_Hamb._ d. 20t. Nov. (ohne Jahrzahl).
Lange habe ich solch eine Freude nicht gehabt wie über Deinen Brief,
lieber Tieck, und Du brauchtest zu v. Bielefelds Empfehlung nichts
weiter zu sagen, als daß er Dein Freund ist. Die Familien, deren
Bekantschaft Dir für ihn lieb wäre, sind noch alle auf dem Lande,
aber die nächste Woche pflegt so der letzte Termin zu seyn und dann
werd ich ihn mit Vergnügen bey Mad. Sillem einführen; die weiteren
haben Runge und der junge Sieveking übernommen, mit denen ich ihn
bereits bekannt gemacht habt, und die dazu weit geschickter sind als
ich, da ich schon seit mehreren Jahren aus allen Gesellschaften mich
herausgezogen habe, weil ich es mit meinem Geschäft nicht vereinbar
fand, und auch meine Gesundheit, die mich seit der letzten Reise nach
Berlin oft Monathe hindurch im Zimmer hält und ausser aller Thätigkeit
setzt, es ohnmöglich machte. -- Von Deiner Gicht hörte ich oft mit
herzlicher Theilnahme und freute mich, wenn man mir zugleich erzählte,
daß Du dabey Deine Heiterkeit nicht verlohren. -- Daß Deine Töchter
musicalisch sind, ist eine schöne Zugabe, meine Lieder sind mir so
fremd geworden, seit ich in Hamb. bin, daß Dein Wunsch, sie zu haben,
mich ordentlich einen Augenblick wehmüthig machte, weil es mich an die
alte gute Zeit erinnerte. Ich habe durchaus nichts davon, aber ich weiß
hie und da noch jemand, von dem ich sie glaube erhalten zu können, und
so soll Dein Freund, der Weihnachten zu Euch kommt, Dir wenigstens
die Deinen, und was ich sonst der Mühe werth halte, mitbringen. Mein
einziger Wunsch ist, bevor ich sterbe, noch etwas für die Kirche zu
schreiben, ich habe diesen Sommer mit einzelnen Sprüchen aus der Bibel,
die ich für meine Schülerinnen 3 und 4 stimmig gesetzt habe, angefangen
und denke hauptsächlich in dieser Absicht eine Einladung nach England
anzunehmen, weil ich dort in 2 Tagen mehr verdienen kann, als hier die
ganze Woche und dann alle übrige Zeit eine Stunde von London in einer
schönen Gegend ganz auf dem Lande zubringen würde, in einem deutschen
Hause, welches mir alle Vortheile, deren ich mich in der Sillemschen
Familie erfreue, anbiethet, dafür daß ich zwey lieben Mädchen, die
schon hier meine Schülerinnen waren, Singstunden gebe.
Ob ich mich um Fritz verdient gemacht habe, daß wird sich erst zeigen,
ich habe nach meiner Ueberzeugung gehandelt und es mir viel kosten
lassen, aber er entspricht meinen Erwartungen bis jetzt leider nicht.
Laß dies unter uns bleiben. -- mein seeliger Vater schrieb mir, als
er ihn mir schickte: „Suche seinen Verstand auszubilden, so wird es
vielleicht möglich, von dieser Seite auf sein Gefühl zu wirken; aber
was mich und Dich beglücken kann, das wird er nie haben,“ und ich
fürchte, er hat nur zu wahr gesagt. Er hat der Mutter ihren Egoismus
und den eisernen Eigenwillen von Carl Alberti. Gott möge sich sein
erbarmen! --
Deine Arbeiten erhalte ich immer ganz frisch von Perthes; und Runge,
der sehr viel davon hält, liest sie mir vor. Ich muß bey Erwähnung
Deiner Arbeiten noch sagen, daß mir mehreres, besonders der Phantasus
so werth ist, daß ich viel daraus ganz auswendig weiß. Diese beyden
Männer gehören zu den wenigen Menschen meines vertrauten Umgangs,
und daß sie Dich achten und lieben, macht sie mir besonders werth.
Voriges Jahr hofften wir so sicher, Dich hier zu sehn, kannst Du es
nicht einmahl noch machen, wie würden wir uns freuen! Deine Frau grüße
tausendmahl; beykommende graue Erbsen lege ich Dir zu Füssen und
schicke nicht mehr, weil die großen, die aber jetzt sehr theuer sind,
erst in 14 Tagen kommen, wie mir der Mann, von dem wir alles nehmen,
hat sagen lassen; willst Du nun davon noch mehr haben, so soll er Dir
sie gleich mit der Rechnung schicken, ich hoffe Du sollst aber auch
mit diesen, wovon Mad. Sillem, die Dich freundlich grüßt, eine Probe
hat kochen lassen, wohl zufrieden seyn. Die gute Sillem ist heute
in Trauer, da gestern Abend plötzlich ihre einzige Schwester Mad.
Goddefroy gestorben, der Mann ist schon seit dem Frühling todt, und
die fromme Frau, die schon lange kränkelte, sehnte sich mit ihm wieder
vereint zu seyn.
Entschuldige mein Geschmier und bleibe freundlich Deiner Dir innig
ergebenen
_L. Reichardt_.