Im Verlaufe der nächsten Tage wurde der König zweimal zur Ader gelassen.

Als die Ärzte von der Möglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde

ihm und seiner Umgebung der Ernst der Lage erst völlig klar. Die

Herzöge von Richelieu und von Aumont traten den Ärzten in meiner

Gegenwart mit geballten Fäusten entgegen, um die Operation zu

verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am

Sonnabend den 30. April bedeckte sich plötzlich der Körper des Königs

mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten

hatte. Die Ärzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern.

Während der König in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der

Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adélaide, Sophie und Victoire

zu ihrem königlichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich

erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch

seinen Einfluß die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs

durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Töchter

hinaus und verlangte heftig nach der Gräfin. Die Prinzessinnen hätten

übrigens die pestilenzialische Atmosphäre im Zimmer des Königs nicht

länger ertragen können, während die Gräfin ohne schwindelig zu werden,

in seiner nächsten Nähe aushielt.

Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!

Wie erzählt wird, soll sie die Kühnheit gehabt haben, ein

Diamantenhalsband von märchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr

zum Kauf angeboten hatte, dem sterbenden König vorzulegen und zum

Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das

Schmuckstück immer wieder durch seine fieberheißen, von Schwären

bedeckten Hände, die die kalten Steine wohltätig kühlten.

Durch Scherze und Zärtlichkeiten suchte die Gräfin den Lebensglauben des

Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie

insofern unterstützte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle

weichen wollte, um dem König rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu

halten vermochte.

»Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach großen Sünden gelüstet,«

sagte der alte Roué mit seinem ganzen Zynismus, »so nehmen Sie die

meinen dafür. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren

Ihres Pariser Erzbistums nichts Ähnliches gehört.«

Der Kampf der Parteien um den sterbenden König wurde schließlich so

heftig, daß sein Lärm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemühte ich

mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry

gegenüberstehe, der König ist immerhin des großen Ludwig Nachfolger

gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen

Respekt, der allen gewährt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von

dem schon halb Besinnungslosen erreichten die Priester die Entfernung

der Gräfin.

Wenige Stunden nach dem Tode des Königs kam ich nach Paris. Überall

begegnete ich jubelnden Volksmassen und das »Es lebe Ludwig XVI.!« klang

in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder öffentliche

Auflauf ist, in diesem Falle fühlte ich mich durch die Gesinnung mit dem

Pöbel eins.

Die erschütternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten

werden, haben die persönlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie

sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung

traten, in den Hintergrund gedrängt. Ich denke jetzt ruhiger darüber, da

ich annehme, daß Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die

Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemühen, Sie wie eine Kranke

zu behandeln, möchte Sie jedoch nur daran erinnern, daß es bei Frauen

von guter Erziehung bisher selbstverständlich war, sich auch in der

peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht,

wie die liebenswürdige Einladung der Fürstin Montbéliard, und mein

Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht

zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Fürstin ist Ihnen,

nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach

in ihrem Brief ausdrücklich von einem »stillen Landaufenthalt in

Etupes,« der Ihnen geboten würde; Ihr Einwand, daß Sie sich mit Ihrer

»deformierten Gestalt« nicht sehen lassen könnten, ist also in diesem

Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie würden zu gesellschaftlichen

Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeinträchtigung Ihrer

Schönheit hätte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg überdies

so unbehaglich ist, würde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt

wohltätig sein, und die Fürstin würde es in ihrer Güte an hingebendster

Pflege nicht fehlen lassen.

Aber die Auseinandersetzung über die Frage der Einladung war ja nur das

Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent für die Rolle

einer tragischen Heldin mir dann vorzuführen die Güte hatten. Ich

glaubte, Sie damit zu besänftigen, daß ich Sie an die notwendige

Rücksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung

in das Feuer ihres Zorns. »Rücksicht auf das Kind?!« schrieen Sie, ohne

bemerken zu wollen, daß Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor

Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, »ich will -- ich will kein

Kind von Ihnen! Ich schäme mich dieses Kindes!«

Ich hoffe, Sie schämen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in

ihre Erinnerung zurückgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel

vorzuhalten.

Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen

in gewissen Zuständen vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den

Affront, den ich durch Sie erleben mußte. Auch auf den Besuch in Etupes

will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, daß schwangere Frauen

gerade ihren Lieblingsspeisen gegenüber einen unüberwindlichen Ekel

empfinden.

Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wünsche, daß nunmehr von der

ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 10. Mai 1774._

Angebetete Delphine! Je länger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter

arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hölle sah ich vor mir, und

glaubte, alles ertragen zu können. Und doch würde mich die Wirklichkeit

vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das

Klopfen Ihres Herzens gespürt, die Tränen in Ihren Augen gesehen hätte.

Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie fürchten sich vor ihm; Sie wünschen,

daß ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht

wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo

irgend eine große Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem

Starrkrampf erweckt. Sie sind unglücklich, Delphine, unglücklich wie

ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den

Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemühen, seine leichtfertigen

Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des

Frohsinns zu schaffen.

Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch,

Ihnen helfen zu können, jedes eigennützige Gefühl erstickte. Ein solcher

war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich hätte, Ihrem

Wunsch unter allen Umständen gehorchend, Etupes helles Schlößchen ebenso

wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.

Noch Vieles möchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist übervoll, aber

ich würde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je

tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, im September 1774._

Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich

schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurückhaltung, die bei

vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der

tiefsten Schmerzen ist.

Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus

seinen leisen Untertönen, aus den Erzählungen des Herrn Gaillard und aus

den Buchstaben Ihrer Schrift, die früher wie lauter kleine Kobolde

lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in

gleichmäßiger Reihe vor mir stehen wie ängstliche Kinder vor dem

strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.

»Ich bin schon viele Wochen krank«, sagen Sie, »und liege in einem

schrecklich großen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen,

dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Daß es draußen Sommer ist,

merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schloß die Fenster

absichtlich so gebaut, daß nur die Wintersonne hineinkann.« Und dann

erzählen Sie von den Sälen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch

so viel Möbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil

man es auch nur mit totem altem Kram erfüllt; -- ist das die kleine

Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen

erwartete?!

Ich soll Ihnen »Lebendiges« bringen, »damit wenigstens ein Echo von all

dem Lärm und Lachen bei mir wiederklingt«. Ich werde Sie enttäuschen,

Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lärmt zwar, aber es lacht

nicht. Zu der Stunde, wo die großen Kurtisanen, die Duthé, die Cléophile

auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspännigen Karossen von

Sèvres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetürmten Locken,

und ihr verführerisches Lächeln zur Schau stellen, begafft vom Pöbel,

gefolgt von der Jeunesse dorée, versammelt sich eine täglich wachsende

Zahl von Männern in den Kaffeehäusern des Palais-Royal, um die neuesten

Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten

politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen,

philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Für viele treten

diese öffentlichen Zusammenkunftsorte allmählich an Stelle der berühmten

Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten

Kreise beschränken und die alten Celebritäten den jungen Unbekannten

vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der

Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der

seßhaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand für ihre

Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die

traurige Wirkung, den der Einfluß, den man den Frauen in diesem

Jahrhundert in wachsendem Maße einräumte, auf Frankreichs innere und

äußere Lage ausgeübt hat.

Von einer männlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund,

dem wir zusteuern. Amüsant ist dabei, daß man sich um so mehr mit der

Frau beschäftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der

Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen über sie, in

denen ihre Kräfte und Fähigkeiten eingehender Prüfung unterzogen

werden. Herr Thomas von der französischen Akademie veröffentlichte

zuerst einen Essay über den Charakter, die Sitten und den Geist der

Frauen.

