III.

_Göttingen_, 13. May 1835.

Da endlich der Frühling sich eingestellt hat, und ich eine erwartete

Nachricht von der glücklichen Entbindung meiner Tochter, vor der

ich nicht daran denken konnte, mich von hier zu entfernen, heute

eingetroffen ist, so ist es Zeit, die Anfrage, die ich Ihnen vor

mehreren Monaten angekündigt habe, im Ernste zu machen. Ich frage

Sie also, Theuerster, ob wir Uns in diesem Sommer auf eine weniger

beengte Weise sehn können. Es wäre Uns allen so erfreulich gewesen,

mit Ihnen in dem Baden, das mit allem Widerwärtigen des vorigen

Sommers doch so viele Reize hat, einige ruhige Tage zu verleben, statt

dessen wir Sie wegfliegen sehn mußten, und drey Wochen lang Ihnen

nachsahen. Reisen Sie dieses Jahr? und wohin? Ich werde, wenn nicht

sehr unangenehme Störungen meiner Entwürfe eintreten, wieder in die

Gegend, aber nicht bis nach Baden gehen. Haben Sie etwas vor, damit

ich meine Anlegungen combiniren könnte, so würde ich diese danach

einrichten. Nach Böhmen ist mir zu entfernt. Aber was zwischen dem Mayn

und Rhein liegt, ist zu erreichen. Ich hätte einen doppelten Grund zu

wünschen, mit Ihnen einige Zeit zuzubringen, da ich endlich mit der

Politik schmolle, und mich in ganz andre Regionen der Beschäftigung

des Geistes zurückgezogen habe: welche Uns einen für mich um so mehr

erfreulichen Stoff zur Unterhaltung geben würden. Meine erste Frage

würde seyn, ob Sie nicht den dritten Theil Ihrer dramaturgischen

Blätter herausgeben? Wäre es auch nur um die vortreffliche Beurtheilung

von des Oehlenschlägers Correggio davor zu retten, daß sie nicht in

dem Wuste einer Zeitschrift, der sie beygegeben ist, vergraben bleibe.

Sie wißen, daß ich das Theater und das Raisonniren darüber, -- ich

könnte sagen, wie Goethe sich so oft ausdrückt, _mehr als billig_

liebe. Nun sehe ich nie Schauspiele, und zweifle gar sehr, ob ich je

noch ein Haus betreten werde. Aber das Interesse an der Dramaturgie

ist in mir so lebhaft, daß ich mich nicht zurückzuhalten vermag, wenn

nur etwas genannt wird, das Anlaß zu Betrachtungen über Dramen geben

kann. Ferner habe ich meinen lange gehegten Wunsch den ~divino

Lope~ näher kennen zu lernen, immer vereitelt gesehn, und doch

noch nicht aufgegeben. Viel spazieren zu gehn, ist mir eben so wenig

gelegen, als Ihnen. Aber in einer schönen grünen Umgebung über Alles

dieses mit Ihnen zu reden, wäre besser als Alles, was ich in der weiten

Welt suchen mag. Geben Sie mir das Mittel dazu an. Ich höre mit der

lebhaftesten Theilnahme, daß Ihre häuslichen Umstände sich so gestaltet

haben, daß Sie Dresden verlaßen können, ohne die Sorgen mitzunehmen,

die Ihnen den Aufenthalt in Baden trübten.

=Nachschrift der Frau von Rehberg.=

Ich kann nur unterschreiben, was Ihnen R. gesagt hat, theurer Freund.

Wir Alle freuen uns herzlich der ernstlichen Besserung Ihrer lieben

Frau, und denken nun wieder ruhiger und heiterer an unser verlornes

Paradies am Alt-Markte zurück. Wir sollen dorthin kommen, sagen Sie

-- und was hindert uns daran, da kein Engel mit dem Schwerdte als

Schildwache davor steht? Aber wir hätten Sie da nicht allein, und

müßten Sie mit Allen denen theilen, die an dem Europäischen Theetische

ab- und zuströmen. In einer einsamen grünen Gegend gehörten Sie unser.

