VI.

_Breslau_ d. 31. Oct. 12.

Seit dem 27t. Abends bin ich recht wohl behalten hier. Bis auf

ein gebrochen Rad, am Wagen des Crossner Gastwirths, eine Stunde

Fußwandrung und eine Nacht in einer kleinen Dorfschenke, ging alles

nach Wunsch und Willen. Hier fand ich alle sehr wohl und heiter. Rike

ganz hergestellt und etwas stärker als vor der Ehe, ihre kleine Dor.

ein gar liebes ruhiges Kind von freundlichem Ernst, dem Vater ganz

gleich. H. und S.[8] und Clärchen auch etwas stärker geworden und

alle, auch meine Frau, sehr wohlaussehend. Diese freut sich Eurer

freundlichen Einladung für den Rückweg, und wird mit Vergnügen einige

Tage bei Euch hausen: aber acht Tage scheinen ihr in der Nähe ihrer

Töchter, die sie so lange nicht sah, doch auch zu viel. Vor Neujahr

geschieht es indes auf keinen Fall. Wir sind hier auch gar gut

aufgehoben. Die Kinder wohnen gar erwünscht, in einem schönen Hause,

daß mich oft an die besten Lombardischen Paläste erinnert und daß auf

Königl. Kosten mit aller möglichen Bequemlichkeit für sie und für die

unter ihnen befindliche Bank versehen ist. Schildwachen, Hauscastellan,

große Hausuhr auf dem Giebel des Hauses, doppelte Laternen, Diener

für die Mineralsamml., der auch zugleich für R. und St. ein guter

Aufwärter ist; man kann gar nicht bequemer geräumiger und zugleich

ansehnlicher wohnen. Auch sind sie alle sehr mit der Wohnung zufrieden;

auch ist die Vertheilung sehr passend ausgefallen, für St. die untere

durch Höhe und Wölbung der prächtigen Zimmer noch ansehnlichere, für

R. die gemüthlichere noch bequemere Wohnung. Auch von der Stadt und

ihren freundlichen gastfreien Bewohnern bin ich sehr gut empfangen,

Einladungen zu Diners und Soupers kommen vom ersten Tage an, viel

häufiger als ichs wünschte: mehrere sind auch schon abgelehnt. Die

Reise hat mich doch wieder etwas von neuem angegriffen, und ich fühle

wohl, daß ich Ruhe und Mässigkeit bedarf. Das Wetter hat mich sehr

begünstigt, erst als ich hier schon in Sicherheit war, stellte sich

der Regen ein, der die alte würdige Stadt schon gar weidlich mit Koth

überzogen hat. Neues von der Armee erfährt man hier eben so wenig als

in B., obgleich man ihnen hier doch schon näher ist, und manches auch

über Wien her erschallt. Das fatale Friedensgerücht scheint sich indes

doch von keiner Seite zu bestätigen.

Nun wünsche ich recht herzlich, mein Lieber, bald einmal etwas von

Dir über all das Geschreibsel, das ich Dir zurückließ, zu erfahren.

Was Du der weitern Ausführung am würdigsten findest, und worüber Du

wohl bei Deinem Aufenthalt in Berlin am liebsten ein Wort zu meinen

Gunsten an Reimers sagen möchtest, das könntest Du mir wohl auch

wieder herschicken. Ich bin so ganz ohne Beschäftigung hier, daß

ich sonst etwas Neues beginnen müßte. Ich denke mich zwar mit dem

hiesigen Theater zu beschäftigen, wozu die Direction auch schon die

Artigkeit gehabt, mir ein für alle Plätze gültiges Billet zuzuschicken,

aber ich weiß doch noch nicht, ob mich das auch zu einer ruhigen

Stubenbeschäftigung führen wird, deren ich immer bedarf. Wenn ich mit

Deinem Phantasus zu Ende bin, schreib ich Dir auch, nach Deinem Willen

den Eindruck, den die verschiedenen Märchen auf mich gemacht. Auf dem

Wege kam ich weniger zum Lesen, als ich vermuthete, hier noch fast gar

nicht. Es soll indes nicht so gar lange mehr währen, daß Waagen das

Exemplar erhält. Hergekommen ist er doch nicht, aber wohl wieder von

Schmiedeberg nach Waldenburg zurückgegangen: Du schickst mir auch wohl

d. 2t. B. zu weiterer Beförderung.

Nimm heute mit diesem flüchtigen Blatte vorlieb, mein Lieber, wohl

zehnmal ward ich dabey unterbrochen. Könnt’ ich Dich doch herzaubern,

um mündlich so manches zu verhandeln, das sich in den paar Tagen dort

in Ziebingen eben nicht einstellte. Am meisten hab ich Dich gestern

Abend spät hergewünscht, als mir Rieke und Soph. mehrere meiner

Göthe-Sachen mit einer sehr verschönten und vergrösserten Stimme, und

gar edlem gehaltnen Vortrage sangen. Alle grüßen Dich und M. und D. und

den kleinen C. XII aufs herzlichste. Laß ja recht bald etwas von

Dir hören und empfiel mich auch dein ganzen Hause bestens. Nochmals

tausend Dank für freundl. Aufnahme.

_R._

=Louise Reichardt,=

des Vorigen Tochter, als Komponistin schöner Lieder bekannt, die

sich durch Tiefe des Gefühls und einfach natürliche Declamation

auszeichnen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 132 / 309 题