I.

_Breslau_, d. 25ten Juli 1838.

_Verehrtester Herr!_

Zur Entschuldigung einer vielleicht belästigenden Zusendung von Seiten

eines persönlich Ihnen ganz Unbekannten diene Folgendes:

Es bietet sich mir auf einer zu Anfang des nächsten Monats

anzutretenden Reise von Breslau nach Trier, meinem Aufenthaltsorte, die

erwünschte Gelegenheit, mich wenige Tage in Dresden aufzuhalten. Hieran

knüpfte sich bei mir unmittelbar der lebhafte Wunsch, wenn auch nur

flüchtig, einen Mann kennen zu lernen, dem alle Gebildeten Deutschlands

Dank und Verehrung schuldig sind. Da mir aber wohl bewußt ist, daß

Männer von bedeutendem Ruf nur zu sehr von unberufnen Zudringlingen

belästigt sind, so würde ich meinen Wunsch gewiß unterdrückt haben,

wenn ich seine Erfüllung nicht irgend einer Berechtigung verdanken

dürfte. Durch meine bisherigen, in der Masse verschwindenden,

literarischen Bestrebungen kann ich kaum hoffen, Ihnen, auch nur dem

Namen nach, bekannt zu sein. Ich erlaube mir daher, Ihnen beiliegend

ein Werkchen zuzusenden, das bis jetzt meine bedeutendste Arbeit ist,

und in dem Sie, sollten Sie es übrigens auch als einen mißlungenen Wurf

beurtheilen müssen, wenigstens den sittlichen und künstlerischen Ernst

nicht verkennen werden. Aus diesem Geist des Ernstes werden Sie auch

ersehn, daß ich wenigstens nicht zu jener Zahl literarischer Vagabonden

gehöre, die berühmte Männer aufsuchen, um aus ihren Gesprächen, im

Nothfall aus dem Schnitt ihres Rockes, Journalartikel zu fabriziren.

Meine Absicht ist einzig und allein die, einen Mann zu sehn, der ein

ganzes, ruhmvolles Leben, rastlos thätig, bald anregend, bald selbst

schaffend, dem gewidmet hat, dem ich selbst das Streben eines Jüngers

von ganzer Seele weihe -- der Poesie.

In der Hoffnung, daß diese Zuschrift nicht belästigen und schon ein

persönlicher Besuch mir gestattet sein möge, bin ich mit Hochachtung,

verehrtester Herr

Ihr

Ergebenster _F. v. Sallet_,

Königl. Preuß. Lieutenant.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 166 / 309 题