genötigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt
wörtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit
Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schließe ich, daß Sie
vergessen haben, was ich Ihnen über die Stellung Gaillards in unserem
Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen
seinen illegitimen Sohn eine um so größere war, als dessen
unglücklicher, körperlicher Zustand ihn für alle bemitleidenswert
machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, daß ich ihm auf
Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewähren
möchte. Selbstverständlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend
welche Art von Familienzugehörigkeit für Gaillard zu verlangen; meine
Mutter und ich sind stets bemüht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen
des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde
Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als
der erste unter den Bedienten.
Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem
Interesse ausnutzen zu wollen, und ich muß Ihnen demgegenüber die größte
Kühle und Zurückhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschluß des
Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin
sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitung einer so
vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr ähnlichen Persönlichkeit
heranzubilden.
Damit Sie sehen, daß ich in meiner Sorge um Sie bemüht bin, Ihnen auch
eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste
beschäftigen wird, teile ich Ihnen mit, daß ich beschlossen habe, an der
Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wünschten,
ein größeres Gebäude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten
nicht Unrecht: Das alte Schloß mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch
Einbildung ist, daß Sie sich darin zu fürchten behaupten, so wäre ein
Palais im Stil von Trianon ein weitaus günstigerer Rahmen für Sie.
Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und
berühmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das
der Tänzerin Fräulein Guimard, die ich übrigens nicht aufgesucht haben
würde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abbé Morelli ihre
Intervention bei Monseigneur de Jarente, über den sie alles vermag,
hätte beanspruchen müssen. Sie war ungemein liebenswürdig und zeigte mir
ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis
auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten
Künstler haben daran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein
Zeichen der Höhe unserer Kultur, daß sie ihre Begabungen auf diese Weise
in den Dienst des täglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard
habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rücksprache genommen;
sie dürften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und
Stelle die Pläne zu entwerfen.
Leider verzögert sich meine Rückkehr noch etwas. Den Ausgang des
Prozesses Morangiès, der hier alles beschäftigt und die öffentliche
Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber
leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von
Bourgeois und Parvenüs auf der anderen Seite, möchte ich noch abwarten.
Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze
Angelegenheit mir für unsere Verhältnisse typisch erscheint: Eine
Gesellschaft von Krämern, die einen Kavalier von ältestem Adel ehrloser
Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten
Philosophen, der diesen Jägern als Meute dient, der Pöbel von Paris, der
schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster über das Wild zu stürzen,
wenn es erlegt ist.
Angesichts solcher Zustände ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht
nur Aristokraten mit bürgerlichen Emporkömmlingen fraternisieren,
sondern wie leider der Hof mit dem bösen Beispiel vorangeht.
Traditionen werden über Bord geworfen, sobald es gilt für irgendeinen
Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewährte Etiquette
des großen Königs wird durchbrochen, wenn irgendeine Ausländerin, die
sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffähig zu
sein beansprucht. Und dabei muß ich befürchten, daß der junge Hof, auf
den ich so große Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ändern
wird. Die Dauphine wählt ihren Umgang nur nach den Beweggründen ihres
Amüsements und ihr Gemahl huldigt allerhand bürgerlichen Passionen, die
zwar schließen lassen, daß der künftige König einige Millionen weniger
verbrauchen, zugleich aber auch, daß der repräsentative Glanz des
Königtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben
soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hülle das Allerheiligste, ist
notwendig, um das Volk, gewissermaßen im Schiff der Kirche, ehrfürchtig
vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr
der Pöbel bemerkt, daß die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr
wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.
Verzeihen Sie, meine Teure, daß ich Sie schließlich mit Gedanken
langweile, die weniger für Ihr kindliches Gemüt, als für das reife
Verständnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des
weiteren darüber belehren.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Am 20. Juli 1773._
Vergebens suche ich, schönste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse
nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich
hätte deuten können. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgültig? Oder
sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen über die Schulter,
als Sie ein Schreiben verfaßten, dessen würdevoller Trockenheit sich die
reizende Klosterschülerin von l'Abbaye aux Bois geschämt hätte? Ich
würde der selbstsüchtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Füßen zu legen,
widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines
Herzens von dem Einfluß der bösen Geister Ihres alten Bergschlosses zu
befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrückliches Verbot
wird mich davon zurückhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen,
die sie unmöglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien
Sie gewiß: mit dem ersten Lächeln, das ich um Ihre roten Lippen
hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten
Bewunderer, zurückgekehrt sein. Und Sie müssen und Sie werden lächeln,
wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.
Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie
verflüchtigter Champagner und wer sie ständig atmet, ist immer trunken.
Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfüllt sind, daß die Pulse
schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Darf ich
Ihnen heute zu einer Promenade à deux den Arm reichen, die einen der
entzückendsten dieser Salons zum Ziele hat?
Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen
Wasserspiegel, in dem die üppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein
Schlößchen, nein: ein Traum in Gold und Weiß, steigt dahinter empor.
Schlanke Säulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde
Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries über den Türen. Sie
stehen weit offen. Licht und Lachen, süßer Duft und rauschende Musik
dringen heraus. Die Wände des Saals, den wir betreten, sind aus weißem
Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in
den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroße
Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strömt von
ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lüster. Auf
die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen,
ja Venus selbst werden von der Schönheit der sterblichen Frauen unter
ihm überstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben --,
Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein --, Grétrys süßeste
Lieder, rings um ihn lehnen tiefdekolletierte, fächerschlagende Damen
an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und
Blumen, mit schwerem Silber und rosenübersätem Porzellan geschmückte
Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Gräfinnen und Marquis,
Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre
seidenen Kleider und goldenen Parüren wetteifern an Glanz miteinander,
und schwellende Busen beschämen das schimmernde Weiß der Perlen, die
zärtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Fülle von
Schönheit und Reichtum müßte sich das Auge ermüdet schließen, wenn sie
nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflössen. In
der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gütige Woge aus
unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.
Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie für
ihre Wiedergeburt in Frankreich gewählt hat? Es ist die Gräfin Dubarry!
Sie erschrecken! Dürfen Sie das als loyale Französin?! Wissen Sie nicht,
daß Ihr König sie zu sich erhob, daß der Kanzler, daß der
Finanzminister, daß die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat
gehören? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul,
den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und
den gefährdeten Einfluß der Kirche wieder gefestigt hat?!
Sie lächeln -- endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy
Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Würde einer elsässischen
Schloßfrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Sünden der Gräfin
ebensowenig, wie der König nach der Herkunft seiner Göttin gefragt hat.
Daß sie uns amüsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es
scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der
Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden
Wurzelnden, nicht verdorren.
Also sträuben Sie sich nicht länger, reizende Frau Marquise! Dort in dem
runden Salon, dessen Spiegelwände Fragonards Liebesszenen, die sein
Pinsel auf die gewölbte Decke malte, hundertfach zurückwerfen, schwingt
sich die Volkstänzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttänzen, und
nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfüßchen mit ihr um die Wette die
Fricasée. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und
ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen
und Schmiegen voll heißer Lust.
Sie erröten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische
Galerie mit ihren Vasen und Vögeln und Drachen, bis in den Theatersaal.
Vor seiner Bühne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen
verschämt hinter dem Fächer. Man spielt nämlich nicht mehr Racine und
Molière und holt sich nicht mehr die Schauspieler der königlichen
Theater. Collés »Vérité dans le vin« läßt uns plötzlich erinnern, daß
wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen können, und
Larrinée, der Straßensänger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns
selbst zu verhöhnen, während Audinot, der Gott der Crapule, uns mit
seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt,
-- ein Gefühl das wir bisher nicht kannten.
Sie atmen rascher --, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die
nach mehr -- noch mehr verlangen! Aber wir müssen gehen. Für die schwere
Bronzetür dort hat, -- wenigstens im Augenblick --, nur der König den
Schlüssel!
Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes
versinkt im Dunkel der Nacht.
Wie denken Sie jetzt über die »wohltuende Einsamkeit von Froberg«, über
»die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter«?! Schwarze
Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!
Ich möchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird
es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den Sie meiner Schwester
geäußert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute
nichts als Lumpensammler; sie wühlen im Schmutz des Leids und des
Elends; und finden sie wirklich einmal einen Fetzen der Vergangenheit,
so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen
sie in den engen Rahmen einer Erzählung zu spannen. Sie bilden sich ein,
tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwächlich, nervös.
Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen
die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den
Engländern ähnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als
jene.
Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was
französisch und daher heiter ist, aber da schöne Frauen Bücher nur
lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewiß des
Auftrags entheben.
Verzeihen Sie die Länge dieses Briefes. Es ist so süß, wenigstens in
Gedanken in Ihrer Nähe zu sein, daß man versucht wird, die Trennung so
weit als möglich hinauszuschieben.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Am 26. Juli 1773._
Ihr rosenrotes Briefchen, schönste Frau Marquise, hat mich in einen
Rausch des Entzückens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde
ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der
ländlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch
als möglich erfolgen kann. Seitdem ich weiß, das Sie uns »mit Freuden«
erwarten, -- (warum, ach warum sprechen Sie immer nur »von uns«, statt
ein einziges Mal von mir allein?!) --, habe ich keine Ruhe mehr. Meine
Koffer sind gepackt; die schönsten Liebesgeschichten, die ich finden
konnte, -- denn wer vermöchte in Ihrer Nähe etwas anderes zu lesen? --
die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl
verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus.
