III.

Antworten Sie mir ja bald, wenn auch nur in wenigen Zeilen.

_Krempeldorf_, d. 12ten Jänner 1808.

Mein geliebter und verehrter Freund, wie gern höre ich Sie in

dem väterlichen Tone zu mir reden, der durch Ihren lieben Brief

mir wiederklingt. Freilich habe ich diesen selben Ton in manchen

Augenblicken mißverstanden, in denen sich ein Fremder und Aeußerer

in unsre Bekanntschaft drängte; aber vielleicht mußte ich durch so

bittere Täuschungen geläutert werden, um auch nur auf den Standpunkt

eines zuversichtlichen Muthes zu gelangen, aus welchem ich mit Ruhe

meine Zukunft überschaue. Wohl verdiene ich Ihre Strafe, Ihnen meine

Reise nicht angezeigt zu haben. Aber Sie wissen wie ungelehrt ich

bin, mich lange auf Reisen zu besinnen, und Alles in Erwägung zu

ziehn, was sich damit in Verbindung setzen ließe. Was mich forttrieb,

weiß ich so eigentlich nicht, ich glaube selbst, es war ein Anflug

von Heirathslustigkeit. Jedoch ist diese ganze Hitze verflogen oder

vielleicht verwintert. Sorgen Sie nicht für mich. Wenn ich liebe, werde

ich so bis zur Verzückung ergriffen, daß ich grader gehe, wie es die

Mädchen lieben; und meinem Stern kann ich nicht entfliehen. Wenn ich

in ruhigen Augenblicken den Abgrund von bürgerlicher Besorglichkeit

betrachte, der die Familien zerdrückt, und das Elend, das aus dem

kleinsten Geschäfte über mich kommt, so wünsche ich mich in das nächste

Land, wo ich keine Familie und keinen Besitz habe, und wahrlich, da

mir die Jugend fast ohne die freie, frische Vegetation vergangen ist,

auf welche ich wohl die Ansprüche machen könnte, will ich mir eine

andre Jugend selbst machen und bilden. Ich glaube nun auch mein letztes

Fegefeuer überstanden zu haben, nämlich den Besitz, worin vielleicht

der ärgste aller Teufel steckt! Wenn ich erst von hier weg bin, und

die Franzosen lassen mir einigen Genuß davon, daß mir die Freiheit

bleibt, und ich ein Herr mehrerer Städte und Länder werde, wie ich mir

vorgenommen, so ist es möglich, daß mir das Haben nicht so gräulich

mehr erscheint, wie in diesem Augenblicke. Es ist wohl wahr, was Sie

sagen; eigentlich hat einen das Geld, und man heckt auf dem Schatz

wie ein verdammter Geist, und streitet mit dem Satan, der ihn rauben

will, und wimmert ihm nach, wenn er der Stärkere ist. So geht es hier

uns nördlichen Kornjuden, denen man bald mehr nimmt, als sie in guten

Wucherjahren zu erschwingen im Stande sind. Diesen vom Fette erstickten

nördl. Deutschen schadet der Aderlaß nicht: im Gegentheile werden sie

sichtlich gehoben. Ein großes Unglück vernichtet nicht; ein schwerer

Druck ist oft die Erscheinung einer großen Geburt.

Die Gewalt der Unbedeutendheit habe ich, wie die Nation, in mir selbst

erlebt, und sehe mit Dankbarkeit in die qualvollen Mißverständnisse

ganzer Jahre zurück, deren fast unerträgliche Schmerzen mein Dasein

gehärtet haben. Mit großer Ruhe, und ohne mich den Fantasmen zu

überlassen, denen ich sehr geneigt bin, sehe ich der weiteren Zukunft

entgegen, ohne in die übersprudelnde nahe Hoffnung mancher eingehn

zu können, die sich in Ungeduld und Verzweiflung zu endigen pflegt.

Bestimmt weiß ich, daß es ein kühner und sichrer Schritt ist, von der

Begebenheit wie unberührt, sein ursprüngliches Bestreben durchzuführen.

So ist dem Einen beschieden die Trümmer auszugraben, sie dem Volke

kenntlich zu machen, die Vergangenheit der Zukunft anzuknüpfen, dem

Andern auf seichtem Grunde den unverwüstlichen Bau zu begründen; wie

jener Erwin, der seinen Felsenwald zu gründen, den Moder überwand. Ja

wohl hätte ich so vieles mit Ihnen zu besprechen, und schöner wäre

es, wenn wir gleich zusammen reisen könnten. Aber ich gehe sobald

als möglich, vielleicht in einigen Monaten. Sind Sie schon dann im

Stande zu reisen? Fürchten Sie nicht den Winter? Zum Theil sind es

ökonomische Gründe, das theure, genußlose Leben dieses Landes, die mich

forttreiben; zum Theil das dringende Gefühl der höchsten Nothwendigkeit

einer ganz anhaltenden und unausgesetzten Arbeit, die bei meinem

Bestreben nicht ohne die Hülfe einer großen Bibliothek bestehen kann.