Mir fiel bei der Lektüre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen

ihrer Bonmots berühmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat

einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements

war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. »Ich habe mit dem

Minister,« so gab er ihr schließlich Bescheid, »Ihre Angelegenheit als

Bürger und als Philosoph besprochen.« »Aber mein Herr,» unterbrach sie

ihn, »was nützt mich das! Als Schornsteinfeger hätten Sie davon sprechen

müssen!» Ich fürchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen:

nicht als Bürger und Philosoph hätte er von ihnen sprechen dürfen,

sondern als empfindsamer Mensch --, kurz so wie es Denis Diderot in

seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir

nicht versagen, Ihnen einige seiner Sätze, auch wenn ich sie aus dem

Zusammenhange reißen muß, wiederzugeben. Er erzählt: »Ich sah eine

anständige Frau bei der Annäherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern;

ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der

Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu können. Solch ein

Gefühl körperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das höchste

Glück flieht die Frauen nur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie

lieben; während wir es an der Seite eines gefälligen Weibes finden

können, das uns gleichgültig ist...« Und an andrer Stelle, wo er die

Gesetze und Gebräuche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heißt

es: »In allen Ländern hat sich die Grausamkeit der bürgerlichen

Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden.

Wie Kinder und Blödsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei

kultivierten Völkern, keine Art von Quälerei, die sich der Mann nicht

gegenüber der Frau erlauben dürfte. Wagt sie, sich zu empören, so wird

ihre Handlungsweise durch allgemeine Mißachtung gestraft.«

Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht verträgt, daß die

Öffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschäftigt,

hat sich in die Diskussionen über das Thema »Frau« eingemischt,

wenigstens nimmt man an, daß ein kürzlich erschienenes geistvolles

Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die

größtmögliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats

im Interesse des Familienglücks und nicht eine Sache der Kirche sei.

»Daß der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos

zu halten suchen«, schreibt er, »ist jedenfalls keine Lösung des

Problems.«

Der Verfasser einer anderen anonymen Broschüre verlangt gar als

Heilmittel der totkranken Ehe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wäre

jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Männer

zwar würden nur aus Liebe wählen, die dann völlig besitzlosen Frauen

dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.

Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich

glaube, daß sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lächeln

hervorrufen werden. Und das wäre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich

den Faden meines Briefes, und kann mich über meine Stilverletzung nur

durch die Zuversicht trösten, daß meine Korrespondenz niemals die

Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knüpfe also wieder am

Anfang an, um Ihnen zunächst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, daß

ich Ihnen später, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heißen, im

einzelnen schildern werde.

Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schön, so ergeht

sich die Menge in den späten Nachmittagsstunden in den Alleen davor.

Hier zeigen sich dann auch Frauen in hübschen Polonaisen, mit

Riesenmuffs oder langen Spazierstöcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu;

es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die Ärzte

unterstützen sie nach Kräften. Die Vapeurs, die man für eine Einbildung

mondainer Damen hielt, haben sich nämlich als eine ernste Erkrankung

herausgestellt, und unsere Mediziner führen sie auf die Zimmerluft, die

sitzende Lebensweise, den Mangel an Bewegung, ja selbst auf das viele

Teetrinken und den Gebrauch des Schnürleibs zurück. Man kann daher

neuerdings vor den Toren von Paris sogar Herzoginnen zu Fuß begegnen,

die der leichteren Bewegung zuliebe, den Umfang ihrer Röcke

einschränkten; und im Garten des Palais-Royal erschienen kürzlich junge,

hübsche Frauen, die ihren Busen, statt ihn in ein Mieder einzuzwängen,

nur mit einem Mullfichu verhüllten.

Sie sehen, meine liebe Marquise, der Stil meines Briefs ist

hoffnungslos; der Gedanke an meine schöne Adressatin wirft alle Sätze

aus ihrer Bahn, und ich rede, da ich nicht von Ihnen allein reden darf,

wenigstens immer von Ihrem Geschlecht. Gestatten Sie mir noch einen

letzten schüchternen Versuch, den Fluß meiner Rede in das alte Bett

zurückzuleiten!

