I.

_Berlin_, am 30t. Merz 1816.

Sie können nicht glauben, mein verehrtester Freund und Meister, wie

viel Freude mir Ihr in jeder Hinsicht werthes Schreiben gemacht hat,

und daß mein Vorschlag Eingang bei Ihnen gefunden, und daß Sie die

Sache so ernst nehmen und selbst herkommen und den Proben mit beiwohnen

wollen; denn Sie in unmittelbarer Verbindung mit unsrer Bühne zu

setzen, dahin gieng mein eigentlichstes Bestreben. In meiner Freude

lief ich zum Graf Brühl, und theilte ihm _das_ aus Ihrem Schreiben

mit, was ich sollte. Er will zu Allem hilfreich die Hände biethen; und

erwartet die von Ihnen versprochene nähere Auseinandersetzung Ihres

Planes; von dem er freilich bis jetzt wohl noch weniger verstanden

hat, als ich, der ich in Prag wenigstens die Hauptideen angeben hörte,

die Sie uns damals von den Shaksp. Brettern mittheilten. -- Ich halte

es bei dieser Gelegenheit für nöthig, Ihnen den Gr. Brühl ein wenig

zu beschreiben, damit Sie sein Anerbieten: _die Hände zu Allem

willig zu biethen_, weder zu hoch, noch zu niedrig anschlagen.

Redlicher Wille und eine Ahnung des Bessern -- und eine fast gänzliche

Urtheilslosigkeit und gutmüthige Charakterschwäche, stehen sich in

ihm, nicht sowohl einander gegenüber, als sie sich vielmehr durchaus

in einander verliehren und verwischen. Er kann nichts abschlagen und

selbst, wann er Nein schon gesagt hat, sagt er noch hinterher: Ja. Aber

auch dies lezte Ja wird auf die lange Bank geschoben und vergessen,

und von dem weit Unwichtigerem verdrängt. Die Gegenwart ist seine

Göttin und so ist das Nächste für ihn das unvermeidlich Nothwendige,

und hat der Letzte, der mit ihm spricht recht; und so ist überhaupt

mit der Rede bei ihm schneller und sicherer etwas durchzusetzen, als

mit der Schrift; und doch imponirt ihm wieder ein wohlgedachtes und

wohlgeschriebnes. -- Seine zu ängstliche Beschäftigung mit dem Detail

des Theaters raubt ihm sowohl den freien Ueber- und Herrscherblick über

das Ganze, als auch die Zeit und die Kraft es zu führen und zu leiten.