Sie sollen uns aber nicht selbst antworten -- es wäre Ihren Freunden

peinlich, wenn Ihre vom Schreiben müde Hand sich auch noch zu einem

Briefe in Bewegung setzte. Die Gräfin oder die gute Solger sind wohl so

gütig, uns in einigen Worten über Ihre Sommer-Plane Nachricht zu geben.

Vor wenigen Tagen hat meine Tochter Marianne ein zweytes Mägdlein

bekommen -- ich theile dies den gütigen theilnehmenden Freunden in

Dresden mit, auch meiner lieben stummen Adelheid Reinbold.

Herzliches Lebewohl!

_v. Rehberg_.

=Reichardt, Johann Friedrich.=

Geb. zu Königsberg 1751, gest. zu Halle den 27. Juni 1814.

Wenn er zu seiner Zeit als Komponist größerer wie kleinerer Opern,

Operetten und Liederspiele einen hohen Rang einnahm; wenn er als

Redakteur der musikalischen Zeitung, ja auch als politisirender

Schriftsteller vielseitigen Einfluß übte, und für eine geistige

Macht gelten durfte, die man bisweilen beargwöhnte, daß sie sich

zu überheben suche; wenn all’ diese seine verschiedenartigen

Produktionen, die den Mitlebenden imponirten, jetzt mit ihnen

begraben sind.... in Einem wird er doch unvergeßlich bleiben,

und auch heutzutage bei gänzlicher Geschmacksveränderung jeden

Unbefangenen entzücken, der ihn darin kennen lernen will: in seiner

Art und Weise, Liedern unserer größten Dichter entsprechende

Melodieen zu finden. Reichardt verdient vollkommen den Namen

_Tondichter_, denn keiner hat tieferes Verständniß dabei an

den Tag gelegt. Es war eine offenbare Ungerechtigkeit, daß Goethe

wie Schiller sich von diesen wahrhaft klassischen Kompositionen

abgewendet haben, um Zelter’n zu huldigen. Eine Ungerechtigkeit,

die sich wohl nur erklären läßt durch oft anmaßendes Betragen, und

durch manche kleine Charakterzüge, die ihn perfid _erscheinen_

ließen, wo er doch in gutem Rechte zu sein glaubte. Gewiß hat

dieser bedeutende Mensch Alles gethan, um sich Feinde zu machen.

Auch seine Stellung bei Hofe verdarb er sich durch unüberlegte

Witzworte, die er schonungslos wie Geißelhiebe austheilte. Als z.

B. der vielbeliebte Kapellmeister _Himmel_ die von Kotzebue

aus Paris mitgebrachte Operette „Fanchon, das Leiermädchen“ in

Musik setzte, und die darin enthaltenen unzähligen kleinen,

coupletartigen Liedchen mit leichten Melodieen begleitete,

äußerte Reichardt, erbittert über den beispiellosen Succeß solch´

oberflächlicher Leistung ganz laut: „In dieser Oper sieht man den

Himmel für einen Dudelsack an!“ was zwiefach boshaft klang, weil

dieser Ausdruck volksthümlich auf Betrunkene angewendet wird, und

weil Himmel im Rufe stand, oft betrunken zu sein.

Von den Briefen R.’s an Tieck haben wir nur _einen_

wegzulassen gewagt, -- obgleich sehr ungern -- aus Rücksichten

für Lebende wie Todte. Dafür bringen wir als Zugabe ein Schreiben

Tieck’s an _ihn_, womit diese Reihe _eröffnet_ wird,

und als Anhang zwei Briefe seiner Tochter _Louise_, die dem

Freunde und Kenner _deutschen_ Liedes werth bleiben müßte,

wenn sie gleich nichts anderes gesungen hätte, als die herrliche

Melodie zu Novalis unsterblicher Klage:

„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,

Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“

Ludwig Tieck an Reichardt.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 122 / 309 题