Aber selbst wenn sie fliegen könnten, würde meine Sehnsucht ihnen immer
weit voraus sein.
Noch eine Bitte, die ich für eine andere wage, weil sie zu schüchtern
ist, sie auszusprechen, -- für Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de
Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch
seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, daß sie behauptet,
sterben zu müssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen
läßt. Würden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den
Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr
dadurch die Möglichkeit einer Begegnung zu gewähren, nach der ihr Herz
stürmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, daß Herr von
Motteville lästig fiele; er würde selbst die Göttin der Liebe nicht
beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stünde.
Seien Sie gewärtig, schönste Marquise, Ihre Gäste diesen Zeilen auf dem
Fuße folgen zu sehen.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, den 5. August 1773._
Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so
mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen
zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit
beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will
Sie nur leiten -- so unmerklich wie möglich -- und auch meine Mutter hat
gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt,
ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so
wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß
meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht
etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner
Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich
daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und
den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter
schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich
ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit
auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.
Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen
Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.
Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier
empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die
neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das
Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man
trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben
würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese
Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie
entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner
Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese
Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei
Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm
Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh,
den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er
bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin
Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!«
sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen
bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen
lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen.
Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt,
von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Beloux an Geschmak und
Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.
Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf
ein gnädiges Lächeln hoffen?!
Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen
holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.
Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs.
Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß
ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine
Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt
konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre
wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn
ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den
Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein
äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie
dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst
gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf
Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit
der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von
Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner
Familie bemühen sich Offiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen;
sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine
Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits
soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns
gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung
heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige
ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich
sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.
Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm
abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James
angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr
zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir
Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage
nur bestätigten.
Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach
Compiègne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhält.
Nebenbei bemerkt: Diese unaufhörlichen Reisen des Königs, die mit seinem
Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach
Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs
der königlichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die
Gastfreundschaft, die den persönlichen Gästen Seiner Majestät gewährt
wird, ist unbegrenzt; die großen Finanziers, die, bei den häufigen
Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft
die gefeiertesten unter ihnen.
Im Augenblick meiner Ankunft in Compiègne erfuhr ich erst, daß die unter
dem Einfluß der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der
jungen Vikomtesse Dubarry durch die Gräfin Dubarry heute erwartet würde.
Ich hätte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich früher davon gewußt
hätte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurière zu assistieren widerstand
mir aufs äußerste. Jetzt mußte ich bleiben und tat es nicht ohne starke
Selbstüberwindung. Der Schloßhof und die Gallerien waren überfüllt, und
ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß heute niemand
eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die
Kurtisanen. Ein Beweis dafür ist die Eile, mit der die Damen des Hofs
jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.
Nun kann ich nicht leugnen: die Gräfin überraschte mich, und zwar
weniger durch ihre Schönheit, als durch die Tadellosigkeit ihres
Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der
abweisenden Kühle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet
auch dem König gegenüber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die
zwischen ihnen bestehen. Manche Damen von Rang, die heute etwas darin
suchen, sich über gute Formen hinwegzusetzen, könnten sich an ihr ein
Beispiel nehmen.
Abends war große Soirée im Schloß. Ich hatte die Freude, den Marschall
Morangiès zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein
Gegenstand allgemeiner Beglückwünschung war. Seine Geschichte stand im
Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig über die
ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei
gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten
Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die
Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen
und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der
Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Daß
Herr von Voltaire ihn im Fall Morangiès unterstützte, hat jeden, der
seine Vergangenheit kennt, überrascht. Es wirkt eigentümlich, diesen
berühmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift
plötzlich als Wortführer des französischen Adels auftreten zu sehen, und
zu erfahren, wie er mit der nirgends zu überhörenden Stimme eines
Herolds für den Schutz unserer gefährdeten Ehre zu den Waffen rief. Er
hat es tatsächlich erreicht, daß alle ehrgeizigen Krämer glaubten, es
genüge, sich öffentlich zur Partei Morangiès zu erklären, um für einen
Edelmann gehalten zu werden. Was mich betrifft, so hat die
Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen muß,
meine Mißachtung für diese Art Leute nur verstärkt. Ich bin überzeugt:
hätte man sämtliche Philosophen und »Volksfreunde« Frankreichs in die
Intimität der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bücher zu verbrennen,
wir brauchten sie heute nicht mehr zu fürchten.
Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen
Vielschreiber schon beeinflußt wird, ging mir aus einer turbulenten
Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeßentscheidung in der
Comédie française erlebte. Man gab »La Réconciliation normande« und bei
der Stelle: »Dans une cause obscure des juges bien payés verraient plus
clair que nous« hallte der Saal von einem so ohrenbetäubenden Lärm
wieder, daß man glaubte, das Spiel abbrechen zu müssen. Man tobte,
trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrücke
gegen Morangiès, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich
verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.