_Waldeck_, den letzten May 1831.
Recht sehr verlangt es mich, Ihnen einmal wieder ein paar Worte zu
sagen, theurer Freund, obgleich ich nicht hoffen darf, dafür etwas von
Ihnen zu hören. Haben Sie Semiramis gelesen, und was sagen Sie dazu?
Ich weiß recht gut, daß ich dabey etwas gemeynt habe, werde ich es
denn aber recht ausdrücken können? Ich habe zeigen, oder besser, sagen
wollen, daß die Moral im höhern Sinne das organische Gesetz unsrer
Menschheit ist, welches eben dadurch, daß es aus der chaotischen Masse
geistiger Kräfte die Legislation eines Ganzen schuf, etwas höheres
producirte, als selbst das ist, welches Geister ohne solches Gesetz
aufzuweisen haben, und ich habe zeigen wollen, wie diese Humanität
selbst die übermäßigen anarchischen Kräfte eines halb göttlichen
Wesens durch ihre moralische Geordnetheit, wenn ich so sagen darf,
bezwingt, und dadurch höher steht, als wir uns die Geister, Engel oder
wie wir andre geistige Wesen nun einmal nennen wollen, im Allgemeinen
denken, obgleich ich überzeugt bin, daß auch sie ein, nur uns natürlich
entgehendes, Gesetz ihrer Natur haben.
Eine Composition der Art konnte, wegen ihres luftigen Terrains, nur
Skizze und Fragment seyn; wer vermag dieser alten Fabelwelt einen
festen Boden zu geben? Uebrigens schließt sich Semiramis selbst, trotz
ihres fingirten halb göttlichen Ursprungs, eben durch diese Kräfte
ihres Innern an jede höhere menschliche Natur, sie sey weiblich oder
männlich, an, welche gewaltige Kräfte über das Gesetz hinaustragen,
bis die Erfahrung, seine heilsame Beschränkung fühlend, sie wieder
zurückführt.
Meine paar Novellchen (ziemliche Jämmerlichkeiten, welche durch die
Schürzengunst und Critik der Schelling und Cotta (~entre nous
soit dit~) sich den Weg ins Morgenblatt bahnen mußten) sind im
Morgenbl. gedruckt; sie heißen die Kette und Emilie de Vergy. Letztere
überraschte mich gedruckt in Leipzig, aber ich fühlte keine Wonne eines
zum ersten mal gedruckten Menschen, sondern eine tiefe Beschämung über
die Erbärmlichkeit des Products, welche mir da erst recht in die Augen
fiel. Aber es war ein Machwerk, ~à commande~ geschrieben, fast
mit vorgeschriebener Seitenzahl, aus dem das Beste noch weggestrichen
wurde. Von hier aus habe ich ihnen auf Verlangen zwey andre
Kleinigkeiten nachfolgen lassen, die mehr mein eigen sind. Sie heißen
die Gesellschaft auf dem Lande mit Fortsetzung.
Uebrigens bin ich sehr fleißig, ob es hilft, müssen wir erst sehen.
Raumer hat mir in den ~Memoires du Comte de Modène~ ein
vortreffliches Buch geschickt, welches alles enthält, was ich wünschen
kann. Ich habe hier keine _Seele_ als mich selbst, der Spaß dauert
auch nicht länger als sechs Monate, ich habe schon das Meinige in allem
Guten dazu gethan, ihm seine Gränzen zu stecken. Finden Sie das nicht
zu voreilig expeditiv; ich mußte! --
Darf ich Ihnen ein schönes, schönes Schwesterchen zuschicken, welches
ich in Dresden seit acht Tagen bey der Canzlerin Könneritz habe? Ein
gar gutes, liebes, solides Kind mit einem wahren Madonnakopf; empfehlen
Sie sie Ihren Damen, und bitten Sie sie in meinem Namen um die
Erlaubniß sie besuchen zu dürfen. Ich fürchte, sie wird mich bey Ihnen
ganz ausstechen, bey Agneschen und Dorothea gewiß.
Der Gräfin bin ich noch sehr dankbar für ihren letzten Brief, den ich
höchst ungern, aber auf ihr Gebot gewissenhaft vernichtet habe. Mit
der Zeit schreibe ich einmal mehr von hier, bis dahin bitte ich mich
all den Ihrigen zu empfehlen. Darf ich denn diesen schlechten Wisch
abschicken? Sie sehen aus seiner Eile den -- wollte Gott Früchte
bringenden -- Fleiß und das Vertrauen