_Erlangen_ d. 27ten Aug. 1840.
_Liebster Tieck_,
Herr Durand ~Stud. Theol.~ aus Lausanne reist von hier über Wien
nach Dresden und wünscht sehr Dich kennen zu lernen. Er ist ein
lieber Mensch, der unter A. mit französischem Feuer die Volkslieder
seines Vaterlandes zur Guitarre singt. Auch soll er improvisiren; ein
deutscher Freund in Lausanne empfahl ihn mir als einen Troubadour, was
ich nicht wiederhole, um durch die Empfehlung nicht zu schaden. -- Wir
hören so gar nichts mehr von Dir und Deinem Hause. Mein Bruder ist
auch so schreibfaul, daß ich wohl seit ½ Jahre keinen Brief erhielt
und wir ganz abgeschnitten von unsrer Familie sind. -- Sonst geht
es uns gut, nur leidet Rikchen etwas an den Augen. Mein Rudolph ist
Privatdocent und liest nächstes Semester Nibelungen, im jetzigen hat
er eine Geschichte der deutschen Gramm. vorangeschickt. Hans studirt
(im letzten Jahre). Dorothee will ich morgen besuchen, sie ist wohl wie
meine übrigen 3 Mädchen.
Reisest Du gar nicht mehr? Kommst Du mit den lieben Cousinen nicht noch
einmal nach Er., Deinen alten Lehrer Mehmel findest Du nicht mehr, er
starb im 80sten Jahre an demselben Tage mit dem Könige von Preußen.
Vielleicht besuche ich Dich im künftigen Jahre, ich sehne mich recht
darnach.
Rikchen grüßt mit mir Euch aufs Herzlichste.
Dein _Raumer_.
=Recke, Elisa von der.=
Geboren zu Schönburg in Kurland am 20. Mai 1754, gestorben zu
Dresden am 13. April 1833.
Der entlarvte Cagliostro (1787.) -- Reise nach Italien, 4 Bde.
(1815.) -- Gebete und Lieder (1783.) -- Gedichte (1806.) --
Dies Briefchen ist zwar an Gräfin Henriette F. gerichtet, doch
aber nur für Tieck bestimmt, gehört also hierher, und mußte schon
deshalb eingereiht werden, weil der gleichzeitige Aufenthalt
_Tieck’s_ und _Tiedge’s_ (bei seiner Freundin Elisa
lebend) in Dresden, zu manch’ ergötzlichen ~Qui pro quo~’s
Veranlassung gab, deren vorzüglich reisende Engländer und
Engländerinnen, denen es nur um die obligate Quittung über
glücklich absolvierte Celebritäten und Merkwürdigkeiten für ihre
Notizbücher zu thun ist, die ergötzlichsten lieferten.
_Dresden_ d. 22. Ap. 1821.
An Sie, Theure Freundin, wende ich mich, um von Ihnen zu erfahren, ob
unser Freund Tieck, den nächsten Donnerstag, das ist, d. 26 dieses
Monathes, die Stunden von 12 bis 5 Uhr freyhat; und ob unser Freund
mir dann den Genuß geben könnte, in den Mittagsstunden von ihm
das Trauerspiel seines Freundes Kleist lesen zu hören. Nur in den
Mittagsstunden bin ich eines solchen Genusses fähig: wenn die sechste
Abendstunde herannaht, dann drückt mich eine Schläfrigkeit, die mich
jedes geistigen Genusses unfähig macht. Noch bitte ich auf diesen Fall
einige wenige Freunde, die unsern Tieck noch nicht lesen gehört haben,
diesen Genuß zu verschaffen. Es werden nur wenige seyn, denn immer noch
werden meine Kopfnerven schmerzhaft gereitzt, wenn ich viele Persohnen
um mich sehe; Sie Theure Gräfin müssen mir aber die Freude machen,
unsern Tieck herzubegleiten, denn es ist mir ein doppelter Genuß, wenn
ich bey jeder schönen Stelle auf Ihrem Gesichte die edlen Empfindungen
Ihrer Seele lesen kann. -- Können Sie beyderseits mir Donnerstag Ihre
Gegenwart schenken, so wird mein Wagen Sie vor der 12ten Mittagsstunde
abholen, und nach beendigter Lektüre genießen wir dann in kleinem
Kreise, ein frugales Mittagsmahl.
