube machten, die sonst zuhörten. Ich schicke

Ihnen einige Proben und weiß, daß Ihr guter Geschmack Sie vor weiterem

Bezug warnen wird. Die Zeit der Dichter ging vorüber, sobald die

Wirklichkeit an den kühlen Verstand zu große Anforderungen stellte. Erst

wenn wir das prosaische Problem des Sattwerdens gelöst haben, können wir

uns wieder an der Tafel Anakreons mit Rosen kränzen.

Das Befinden der Königin? Sie baut in Trianon Sennhütten und

interessiert sich für das Melken der behäbig blökenden Kühe und die

Aufzucht friedvoller Lämmer.

Die Aussichten des Ministeriums? Sie werden unter diesem König, dem

seine Räte täglich in ein anderes Jagdrevier nachreisen müssen, dem die

Zahl der erlegten Rehböcke wichtiger ist, als die Zahlen des

Staatsdefizits, der mit vielem Schweiß Schlösser konstruiert, die seine

Garderobenschränke, nicht aber sein Reich vor Dieben sichern, -- niemals

zu berechnen sein.

Die Adresse für die Parfilage? Ich verschweige sie, weil Strümpfe

stricken und Hemden nähen immer noch geistvoller ist als dieser

Zeittotschläger.

Die Ideen Diderots? Sie unterwühlen wie eine Herde hungriger Ratten den

Boden, auf dem unsere Welt gebaut ist, obwohl in Frankreich nicht

hundert Menschen den Namen dessen kennen, der sie, ein umgekehrter

Rattenfänger, hervorgezaubert hat. Sie sind wie vergiftete Pfeile, an

denen der, den sie trafen, langsam hinsiecht. Rousseau hat die Rückkehr

zur Natur wie ein neuer Religionsstifter gepredigt; Voltaire, der

Hofnarr Seiner Majestät des achtzehnten Jahrhunderts, hat alles, was der

Menschheit heilig erschien, mit der scharfen Lauge seines Spottes

übergossen; Diderot aber ist der Held, der mit blanker Waffe, ein offner

Feind der Gesellschaft, ihr gegenübertritt. Von ihr, so sagt er, stammen

alle Leiden, alle Laster; von ihr, die die Religion und den Reichtum,

das heißt Unterdrückung der Einen durch die Anderen, die vor allem die

Moral erfunden hat. Die Religion ist die Quelle von Verfolgungen und

Verbrechen, von Kriegen und Ketzergerichten; die Moral die Quelle der

Heuchelei, des Seelenselbstmords, der Versklavung aller natürlichen

Triebe; ihre Überwindung ist Wiedergeburt.

Sie erschrecken, Frau Marquise?! Ach, ich dachte nicht daran, daß Sie

sich in Ihren angstvollsten Stunden noch betend auf die Kniee werfen,

daß Sie Ergebenheit in das Geschick, Unterdrückung der aufrührerischen

Stimmen Ihres Inneren für Tugenden halten. Oder irre ich mich? Die

kleine Gräfin Laval ist gegen den Befehl der Äbtissin bei Nacht und

Nebel dem Kloster entflohen, die kleine Gräfin Laval ist, trotz der

sicheren Strafe, freiwillig zurückgekehrt, um einer Sterbenden die

letzten Stunden zu erleichtern.

Verzeihen Sie! Das Bild dieses reizenden, tapferen Kindes hat sich

meinem Herzen so unauslöschlich eingeprägt, daß ich darüber die Marquise

Montjoie vergaß!

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 20. Oktober 1774._

Verehrte Frau Marquise! Einen Augenblick lang war ich wie vor den Kopf

geschlagen, daß mein Mißtrauen in Ihre Willensstärke, in Ihr

Selbstbewußtsein Sie dermaßen hat empören können. Jetzt freue ich mich

der -- ich gestehe -- nicht ganz unabsichtlichen Wirkung, denn sie hat

Ihre Kraft gestählt.

Die kleine Abhandlung »Du droit au divorce« lege ich bei; von Diderots

Dialog »Est-il bon? Est-il méchant?«, der in knapper Form das

Wesentliche dessen enthält, was Sie wünschen, hoffe ich Ihnen eine

Abschrift verschaffen zu können.

