_Berlin_, d. 10. Jul. 1801.
Es ist in der That sehr befremdlich, daß Du mir alle die Umstände,
die mich hätten bestimmen können, Dir den Ofterdingen ohne Aufschub
zu schicken, jetzt erst hinterdrein als so viel Vorwürfe mit heftigen
Wendungen an den Kopf wirfst, statt sie mir gleich anfangs ruhig und
auf die gehörige Weise zu melden. Mit drei Zeilen hättest Du mir
eine weitläuftige Auseinandersetzung und Dir den Aerger (weil Du doch
schreibst, daß Du Dich geärgert hast) erspart. Noch in Deinen letzten
Briefen gestehst Du ein, daß Du Dich nicht zu Geschäften passest: wie
kann ich errathen, daß Du Dich plötzlich dem Geschäft dieser Herausgabe
unterzogen hast?
Du schreibst wiederholt: „Du kannst ja nicht wissen“ &c. &c. Freilich
konnte ich nicht wissen, und deswegen brauchte ich mich auch ganz und
gar nicht darnach zu richten. Das Manuscript war zufällig in Deine
Hände gekommen, Unger hatte es Dir gegeben, um es Deinen Freunden
vorzulesen; wäre ich gerade in Berlin gewesen, so hätte er es eben so
gut mir abliefern können. Wir sind Beide Hardenbergs Freunde, er hat
mit uns beiden mündliche Mittheilungen über seinen Roman gehabt. Mich
hat er unter andern über den Krieg zu Wartburg zu Rathe gezogen, und
hat durch mich die Behandlung desselben in den Minnesängern kennen
gelernt. Ich habe in seinem Namen den Vertrag mit dem Verleger zu
seiner Zufriedenheit zu Stande gebracht. Die allgemeinen Ansprüche
auf die Herausgabe wären also wenigstens gleich; dem Bruder des
Verstorbenen steht allerdings das Recht zu, eine nähere Vollmacht zu
ertheilen, allein, wenn ich ihr Folge leisten sollte, so mußte ich
davon wissen. Weit entfernt, daß Du Ursache hättest, böse zu sein, daß
ich Deinem königlichen ~car tel est notre plaisir~ nicht gehorcht,
hast Du gegen mich erst durch das Verschweigen Deines Vorhabens mit
einer Sache, die mich eben so nahe interessirt wie Dich, dann durch
Dein imperativisches Benehmen, alles aus den Augen gesetzt, ich will
nicht sagen, was Freunde einander schuldig sind, sondern was die
gewöhnliche Anständigkeit mit sich bringt, was man so ~procedés~
nennt.
Ich muß hinzufügen, daß ich mich auch jetzt der Strenge nach nicht
verpflichtet halte, Dir das Manuscript zu schicken. Ich dürfte nur an
Karl Hardenberg schreiben, ich wolle es ihm und nur ihm überantworten.
Glaube auch nicht etwa, daß Dein heftiges Trotzen mich in Schrecken
setzte: es kommt mir bloß lächerlich vor. Du versicherst, ich habe
versprochen, Dir das Manuscript auf die erste Forderung wieder
abzuliefern, und ich muß es Dir wohl auf Dein Wort glauben; ich
kann Dir aber eben so redlich versichern, daß ich mich dessen nicht
erinnerte und noch jetzt nicht erinnere. Aber es empört mich innerlich,
daß über den heiligen Nachlaß eines von mir innigst geliebten und
betrauerten Freundes ein gemeines Gezänk entstehen soll, wie Du es zu
erheben anfängst: darum will ich der Sache so kurz wie möglich ein
Ende machen.
Da Ihr mir von allem in Leipzig verhandelten keine Nachricht gegeben
habt, so überlasse ich es nun Dir auch, bei Unger anzufragen: ob er
auf den Verlag des Buches, der ihm vermöge des Vertrages zukommt,
noch Ansprüche macht? was ich sonst leicht durch ein Billet hätte
thun können. Du wirst einsehen, daß die rechtliche Form den jetzigen
Herausgeber hierzu verpflichtet, wenn er auch fast gewiß voraus weiß,
daß Unger den Verlag nicht mehr will.
Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst: „Daß es gerade wie der
W. Meister gedruckt werden soll, scheint mir jetzt ganz unwesentlich,
_da das Buch jetzt eine andre Absicht hat_!“ Welche andre Absicht
hat denn das Buch jetzt, als die der Verfasser selbst damit hatte?
Gehört das auch zu den mir unbekannten Leipziger Verhandlungen? Ich,
der ich den Vertrag für Hardenberg geschlossen, kann Dir sagen, daß
er auf diese Bedingung sehr viel Nachdruck legte, daß es seine erste
Bedingung war, daß er deswegen Unger am liebsten zum Verleger wollte.
Es schien ihm nicht eine bloße Aeußerlichkeit zu sein, sondern auf
den Eindruck des Werks Einfluß zu haben, indem er grade diese Art
von geräumiger Sauberkeit in Format und Druck mit dem Geiste seiner
Darstellung übereinstimmend fand. Auch wollte er, daß das Buch sich auf
diese Art an den W. Meister, den Sternbald, den Klosterbruder und die
Fantasieen anschließen sollte. -- Ein allgemeines Gefühl hat es von je
her den Menschen zum Gesetz gemacht, den Willen und die Anordnungen
der Verstorbenen über das, was ihnen zusteht, auch in Kleinigkeiten
pünktlich zu befolgen. Wenn du dieses für Aberglauben hältst, so
wünsche ich Dir zu dieser aufgeklärten Gesinnung Glück. Allerdings hat
die entgegengesetzte Maxime auch einen guten Grund für sich, nämlich
den, daß die Todten nicht wieder kommen.
Hardenbergs Vorschrift über diesen Grund habe ich Dir nun dargelegt,
und gebe sie nebst allem Uebrigen Deiner Verantwortlichkeit anheim. Wenn
man auf keinen sonstigen Forderungen von Honorar besteht, (und warum
sollte man das?) so wird diese Bedingung nicht so schwer zu erlangen
sein: die Ungerschen Lettern sind ja schon in einer Menge Offizinen
vorhanden, der Verleger kann es auch bei Unger drucken lassen.
Mit der Aeußerung: „wenn ich nun glaubte, daß es Dir bei der Herausgabe
dieses Buchs um Ehre oder Vortheil zu thun sei, so würdest Du Dich
nur von neuem ärgern,“ trittst Du Dir selbst sehr zu nahe, und
mich wundert, daß Dir dabei das bekannte Sprichwort vom voreiligen
Entschuldigen nicht eingefallen ist. Wenn mir überhaupt ein solcher
Gedanke so nahe läge, so müßte ihn freilich das Verschweigen Deines
Vorhabens, die jetzige gewaltsame Art, das Manuscript zu fordern und
besonders diese Aeußerung veranlassen.
Es ist aber auch wohl meine Art, _Dir_ Vortheil oder Ehre zu
mißgönnen? Wofern die Herausgabe nur sonst gehörig und Hardenbergs
Anordnungen gemäß besorgt wird, so soll es mir lieb sein, wenn sie Dir
noch so viel Vortheil einträgt; wenn Du aber eigenmächtig und auf die
entgegengesetzte Art damit verfährst, so wird sie Dir wenigstens bei
den Freunden des Verstorbenen keine Ehre eintragen.