Im Geiste freue ich mich heute schon dieser schönen Aussicht; denn
ich bin dessen fest überzeugt, daß wenn Ihre beyderseitige Gesundheit
es gestattet, meine Bitte erfüllt werden wird. -- Mit herzinniger
Hochachtung
Ihre
Ihren Werth fühlende
_Elisa von der Recke_.
=Regis, Johann Gottlob.=
Geboren zu Leipzig 1791 an Shakspeare´s Geburtstage; gestorben 1854
zu Breslau einen Tag nach Goethe´s Geburtstage.
Aus dem Englischen, aus dem Italienischen, aus dem älteren
Französischen, gab dieser sehr gelehrte, tief in den Geist
der Zeit wie der Sprache eindringende Forscher Uebersetzungen,
die vielleicht nur _den_ Fehler haben mögen, daß sie dem
_un_gelehrten Leser zu hoch stehen. Sowohl Shakspeares
_Sonette_ -- (geläufiger scheint uns sein Timon von Athen)
-- als den _Bojardo_, vorzüglich aber den _Rabelais_
muß der Deutsche aus Regis Verdeutschung sich gewissermaßen noch
einmal übersetzen. Und deshalb dürften den ganzen unschätzbaren
Werth dieser Riesenarbeit nur diejenigen vollkommen anzuerkennen
fähig sein, die seine gewissenhaften Uebersetzungen als Schlüssel
betrachten, der ihnen den Zugang zum Verständniß der Originale
eröffnet und erleichtert.
Regis, seit 1825 in Breslau einheimisch bis zum Tode, war selbst
was man „ein Original“ zu nennen beliebt, wobei sich denn freilich
ein Jeder denkt, was ihm einfällt, und womit nicht viel gesagt ist.
Er was menschenscheu, zurückhaltend, mißtrauisch gegen Fremde, auch
möglicherweise ein Bischen cynisch, was herkömmliche Ausstaffirung
des Studierzimmers und der eigenen Person betrifft, doch weit
entfernt, ein Menschenfeind zu sein, wofür ihn oberflächliche
Schwätzer ausschreien wollten. Was Wunder, wenn er dem Verkehre mit
solchen, den Verkehr mit seinen Büchern vorzog! Seine Bedürfnisse
sind gering gewesen, doch auch für diese geringen Ansprüche reichte
der Ertrag so streng abgeschlossenen philologischen Wirkens nicht
aus. Deshalb suchten und fanden Gönner den Weg zum Herzen des
Königs Friedrich Wilhelm IV., welches dergleichen Bitten
stets offen, dem bescheidenen Gelehrten ein Jahrgehalt von 300
Thl. zuwendete. Als die näheren Freunde gewahrten, daß er auch
damit nicht hauszuhalten verstehe, schossen sie unter sich eine
gleiche Summe zusammen, die sie ihm (um sein Zartgefühl zu schonen)
alljährlich bis an seinen Tod auszahlen ließen, als ob sie Gott
weiß aus welcher ebenfalls Königlichen oder andern Chatoulle flöße.
Er hat den großmüthigen Betrug niemals entdeckt.
Schon zum Tode krank, sein nahbevorstehendes Ende ahnend, arbeitete
er, zuletzt mit fast schwindendem Bewußtsein, ängstlich an einer
Reinschrift der „Epigramme der griechischen Anthologie,“ welche,
„in den Versmaßen der Urschrift verdeutscht,“ im Jahre 1856 von
seinem getreuesten Freunde Professor ~Dr.~ Haase herausgegeben
worden ist.
Sr. Hochwohlgeboren, dem Herrn Hofrath _Ludwig Tieck_.
_Breslau_, d. 2. Februar 1833.
_Hochverehrter Freund und Gönner_.