Daß Sie die Möglichkeit eines Pariser Aufenthalts in Aussicht stellen,

wenn »alles vorüber ist«, -- Sie meinen doch wohl die Geburt Ihres

Kindes? --, hat mich entzückt. Ich habe am letzten Mittwoch schon mit

Madame Geoffrin gesprochen, die außer Fräulein de Lespinasse Damen nicht

zu empfangen pflegt, weil sie, wie sie sagt, doch »nur aus Neid oder

Neugierde kommen, und zum Klatschen und Keifen weggehn«, aber bei Ihnen

eine Ausnahme machen will. Ihre Briefe fand sie bezaubernd; »eine Frau

von Geist und Herz ist heute, wo der Verstand wie ein Prinz erzogen,

gepflegt und gehätschelt, das Herz dagegen als Aschenbrödel behandelt

wird, eine solche Ausnahme, daß ich sie liebe, ohne sie zu kennen.« Ein

Urteil wie dieses aus dem Munde der Madame Geoffrin ist in den Kreisen

des geistigen Frankreich, was der Nachweis von zweiunddreißig Ahnen für

das Königshaus ist.

Darf ich Sie noch bitten, Herrn Gaillard daran zu erinnern, daß er mir

von Ihrem Befinden Nachricht geben möchte, sobald Sie selbst, teuerste

Marquise, mir nicht mehr zu schreiben imstande sind.

Lucien Gaillard an Delphine.

_Froberg, den 20. November._

Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewöhnlichen

Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmöglich gemacht

wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.

Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem

Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte,

hatte sich darum nur zu einem Gefühl verdichtet: dem Haß. Euer Gnaden

Güte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, daß ich ein Herz in

der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens

gehört der Frau Marquise.

Daß ich einen Menschen leben sehen muß, der Euer Gnaden Leiden und

Schmerzen verursacht, ist schon gräßlich genug. Aber daß dieser Mensch

sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demütigen und, -- es

muß gesagt werden --, zu betrügen, das ertrage ich nicht.

Madame Paumille, die für den jungen Herrn engagierte Amme, ist die

Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene

beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 22. November 1774._

Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch

größeren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Mäuler

aller Untergebenen trägt, füge ich mich zunächst. Auch glaube ich, daß

es tatsächlich förderlicher ist, wenn wir eine mündliche

Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer völligen

Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befürchte, Sie haben in Ihrer

Erregung nicht alles gehört, was ich gesagt habe, will ich versuchen,

mich schriftlich verständlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrücklich

betone, daß ich mich weder gestern noch heute veranlaßt fühle, etwa wie

ein Schuldbewußter vor Ihnen zu erscheinen.

Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre

Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung hätte sagen

müssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu ästhetisch veranlagt, als

daß ich die Absurdität begehen könnte, meine Maitresse in mein Haus zu

nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hände

gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als daß ich auf der Jagd in den

Wäldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wäre auch das

nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals

Gelegenheit gegeben hätten, Sie von Ihrer unliebenswürdigsten Seite

kennen zu lernen.

Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich

halte es aber für eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloße

Möglichkeit hin der Mutter des Kindes die nötige Unterstützung zukommen

zu lassen.

Was ihre Wahl als Amme meines Sohnes betrifft, so hat sie sich, wie Sie

wissen, selbst gemeldet, und ist von unserem Arzt unter allen

Bewerberinnen als die geeignetste bezeichnet worden. Da mir die

Gesundheit meines Sohnes jetzt in erster Linie am Herzen liegt, -- ganz

abgesehen von der notwendigen Rücksicht auf das Gerede der Leute, --

wünsche ich, daß keine Änderung eintritt. Ich werde dafür Sorge tragen,

daß Madame Paumilles Haus in einen Stand gesetzt wird, der dem Range

ihres Pflegebefohlenen entspricht. Sie wird Ihnen dann aus den Augen

sein, und in wenigen Monaten werden Sie sich Ihrer Aufregung über die

ganze Sache nur noch lächelnd erinnern.

Nun zu dem Brief, den Sie mir übergeben ließen. Sie fordern nichts mehr

und nichts weniger als eine Trennung unserer Ehe, und begründen diesen

Wunsch mit einer Überfülle an tönenden Worten, wie Wahrhaftigkeit,

Selbstachtung, persönliche Freiheit. Sie sind wirklich noch ein Kind,

sonst müßten Sie wissen, daß es überhaupt keine Ehe mehr geben würde,

wenn die Scheidung jedesmal die Folge solch einer »Untreue« wäre; sonst

würden Sie sich auch sagen können, daß die Marquise Montjoie sich

niemals zum Gegenstand eines allgemeinen Hohngelächters machen darf.