Warum sollte es denn so gar ungeziemlich sein, im Fall sich kein
Verleger fände, die Kosten des Druckes vorzuschießen? Gesetzt auch,
ein unvollendeter Roman, in diesem für so Wenige noch faßlichen Geiste
geschrieben, hätte jetzt kein so zahlreiches Publicum zu erwarten, daß
ein Verleger seine Rechnung dabei fände, sind wir darum berechtigt
anzunehmen, daß es außer unserm Zirkel gar keine Menschen gebe, für
die Hardenberg sich freuen könnte, geschrieben zu haben? Sind wir
berechtigt, dies Bruchstück eines göttlichen Werkes der Folgezeit
vorzuenthalten, und dadurch den Verstorbenen um den ihm gebührenden
Zoll der Liebe und Verehrung von verwandten Geistern zu bringen? Nach
Deiner transcendent-idealistischen Ansicht soll für die Freunde nicht
einmal etwas daran gelegen sein, wenn das Manuscript verloren ginge,
„weil H.’s Umgang in ihnen Wurzel geschlagen haben muß.“ Siehst Du
nicht, daß Du mir hierdurch Waffen gegen Dich selbst in die Hände
giebst? Ich hätte ganz treffend in Deinem Sinne antworten können: Du
brauchst den Ofterdingen als Studium zum J. Böhme? Studire Deinen
Eindruck davon. Du willst ihn herausgeben? Gieb die Vorstellung von
diesem Eindruck heraus, und ergötze damit Deine Leser. Vielleicht wird
die Poesie überhaupt so sublimirt, daß man nicht mehr Gedichte, sondern
bloße Einbildungen von Gedichten liefern wird! Uns Realisten aber, die
wir uns nicht so behelfen können, laß einstweilen das Manuscript.
Ich komme auf den Almanach. Nachdem Du zwei Monate lang auf die
heilloseste Art von der Welt sogar das kleine Geschäft versäumt
hast, mir über den Druck Nachweisung zu geben, scheinst Du darüber
empfindlich, daß ich mich der Sache mit Eifer annehme. Wir haben die
gemeinschaftliche Herausgabe in der Hoffnung unternommen, daß wir uns
auch bei abweichenden Meinungen als Freunde und vernünftige Menschen
würden verständigen können, denn freilich ist auf _den_ Fall
nichts ausgemacht, daß der eine absolut Nein, der andre absolut Ja
sagt. Eine seltsame Verstimmung oder wenigstens Veränderung gegen
mich, die seit Deiner Abreise in Dir vorgegangen ist, scheint diese
Hoffnung beinah zu vereiteln, und Du hast mir schon so vielen Verdruß
gemacht, daß ich zehntausendmal wünsche, ich hätte es nicht auf diese
Art unternommen. Du krittelst über alles ohne irgend etwas zu fördern,
und aus Empfindlichkeit darüber, daß ich, wie Du behauptest, Dir keine
Stimme lasse, (da ich Dir doch alles und jedes vorlege) ob Du gleich
auch einen Herausgeber _vorstellen sollest_ (der Himmel weiß, daß
es nicht meine Schuld ist, wenn Du es nicht wirklich bist), setzest Du
mit Fleiß Abweichungen voraus, wo gar keine sind. --
Ueber die Epigramme von Röschlaub habe ich eben so gedacht wie Du:
ich schickte sie Dir bloß der Vollständigkeit wegen, und weil Du
sie fordertest. Das Gedicht von Mnioch findest Du viel geringer,
als den Vermählungshymnus, ich viel vortrefflicher; das ist ja aber
für unsern Zweck gleichgültig. Wir sind doch beide der Meinung, daß
es eingerückt werden soll. Dein Urtheil über das Gedicht Deiner
Schwester muß ich ebenfalls als eine Billigung des Einrückens
ansehen. Ueber die _kleinen Gedichte_ von Friedrich habe ich Dir
bloß einige unmaßgebliche Vorstellungen gemacht; sie mögen immerhin
ganz wegbleiben, ich habe nichts dagegen. Die beiden Lieder aus dem
Ofterdingen habe ich so gewählt, weil ich fand, daß diese am besten
außer dem Zusammenhange für sich bestehen und ganz gefühlt werden
können. Ich befürchte, daß das arme Weinlied meine Wahl entgelten
muß, denn mir scheint es zu dem zartesten, gefälligsten, kühnsten
und fröhlichsten zu gehören, was Hardenberg je gedichtet hat, und
ich glaube, daß ich nicht allein dieser Meinung bin. Besonders ist
das von der Gährung des Weines, was den größten Theil des Gedichtes
einnimmt, recht charakteristisch, und grade von der Art, wie es nur
allein Hardenberg machen konnte. Indessen, wenn Du einmal dagegen
bist, so suche nur ein andres aus, und schicke es mir baldigst. Oder
ich lasse es mir auch gefallen, daß die Lieder aus dem Ofterdingen
ganz wegbleiben; melde mir nur Deine Entscheidung baldigst. Ich will
sie so lange zurückbehalten. Nur erwäge noch dies: daß es uns gar sehr
an fröhlichen, geselligen Liedern fehlt, die uns weit mehr Leser
gewinnen, als die mystischen, und daß es eine gute Gelegenheit wäre, in
der Inhaltsanzeige auf die Erscheinung des Ofterdingen aufmerksam zu
machen.
