_Bayreuth_, d. 5. Okt. 1805.
Nur die Ungewißheit Ihres wechselnden Aufenthaltes verzögerte so lange
mein Schreiben, dessen Wunsch am stärksten nach der Lesung Ihres
Oktavianus war. Es wäre wol in dieser lauten und doch tauben und nichts
sagenden Zeit -- wo sogar ein erbärmlicher Krieg seinen erbärmlichen
Frieden ausspricht und roth genug unterstreicht -- der Mühe werth, daß
Leute sich sprächen, die sich lieben, wozu ich nicht nur mich rechne,
sondern auch Sie. Wie froh wär’ ich gewesen, seit ich aus der lauten
Stadt in die stumme gezogen, mit Ihnen sogar zu -- zanken, wenn nichts
weiter möglich gewesen wäre als ich der Alte und Sie der Alte; --
was wol bei uns zweien, wenigstens bei mir nicht ist. Meine Aesthetik
sollte Ihnen, dächt’ ich, mehr gefallen als ich sonst; und ich wünschte
herzlich Ihre Worte darüber, und über 1000 andere Sachen und über den
3ten und 4ten Titan und über was Sie wollen. Der Himmel gebe, daß Sie
uns bald Ihre Jocosa geben, von denen ich gehört; oder wenigstens
_mir_ etwas davon, unfrankirt.
Ich wollte, wir kämen gegeneinander recht in Wort- und Briefwechsel.
Ich lebe in einem Kunst-öden Lande und bedarf wie ein Rhein-Ertrunkener
zuweilen des fremden Athems, um den eignen zu holen. Antworten Sie mir
bald, lieber Tieck. Ich grüße Sie und Ihre Gattin.
_Jean Paul Fr. Richter_.
_Auf der Adresse_:
An
_L. Tieck_
in
Raum und Zeit.
=Robert, Ludwig.=
Geb. am 16. Dezember 1778 zu Berlin, gestorben am 5. Juli 1832 zu
Baden-Baden.
Kämpfe der Zeit (1817). -- Die Macht der Verhältnisse, bürgerl.
Trauerspiel. -- Die Tochter Jephta’s, Tragödie. -- Cassius und
Phantasus, eine dramatische Satyre. -- Die Nichtigen. -- Die
Ueberbildeten. -- Die Wachsfiguren in Krähwinkel und manche andere
Bühnenscherze. -- Der Waldfrevel, eine dramatisirte Dorfgeschichte.
-- Ein Schicksalstag in Spanien, phantastisch-romantisches
Lustspiel -- u. s. w.
Durch sein ganzes Leben und Streben zog sich eine verbitterte
und verbitternde Stimmung, die zuletzt doch nur aus verletzter
Eitelkeit hervorging, und seine angeborene Herzensgüte überbietend
ihn oft ungerecht machte. Durchdringender Verstand, künstlerischer
Fleiß, redliches Wollen, entschiedenes Talent berechtigten ihn
gewiß Ansprüche zu hegen, deren Erfüllung ein eigenthümliches
Mißgeschick niemals recht gestatten wollte. Seine Briefe
sprechen das in jeder Zeile aus. Wir haben den größeren Theil
der vorhandenen unbenützt zurücklegen müssen, aus gebieterischen
Rücksichten auf den Umfang dieser Sammlung. Doch schon die
aufgenommenen genügen, ihn darzustellen wie er war. Schwankend
in Groll und Liebe, in Zutrauen und Argwohn, in Lob und Tadel;
von jedem Windhauche abhängig in seiner Meinung. Man betrachte
nur seine Urtheile über das Königstädter Theater (dem er später
leidenschaftlich anhing), über München (wofür er später schwärmte!)
und ähnliche, aus momentaner Verstimmung hervorgehende Aeußerungen.
Dabei aber doch blieb er edel, redlich, aufopfernder Freundschaft
fähig und dankbar jedem Beweise wohlwollenden Antheils. Im
persönlichen Verkehr gefällig, mittheilsam, unterhaltend und
_witzig_ wie -- nein, doch nicht _so_ witzig wie sein
Bruder Moriz. Wir haben auch einige Zeilen der schönen Frau
Friederike eingeschoben, deren Bild Jedem lebendig bleiben wird,
welchem es jemals vor Augen getreten ist.
Sie entflohen aus dem Kreise ihrer Berliner Freunde, aus Besorgniß
vor der Cholera, um beide in Friederikens Heimath dem damals dort
epidemischen Typhus zu unterliegen.
Daß Ludwig der Bruder Rahel’s Varnhagen von Ense war, ist bekannt.