Ich fürchte nach allem Geschehenen, daß Sie, meine Liebe, noch sehr viel

werden lernen müssen, ehe ich wagen kann, mit Ihnen nach Versailles zu

gehen. Ich habe daher Auftrag gegeben, unser seit Jahren leerstehendes

Palais in Straßburg in stand zu setzen, damit ich Sie zunächst der

dortigen Gesellschaft vorstellen kann.

Noch eins: Lucien Gaillard, dieser Schurke, der die Wohltaten, die meine

Mutter und ich ihm seit seiner Geburt erwiesen haben, in so schändlicher

Weise lohnte, ist von mir entlassen worden. Ich darf von der Vornehmheit

Ihrer Gesinnung doch wohl so viel erwarten, daß Sie jeden Versuch dieses

Menschen, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, gebührend zurückweisen

werden.

EINE DEUTSCHE TRAGOEDIE

Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, den 21. Februar 1775._

Schönste Frau! Meine Umgebung schließt aus meiner üblen Laune bereits

auf die schwersten politischen Komplikationen. Sie ist so deutsch, so

grenzenlos deutsch, daß sie die Größe meines Schmerzes, eine Einladung

zu Ihnen ablehnen zu müssen, ebensowenig versteht, wie sie von der Größe

der Wirkung eine Ahnung haben kann, die Ihr Erscheinen in Straßburg auf

mich ausüben mußte. Seit Eröffnung des Hotels Montjoie verwandelt sich

der Ort der Verbannung in eine Insel der Seligen.

Mein Pariser Kurier hat die kleinen Pasteten, die ich Ihnen für das

Souper versprochen hatte, mitgebracht. Der Neid auf Ihre glücklichen

Gäste könnte mich fast verführen, sie vergiften zu lassen! Was er sonst

mitbrachte -- Briefe und Journale -- ist kaum der Rede wert. Hier haben

Sie im Zeitungsstil unserer jüngsten Literatur ein Ragout von Allem. Ihr

Geist wird verstehen, es Ihren Gästen als das Neueste aus Paris

geschmackvoll vorzusetzen:

Aus den Zeichen am Himmel Frankreichs verkünden unsere weisen

Sterndeuter das Nahen starker Gewitter. So hat die kleine Lucy vom

Vaudeville jüngst in der Komödie zwei Verse bedeutungsvoll betont: »Il

est des sages de vingt ans et des étourdis de soixante« und ist wegen

Majestätsbeleidigung auf zwölf Tage eingesperrt worden. Ich überlasse

es Ihrem Scharfsinn, zu enträtseln, ob es der tote oder der lebendige

König war, den sie beleidigte.

Sodann ist in Voltaires neuester Tragödie der Satz: »sous les débris du

trône écrasent les sujets« wütend applaudiert worden, wobei das Parterre

an den Trümmern des Throns, die Logen an den niedergeworfenen Untertanen

ihren Enthusiasmus entzündeten.

Ferner hat Herr von Malesherbes seinen feierlichen Einzug in die

Akademie gehalten, »Herr von Malesherbes« so schreibt mein

Korrespondent, »der das Erscheinen der Encyklopädie ermöglichte«. Er

begleitet diesen Satz mit drei schreckhaften Ausrufungszeichen; er ist

nämlich noch nicht alt genug, um wissen zu können, daß nur Tote unter

die »Unsterblichen« gehen.

Und schließlich hat der Marquis Mirabeau sich der Öffentlichkeit als

Plato eines neuen Sokrates vorgestellt, indem er einen gewissen Dr.

Quesnay, der jüngst das Zeitliche segnete, als den Erlöser von allen

Übeln, an denen wir kranken, pries. Das ist meines Erachtens das einzige

Ereignis, das einen Augenblick lang nachdenklich stimmen könnte. Nicht

wegen des Herrn Quesnay, der den gloriosen Gedanken, den Degen mit der

Mistgabel, den Fächer mit dem Milchkübel zu vertauschen, im Boudoir der

Marquise Pompadour konzipierte und nun der Heilige der Ökonomisten

geworden ist, von dessen Wundertaten sie die Rückkehr zur Natur

erwarten, sondern wegen der Persönlichkeit seines Propheten.