Dabei hat er das beste Wollen (freilich ohne Willen) und ist durchaus

frei von Lieblingsvorurtheilen, oder eigensinniger Beschränktheit oder

sonst dergleichen ärgerlichen Grundsätzen, worauf sich die Flachheit

in der Regel so viel zu Gute thut. -- Sie werden leicht einsehen,

daß mit einem solchen Manne Alles zu machen ist, wenn man ihn nur

gehörig bearbeitet und dazu gehört weiter nichts, als daß man ihn

oft und öfter sehn und sprechen muß, denn selbst die Begeistrung für

irgend ein Unternehmen kann man ihm ein- und ansprechen, und hat er

nur mal angefangen wirklich Hand an ein Ding zu legen, so setzt er es

auch mit Eifer durch. -- Er ist jetzt in den Händen eines zwar etwas

modischen, aber doch argen Philisters, in denen seines ehemaligen

Präzeptors Herrn Professor Lewezow -- dieser Erz-Schulmeister mag

vielleicht wissen, wie die Griechen ihre Schuhe gebunden und wie die

Römischen Consularen ihren ~Praetexta~ gesäumt haben; aber weder

von jener Alten eigentlichstem Leben, noch von unserm heutigen, weder

von Welt noch von Bühne, weiß er ein Wort. -- Seine Haupttendenz

geht dahin, unsre Bühne strikt und sklavisch nach der Weimarischen

zu bilden, und das deucht mir ist der eigentliche Tod unterm Eise,

und viel gefährlicher, als die Ifflandsche Wassergefahr. Franz Horn

unterstützt ihn redlich darin, doch ist der Letztre wohl weniger

gefährlich, obgleich vielleicht noch langweiliger; ja dieser wäre sogar

zum Guten zu gebrauchen, wenn ihm gebothen würde, was er zu thun und

zu lassen habe. Eine einzige Unterredung, ein Hauch von Ihnen würde

den Einfluß dieser Leute vernichten, oder -- was leicht möglich wäre

-- sie würden sich geschmeichelt fühlen, mit ihnen verbunden für die

bessere Erscheinung der Shaksp. Stücke wirken zu dürfen, oder auch

nur ihr weiches und aprobirendes Ja hören zu lassen. Denn Shaksp. ist

glücklicherweise eine Autorität und auch Ihr Nahme ist von keinem

übeln Klange in Deutschland und Klang und Autorität ist ja Alles bei

Leuten, die unfähig sind in das Wesen einzudringen, unfähig sich einem

Kunstwerke, ohne vorgefasste Meinung, ganz und gar hinzugeben. -- Darum

freut es mich so, daß Sie herkommen wollen; denn sind Sie einmal hier

und haben den Grafen Brühl und den genialen Schinkel, und allenfalls

jene beiden Leute gesprochen, so wird sich Alles leicht und willig

fügen und ich würde mir dann mit Stolz sagen, daß ich (wenn auch nur

mittelbar) mehr für die deutsche Bühne gethan habe, als wenn ich zehn

mittelmäßige Stücke geschrieben hätte. -- Lassen Sie mir also sobald

als möglich die versprochene Ausarbeitung zukommen, daß ich sie dem Gr.

Br. vorlege und er sich in Korrespondenz mit Ihnen setze, welche dann

Ihr Hieherkommen unfehlbar zur Folge haben wird. -- Die Abhandlung, die

das Publikum auf den richtigen Standpunkt stellen soll, ist ein ganz

vortrefflicher Gedanke und unendlich nützlicher und heilbringender,

als die hinterdreinkommenden Kritiken, die dennoch den ersten Eindruck

nie zerstören. Möchte nur Ihr Gesundheitszustand in alle diese schönen

Hoffnungen keine Störung bringen. Die unberufne Feder, die sich in den

Zeitungen über Dekorationen hat vernehmen lassen ist die des konfusen

aberwitzigen, aber witzigen Brentanos, der mir als Schriftsteller

und Dichter höchst zuwider, als litterarischer Hanswurst und lustiger

Rath am Hofe des Apolls aber doch gar nicht übel ist. Wahrhaft

schmeichelhaft (ich meine damit: wohlthätig und beruhigend für mich)

ist der Antheil, den Sie an meinen Bemühungen in der Kunst nehmen, und

daß Sie sich noch des bürgerlichen Trauerspiels entsinnen, das ich in

Prag Ihnen vorlas. -- Mit der Wirkung, die es hier machte, kann ich

vollkommen zufrieden seyn; es herrschte eine Stille im Theater, wie

man sie hier nur im Ballette kennt, und diese Stille errang sich das

Stück nach und nach; da im ersten Akt -- auf öffentlich an den Ecken

angeschlagne Aufforderungen: eine Sudelei von einem Juden, die man

Abends im Theater geben würde, auszupochen -- mannigfach gehustet,

geschnaubt und gescharrt wurde. -- Man gratulirte mir folgenden Tages

wegen meines doppelten Triumphs; ich hatte aber bei dem letzteren ein

Gefühl, als ob ich mit goldenen Ketten vor dem Wagen des Vespasians

einhergieng, als er nach der Zerstörung Jerusalems triumphirte. Ich

hätte mich über diese Gemeinheit, die von ein Paar Buben herrühren

konnte, trösten können; wenn die Schmach und die Kränkung nicht

durch eine Rezension in den hier herauskommenden dramaturgischen

Blättern erneuert worden wäre, worin wieder auf den Juden zwar etwas

versteckter, aber noch viel beleidigender angespielt wurde. Dieser

wahrhafte Rückschritt in wahrhafter Bildung treibt mich von hier fort;

ich will als ein fremder in der Fremde leben, da mein Vaterland doch

nicht von dieser Welt seyn kann. -- Ich gedenke im Laufe des nächsten

Mais an den Rhein zu reisen, dort einige Zeit zu weilen, um mich zu

einer Reise nach Italien vorzubereiten. Zuvor aber muß ich hier ein

größeres Gedicht vollenden, das ich begonnen habe, und wovon ich Ihnen

den Plan, da Sie es mir erlauben, mittheilen will. --

(Schluß d. Br. ist verloren.)

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 140 / 309 题