denen die Autorität von Staat und Kirche noch nicht erschüttert ist.
Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pöbels der
Großstadt.
Ich werde glücklich sein, den Frieden von Froberg wieder genießen und
seine schöne Herrin an mein Herz drücken zu dürfen....
P. S. In Compiègne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir
jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grußes war
so steif und förmlich, daß ich nicht in der Lage war, mit ihm zu
sprechen. Ich bedauerte es sehr. Hätte ich doch die Freude genossen,
mich mit Ihrem einstigen Spielgefährten über Sie, teure Delphine,
unterhalten zu können.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Abtei Rémiremont, im September 1773._
Schönste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer würde ich
freudig begrüßen wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen früher
schreiben zu dürfen, als es sonst geschehen wäre. Um wieviel mehr ein so
reizendes. Kurz vor Rémiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir
schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in kürzester
Frist von einem Vierspänner der Prinzessin Christine aus unserer
unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Räumen dieses im
weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor
reizender Frauen willkommen geheißen. Über ihre bunten Quesacos trugen
sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den
schwarzen hermelinverbrämten Mantel. Sie waren alle sehr erhitzt, und
da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und
glänzenden Augen auf meine Ankunft zurückführen zu können, so vermutete
ich in ihnen die Wirkung einer allzu üppigen Tafel, die ich beschloß
durch Witz und Galanterie zu steigern und auszunützen. Aber schon bei
Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine süße
kleine Blondine, erzählte mir, daß die jungen Stiftsfräuleins schon seit
Wochen um eine Umänderung der Satzungen kämpften, die ihnen das --
Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache
nahm, desto mehr überschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir
gegenübersaß, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in
demselben Sinne aufgeklärt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen,
erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß die Prinzessin, trotz ihres Alters
und ihres Ranges als Äbtissin, auf der Seite der Jugend steht.
»Wir sehen es lieber«, sagte sie, »die Fräuleins würden das Recht haben,
innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als daß sie sich das Recht
nehmen, vor geschlossener Türe zu intriguieren. Das erzieht zu jener
Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhängnis Frankreichs ist.«
Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rémiremont eine
politische Debatte, wie in den Gärten des Palais-Royal in Paris, nur
daß sich hier Damen des ältesten Adels über Fragen echauffierten, die
dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle
hervorrufen. Ich wäre mir mehr als überflüssig vorgekommen, wenn es mich
nicht gereizt hätte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der
Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hände zu
spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern.
Ihnen, reizende Delphine, überlasse ich, es sich auszumalen. Kämpft doch
auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.
Wie haben Sie mich mißhandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die
Sie schlugen, zu heilen gewußt! In den hohen Räumen ihres schrecklichen
alten Schlosses, zwischen seinen steifen Stühlen und dunklen Schränken
erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre
Blicke abweisend, Ihre Hände eiskalt. Schloß sich die eisenbeschlagene
Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit draußen
im sonnendurchglühten Park, -- unerreichbar für das Auge der alten
Marquise, für die Stimme des Herrn Marquis! --, dann kehrte wohl das
Leben in Ihre Marmorglieder zurück, -- aber nicht ich durfte mich einen
Prometheus preisen, der es einhauchte --, dann lachte Ihr Auge wieder,
aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick
unvergeßlich, den ich mit dieser Delphine zusammen war, aber am
unvergeßlichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben
durfte!
Warum haben Sie meine Bitte nicht erfüllt, den Herrn von Motteville
einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die
Lektüre von Boufflers, von Prévost, von Marivaux wäre dann nicht nötig
gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!
All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was
das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen
wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verständlich zu machen. O, Aline,
Manon und Marianne, auf eure Gräber würde ich, wenn ich sie finden
könnte, Floras schönste Kinder streuen! Euch verdanke ich, daß Delphines
rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach,
daß sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewährte und meinen
heißen Lippen den schneeigen Arm nicht entriß!
Zürnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreißt. Die schönen
Pariserinnen werden Mühe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen,
aber ihre Süßigkeit und -- die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie
nicht verscheuchen können. Sollte der heiße Atem von Paris das Eis um
das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermögen?!
Darf ich erwarten, daß Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schönen Hand
beglücken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so
spinnwebfeine, nicht ganz zerreißt? Als ein Bittender küsse ich diese
Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer küssen zu dürfen.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Paris, am 21. Februar 1774._
Endlich, schönste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon
aufgehört, darauf zu hoffen; ich kämpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal
an mich erinnern dürfe, ich fürchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen
abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, daß
Sie mir »nur aus Langerweile« schreiben und ich weiß nicht, ob es mir
gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie
jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.
Die Krankheit des Königs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles.
Priester, wie der Abbé Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen
wechselnden Einfluß; allerlei dunkle Gestalten werden durch
Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestät ist abergläubisch
geworden und läßt sich weissagen. Nur auf Stunden, höchstens Tage,
vermag die schöne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu
entreissen. Alles um ihn zittert --, teils aus Angst, teils aus Hoffnung
--, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als hätten sie
schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemächern der
Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt.