Schiffbrüchige Aristokraten, die sich mit Volksbeglückung befassen, sind

gefährlich, denn das aufreizende Gift der Unzufriedenheit brennt denen,

die Alles verloren haben, stärker im Blut als armen Hungerleidern, die

nichts besaßen und sich mit einem Stück Brot den schon zum Schreien

aufgerissenen Mund wieder stopfen lassen.

Im übrigen, schönste Frau, seien Sie gewiß: Sie würden in Paris so

sicher tanzen können, wie in Straßburg, denn die einzige Revolution, die

wirklich die Gemüter erhitzt, spielt sich nicht auf der Straße, sondern

in der Oper ab, wo die Piccinisten mit den Gluckisten in wütendem Kampfe

stehen; selbst dem Frieden der Familien droht Zerstörung, wenn der eine

Teil für die Melodien des Italieners, der andere für die Trommeln und

Trompeten des Deutschen schwärmt.

Ich werde mir gestatten, mich nach Ihrem Fest persönlich um Ihr Befinden

zu erkundigen und hoffe, mir dadurch für die verlorenen Stunden in Ihrer

Nähe reichlichen Ersatz zu schaffen.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, am 25. Februar 1775._

Meine Liebe! Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Erkrankung

meiner Mutter eine leichtere ist, als ich glaubte, fürchten zu müssen,

die Vorbereitungen zu Ihrem Fest daher nicht unterbrochen werden sollen.

Die Blumen aus unseren Warmhäusern gehen zu gleicher Zeit ab. Meine

Leibjäger dürften bereits heute in Straßburg eintreffen. Die Fracht aus

Paris mit der Bühnendekoration begegnete mir unterwegs. Sie wird also

rechtzeitig zur Stelle sein.

Sie werden anerkennen müssen, daß ich keinen Ihrer extravagantesten

Wünsche unerfüllt ließ, obwohl, wie Sie wissen, das System Herrn

Turgots, der es darauf abgesehen zu haben scheint, den König der

festesten Stütze des Throns, der Aristokratie, zu berauben, sich auch

bei dem höchsten Einkommen schon peinlich bemerkbar macht. Ich habe mich

trotzdem zu Opfern entschlossen, weil ich Ihnen in dem Bestreben, mit

einem Schlage die erste Position in der Straßburger Gesellschaft zu

erobern, nur beipflichten kann. Nun darf ich aber auch von Ihrer Seite

einiges Entgegenkommen erwarten, um so mehr als Ihr Eigensinn alles

vernichten könnte, was Sie mit Ihrem Fest bezwecken.

Daß wir Mademoiselle Guimard bewogen haben, bei uns zu tanzen, wird

nicht nur in Straßburg, sondern auch in Paris, -- was erheblich

wichtiger ist --, das Gespräch der Gesellschaft bilden; das Fräulein

jedoch, wie Sie es wünschten, als Gast in unserem Hause zu beherbergen,

würde uns lächerlich machen. Ich ersuche Sie daher, es bei meinen

Arrangements mit dem Hotel de France zu belassen.

Da ich in Bezug auf unsere zweite Differenz Ihrer schließlichen

Geneigtheit weniger sicher zu sein glaubte, habe ich Ihrer Entscheidung

vorgegriffen und den Grafen Chevreuse auch in Ihrem Namen eingeladen. Es

wäre ein nicht wieder gut zu machender faux-pas, einem Protégé der

Königin, der sich noch dazu in ihrem Dienste in Straßburg aufhält, unser

Haus zu verschließen. Ihre Gründe kenne ich nicht, habe auch nicht die

Absicht, mich in ihr Vertrauen einzudrängen; ich weiß nur das Eine, daß

sie unmöglich gewichtig genug sein können, um uns zu einer Brüskierung

des Grafen zu zwingen.

