_Berlin_, d. 15. März 1803.
_Liebster Freund!_
Am Sonnabend Mittag ist Dein Brief angekommen, und ich habe noch gleich
an demselben Tage den Octavian, Deinem Auftrage gemäß, an Frommann mit
einem Briefe abgeschickt. Es freut mich außerordentlich, daß er nun
noch auf Ostern erscheint; ich bin begierig zu wissen, ob allein, oder
als dritter Band der _Romantischen Dichtungen_. Melde doch, was Du
jetzt vorhast, und ob die zweite Hälfte des Octavian bald nachfolgen
wird.
Deine Schwester hatte sich schon vorigen Posttag und wiederum heute
vorgenommen, Dir zu schreiben, allein nicht Kräfte genug gehabt; es
würde sie zu sehr ergreifen. Sie ist leider die ganze Zeit unpäßlich
gewesen, jedoch hoffe ich, daß Du Dich deswegen nicht zu beunruhigen
brauchst. Ihre Uebel rühren wohl hauptsächlich aus allzu großer Schwäche
und Reizbarkeit her. Wir waren heute Vormittag spatzieren, und
wollen auch jetzt eben in’s Schauspiel. Es ist heute das Benefiz der
Unzelmann, eine neue französische Operette.
Ich bin beschämt, daß ich Dir in Erwiederung des Octavian immer noch
nicht den Ion habe senden können. Meinen Brouillon mag ich nicht gern
hergeben, und die erste Abschrift, die ich selbst hier habe nehmen
lassen, hat mein Abschreiber noch in Händen, um die zweite danach zu
verfertigen. Ich hoffe allernächstens eine große Sendung nach Dresden
zu veranstalten, wo der letzte Band vom Shakspeare für Dich, die fertig
gedruckten Mährchen Deiner Schwester, worin verschiedenes, was Du noch
nicht kennst, der D. O. 4 Th., die Abschrift vom Ion, und die Exemplare
vom Alarcos zugleich ankommen sollen. Sage doch Friedrichen, er möchte
mir wegen der Zahl derselben, die er selbst oder ich in seinem Namen
von Unger begehren möchte, und wegen der Vertheilung und Versendung
Aufträge ertheilen. Da ich mir vorläufig einige von Unger ausgebeten,
hat er mir 6 auf Velin geschickt, wobei der Medusenkopf sich
beträchtlich besser ausnimmt, und mir dazu sagen lassen, die übrigen
wären beim Buchbinder und würden brochirt. Da sie ungeheftet sind, habe
ich sie sogleich zum Buchbinder geschickt.
Die Aushängebogen, sage an Friedrich, hätte ich Humboldten und
Brinkmann auf ihr dringendes Bitten geliehen. Den letzten sprach ich
noch nicht darüber; Humboldt ist eigends zu mir gekommen und hat sich
mit vielem Respect geäußert. Dein Bruder ist sehr fleißig, und hat, da
er nicht mehr lange wird hier bleiben können, viel zu arbeiten. Die
Büste der Tochter des Ministers Haugwitz, Gräfin Kalkreuth, ist eben
fertig geworden, die der Frau von Berg wird auch bald so weit sein,
und jetzt modellirt er die Gräfin Voß. Er hat fast gewisse Aussichten,
das Portrait der Königin ebenfalls zu machen, wenn es nicht etwa durch
Schadow, dessen Schwester Kammerfrau bei ihr ist, hintertrieben wird.
Man muß also nicht davon reden. Indessen hat die Königin es selbst
verschiedentlich gesagt, und hinzugefügt: sie wünsche den Bildhauer
Tieck besonders auch deswegen kennen zu lernen, um mit ihm von seinem
Bruder zu sprechen, den sie als Dichter so sehr habe rühmen hören.
-- Es scheint, daß wir jetzt unter den Prinzen bei Hofe und sonst
verschiedne Freunde haben; es wäre drollig, wenn einmal die verrufene
Parthei die protegirte würde.
Noch habe ich jetzt keine neue Arbeit angefangen, ich kann nicht wohl
eher, bis das Collegium zu Ende ist, welches mich wöchentlich zweimal
stört; dann wird es aber mit großem Eifer geschehen.
Deine Schwester will Dir mit nächster Post das nähere über ihre Reise
nach Dresden schreiben. Gehab Dich unterdessen wohl, grüße Deine liebe
Frau und Friedrich.
_A. W. S._