_Hamb._ d. 24st. Oct. (ohne Jahrzahl[9]).
Dein freundliches Andenken, Bester Tieck, macht mich so glücklich, daß
ich nicht zu sagen wüßte, ob ich mich mehr über Deinen Brief oder über
Webers Bekanntschaft, der ich viel schöne Stunden verdanke, gefreut
habe. Es gehört zu den wenigen Wünschen, die ich für diese Welt noch
habe, Dir einmahl wieder näher zu kommen und Deine Kinder, von denen
ich so viel Liebes höre, kennen zu lernen. Webers werden Dir sagen,
daß ich immer noch in derselben glücklichen Lage im Sillemschen Hause
lebe. England ist mir eine sehr schöne Erinnerung, hauptsächlich weil
ich dort den Grund zu einer bessern Gesundheit gelegt habe. Um dort
zu bleiben, war grade nicht der rechte Augenbl., indem grade in jenem
Sommer all’ die guten Häuser, denen ich empfohlen war, fallierten und
zum Theil England verliessen; jetzt sieht es nun gar so bunt aus, daß
meine dortigen Freunde sich herzlich freuen, mich nicht gefesselt zu
haben. -- Welche Freude wäre es gewesen, wenn wir uns dort getroffen
hätten, ich weiß, wie ich mich schon an den wenigen Menschen dort,
die Dich gesehen hatten, gefreut habe. Daß auch Deine Gesundheit sich
bessert, ist gar herrlich! -- ich denke im Frühling nach Giebichenst.
zu reisen, wo jetzt wieder so viele von den Meinigen beysammen sind,
und hätte große Lust einen kleinen Abstecher nach Dresden, was mir in
so vieler Hinsicht bedeutend ist, zu machen. Aber du müßtest freylich
noch dort sein, wozu ja auch Weber mir Hoffnung giebt. Deine Frau
und Kinder sind auf’s Herzlichste von mir gegrüßt. Die Meinigen
schreiben mir so wenig, daß ich gar nicht wußte, daß Ihr in Dresden
lebet, auch der Fritz hat ganz aufgehört mir zu schreiben, und kommt
Ende dieses Monaths ganz zu Raumer ins Haus, was mich sehr glücklich
macht, und ich beabsichtige die Reise hauptsächlich, um ihm nicht
ganz fremd zu werden. -- Herzlich habe ich mich gefreut, auch einmahl
wieder etwas von Möllers zu hören, die ich recht sehr werth halte.
Dein kirschbrauner Freund v. Bielefeld ist auch wieder hier, ich habe
ihn aber noch immer verfehlt. Bey Deinen hiesigen Freunden bist Du in
sehr gutem Andenken; Mad. Sillem, die jetzt viel kränkelt, trägt mir
herzliche Grüße auf. Die grauen Erbsen, davon Weber nur einige Pf. in
seinem Wagen lassen kann, kommen mit der fahrenden Post. -- Seegne Dich
Gott für Deine Güte und erhalte mir Deine Freundschaft.
_L. Reichardt_.
=Reinbold, Adelheid.=
Obgleich wir diese Zierde Tieckscher Geselligkeit oft zu sehen
und uns an ihr zu erfreuen so glücklich waren, wollen wir doch
gern, was wir von ihr zu sagen vermöchten, unterdrücken, und
schwärmerisch-begeisterten Klageworten über ihren Tod (siehe den
Brief des Baron Maltitz) einen zusammengedrängten Abriß ihres
Lebens folgen lassen, wie derselbe auszugsweise, doch wörtlich
_Rudolf Köpke’s_ herrlicher Schilderung entnommen ist.
„Unter den zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid
R. eine der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt
worden. Was sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen,
hatte sie dem Leben in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges
Mädchen war sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen.
Sie stammte aus einer hannoverischen Beamtenfamilie. Früh machte
sie manches verborgene Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche
Kenntnisse in Sprache und Wissenschaft, und suchte sich dadurch
eine selbstständige Stellung zu verschaffen. Zuerst hatte sie
in _Rehberg’s_ Familie eine freundschaftliche und für ihre
Ausbildung folgenreiche Ausbildung gefunden; dann ging sie
nach Wien, wo sie als Erzieherin lebte, in die Welt der großen
Gesellschaft eingeführt, und nach Lösung ihrer Aufgabe mit einer
Pension entlassen wurde. Sie ging nach Dresden, und lernte Tieck
kennen.
Fern von Weichheit und Sentimentalität, besaß sie eine
männliche[10] Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu
eigenen Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt; sie wollte
aussprechen, was sie in sich unter schweren Verhältnissen erlebt
hatte. Die Trauerspiele „Saul“ und „Semiramis“ entstanden. In
der Novelle versuchte sie sich mit bestem Erfolg. -- Zu ihrer
Familie heimgekehrt, führte sie ein Dasein häuslichen Kummers.
Dennoch schrieb sie für öffentliche Blätter und trat, unter dem
Autornamen _Franz Berthold_, als Erzählerin im Morgenblatte
auf. Im Jahre 1831 ging sie nach München, wo sie eine Zeit lang
in Schellings Hause lebte. Später nahm sie abermals eine Stelle
als Erzieherin bei fürstlichen Kindern in Sachsen an. Doch weil
sie in solcher Existenz die Selbstständigkeit ihres produktiven
Talentes gehemmt glaubte, machte sie sich wieder los, und wagte
es, sich eine unabhängige literarische Stellung zu schaffen. Seit
1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngeren Brüder auf
der Militairanstalt untergebracht. Mit voller Selbstverleugnung und
Aufopferung verwandte sie ihren literarischen Erwerb darauf, die
Ihrigen zu unterstützen. In der Familie eines einfachen Handwerkers
hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie
theilte. In ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen, Kritiken. In
der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Sie war eine glänzende
Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft
und Thätigkeit. In Tieck’s Hause zu Hause, ihm selbst fast
leidenschaftlich ergeben, war sie heiter, witzig, sprühend, ein
Gegenbild zur ernsten, frommen, gelehrten und einfachen Dorothea.
Sie beherrschte das Gespräch vollkommen, mochte ihr der Diplomat
oder Philosoph, der Engländer, Franzose, oder der deutsche Dichter
gegenüber stehen.“ -- Wie theuer sie ihrem verehrten Meister
gewesen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß Dichtungen, der
aufregenden Zeit von 1830 entsprossen: „Der Prinz von Massa“ --
„Masaniello“ -- trotz revolutionairer Färbung nicht vermochten,
sein Herz ihr zu entfremden. Sie blieb der Liebling des ganzen
Tieck’schen Kreises, nicht minder geachtet als geliebt.