Ich habe im Interesse Frankreichs den lebhaften Wunsch, zu dem Gelingen

seiner Mission beizutragen. Es handelt sich, -- das sei Ihnen im

tiefsten Vertrauen mitgeteilt --, um die Anbahnung einer Versöhnung der

Königin mit dem Prinzen Rohan. Die Kaiserin von Österreich hat ihre

Tochter sehr zu seinen Ungunsten beeinflußt, indem sie ihr einerseits

mitteilte, in welcher Weise er sich erlaubte, kurz nach seiner

Abberufung aus Wien, über sie zu sprechen, und ihr andererseits

darstellte, welch ein Leben er als Gesandter und Priester zu führen sich

gestattete. Beides sind zweifellos grobe Unvorsichtigkeiten, aber nicht

ausreichend, um einen Mann von so erprobter Gesinnung und so

einflußreichen Familienverbindungen kalt zu stellen.

Graf Chevreuse erhielt vom König direkt den geheimen Auftrag, die

Angelegenheit zu untersuchen und, wenn irgend möglich, beizulegen.

Ich hoffe, der Juwelier hat Ihnen die Smaragden zur Auswahl vorgelegt,

wenn nicht, so lassen Sie ihn rechtzeitig daran erinnern. Es wird sehr

darauf ankommen, die Nüance der Steine zu der Rosenfarbe Ihrer Toilette

richtig abzustimmen. Ich empfehle Ihnen, Herrn Duplessis, der für Ihr

Porträt gerade diese Farben wählte, dabei zu Rate zu ziehen.

Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 27. Februar._

Alles ist berauscht von dem Fest im Hotel Montjoie und bezaubert von

Ihnen, schönste Frau. Wollen Sie selbst beurteilen, ob man mir gut

berichtet hat: Sie haben die Natur Ihrem Willen unterworfen, indem Sie

den Sommer zwangen, mitten im Winter Ihre Säle zu schmücken, und Lukull

von den Toten erweckten, damit er die Genüsse Ihrer Tafel bereite; eine

neue, liebenswürdigere Circe, haben Sie die schwerfälligen Damen

Straßburgs in eine Schar übermütiger Grazien verwandelt, und haben

Terpsichore zu sich berufen, deren Hexenkünste die steifsten Glieder

gelenkig machte, so daß sie sich bis zum grauenden Morgen unermüdlich im

Reigen schwangen. Ihre Augen haben Herzen gebrochen; Ihr Lächeln hat

Freunde entzweit, den Frieden der Ehen erschüttert. Wollten Sie

beweisen, daß eine einzige schöne Frau größere Revolutionen verursachen

kann, als alle Pariser Skribenten zusammengenommen?!

Daß Sie mitten in Ihren Triumphen meiner gedachten und mir, dem

einsamen Kranken, köstliche Proben Ihres Überflusses zukommen ließen,

betrachte ich als eine Auszeichnung, deren ich mich erst würdig erweisen

muß. Befehlen Sie über mich! In wenigen Tagen hoffe ich, das Zimmer

verlassen zu können; mein erster Weg wird mich zu Ihnen führen.

Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 28. Februar._

Verehrte Frau Marquise, darf ich Sie an ein Versprechen erinnern, das

Sie vielleicht schon vergessen haben, auf dessen Erfüllung ich aber

bestehen muß, weil es mir die Möglichkeit gewährt, Sie wenigstens auf

ein paar Stunden nicht mit der Schar Ihrer Bewunderer teilen zu müssen?!

Sie wollten meine Schimmelstute unter meinem Schutz zu reiten versuchen;

das Pferd steht zu Ihrer Verfügung wie sein Herr, und das Wetter ist

milde. Mein Reitknecht erwartet Ihre Bestimmung über Tag und Stunde.

Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, den 30. Februar._

Gnädigste Frau Marquise, hier ist das Büchlein, von dem ich mit Ihnen

sprach. Keiner Anderen hätte ich das mir so teure Werk anzuvertrauen

vermocht, aber als Sie mitten im Gewirr französischer Konversation

gütig lächelnd die ersten deutschen Worte an mich richteten, da stand

ich nicht nur ganz in Ihrem Bann, sondern ich wußte auch, daß Sie den

Dichter verstehen, mit seinem Werther weinen würden.

