V.

_München_, den 11ten März 28.

Endlich ist es mir gelungen, verehrter Freund, den König einmal

privatim zu sprechen. Er hat sich Ihrer mit Güte erinnert, auch glaube

ich bemerkt zu haben, daß Ihre Antwort, welche er selbst gelesen, keine

Bitterkeit in ihm hervorgerufen oder nachgelassen hat. Uebrigens glaube

ich wahrzunehmen, daß er an dem Theaterwesen weniger Freude hat, als

wir lebhaften Theaterfreunde wohl wünschen könnten, was seine Gründe

hat. Hier ist die Bühne sehr gesunken, Eßlair so fertig, daß ich mir

Ihr strenges Urtheil sehr wohl erklären kann. Hie und da scheint

einmal eine Erinnerung alter Zeit in ihm aufzusteigen, im ganzen

spricht er (der alles Gedächtniß verloren haben soll) gedankenlos

nach dem Soufleur. -- Urban hat ein schönes Organ, stößt aber hie

und da beym 4-6ten Wort, offenbar in der Meinung, den ungeheurn Raum

auszufüllen. Uebrigens sehen die Schauspieler in Tracht und Bewegung

minder dürftig und hölzern aus, als auf den meisten Bühnen, wohl eine

Wirkung der hier durchaus prädominirenden malerischen Geister. -- In

diesem Augenblick haben wir hier bey stillem Wetter italienisches

Clima. Vor vier Tagen Schnee und Frost bei Südwestwind. Thauwetter

an der einen, Frost an der Windseite der Häuser! -- Ich glaube doch,

Sie haben wohlgethan, den Ruf an hiesige Universität abzulehnen;

wie _ich_, wie alle Freunde Münchens wünschen mögen, daß Sie

hieher gekommen wären, wo Ihre vielseitig billige Denkungsweise

vielleicht manche Widersprüche ausgeglichen hätte, deren Vereinigung

und Ausgleichung schwer genug seyn mag, und vielleicht unmöglich

ist. -- Sie würden München nicht wiederkennen, so ist es erneut, der

Pracht und Gediegenheitssinn des Königes giebt vielen Unternehmungen

einen stattlichen Charakter. Bisweilen könnte die Anlage besser seyn.

Doch bin ich mit der Gallerie zufrieden und habe in der Glyptothek,

wo ein Saal gemalt, drey mit Statuen verziert sind, und welchen!!

köstliche Stunden verlebt. -- München wäre in mancher Beziehung ein

sehr lebbarer Ort. Ich wollte ich wäre nie hinausgewichen. Doch würde

es mir gegenwärtig Mühe kosten, mich wiederum darin einzuwohnen. Auch

zieht mein junger Freund mich vorwärts. Er hat ein sehr hübsches

Blatt radirt. Ich möchte, er machte eine ganze Folge, was vielleicht

geschieht, ehe ich abreise.

Empfangen Sie noch meinen Dank, Sie und Ihre Freunde, für die schönen

Stunden, welche Sie mich in Ihrer Gesellschaft haben verleben lassen.

Es waren doch behagliche Tage in Dresden, Morgens Beschäftigung mit

Kunstsachen, Nachmittags Umgang mit geistvollen Leuten. Was kann man

mehr und besseres begehren. Ich wäre bey Ihnen hängen geblieben, hätte

mich nicht Wort und Wunsch an das Schicksal meines Zöglings geknüpft,

welcher vielleicht nicht so viel Liebe verdient, als ich ihm schenke,

hingegen, wie ich glaube, der Künstlerwelt ein nützliches Beyspiel

früher Entwickelung geben wird, was denn am Ende die Hauptsache ist.

Leben Sie wohl und empfehlen mich den Ihrigen. Wenn Neues vorfällt,

erhalten Sie noch ein Schreiben von

Ihrem

ergebenen

_Rumohr_.

=Sallet, Friedrich von.=

Geboren am 20. April 1812 zu Neisse, gestorben am 20. Febr. 1843 zu

Reichau bei Nimptsch in Schlesien.

Gedichte (1835.) -- Funken (1838.) -- Schön Irla (1838.) --

Laienevangelium (1840.) -- Gesammelte Gedichte (1841.) -- Die

Atheisten und Gottlosen unserer Zeit (1844.) -- Sämmtliche

Schriften, 5 Bde. (1845.)

Unfehlbar haben die letzteren seiner Schriften vorbereitend gewirkt

und viel beigetragen zu der antikirchlichen Bewegung, welche

bald, nachdem jene erschienen waren, von Schlesien, von Breslau,

ja gewissermaßen von dem Comptoir des Buchhändlers ausging, der

Sallets Werke und andere geringere Schriften verlegte, und dafür

begeistert war. Unfehlbar aber auch würde der Dichter, hätte ihn

der Tod nicht in Jugendblüthe weggerafft, mehr geistiges Leben,

mehr poetischen Sinn, mehr göttliche Bedeutung in eine Richtung zu

legen verstanden haben, die theilweise die seinige genannt werden

darf.

Sallet war ein liebenswerther talentvoller Mensch. Mag er Gläubigen

großen Anstoß gegeben haben durch Lied und Wort,... er war auch

ein Gläubiger auf seine Weise; und der bitterste Gegner muß ihm

nachrühmen, daß er wahr und ehrlich geblieben bis an’s Ende!

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 165 / 309 题