Sonst hat sich die Fröhlichkeit in die kleinen Hotels der Duthé, der
Guimard, der Raucourt geflüchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame
der Gesellschaft, -- nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie,
was Vergnügen und was -- Liebe ist.
Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darüber, daß die Romanheldinnen,
die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie
eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, -- die Vollendung des
neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die
des Pavillons, den ich Ihnen riet für sich allein errichten zu lassen,
gewiß noch länger! -- so würden Sie rascher als viele andere die
Ursachen begreifen lernen. Diese Mädchen sind frei; keine Scheere der
Rücksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefühle, damit sie hübsch
artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht
sie zu seinem Privatbesitz, ähnlich seinem Hunde, den er darauf
dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stück Brot zu
nehmen.
In den Hotels der Raucourt, -- einer unvergleichlichen Schauspielerin,
die der Herzog von Argenson lanciert hat, und der im Augenblick halb
Paris zu Füßen liegt, -- und der Guimard, die infolge der gefährlichen
Rivalin alle ihre Künste spielen läßt, all ihren Liebreiz entfaltet,
traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfüllt
wie ich von Ihnen, schönste Marquise, bin, wurde ich nicht müde, von
Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen
Gleichgültigkeit, mit der er mir zuhörte, hätte mich fast auf eine
ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schließen lassen, wenn
er nicht mit einer mir in diesem Maße freilich auch unverständlichen
Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, -- daß die reizende
Marquise das alte deutsche grämliche Froberg demnächst in einen
blühenden französischen Mont de joie verwandeln würde --, als eine
Beleidigung Ihrer Person betrachtet hätte. Er warf sich dabei zu Ihrem
Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu
berechtigten Freundes so täuschend, daß ich nicht wußte, was ich davon
halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lächelte.
Nur ein paar Tage lang wünschte ich Ihnen übrigens den Verkehr mit der
himmlischen Tänzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie
langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen
Bewegungen ihres zarten Körpers. Nur daß er fessellos ist, der neuesten
Mode Englands entsprechend, -- fessellos wie ihre Hingabe, ihre
Zärtlichkeit.
»Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,«
sagte sie mir neulich, und einer kleinen Gräfin, die ihr klagend von der
Wankelmütigkeit ihres Liebhabers erzählte, rief sie höhnend zu: »Füttern
sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Händedrücke,
dann wird er ihr ärgster Feind, ein Revolutionär, wie das frierende und
hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzstöße, die die
großen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entzünden, und der
Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.«
Mein Brief wird Sie enttäuschen, denn ich fürchte, daß er Sie nicht
einmal für eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, daß er sie
vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schönste Frau, diese Folge
sogar zu wünschen, denn Sie sind so starrköpfig, -- oder so sanftmütig?!
-- daß Sie sich erst sehr unglücklich fühlen müssen, um sich vom Unglück
zu befreien.
Lucien Gaillard an Delphine.
_Paris, März 1774._
Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob
infolge der Schwere meines Buckels oder der Schärfe meiner Sporen will
ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt,
noch gegessen und getrunken. Ich bin mit der Tür ins Haus gefallen. Der
Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar
Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.
Euer Gnaden können ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de
France hat natürlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand
keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die
Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt und ihm einige Unzen Blut
abgezogen. Das dürfte nicht ungünstig sein, sondern die allzu große
Hitze des Prinzen kühlen.
Über die Ursachen des Duells weiß selbst der Kammerdiener, dessen
hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann,
nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewiß: Der Streit entstand im
Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schönen Dame, die der Prinz
gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, daß
auch der männliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.
Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen
derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu
nennen, natürlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner
eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem
sieben- oder neunzackig gekrönten Namen vertauschen und man wird nicht
die Hinterpforte, sondern die Flügeltüren weit vor mir aufreißen.
Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.
Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergänglichen Dankbarkeit und
Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht
mehr opfern zu können, als ein paar Pferdebeine.
Lucien Gaillard an Delphine.
_Am 22. März 1774._
Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine
Eröffnung ließ ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der
gesunden Menge von Blut überzeugen, das seine Adern noch füllt, denn es
ließ sein Gesicht wie ein Feuer glühen, als ich zuerst Ihren Namen
nannte.
»Schreiben Sie Ihrer Gebieterin«, sagte er, »daß ich jetzt nichts
sehnlicher wünschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer
rührenden Sorge um mich dem Leben zurückgewonnen zu werden.«
Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hörte nicht auf, mich
auszufragen, mir zuzuhören. Ich durfte mich glücklich schätzen, daß Euer
Gnaden Erscheinung sich mir so unauslöschlich eingeprägt hat, und ich
imstande war, jeden Blick, jedes Lächeln, jede Bewegung zu schildern, so
daß Seine Erlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers könnten nicht
lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich
während meines Besuchs melden ließ, hat er mit einem so verächtlichen
Stirnrunzeln abweisen lassen, daß sie nicht wiederkommen würde, wenn sie
es gesehen hätte.