Ich wage nicht, es Ihnen selbst zu überbringen. Ich fürchte, zudringlich

zu erscheinen. Ich fürchte noch mehr, mich in ein Gefühl zu verstricken,

das dem Franzosen ein Spiel, dem Deutschen aber ein Schicksal ist.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, 2. März 1775._

Zürnende Göttin -- darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem

Throne nahen? Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden, wie es einer

Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier

rühmt sich ein jeder, Sie anbeten zu dürfen. Ich allein stehe vor

verschlossenen Tempeltüren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre

Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades

selbstvergessen hatte ruhen sehen.

Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunächst nichts anderes, als das

Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der

Koketterie geworden ist, und ich fühlte mich fast geschmeichelt.

Nun bin ich aufgeklärt: die kleine Guimard, die Sie unvorsichtig genug

waren, nach Straßburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre

Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschätzten, ist

mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprächig geworden.

»Die Marquise war gnädig, außerordentlich gnädig,« erzählte sie und ließ

den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, -- »für

meinen Tanz, natürlich nur für meinen Tanz,« wie sie mit listigem

Augenzwinkern versicherte. »Ich mußte ihr von Paris erzählen,« plauderte

sie dann weiter, »von meinem Hotel, meinen Soupers, -- soweit man sie

einer elsässischen Marquise schildern kann! --, von meinen Gästen vor

allem.« »Von Ihren Gästen?!« machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von

der Seite schelmisch an: »Aha, ich merke, Sie möchten wissen, für wen

sich die schöne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr

Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret

sein wie eine große Dame.«

Ich wechselte das Thema des Gesprächs und ließ eine Flasche Burgunder

entkorken, -- sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der

Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weiße ihrer

Haut so leuchtend erscheinen ließ, daß er auf immer geblendet wurde --;

ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuosität, die ich

noch der Schule Dubarry verdanke. Und sie wurde weich, wurde

schwärmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Heloïse

gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gespräch. »Die arme

Frau,« seufzte sie tränenschimmernden Blicks, »sie liebt, liebt

unglücklich --«

Nach diesem Geständnis, schöne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten

mehr!

Zwar weiß ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu

ihrer Vertrauten gemacht, aber für eine Liebeskünstlerin wie diese war

Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.

Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die

glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr --, den des

Helden!

Wären Sie übrigens huldvoller gewesen, Sie hätten sich nicht zu einer

Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses

Näheres zu hören. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rückkehr

nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Königin.

Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie

einen erschütternden Roman, und da die große Leidenschaft Mode zu werden

beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein

würden, ihn zu trösten. Die Gräfin Diane de Polignac hat sich seiner, --

sagen wir höflich als Kavalier: mütterlich --, angenommen. Er seufzt ihr

zu Füßen, wenn auch vielleicht noch nicht um sie. Sammle ich nicht

feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen

beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen, der

den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut

verbindet?! Ich weiß von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straßburg

mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der

ungeeignetste Führer dorthin.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, den 3. März 1775._

In jedem Buchstaben Ihrer Antwort, verehrteste Marquise, bebt die

Entrüstung: Weil ich »eine trunkene Tänzerin herausforderte«, von Ihnen

Märchen zu erzählen, weil ich »so tief gesunken« bin, zu glauben, die

Marquise Montjoie könnte mit einer Guimard auch nur einen Gedanken

teilen. Ich fühle mich geschlagen, vernichtet, gnädigste Marquise; ich

bin bereit, für meine Sünden kniefällig um Verzeihung zu bitten, -- wenn

Sie mir gestatten wollten, es nicht nur auf dem Papier zu tun!

Fordern Sie, was Sie wollen, -- nichts wird mir zu erfüllen unmöglich

sein, ist Ihre Gunst der Preis dafür. Ich fühle mich schon als Ihren

Beauftragten gelegentlich meines heutigen Gesprächs mit dem Herrn

Marquis.

»Nur des Königs ausdrücklicher Wunsch würde mich bewegen können, in

Versailles zu erscheinen,« sagte er; »die Berufung Turgots ist ein

Schlag ins Gesicht für den Edelmann; der König muß wenigstens durch

unser Fernbleiben empfinden, was die Loyalität uns auszusprechen

verbietet.« Meinen Einwand, daß die Königin dem gesamten Ministerium

feindlich gegenübersteht und nichts sehnlicher wünscht, als durch die

Heranziehung Gleichgesinnter ihre Position zu stärken, beantwortete er

mit einem: »So mag Ihre Majestät uns rufen!«

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 5 / 23 段