IV.

_Rothenhaus_, d. 17ten Sept. 1827.

Wie sehr bedauere ich, werther und hochgeehrter Freund, daß Ihr

Unwohlsein mir so spät das lebhafte Vergnügen vergönnt hat, Ihre mir

so erfreuliche Antwort auf mein letztes zu empfangen und zu lesen. Wie

leicht hätte es seyn können, daß Ihr Brief zu spät gekommen wäre;

denn ich rüste mich zu einer nahen, obwohl noch nicht so ganz fest

bestimmten Abreise. Nun bin ich noch im Stande, Ihnen die 12 verlangten

Bände span. Poesieen zu senden, welche in meiner Abwesenheit keine

Seele aufgefunden hätte; wahrscheinlich werden Sie diese Zeilen um

einige Tage früher empfangen, als die Bücher selbst. Mir ist es besser

ergangen, das Packet kam zugleich mit dem Briefe und wohlbehalten

an und machte mir um so mehr Freude, als ich dessen Inhalt meiner

Schwester überliefern konnte, welche Ihre Schriften besonders liebt und

deren Besitz längst wünschte. Ich danke Ihnen auch für die Auswahl;

sie ist auf lauter hier nicht vorhandene Werke getroffen, wie ich denn

überhaupt an der Literatur sehr arm bin. Ihr altenglisches Theater habe

ich noch nicht durchaus gelesen und habe mir diesen Boccone so recht

behaglich zurecht gelegt. Ich halte mich für sehr angenehm entschädigt.

Wollen Sie mir indeß den Pony zurecht legen, so werde ichs mit Dank als

ein ~agio~ annehmen. Baudissins können ihn gelegentlich mit in

unsre Gegend hinübernehmen. Vielleicht werde ich ihn doch nie benutzen

können, denn, will’s Gott, komme ich nie wieder in die Alpen zurück.

Mein Reiseplan ist zunächst auf Berlin, wo ich noch zu thun habe,

(Amsterdam habe ich der späten Jahreszeit willen aufgegeben), und, von

dort, dachte ich allerdings darauf, nach Dresden zu gehn. Ich möchte

wohl von Ihnen erfahren: ob von Berlin nach Dresden eine anständige

Eilpost gehe, ferner ob man zu Dresden wohl Gelegenheit finde,

einen guten, wenn auch gebrauchten Wiener Wagen zu billigen Preisen

zu bekommen. Ich habe meine Wagen theils zerfahren, theils meiner

Schwester verkauft und denke mich unterweges von Neuem zu montiren.

Doch fragt es sich, ob Sie der Mann sind, mir über so erhebliche Dinge

Auskunft zu geben. Zudem finde ich es bedenklich, in einem Augenblicke

nach Dresden zu gehn, wo alle auf Kunst und Alterthum geruht habende

ihre Federkiele spitzen, um mich auf irgend eine grausame Weise aus

der Welt zu schaffen. Ein Dienstfertiger (irgend ein Tieckischer

Charakter) hat mir vier Blätter der Literaturzeitung, welche ich

sonst nicht lese, zugesandt, worin _Quandt_ (ob unser lieber,

guter, viel rauchschmauchender Quandt zu Dresden?) mir nicht ein

Quäntchen Verdienst läßt. Die Absicht, mich mißzuverstehen, hat darin

der Unfähigkeit, mich zu verstehen, so treulich die Hand geboten, daß

wirklich Harmonie darin ist. Zu den unwillkührlichen Mißverständnissen,

welche sich bis auf das Motto ausdehnen, kommt eine gute Zahl von ganz

willkührlichen; die Verfälschungen schließen sogar den Buchstaben der

Worte nicht aus, welche als von mir gesagt angeführt werden. Ich habe

mich ganz entwöhnt, deutsche Recensionen zu lesen; sagen Sie, ist es

in Deutschland dabey durchhin üblich, zu behaupten oder zu erzählen:

Auctor sagt, meint, behauptet, verwechselt, dieß und das, ohne dabey

ins Buch zu gucken? Den philos. Theil halte ich nicht für des braven

Mannes Arbeit, wohl aber den hist. kritischen, welcher höchst lüderlich

ist und bey großer Anmaßung viel Unkunde verräth.

Uebrigens ist meine eigene Arbeit im ersten Bande, dessen Sie mit

so viel Nachsicht erwähnen, leider ebenfalls sehr lüderlich. Meine

beiden Freunde, zu denen auch Waagen gehört, haben das Ms. mit zu

vieler Nachsicht durchgesehn, und ich mich zu viel darauf verlassen.

Ich erschrak nicht wenig, als ich mich 6 Monate später im Nachthemde

auf offener Gasse wiederfand. Nicht etwa aus Auctorstolz; in dieser

Beziehung bin ich schaamlos, sondern aus Liebe zur guten Sache hätte

ich gewünscht, viel Uebelstehendes auszumerzen, viel Unbestimmtes besser

zu bestimmen. Hätte mein ~Dr.~ Rec. nur ins Buch sehn wollen,

so hätte er wohl mehr und richtiger zu tadeln gefunden, als so, wie

er’s macht, die Dinge aus der Luft greifend und mit seinen eigenen

Einbildungen hadernd. -- Grüßen Sie mir Baudissins und die Ihrigen.

Ihr

ergebener

_Rumohr_.

In Bezug auf Göttingen haben Sie mich vielleicht mißverstanden. Ich

selbst besitze dort _nichts_. Aber die Kön. Bibl. ist nicht arm an

spanischen Büchern, worüber man Ihnen sicher willig Auskunft ertheilen

dürfte.

Der Adelung ist leider für immer verloren. Wenn ich ihn vielleicht

unter den Sachen gehabt hätte, so wäre er doch schon deßhalb längst

fort, weil ich 1808 ganz rein Haus gemacht habe und alle Mobilien,

Bücher &c., welche ich besitze, seit 1812 ganz neu wiedergekauft. Indeß

weiß ich bestimmt, daß er mir früher nie in die Augen gefallen ist,

und daß ich auf Ihre Anfrage zu Krempeldorf, meinem damaligen Sitze,

vergebens danach gesucht habe.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 164 / 309 题