Ich habe mich diesen Winter hindurch beholfen, und das getrieben, was

ich grade treiben konnte; allein das bringt nicht genug fort. Die

Poesie liegt sehr bei mir darnieder, meine sämmtlichen Werke in der

Asche, und zu einigen Dingen, die ich schreiben möchte, fehlt mir Ihr

Rath. Können Sie mich lassen, so hätte ich Lust, auf einige Wochen zu

Ihnen zu kommen, wenn Sie etwa durchaus nicht so früh reisen können,

als ich. Denn ohne Scheu denke ich nicht an eine neue Unterbrechung,

wie jener Besuch bei Ihnen, die Menge der bedeutenden Gestalten, und

Ihre Schönheit endlich in mir veranlassen würden. Nach Würzburg gehe

ich gern; Friedr. Schlegel grade wünschte ich zu sprechen; er wird

mir vieles aufschließen können, da er so lebendig in einem Theile

dessen ist, was ich mir als Lebensarbeit vorgesetzt habe. Kürzlich

ist Aug. W. Schl. in München gewesen. In München haben wir nun auch

so viel mehr Anknüpfungspunkte. Gelingt es Schelling gar Steffens

nach München fördern, und dazu ist einige Aussicht, so wird sich

dort ein Kreis runden, wie er jetzt nur in wenigen deutschen Städten

sein mag. Der Jacobi ist der lächerlichste Präsident und Philos.,

der je seidne Strümpfe zu tragen pflegte. Aber grade das macht den

Aufenthalt in M. um so schöner und mannigfaltiger. Diese Art von Maske,

abgelegte Gelehrtenwürde, fehlte dem guten M. bisher ganz. Im Sommer

ist ein Lipperl zu M., der zu den besten Schauspielern gehört, die

mir vorgekommen. Das Volk hat doch einen recht ordentlichen Sinn, und

sich wahrlich durchaus nicht verändert. Die liebenswürdige Frömmigkeit

desselben hat eher noch in dem Verluste eines leisen Anstriches

von Bigotterie gewonnen, da nunmehr die eigenthümliche Liebe mehr

hervorgetreten ist. Von Steffens schreibe ich Ihnen nichts, da er Ihnen

selbst schreibt. Wir haben einander zärtlich lieb. Er hat viel Kummer

und ich viel Verdruß; so kommt es bisweilen, daß wir gegen einander zu

streiten scheinen, aber wir gehn von einander als Freunde, wenn wir

den Irrthum erkannt haben. Er hat einen schönen Aufsatz geschrieben.

Auch Runge ist mir näher getreten. Ich kann doch auf einen schönen

Kreis geliebter, herrlicher Menschen sehn, und mir einbilden, sie

wären alle für mich allein da. Um so mehr kommt mir der Lermen in Rom

nichtswürdig und verächtlich vor. Ich bin entschlossen, von demselben

keine weitere Notiz zu nehmen, und schrieb schon vor einiger Zeit Ihrem

Bruder, wie wenig das unmittelbare Leben in der Geschichte, mein will’s

Gott rechtliches Bestreben, mit dem beschämenden Andenken an meine

Unbesonnenheiten verträglich sein will. Im Falle die Angelegenheit

vor Humb. gerichtlich könnte geworden sein, wie ich fast aus Ihres

Hrn. Bruders Briefe schließen mußte, schrieb ich an Humboldt, und

verlangte einen kurzen Bericht des Vorganges. Ich habe die Antwort von

ihm, worin er bestimmt läugnet, denselben erstatten zu können, als

von einem Dinge, was er weder Zeit noch Lust gehabt zu erforschen und

worin er nur Vermittler habe sein wollen. Ein Geklätsch über Schick,

das ich als Beispiel Ihrem Bruder geschrieben, um ihn wegen des unter

uns vorgefallenen zu beruhigen, und das er die Unvorsichtigkeit gehabt,

Hrn. v. Humb. vorzulesen, ist das Einzige, was mich in der That, wo

meine gute Meinung nicht verstanden werden kann, in ein übles Licht

als Klätscher setzen muß. Aber auch dies weitläufiger zu belegen,

verschmähe ich gänzlich; vorzüglich um gegen die R. nicht rachsüchtig

zu erscheinen. Ich sehe sie in der That als in mein Schicksal

verflochten an, und kann sie wohl verachten, aber nicht hassen, nachdem

sich mein erster Unwillen gelegt.

Der Ihrige.

_C. F. Rumohr_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 163 / 309 题