_Dresden_ .... 1801[4].
Ich schicke Dir hier nach meinem Versprechen das Liederspiel zurück,
das ich mit großem Vergnügen gelesen habe; da Du aber ein ganz
aufrichtiges Urtheil von mir verlangst, so wär’ es sehr Unrecht von
mir, wenn ich es Dir nicht ganz so mittheilte, wie es mir beim Lesen
und beim nachherigen Ueberlegen vorgekommen ist. Du weißt, was mir
in Deinen beiden ersten Stücken so sehr gefiel, war ein gewisses
künstliches Gegenüberstehn der Personen und Gesangesmassen, wie ich
es nennen möchte, wodurch in den Liedern selbst eine fortschreitende
Handlung war, und wodurch alles korrespondirte und sich gegenseitig
trug und erhielt. Dies scheint mir in diesem Stücke zu fehlen, wodurch
es ein wildes verworrenes Ansehn erhält, und doch monoton wird, alle
Töchter drücken einen Gedanken aus, ebenso die Künstler, Mann und Frau
stehn fast ganz müssig, die Handlung erregt eine falsche Erwartung, die
nachher nicht befriedigt wird. Wozu lässest Du das Theater verwandeln?
Ich sollte meinen, bei einem solchen Tableau müßte wirklich die
Unveränderlichkeit der Bühne ein Gesetz sein; denn durch die bloße
Verwechselung der Scene entsteht schon ein viel größerer Anspruch,
eine Ausbreitung, die dem kleinen Detail Schaden thut; wenn ich das
Final abrechne, so hat Göthe wohl in Jery und Bâtely die Aufgabe sehr
schön gelöst. Ich fürchte auch, was das Aeußere anbetrifft, die erste
Scene mit dem Herunterklettern muß sich auf jedem Theater kleinlich
machen, und was noch schlimmer ist, Du hast dadurch das Pikante
vorangestellt; denn nachher ist es mit dem Vorfall schon vorüber, es
steht nur still und erhält eine Auflösung, die ängstlich klar und
deutlich ist, und die man eigentlich gar nicht erwartet. Wozu sind
überhaupt die handelnden Personen Künstler? Es thut nichts zur Sache,
als daß es eine gewisse Heftigkeit in dem jungen Menschen zeigt, die
mir wenigstens nicht hat gefallen wollen; es geht aber mit der Liebe
ein wenig zu schnell, was sich mit der großen Innigkeit besonders der
andächtigen Lieder nicht vereinigen läßt. Von diesen Liedern muß ich
Dir überhaupt sagen, daß sie mir in diesem Stücke keine angenehme
Empfindung erregt haben, sie sind fast alle die heiligsten, die Göthe
je gedichtet und Du gesungen hast, sie sind wie Kernsprüche aus der
Bibel, die eine unendliche Anwendung zulassen, die aber schon für sich
tausend mannichfaltige Geschichten und Empfindungsspiele enthalten;
will man sie nun, wie hier geschehn, in die Welt einführen, so
verlieren sie durchaus ihren Charakter von Allgemeinheit und Größe, sie
erläutern einen geringfügigen Umstand, wodurch sie fast zur Parodie
werden, wie es besonders mit dem göttlichen: _Trocknet nicht, Thränen
der heiligen Liebe_ geschehn ist. Eben so unerwartet kam mir das
Lied aus dem Meister: _Kennst Du das Land_, was hier nothwendig
seinen (_Lücken_) -- -- -- -- -- schöninnigen und geheimnißvollen
kindischen Charakter verlieren muß. Am meisten hat mich fast der
Klopstock überrascht und gestört, der doch mit seiner hohen Anmaßung
noch überdies schwerfällig und unverständlich ist, so daß er gewiß mit
dieser Ode nicht populär sein kann. Ich glaube überdies, diese Sachen
von Göthe müssen niemals populär werden, sie können es auch nicht; auf
dem Theater werden sie eben entheiligt, welcher Comödiant soll es sich
unterstehn, das: _Die ihr Felsen und Bäume bewohnt_, herzusingen?
Es ist ja dieses ähnlich als im Göthe selbst der innerste Göthe, er hat
dergleichen in keines seiner musikalischen Stücke aufgenommen, weil es
die Andenken seiner glänzendsten Lebensmomente sind. Mir wenigstens
thut es weh, diese Töne auf irgend eine Weise verknüpft wieder zu
finden. Du kannst es nicht vermeiden, daß es sich nicht selbst
parodirt. Warum willst Du nicht überhaupt bei kleinen Liedern stehn
bleiben, die eben im Zusammenhange ergreifen, weil sie so klein und
verständlich sind? Hier im Schweizerkostüm hätt’ ich mir: „Wenn ich ein
Vögli wär’,“ und „Ich hab’ einmal ein Schätzel g’habt,“ erwartet und
gewünscht. Es konnte eine Familie sein, die von den Unruhen vertrieben,
sich hier niedergelassen, ein desperater Sohn will fort, in den Krieg,
seinen Freund aufsuchen, der sich seitdem verloren; die Schwestern
können ihn nicht zurückhalten, er klettert heimlich den Fels hinauf,
indeß zeigt sich von oben der Freund und Geliebte, die gegenseitige
Erkennung, die Liebe, die Nachricht vom Frieden und dergleichen, recht
alte Schweizerleute in Mann und Frau hätten wohl etwas Schönes machen
können, dazwischen einmal der Kuhreigen u. dgl. -- Verzeih mir meine
umständliche Kritik, die vielleicht zu strenge sein mag. -- Wir sind
hier alle wohl, nächster Post wird Mama schreiben, die außerordentlich
munter ist. Ich danke Dir noch einmal für Deine freundliche Aufnahme,
und denke noch mit Sehnsucht an Euren schönen Aufenthalt.
Grüß alle herzlich von mir.