Unbesorgt um Ihre gewogene Aufnahme meines endlich ans Licht dringenden
Rabelais, wage ich Ihnen denselben zu senden. Denn Sie selbst waren
es ja, der schon vor Jahren so gütig an ihm Theil nahm, und ihn
herausgefördert hätte, wenn es an Ihnen gelegen hätte. Er tritt nun
in aller seiner Sünden Maienblüthe vor Sie, „~calzadas las espuelas
para ir á besar las manos á V. E.~“ und bittet um ein ganz offenes
Gericht -- denn leider weiß ich wie wunderlich seine Sprache im
Deutschen lauten muß -- die ich mir immer noch nicht ganz zu Dank
habe bilden, aber auch, nach 20jährigen Versuchen, bei Anspruch auf
_Treue_, (das bin ich mir bewußt) nicht besser habe machen
_können_.
Nehmen Sie daher vorlieb mit dem Mäslein meiner Kräfte und seyn Sie
versichert, daß jede Zurechtweisung, deren Sie mich würdigen wollten,
dem Buche selbst in der Folge, wenn ich dazu Gelegenheit finde, zu
gute kommen soll. Den Commentar, eine mühsame, aber nun doch auch
schon, Gott sey Dank! größtentheils beendigte Arbeit, nehme ich mir die
Freiheit, zu seiner Zeit Ihnen nachzuliefern.
Eine Freude hat mir die Zeit vereitelt; denn ich hatte schon mehr als
ein Briefconzept geschrieben, womit ich es Göthen noch senden wollte!
Haben Sie noch innigen Dank für Ihre Worte zu _dessen_ Gedächtniß,
wobei Sie auch meiner gedenken wollten! Denn Carus, als er zu meinem
Geburtstag sie mir schickte, schrieb daß _Sie sie mir selbst
bestimmt_.
Durch diesen bin ich seit so manchem Jahr meiner Entfernung von
Dresden, doch nie ganz von Ihnen geschieden gewesen. Denn wie könnten
die Briefe eines mit Ihnen verbundenen Mannes von Ihnen leer seyn. Aber
so manche herzliche Freude, die ich in einsamen Stunden auch diese Zeit
her, Ihrer Muse wieder verdankte, ging doch zunächst von Ihnen aus.
Seyn Sie für alles auf immer gesegnet!
Gienge es mir nach, so müßte Sie nie etwas Uebles treffen. Noch immer
denke ich mit unauslöschlichem Dank Ihres unverdienten Wohlwollens,
das Sie mir, hochverehrter Mann, selbst mit eigner Zeit-Aufopferung
in Dresden bewiesen, und ich klage mich wegen letzterer noch oft im
Stillen an, weil ich weiß, was die Arbeitsstunden werth sind, in denen
ich störend bisweilen zu _Ihnen_ hereintrat, ohne auch nur den
mindesten Ersatz dafür mitzubringen. Diese Abbitte an Sie liegt mir
fürwahr noch auf dem Herzen. Behalten Sie mir die Sünde nicht!
Möge dieser Sommer, wo Sie ihn auch verleben, Ihnen heilsam seyn! sowie
alle folgende Jahreszeiten. Ein Wunsch, den gewiß selbst die nächsten
Ihrigen nicht ehrlicher für Sie meinen können als
Ew. Hochwohlgeboren
treu verpflichteter
Freund und Diener
_Gottlob Regis_.
=Rehberg, August Wilhelm von.=
Geb. in Hannover am 15. Januar 1757, gestorben in Göttingen am 9.
August 1836.
Wurde 1815 in Hannover zum Kabinetsrath ernannt. Lebte von 1820 ab
Jahre lang in Dresden. --
Ueber den deutschen Adel (1803). -- Constitutionelle Phantasieen
(1832). -- Sämmtliche Werke, 3 Bde. (1828-31).
Wir legen ein offenes Bekenntniß ab: Von den zahlreich-vorhandenen
Briefschaften dieses vorzüglichen, unserm Tieck so innig ergebenen
Mannes, haben wir -- weniger mit sicherer Auswahl, als durch
Zufall geleitet -- nur diese drei Blätter entnommen.
Wir wollen unsere Schuld nicht beschönigen, aber wir hoffen auf
Nachsicht, wenn wir eingestehen, daß es uns unmöglich geworden,
den ganzen Vorrath aufmerksam prüfend durchzulesen. Es hat in der
großen, dickbändigen Hinterlassenschaft keineswegs an schlimmen
Handschriften gefehlt. _Diese_ jedoch steht einzig da, und
trotz mehrfach wiederholter Anläufe kündigten die matten Augen
immer wieder den Dienst auf.