III.

_Berlin_, den 20t. Jenner 1822.

Endlich, mein verehrtester Freund, endlich will es, nicht die

Schicklichkeit, denn die hat es schon längst gewollt, sondern die

Menschlichkeit will es, daß ich Ihnen einen schriftlichen Gruß als

Lebenszeichen hinüber sende. Wie oft ich es schon in Gedanken that,

brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, da Sie es wissen _müssen_,

wie eingenommen ich von Ihnen und wie stolz ich darauf bin, daß

Sie mich beachtet haben. Aber das Schreiben wird mir jetzt, wo ich

leider Briefe für Geld schreiben muß, mehr als je sauer. Apropos

dieser Briefe, so habe ich vorgestern eine Abhandlung über den Pr.

v. Homburg dem Morgenbl. geschickt, die achtzehn, eng wie diese,

geschriebene Seiten zählt. Das hiesige Theater ist darin tüchtig

mitgenommen, daß man das Stück hier nicht giebt, und die dummen

Ungründe dagegen zu Schanden gemacht; auch der Kabale in Dresden

erwähnt das Ganze, aber in dem?-Artikel; so daß Dresden nicht genannt

wird, wohl aber Berlin. -- An den Kohlhas denke ich ernstlich; auch

hat mir Raumer schon eine Quelle angezeigt; ich werde das Buch heute

von der Bibliothek erhalten und es heißt: _Schöttgen und Kreisig

diplomatische Nachlese zur Geschichte v. Obersachsen_. Kennen Sie

es? -- Im Morgenbl. Mth. ~Xbr.~ Nr. 295 und 303 stehen zwei

Briefe von mir über das zu errichtende Volkstheater in Berlin. Diese

Abhandlung scheint Aufmerksamkeit erregt zu haben; denn erstlich hat

sie das Wiener Theater-Journal wörtlich abgedruckt und zweitens sind

die Unternehmer dieses Theaters hier so aufmerksam drauf geworden,

daß sie mich zu einer Konferenz geladen und die Grundsätze, die in

jenem Schreiben ausgesprochen sind, als Basis ihrer artistischen

Tendenz niedergelegt haben. Außer diesem aber ist noch folgendes

Resultat -- das Sie, mein verehrtester Freund betrifft -- aus dieser

Konferenz hervorgegangen. -- Ich bin nehmlich ermächtigt, Ihnen im

Nahmen der Unternehmer folgende Fragen zu stellen: ob Sie -- versteht

sich für eine bestimmte, angemessene und jährl. Gratifikation -- die

Mühe eines korrespondirenden[12] Mitglieds der Direktion übernehmen

und der Kunstanstalt fortwährend mit Rath und Vorschlägen an die

Hand gehen wollen? -- Ob Sie es zu übernehmen wünschen, ein Programm

anzufertigen, in welchem die Direktion sowohl ihre ganze Einrichtung

als die Tendenz ihres Strebens darlegt, deutlich macht und das Publ.

zur Mitwirkung einladet? Endlich ob Sie -- versteht sich unter

besonderer Honorarbedingung -- sich entschließen würden, ein Stück zur

Eröffnung dieser Bühne (vermuthlich im Frühjahr 1824) zu schreiben?

Ich finde es rathsam -- da ich von Karlsruhe wider Erwarten auch nicht

eine Sylbe Antwort bekomme -- auf diese einträglichen Vorschläge

Rücksicht zu nehmen. Ein Mann, wie Sie, kann, meines Erachtens, von

dieser neuen Bühne aus, so vortheilhaft auf die Kunst einwirken, daß

ich es fast für Ihre Pflicht halte, diesen Vorschlag nicht ganz von

der Hand zu weisen und sich je eher je lieber in direkte Korrespondenz

mit den Unternehmern, unter denen zwei geistreiche Leute, der

Justitzrath Kunowsky und der Banquier Herr Mendelssohn der Aeltere

sich befinden, die zu allem Guten und Neuen freudig und thätig die

Hand -- die volle -- biethen. Man ist gesonnen, für die ersten Stücke

Preise auszusetzen und überhaupt den Autoren, wie in Frankreich eine

Tantième der Einnahme zu bewilligen. Schreiben Sie mir also, ob Sie

es erlauben, daß sich die Direktion direkt an Sie wende. -- Das Stück

zur Eröffnung könnten wir ja zusammen anfertigen, wenn Sie dies für

möglich und mich dieser Ehre werth halten. -- Immermann hat eine kleine

Broschüre: _Brief über die falschen Wanderjahre geschrieben_.

Treu und wahr, kunstverständig und evident-klar. Sie dürfen sich die

kleine Schrift nicht entgehen lassen; sie wird Ihnen Freude machen.

Ich habe sie sogleich im Morgenbl. lobpreisend angezeigt; dann da die

Miserabeln das Miserable ausschreien, so müssen auch die Guten das Gute

ausrufen. -- In dem obenerwähnten Buche steht über Kohlhaas nichts,

was Sie mir nicht schon gesagt hätten; es ist die wörtliche Abschrift

aus Petri Hafflitii geschriebene Märkische Chronik. -- Nur die Art wie

er zu Luther kommt ist dramatisch, ja sogar theatralisch. -- _Die

Verlobten_ machen hier viel Aufsehen und gefallen -- bis auf jene,

die sich getroffen fühlen -- allgemein. _Die Reisenden_ werden

weniger verstanden und ich habe schon oft sagen müssen: Leset es nur

noch ein Mal! -- Ich werde demnächst ein Wort darüber schreiben. --

Sie haben ja über _Gehe’s_ Stück und noch dazu ins Abendblatt

etwas einrücken lassen. Noch bin ich nicht dazu gekommen; aber ich bin

sehr begierig es zu lesen. -- Varnhagens grüßen Sie herzlich. Empfehlen

Sie mich angelegentlichst und freundlichst dem verehrten Kreise Ihrer

liebenswerthen Hausgenossen und nehmen Sie meinen wahrhaften Dank für

alle erzeugte Ehre und Güte und Liebe. In Hoffnung eines freundlichen

Wortes

Ihr

mit Liebe und Achtung

ergebener

_L. Robert_.

_Adresse_:

Herrn M. Th. _Robert_

für Ludw. Robert

in

_Berlin_.

~T.S.V.P.~

Ich kann diesen Brief nicht an Sie, verehrtester Freund! abgehen

lassen, ohne meine herzlichen Wünsche für Ihr Allerseitiges Wohl und

die freundlichsten Grüße selbst beizufügen, an Sie und die ganze theure

Familie, die mich mit so viel Liebe und Wohlwollen aufnahm. Die Zeit

drängt mich so, daß Sie über meinen Styl lachen werden; deßhalb behalte

ich mir vor, meine Ehre bald durch ein anderes Schreiben zu retten. Ich

empfehle mich in Ihre fortdauernde Freundschaft und bin

Ihre

ergebenste

_Friderike Robert_.

Varnhagens lassen beide vielmals grüßen. Sie ist oft unwohl.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 142 / 309 题