Schließen sich abends die Pforten des Palais-Royal, so öffnen sich die

der Klubs. Es sind das Vereinigungen mit literarischen, philosophischen

und politischen Zwecken, die wir in dieser Form aus England übernommen

haben. Sie vermehren sich wie Unkraut. Fast jeder kleine Krämer sucht

nach dem Essen seinen Klub auf, wo er nach Herzenslust das Vergnügen

genießt, über alles räsonnieren zu dürfen. Jener Volksauflauf im vorigen

Monat, als die Nachricht vom Sturz des Kanzlers sich verbreitete, wäre

ohne die Klubs und ihre Aufklärungsarbeit nicht möglich gewesen. Die

Pariser pflegten bisher nur zusammen zu strömen, wenn eine alte

königliche Maitresse ins Exil geschickt wurde, oder eine junge in die

petites appartements einzog. Sie hatten gewissermaßen ein väterliches

Interesse daran; sie waren stolz darauf, die Hauptlieferanten der

Liebesgenüsse großer Herren zu sein; sie zogen tief den Hut vor der

eignen Tochter, wenn irgend ein Prinzlein sie mit Brillanten behängte

--, heute spucken sie vor ihr aus. Etwas wie Selbstbewußtsein erwacht in

diesen armen kleinen Hirnen, nur daß es niemand von den Herrschenden

wahr haben will.

Während die Männer in den Klubs sich Abend für Abend über Fragen des

Freihandels oder der Zölle die Köpfe zerbrechen, Fragen, die seit

Turgot, der Anhänger der Physiokraten, am Ruder ist, zu wahrhaft

brennenden wurden, sitzt der Sultan der Oper, der Prinz von Soubise,

nach wie vor in seinem Serail, der Loge, um die von ihm pensionierten

Tänzerinnen neben den jüngsten Eleven huldvollst zu empfangen, und die

»gute Gesellschaft« strömt nach Pantin zur Guimard, um Komödien zu

sehen, von denen eine die andere an Laszivität übertrifft, oder sie

füllt das Hotel der Madame de Montesson, die, trotz ihres Alters, noch

immer als jugendliche Liebhaberin auf ihrer Bühne auftritt, und noch

immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist.

Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer

Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist

und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im

Hause Madame Geoffrins.

Wie wünschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die

es verstanden hat, ohne jung und ohne schön zu sein, die besten Köpfe

Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot

fast tägliche Gäste, hier wird freimütig ausgesprochen, was außerhalb

dieses Salons noch in die Bastille führt, und die Wahrheit und die

Religion des kommenden Jahrhunderts ist.

Sie werden finden, daß ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gütige

Erlaubnis, Ihnen schreiben zu dürfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir

ist, als wäre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot

durchglüht und als stünden Sie vor mir, die kleine Gräfin Laval mit den

großen brennenden Augen und der stockend hervorgestoßenen Frage: »Ist es

wirklich, kann es wirklich sein?!«

Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 3. Oktober 1774._

Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort würde mich entzückt

haben, wenn ich sie der Wirkung meines Briefes zuschreiben dürfte. Aber

selbst Ihr Dank, dessen Wärme so gar nicht im Verhältnis zu meiner

Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: daß Sie verschmachten, und somit

auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei

überschütten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu

beantworten ich eine wahre Encyklopädie schreiben müßte. Sie erwarten

wohl auch dergleichen gefährlich Freidenkerisches, sonst würden Sie mich

nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein

Vorgehen, das vielleicht gefährlicher ist, als wenn ein Unberufener

meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie

sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, daß er der Sohn unserer robusten

Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den einträglichen

Weg vom Straßenmädchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher für ein

paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brächte.

Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und

zwar möglichst der Reihe nach, weil ich gewiß zu sein glaube, daß

diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle

stehen. Dabei muß ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen

Reihenfolge in den Hintergrund schieben.

Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, daß Sie so

viel von ihr gehört haben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer

Epoche in ihr verkörpert, wie denn überhaupt die Frauen, sei es infolge

ihrer größeren Sensibilität, sei es, weil sie den geheimnisvoll

wirkenden Kräften der Natur näher verwandt sein dürften als wir, in

besonderem Maße die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.

