VI.

_Berlin_, 8t. April 1823.

_Hochverehrter Freund!_

Gestern ist eine Mamsel Pfeifer aus München, ein sehr bedeutendes,

tragisches Talent, nach Dresden gereist und ich konnte weder ihr noch

mir die Genugthuung versagen, sie Ihnen zu empfehlen. Und nun zu unserm

Geschäft mit dem Nebentheater: Seit der Zeit, daß ich Ihnen nicht

schrieb, habe ich tiefer dort hineingesehen und zu meinem Schrecken

eine ganz andere Ansicht von den Leuten und _deren_ Unternehmen

bekommen. Das Resultat dieser Ansicht heißt: _Es wird eher Alles aus

diesem Unternehmen, als eine Kunstanstalt_. Der Justizkomissarius

Kunowsky ist der einzige der Unternehmer, der noch eines Gedankens

fähig ist; aber nicht eines eignen, sondern fremder und ich darf

sagen, Alles was er weiß, weiß er von mir. Dabei ist er zersplittert,

treibt Astronomie als Steckenpferd, hat hundert Dinge im Kopf, kommt

vom Hundertsten ins Tausendste und kann sich keiner Sache einzig und

begeistert hingeben, wärend ihm für diesen einzelnen Fall, nicht nur

Brettererfahrung, sondern auch die gewöhnlichsten litterarischen

Hilfskenntnisse fehlen. Daher ist ihm Bethmann eine Authorität und

wie es mit _dessen_ Kunstsinn und Urtheil steht wissen Sie. Ohne

Gesinnung und Tendenz, ohne Ahnung von Kunst, ja ohne alle praktische

Erfahrung, glaubt er ein Bühnenverwaltungsheros zu seyn, weil er

abgekuckt hat, wie Iffland sich räusperte; ist aber dabei so weltklug,

daß es ihm eigentlich um nichts zu thun ist, als um Geld zu gewinnen,

noch mehr aber, um sich am Grafen Brühl zu rächen, der ihm das

~consilium~ gegeben hat. Letzteres aber dürfte ihm nicht gelingen,

da Brühl schon jetzt mit allen ihm zu Gebothe stehenden Kräften gegen

die entstehende Anstalt anwirkt, neue Lustspieler überall werben läßt

und schon jetzt für ein neues komisches Repertoir sorgt, woran jene

noch nicht denken würden, wenn ich sie nicht dazu aufgefordert und

gedrängt hätte. Der Rest der Unternehmer sind Kaufleute, die jene

Anstalt, je nach ihren verschiedenen Temperamenten, aus drei Absichten

gründen: Die Einen um Geld zu erwerben; die andern aus allgemeiner

Eitelkeit und der besondern dem König zu schmeicheln; endlich aber um

sich in den Kulissen umher zu treiben und zu ihrem Privatvergnügen

sich von den jungen Schauspielerinnen einen Harem zu bilden: _ein

Hauptmotiv so bedeutende Summen zu wagen_!! An eine Idee, an Kunst,

an Volksbildung, ja an Lust zu der Sache selbst ist nicht zu denken;

dabei will Jeder kommandiren, Niemand versteht etwas, sie kontrekariren

sich aus Privatinteressen und ich habe keiner Versammlung beigewohnt,

wo ich es hätte dahin bringen können, daß nur 5 Minuten lang von der

Tendenz, von dem Repertoir, von den zu engagirenden Personen, kurz von

der Sache selbst gesprochen worden wäre. Immer kam man vom Hundertsten

ins Tausendste und Nebensachen interessirten am meisten, und die Oper,

die sie verbannen sollten und Maschinen und Melodrams und französische

~veaudevilles~ sind das gelobte Land, wohin man steuert. Alles

dieses dringt ins Publikum, das schon jetzt über die Sache spottet

und vom Judentheater spricht: ein Nahme, der (in Berlin) schon ganz

allein die Sache muß fallen lassen -- deßwegen habe ich mich auch

sachte zurückgezogen und den Herrn gesagt, sie mögten sich in direkte

Korrespondenz mit Ihnen setzen. Deßhalb rathe ich Ihnen nun vorsichtig

mit diesen Kaufleuten zu seyn. -- Ob Sie Sich überhaupt mit denselben

einlassen wollen, darüber will ich Ihrem Urtheil nicht vorgreifen;

aber das rathe ich Ihnen: lassen Sie Sich ~praenumerando~ und gut

zahlen. Dafür daß Sie Ihren berühmten Nahmen auf das verlangte Program

setzen, müssen Sie Ihnen wenigstens 20 Louisd’or zahlen und für ein

Eröffnungsstück, von dem _ich_ aber, trotz der großen Ehre die

Sie mir erweisen (Verzeihen Sie mir!) meine Hand abziehe: wenigstens

fünfzig Louisd’or. Sie können um so mehr darauf bestehen, als Sie

dieses Gelegenheitsstück keiner andern Bühne verkaufen können. -- Ich

bitte Sie in diesem Fall jede Schonung, jede Delikatesse diesen reichen

Ignoranten gegenüber, außer Augen zu setzen. Wenn Sie fest darauf

bestehen, so zahlen sie. ~Crede Rupperto experto!~ -- Hätte ich

nicht eine unbegränzte Liebe zum Theater und hoffte ich nicht, daß

doch vielleicht die Authorität Ihres Nahmen diesen Menschen imponiren

dürfte, so würde ich sagen: Weisen Sie Alles von der Hand! Das sage ich

aber nicht. --

Von dem hiesigen Theater könnte ich Ihnen nur wiederholen, was ich

im Morgenblatt darüber vielfältig gesagt habe. Sollten Sie Zeit und

Lust haben es zu lesen? Mit Wolff’s Spiel habe ich mich in so fern

ausgesöhnt, als er ein ganz anderes Subjekt ist, wie der Goethesche

Meisterschüler, der uns vor sieben Jahren von Weimar überkam. Auch dies

habe ich ausführlich im Morgenblatte auseinander gesetzt. Meine Frau

empfielt sich Ihrem und der Ihrigen Andenken und ich küsse der Gräfin

Finkenstein die Hand wie Ihrer Frau Gemahlin und den Fräuleins. Gott

segne Sie mit Gesundheit und Kraft!

Ihr

Sie verehrender

_Ludw. Robert_.

~P.S.~ Soeben war Herr Teichmann, Theatersekretair, von Paris

zurückkommend, bei mir. In seinem Auftrage schreibe ich, daß er Goethen

die Verlobten, die dieser noch nicht kannte, hat zukommen lassen; daß

der alte Herr sehr erfreut darüber und Sie den _guten Tieck_

nannte.

Sie wollen über Preciosa schreiben. Das ist wichtig! _Ihr_

unbedingtes Lob dieses Stückes kann zu Saamen sehr schlechter Stücke

werden. Ich wage daher zu sagen: Sprechen Sie über das Stück nicht,

wenn Sie Ihre Liebe zu dem Autor nicht beseitigen können.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 146 / 309 题