Meine »kranke« Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn
Marquis sonach kein Märchen aufzubinden. Ihre »Sehnsucht« war übrigens
so groß wie die meine. Erst als sie sich überzeugte, daß ich nichts zu
fordern kam, erwachte ihre mütterliche Zärtlichkeit gegenüber ihrer
Mißgeburt. Es geht ihr übrigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres
Liebhabers, dem ich infolge eines unglücklichen Zufalls mein Leben
verdanke, -- daß ich ihm wirklich dafür Dank schuldig bin, weiß ich
erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf --, hat sie im Garten des
Palais-Royal ein Café-Restaurant gepachtet. Die größten Räsonneure von
Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehört, als ich
in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das
nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich
doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber
wessen ich mich schämte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen
Einsicht noch rühmen können. Als »Bastarde im Geist«, bezeichnete einer
der Gäste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des
Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all
jene Aufklärer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk
und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein
zersetzendes Element. Was die großen Denker, die Herren Voltaire,
Rousseau, Diderot und wie sie alle heißen, -- ich hörte die Namen zum
erstenmal --, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene
anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im
Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krämern und Handwerkern,
hört man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom König redet
man, als wenn er schon tot wäre. Man erörtert eifrig das Für und Wider
der Männer, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die
eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten
lächeln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Für einen,
der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist
das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frühling durch die Froberger
Gärten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefühl in den Gliedern, als
stünde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein,
daß das nur die Gradegewachsenen erwarten dürfte. Hier habe ich die
unbestimmte Empfindung, als bedürfe es nur eines graden Geistes, um das
Große, das wird, mit zu empfangen.
Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt,
und müssen mir daher gütigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.
Ich erwarte, der Verabredung gemäß, Euer Gnaden weitere Befehle.
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, am 30. März 1774._
Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Gräfin Laval sich in eine
Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden,
entschwunden, wie ein schöner Traum. Einmal, so dachte ich, würde ich
wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wäre dann eine Fremde für
mich, eine der vielen schönen Frauen, mit demselben Rouge auf den
Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lächeln
um die Lippen, das Freund und Feind gleichmäßig grüßt, demselben Geist,
dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der
Konversation.
Und nun ließ mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Café de
la Regence verkörpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von
dem ich noch nicht weiß, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und
dieser seltsame Kauz machte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die
Gräfin Laval ist sie nicht, -- darin ging mein Vorgefühl nicht fehl --,
aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist
ein Mensch, denn sie fühlt die Qualen des Lebens.
Zürnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich in Paris
ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfügung stellt. Vielleicht
findet er, wenn Sie nur gütigst eine Verbindung mit ihm herstellen
wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden
verwandelt, so doch betäubt.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 3. April 1774._
Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die
Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur
durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer
Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir
vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren
Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich
selbst zu verlieren --, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen,
und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen
meinen Sünden freisprechen würde, als wenn der Papst in eigener
heiliger Person es täte!
Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr
atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die
heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich
macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die
tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes -- unserem
schönen Etupes! -- überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen
ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines
ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie
fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein
Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus
wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es
herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie
Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen.
Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit
oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht
Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!
Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die
Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.
Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen
sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, -- so sehr mich auch diese
Sorge beglückt --, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht,
als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist,
der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die
schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor
sich sieht.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Montbéliard, 30. April 1774._
Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete
in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen
vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge
um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor
Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast
der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines
Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie,
-- und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu
würdigen.
Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch,
jedem Wasserspiegel entgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner
Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid
und Ihr Zorn sind mir unerträglich.
Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, -- ich wage es
nicht zu denken, daß Sie leiden --, so beauftragen Sie Gaillard mit
Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der
Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen
könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, am 8. Mai 1774._
Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Königs wird meinem Briefe
vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag früh in Versailles eintraf,
war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit
dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die
Partei Choiseul, die mit der zur höchsten Empörung des Königs aus dem
Exil zurückberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf.
Ein Uneingeweihter hätte aus der unverhohlenen Angst in den Zügen der
Einen, dem nicht mehr zu unterdrückenden Triumphgefühl in denen der
Anderen, auf den Stand der Dinge schließen können.
Gegen Abend wurde der König aus Trianon, wohin die alles vermögende
Favorite ihn entführt hatte, um ihn womöglich bis zuletzt in ihrer
Gewalt zu behalten, zurückgeführt. Der Eindruck dieser Heimkehr mußte
auch einen kühlen Beobachter erschüttern: es regnete in Strömen, als die
goldüberladenen Karossen des Königs sich langsam wie ein Leichenzug
durch den Schlamm der Straße, dem Schlosse entgegen bewegten. Die
Federbüsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Köpfen
hernieder. Man hob den König aus den Kissen; sein Kopf sank vorn über,
der Schweiß perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den
aufeinandergepreßten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor,
als er an seinem Hofstaat vorübergetragen wurde. Sobald er auf sein
Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ängstlich, ihm den Stand
seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu
reden pflegt, so fürchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr,
als sterben zu müssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und
geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, daß der Tod sich von ihr
nicht würde zurückhalten lassen.