I.

_Erlangen_ d. 26ten Obr. 1832.

Liebster T., was mußt Du und die gute Tante von mir denken, daß ich

schon mehrere Wochen zu Hause bin, ohne ein freundliches Wort über

Eure so überaus freundliche Aufnahme zu schreiben. Doch denke ich, Ihr

müßt mirs angemerkt haben, wie mir bei Euch so wohl war, da ich, nach

dem überaus unruhigen Leben in Berlin, wieder allmählig still wurde. --

Ja danke Dir, liebster T., daß Du mir so viel Zeit schenktest; mögen

wir auch über manches verschieden denken, ich fühlte doch, daß ich

mit Dir getrost und friedlich auch über die Differenzpunkte sprechen

könnte. Ja ich fühle eine Sehnsucht, den Gedankenstrich auszufüllen,

den wir am ernsten Schluß eines Abendgesprächs machten -- und welcher

Schluß ist denn wohl ganz geschlossen? welcher ist nicht der Prolog

eines spätern Stücks! -- Ich schreibe nun freilich so spät, weil ich

hier viele Geschäfte vorfand, weil eine vortreffliche Frau aus unserer

Bekanntschaft starb -- doch der wahre Grund ist, daß ich immer damit

umgieng, durch einen langen Brief jenen Gedankenstrich zu ersetzen,

dazu kam ich aber nicht und komme ich auch jetzt nicht.

Ich kenne Dich und Deine Werke nun schon seit 30 Jahren, und darf

sagen: ich kenne Dich nicht wie ein kühler Leser, sondern ich habe Dich

innig lieb gewonnen. Deine Dichtungen haben in mein Leben eingegriffen

und mich selbst auf die einsamsten Gebirgsreisen begleitet. Deine

Vorlesung des Alten vom Berge war recht geeignet Alles zur Sprache zu

bringen, was ich zu besprechen auf dem Herzen hatte: den Zauber der

Natur, die Gewalt der Sünde, den Scheideweg zur Verzweiflung oder zur

Gnade. Du hast so tief in den schauderhaften Abgrund des menschlichen

Daseyns geblickt.

Wohl dem den tief die heilgen Schmerzen trafen,

Die tief im Weltall schlafen.

Der Schmerz über das verlorene Paradies erweckt die Sehnsucht nach

dem neuen, nach dem Erlöser. -- Immer muß ich Dich wieder fragen,

warum müssen kraft _Deiner_ Prädestination so viele Kinder Deines

Geistes verloren gehn -- Tannhäuser, Ekbert, Walter, Christian, der

Alte vom Berge &c. Warum hast Du nicht -- Gott ähnlich -- _keinen_

Gefallen am Tode des Sünders, sondern willst daß er lebe? Ich kann

der Berufung auf die innere Nothwendigkeit des Individuums nicht

beipflichten. Kannst Du mit Gewißheit von einem lebenden Menschen

sagen: er falle der Hölle anheim!? Wer ergründet die Kraft der Gnade,

die sich (scheinbar inconsequent) des Schächers am Kreuze erbarmte,

wer begreift die Intensität der Sterbestunde, welche viele lange matte

Jahre aufwiegt. Ja die Gnade, welche blutrothe Sünde schneeweiß macht,

spottet alles poetischen Calculs der Consequenz, auch der Dichter

kann von seinen Menschen nicht sagen: sie seyen verdammt. Winchester

auf dem Sterbebette ist eine furchtbare Ausnahme -- das Tragischste,

was ich kenne, denn da spielt das Stück über den 5ten Act hinüber

in die Ewigkeit. Hiernach dürfte nach christlichen Principien der

Aesthetik entschieden werden, was Tragödie und tragisch sey. (~Divina

Comedia~ dagegen.)

Ich vergas auch mit Dir über Deine „Verlobten“ zu sprechen, oder

verschob es auch mit, besorgt Du möchtest mich selbst zu den Pietisten

rechnen. Ich meine die _falschen_ Pietisten kommen bei Dir viel zu

gut weg, die aufrichtigen Christen aber schon dadurch schlimm, daß sie

vom Publicum (wie ichs erfahren) mit jenen falschen Deiner Verlobten in

eine Klasse gestellt werden. Gegen eine solche Interpretation diente

eine getreue Charakterschilderung eines ehrlichen Christenmenschen als

die beste Widerlegung. --

Das Wichtigste worüber ich mit Dir sprechen möchte, bleibt der

Gegensatz von Natur zu Gnade, Geburt und Wiedergeburt. (Joh. 3.

Nikodemus.) Der Teufel macht uns weiß, daß mit dem Absterben des alten

Menschen die schönsten Gottesgaben verloren giengen -- als wenn Sonne

und Mond und Sterne für den verloren giengen, der sich von Anbetung

derselben zur Anbetung Gottes wendet. Im Gegentheil wird durch Christus

die Naturgabe verklärt, geheiligt ja unsterblich -- während auch die

größte Gabe, ohne solche Wiedergeburt, wie eine Blume des Feldes blüht

und verwelkt. Geister wie Seb. Bach, Kepler, Eyk &c. trösten am besten

und zeigen den Weg. --

Doch genug mein liebster T., nimm dies als eine flüchtige Andeutung

dessen, worüber ich eben gern gesprochen hätte. Du bist zu tief, als

daß Du Dich selbst mit dem Trost des oberflächlichen Volks beruhigen

und befriedigen könntest -- auch helfen die Scherze, wie die gegen das

Ende des Alten vom Berge nicht. Als die alte Schütz im Sarge lag, kam

die Hendel Schütz zum Alten, und sagte ihm: er solle doch die Leiche

noch einmal sehen. Sie hatte das Todtengesicht geschminkt! Der Alte

sagte: der Anblick versetze ihn in seine Jugend zurück. Bald darauf

meldete der Todtengräber: er könne es vor Gestank der ins Gewölbe

beigesetzten Leiche nicht aushalten, und die Alte mußte nachträglich

unter die Erde wandern. --

Soll ich mit der scheuslichen Geschichte schließen? -- lieber ganz

getrost mit 1 Corinther 15. -- Die herzlichsten Grüße der lieben Tante,

der Dor., der verehrten Gräfin. Auch an St. der mir so freundlich

entgegenkam viele Grüße. Den besten Dank noch für den trefflichen Wein,

welcher mich Nachts besonders erquickte.

Leb recht wohl.

Dein _K. Raumer_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 118 / 309 题