I.

_Göttingen_, den 19. Juny 1829.

Wollen Sie mir vergönnen, theurer unvergeßlicher Freund, nach so langer

Zeit einmal wieder vor Sie zu treten? Aber Sie standen mir so nah in

diesen Tagen, wo ich Ihr herrliches Dichterleben las, daß ich mir es

nicht versagen kann, Ihnen wieder einmal ein Wörtchen zu sagen; mir

war, als hörte ich alle die schönen inhaltschweren Worte von Ihren

Lippen fließen, wie sonst, Sie waren es so ganz selbst; dieses Werk muß

vor allen andern, die ich von Ihnen kenne, so recht aus Ihrem Innersten

geflossen seyn, denn so nah, so sichtbar möchte ich sagen, hat Sie noch

keines vor meinen Geist gestellt. Wie herrlich zeichnen Sie den Kampf

der wilden chaotischen Kraft mit dem menschlichen, den Kampf der Götter

mit den Titanen, wie lernen wir Ihren Dichter lieben und bewundern,

wie trifft er so wahr und so entschieden immer das Rechte, und doch

können wir dabey auch dem Titanen Marlowe unsre Liebe und Bewundrung

nicht versagen, ja er reißt sie gewissermaaßen noch mehr an sich, als

Shakespear, den Sie mehr als die ruhige Critik auftreten lassen, er

erobert unsre Zuneigung wie der Handelnde es immer thut, während der

andre sie von Rechtswegen gewinnt. Ich finde in dieser Novelle den

Stoff zu einem Trauerspiele, welches Sie Marlowe nennen könnten, und

über welches ich Göthe’s Motto schreiben möchte: „Auch ohne Parz’ und

Fatum spricht mein Mund, ging Agamemnon, ging Achill zu Grund,“ und dem

es nur noch an Handlung fehlte, denn den ganzen innern Gehalt eines

Trauerspiels, die Gedanken, welche sich unter einander verklagen und

nicht aufs Reine kommen können, ja es ihrer Grundanlage nach vielleicht

nie können, hat Ihre Novelle schon. Es ist eine Göttergestalt dieser

Marlowe, der an nichts als an sich selbst hätte zu Grunde zu gehen

können. Und wie schön ist nun wieder der Contrast des sanften weichen

Green, der eben in der süßen Milde seines Gemüths uns doch wieder auf

dem Sterbebette die poetische Beruhigung zeigt, die sein Leichtsinn ihm

auf immer zu entreißen droht. Nun sollten Sie uns aber auch, theurer

Freund, Ihren eigentlichen Helden und Liebling einmal im Kampfe mit

sich selbst zeigen, und wie er in _sich_ das Ungeheure und die

nach allen Seiten überströmende Kraft, durch das Menschliche, und in

diesem Sinn Göttliche, bändigt; denn glauben Sie, daß in Shakespeare

selbst diese vollendete Harmonie aller Kräfte nicht erst nach manchem

geheimen Kampf hervorgetreten ist, der nur nicht laut ward, weil seine

Verhältnisse so bescheiden waren? Wer so unendlich tief empfand, daß

er so in jede Menschenbrust zu tauchen verstand, wie er, sollte der

nicht selbst alles Menschliche empfunden haben, und den Begriff des

noch fehlenden nur durch das schon Erfahrene ersetzen, und sollte es

nicht eben sein innerer Werth, der Gott in ihm seyn, der ihn diesen

Einklang finden ließ? denn wenn es ihm ~tout bonnement~ angebohren

wäre, so stände er uns zu unbegreiflich fern, als daß wir uns für

ihn interessiren könnten, das können Sie also nicht gemeynt haben.

Wie herrlich wäre es, wenn wir durch Sie, denn kein andrer würde ihn

so begreifen, einen Blick in den Kampf der innern Kräfte mit sich

selbst und der Außenwelt, in die Seele Ihres Shakespeare thun könnten,

obgleich wir Ihnen gewiß alle zugeben müssen, daß Ihre Darstellung

in diesem Moment seines Lebens vollkommen richtig ist; denn um sein

herrliches Trauerspiel zu schreiben, welches ich Jugend benennen

möchte, mußte er diesen innern Einklang, diese Geistesfreyheit errungen

haben, aber er stand noch auf der Gränze des neueroberten Reiches, und

blickte mit wehmüthig süßem Schmerz hinab in die Thäler der Erinnerung,

überwundner Freuden und Leiden. -- Und nun den heitern kindlich

lieblichen Prolog mit seinen schlummernden Gefühlen und Blüthenknospen

dabey; ich sah mich wieder, uns alle im Cabinetchen um Ihren Stuhl, und

die ahndungsvolle Stille, die das Geräusch der geschäftigen Hausfrau

und die schwatzenden Mädchen im Nebenzimmer so oft unterbrach, und die

Thränen kamen mir in die Augen. Doch Sie wissen das wohl alles so nicht

mehr. Und die Wiederholung dieses schönen Tages dieses Jahr habe ich

nicht mit erlebt! Mit Betrübniß sehe ich mein bescheidnes Blättchen,

welches Sie vielleicht in Töplitz, oder wer weiß wo, weswegen wir es

auch nicht zu schwer beladen wollen, aufsuchen muß, zu Ende gehen;

wie viel möchte ich Ihnen noch über die einzelnen großen Worte Ihrer

Dichter sagen, aber ich ermüde Ihre Geduld, und habe vielleicht schon

manches gesagt, was Sie für dummes Zeug erklären müssen; gemeynt habe

ich bey allem etwas, aber es vielleicht schlecht ausgedrückt, die

Männer _wissen_ die Sachen, wir _fühlen_ sie, und wenn wir

unser Gefühl undeutlich ausdrücken, weiß kein Mensch, was wir gewollt

haben. Leben Sie wohl, Verehrter, Theurer, grüßen Sie Ihr ganzes liebes

Haus und die gute Solger, und denken Sie in verlornen Augenblicken auch

einmal mit Nachsicht und Güte an

_Adelaide Reinbold_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 135 / 309 题