Friedrich hat geschickt: 1) _Die Abendröthe_, 2) _Romanze vom
Licht_, 3) _Hymnen_. Wenn ich mich nicht sehr irre, so kennst
Du schon alles, außer die 3te unter den Hymnen, das Sonett auf die
Isis. Ich habe indessen Nr. 2 und 3 abschreiben lassen, und schicke es
Dir mit. Die Abendröthe ist lang, ich glaubte nicht, daß es wegen der
Veränderungen, die Fr. etwa darin vorgenommen, nöthig wäre, Dir eine
Abschrift vorzulegen.
Ferner wird uns beiliegendes Gedicht in Stanzen angeboten. Wenn es Dir
gefällt, so könnte es neben dem Schwank vom neuen Jahrhundert am Ende
zu stehen kommen. -- --
Wenn Du gründliche und wichtige Studien machst, mein Freund, so ist
es mir sehr erfreulich, nur ist Deine Art, sie mir in dem Postscript
vorzurechnen, eben nicht geeignet, mich davon zu überzeugen. Ich hatte
Dich dazu angemahnt, weil ich nach der Beobachtung Deiner hiesigen
Lebensart, nach Deinem eignen Bericht von verlornen Wochen in Dr....
glauben mußte, daß Du Dich darin vernachlässigtest! Wenn ich mich
irrte, so hattest Du am wenigsten Ursache, es übel zu nehmen, Du
durftest es mir nur schreiben, so war die Beschämung auf meiner Seite.
Soll man sich immerfort Complimente machen, sollen sich Freunde über
ihr Thun und Treiben nicht gegenseitig ihre Meinung offen sagen dürfen,
so ist die Freundschaft überhaupt nur ein unbedeutender Name. Ich bin
weit entfernt, mir über meine Freunde eine Vormundschaft oder Aufsicht
anmaßen zu wollen; allein eben so wenig will ich mich von ihnen
tyrannisiren und mir unwürdig begegnen lassen.
Ich bin ein freier Mensch, der am Ende keiner Freunde bedarf; ich bin
es mehr, als mancher Andre, weil ich meine eigne Thätigkeit mehr
beherrsche. Dir habe ich meine Freundschaft zuerst entgegen gebracht,
ich bin mir bewußt, mit dem uneigennützigsten Wohlwollen, mit reinem
Wohlgefallen an Deinem Geist und Deinen Talenten, auch da, wo ich Deine
Ueberlegenheit am meisten anerkennen mußte, und mir nicht schmeichelte,
Dich je zu erreichen.
Meinem Ehrgeiz konnte Deine Unthätigkeit willkommen sein; wenn ich
mit Eifer dagegen gesprochen habe, so ist es doch wahrlich nicht
meinetwegen geschehn. Und nun muß ich eine solche Erwiderung von Dir
erfahren! --
Ich beschwöre Dich, setze diesen Ton und dieses Benehmen nicht fort;
ich könnte nichts weiter darauf thun, als schweigen, und beklagen, daß
ich mich in Dir geirrt. Laß es dahin nicht kommen. Dieser Mißklang
gehört nicht in Dein Wesen, er gehört sich nicht zwischen uns. Mit
freundschaftlichen Gesinnungen unveränderlich der Deinige.
_A. W. Schlegel_.
Die erste Nachricht von der glücklichen Niederkunft Deiner Schwester
wirst Du durch Deine Verwandten erfahren haben. Sie ist auch heute
recht wohl, und hofft Dir nächstens schreiben zu können. Bernhardi wird
Deine Aufträge ausrichten und schreibt mit nächster Post. Viele Grüße
an Deine Frau.
Den _Traum_ schicke sogleich wieder mit zurück.