XXII.

_Berlin_, d. 15. März 1803.

_Liebster Freund!_

Am Sonnabend Mittag ist Dein Brief angekommen, und ich habe noch gleich

an demselben Tage den Octavian, Deinem Auftrage gemäß, an Frommann mit

einem Briefe abgeschickt. Es freut mich außerordentlich, daß er nun

noch auf Ostern erscheint; ich bin begierig zu wissen, ob allein, oder

als dritter Band der _Romantischen Dichtungen_. Melde doch, was Du

jetzt vorhast, und ob die zweite Hälfte des Octavian bald nachfolgen

wird.

Deine Schwester hatte sich schon vorigen Posttag und wiederum heute

vorgenommen, Dir zu schreiben, allein nicht Kräfte genug gehabt; es

würde sie zu sehr ergreifen. Sie ist leider die ganze Zeit unpäßlich

gewesen, jedoch hoffe ich, daß Du Dich deswegen nicht zu beunruhigen

brauchst. Ihre Uebel rühren wohl hauptsächlich aus allzu großer Schwäche

und Reizbarkeit her. Wir waren heute Vormittag spatzieren, und

wollen auch jetzt eben in’s Schauspiel. Es ist heute das Benefiz der

Unzelmann, eine neue französische Operette.

Ich bin beschämt, daß ich Dir in Erwiederung des Octavian immer noch

nicht den Ion habe senden können. Meinen Brouillon mag ich nicht gern

hergeben, und die erste Abschrift, die ich selbst hier habe nehmen

lassen, hat mein Abschreiber noch in Händen, um die zweite danach zu

verfertigen. Ich hoffe allernächstens eine große Sendung nach Dresden

zu veranstalten, wo der letzte Band vom Shakspeare für Dich, die fertig

gedruckten Mährchen Deiner Schwester, worin verschiedenes, was Du noch

nicht kennst, der D. O. 4 Th., die Abschrift vom Ion, und die Exemplare

vom Alarcos zugleich ankommen sollen. Sage doch Friedrichen, er möchte

mir wegen der Zahl derselben, die er selbst oder ich in seinem Namen

von Unger begehren möchte, und wegen der Vertheilung und Versendung

Aufträge ertheilen. Da ich mir vorläufig einige von Unger ausgebeten,

hat er mir 6 auf Velin geschickt, wobei der Medusenkopf sich

beträchtlich besser ausnimmt, und mir dazu sagen lassen, die übrigen

wären beim Buchbinder und würden brochirt. Da sie ungeheftet sind, habe

ich sie sogleich zum Buchbinder geschickt.

Die Aushängebogen, sage an Friedrich, hätte ich Humboldten und

Brinkmann auf ihr dringendes Bitten geliehen. Den letzten sprach ich

noch nicht darüber; Humboldt ist eigends zu mir gekommen und hat sich

mit vielem Respect geäußert. Dein Bruder ist sehr fleißig, und hat, da

er nicht mehr lange wird hier bleiben können, viel zu arbeiten. Die

Büste der Tochter des Ministers Haugwitz, Gräfin Kalkreuth, ist eben

fertig geworden, die der Frau von Berg wird auch bald so weit sein,

und jetzt modellirt er die Gräfin Voß. Er hat fast gewisse Aussichten,

das Portrait der Königin ebenfalls zu machen, wenn es nicht etwa durch

Schadow, dessen Schwester Kammerfrau bei ihr ist, hintertrieben wird.

Man muß also nicht davon reden. Indessen hat die Königin es selbst

verschiedentlich gesagt, und hinzugefügt: sie wünsche den Bildhauer

Tieck besonders auch deswegen kennen zu lernen, um mit ihm von seinem

Bruder zu sprechen, den sie als Dichter so sehr habe rühmen hören.

-- Es scheint, daß wir jetzt unter den Prinzen bei Hofe und sonst

verschiedne Freunde haben; es wäre drollig, wenn einmal die verrufene

Parthei die protegirte würde.

Noch habe ich jetzt keine neue Arbeit angefangen, ich kann nicht wohl

eher, bis das Collegium zu Ende ist, welches mich wöchentlich zweimal

stört; dann wird es aber mit großem Eifer geschehen.

Deine Schwester will Dir mit nächster Post das nähere über ihre Reise

nach Dresden schreiben. Gehab Dich unterdessen wohl, grüße Deine liebe

Frau und Friedrich.

_A. W. S._

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 224 / 309 题