Von majestätischem Wuchs und üppigen Formen, mit unbewegt regelmäßigen

Zügen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schönheit

war eine rein körperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostüm

ebenso paßte, wie die antikisierenden Gewänder des Schauspiels und des

Balletts; graziöser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der

Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmäßige Gesicht

von innen zu verklären; heute hat er sich den ganzen Körper unterworfen.

Ein seelenvolles Auge, ein kapriziöses Näschen, ein Mund, der, selbst

wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefühl wiedergibt; feine,

schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein

scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind --, das

ist die Frau fin de siècle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht

mehr jung, sie ist keine Schönheit, und doch ruiniert sich der Prinz von

Soubise für sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der

Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue eines Hundes, obwohl er stets neue

Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle

ihresgleichen, und würde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von

Geblüt nachstehen, denn sie besitzt in höchstem Maße jene

Anpassungsfähigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen

Vorstadtmädchen eine Dame macht, während ein Bauer immer ein Bauer

bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strümpfe

trägt.

Wenn sie tanzt, so könnte man ihr Antlitz verhüllen und würde doch jedes

ihrer Gefühle verstehen. Man sieht, wie Himmel und Hölle um ihre Seele

streiten. Ihre Luxusbedürfnisse sind ohne Grenzen, und doch kann man ihr

in den Elendsquartieren der Butte St. Roche begegnen, wo sie, dicht in

den Kapüchon gehüllt, Geld, Kleider, Lebensmittel unter die Armen

verteilt. Kaltblütig hat sie schon Dutzende von Männern zu Bettlern

gemacht, daneben rettet sie im Stillen junge Offiziere und arme Kollegen

vor dem Elend. Die Orgien in ihrem Hotel bilden den Skandal der

Nachbarschaft; dabei ist sie imstande, am nächsten Tage mit vollendeter

Decenz Damen des Hofs, Männer der Kunst und der Wissenschaft zu

empfangen, für die einen ein Beispiel in der Toilette wie im Haushalt,

für die anderen eine sprudelnde Quelle der Anregung.

Und nun die Raucourt. Ihre Schönheit ist eine völlig jünglinghafte, ihr

Geist hat in seiner kühlen Schärfe etwas Männliches. Man erzählt sich

nur eine weibliche Schwäche von ihr: als vor Jahr und Tag der Patriarch

von Ferney, in dessen Tragödie »les Lois de Minos« sie sich weigerte,

aufzutreten, ihre Tugend angriff, fiel sie in Ohnmacht. Seitdem ist sie

unempfindlicher geworden. In den Rollen tragischer Heldinnen ist sie

unvergleichlich, dagegen fehlt es ihr für die Rollen der Liebhaberin,

die sie im Leben zu spielen versucht, an Grazie. Daher sind wohl auch

ihre Verehrer meist sehr junge Leute, die mehr bewundern als lieben,

mehr Schüler als Herren sind. Sie gehört zu den ständigen Besucherinnen

der Gärten des Palais-Royal, wo sie weit mehr Frauen als Männer um sich

versammelt. Eine der Pariser Sensationen war es, als sie kürzlich in

einem der berühmten Privatzimmer der Madame Gaillard einen Frauenklub

gründete, von dem die Lästerzungen der Kaffeehäuser, die viel giftiger

sind als die der Salons, weil sie jeder guten Form entraten, allerhand

Böses zu sagen wissen. Im übrigen glaube ich nicht, daß Mademoiselle

Raucourt mehr als irgend eine andere der neuen Frauentypen ein

Gegenstand Ihres Interesses zu sein verdient.

Sie fragen sodann, verehrte Frau Marquise, nach neuen Romanen, nach dem

Befinden der Königin, nach den Aussichten des Ministeriums, nach einer

Adresse zum Bezug der Parfilage, jener gräßlichen neuen Beschäftigung

für nervöse Frauenfinger, nach den Ideen Diderots; -- ich stehe vor

dieser bunten Vielheit wie ein Kind vor der Jahrmarktsbude und weiß

nicht, wohin ich zuerst greifen soll, auch sind leider zu wenig

Geistespfennige in meinem Besitz, um für all das mit der richtigen Münze

zu zahlen.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 4 / 23 段