_Berlin_, 21ten Mai (ohne Jahreszahl).
Mit dem unbedingten Vertrauen, welches der Name eines so hochgefeierten
Mannes in jeder jugendlichen Brust erregt, zugleich mit der Offenheit,
die wol das beste Zeugniß eines bewegten und ernsten Gemüthes ist,
wendet sich an Sie, hochgeehrtester Herr! ein junger Mann, der von
Ihrem Urtheil, Ihrem Rathe sein fernerweitiges Leben abhängig machen
will. Welcher Art dies Gesuch ist, werden Ihnen die eingelegten Papiere
andeuten, und schon tadeln Sie vielleicht die Zudringlichkeit dieser
halbreifen Poeten, die Sie mit ihren Verseleien verfolgen; -- dennoch
erlauben Sie mir, Ihnen Ausführlicheres mitzutheilen. --
Unter eigenthümlich aufregenden Verhältnissen erzogen, und von der
Natur mit einer mindestens lebhaften Seele begabt, ward es mir
sehr früh zum Bedürfniß, dies rastlose innere Treiben in oft sehr
unvollkommener poetischer Form zu äußern. So bin ich -- zum Dichter
freilich nicht; denn dies eben ist es, was mich beunruhigt, und was
ich so gern wissen möchte! -- zum Versemacher geworden, ohne selbst
recht zu wissen, wie; von älteren Freunden aufgemuntert, überließ ich
mich gern diesem unverstandenen Drange, dessen Befriedigung mir ein
so süßes Spiel war. Jetzt aber, da jene Jugendzeit entschwunden ist
und ich mich ganz einer ernsten und ein Menschenleben in Anspruch
nehmenden Wissenschaft (dem Studium der Sprachen) seit Längerem
gewidmet habe; -- jetzt erregt mir dies Spiel mancherlei Zweifel
und Bangigkeit. Es will ja Alles heut zu Tage dichten, Alles will
mit immensen Talenten, mit großen Hoffnungen prunken -- und bei den
Meisten ist es nur ein Spielwerk. Bin nun auch ich nicht zu Ernsterem
fähig (denn der Trieb zum Dichten ist nicht immer Beruf dazu!) so
ist es jetzt Zeit, dem Spiele zu entsagen, gewaltsam jenen Trieb zu
unterdrücken und mich mit ungetheilter Kraft dem ernsten Studium zu
weihen. Darum thut eine Entscheidung in dieser fraglichen Sache so
noth; aber nur der Dichter kann über Dichtertalent und Dichterwerke
urtheilen, und darum, geehrtester Herr! wende ich mich an Sie! --
In der inneren Befangenheit, da ich jetzt bin, da jener Verse und
Gedichte, alle die poetischen Bilder und Gedanken wie ein Ballast auf
meiner Seele ruhen, kann ich mich nicht anders davon befreien, als
indem ich durch Herausgabe meiner Lieder mich des alten Wustes ganz
entäußere, und Raum gewinne in meinem Herzen zu neuen, vielleicht ganz
anderen Eindrücken. Aber ich möchte durch mein Buch nicht gern die
lange Reihe elender Machwerke vermehren; darum, bitte ich, lesen Sie
gütigst die beigefügten Bruchstücke meiner Gedichte: freilich sind es
eben nur Einzelheiten, Bruchstücke; allein sie werden Ihnen genügen,
daraus zu erkennen, weß Geistes Kind der sein mag, der diese Gedichte
empfand und schrieb. Ihrem Urtheile will ich mich gern fügen; denn
gewiß werden Sie ebenso richtig urtheilen, als Ihr Urtheil, welcher Art
es sein mag, unumwunden aussprechen. Vielleicht, wenn meine Versuche
nichts Eigenthümliches beurkunden, wird es mir schwer fallen, alle
ferneren Ergüsse meiner Seele zu hemmen; das Eine aber gelobe ich
Ihnen feierlichst, daß ich nie gegen Ihren Rath an Veröffentlichung
meiner Machwerke denken werde. Verdienten sie jedoch, dem Publikum
übergeben zu werden, so würde ich ihnen einen wohlberufenen Verleger
zu verschaffen suchen; denn auch hierin bin ich ängstlich. Mit
großem Rechte giebt man bei der heutigen Büchersündfluth fast mehr
auf den Namen des Verlegers, als auf die Titel des Verfassers. Dann,
geehrtester Herr! würde ich zu so vielen Bitten noch ein neues
Gesuch hinzufügen: erlauben Sie mir, Ihnen, dem gefeierten und
von mir geliebtesten Dichter, dem Einzigen unter den Mitlebenden,
dessen Namen noch an jene für ewig hingeschwundene glänzendere Zeit
unserer Literatur erinnert -- Ihnen, dem Manne, der sich auch meiner
freundlich annehmen wird, als ein öffentliches, wenn auch vielleicht
nur allzuvergängliches Denkmal unvergänglicher Achtung und Liebe jenes
Bändchen Gedichte zu widmen. -- Doch freilich sind das Träume, deren
Verwirklichung sehr fraglich, denen sich hinzugeben, sehr gefährlich
ist. --
Indem ich jetzt diesen Brief wieder durchlese, tritt es mir recht
lebhaft vor die Seele, wie sehr Sie erstaunen mögen über dies
zudringliche, vielleicht langweilige Geschwätz; ja, Sie mögen unwillig
werden, wenn ich Ihnen eine recht -- recht baldige Beantwortung meines
Briefes mit gehorsamster Bitte recht dringend an’s Herz lege; aber
sehen Sie -- darum bitte ich: -- in allen diesen Außergewöhnlichkeiten,
sogar in diesen Verstößen gegen Sitte und Bescheidenheit nur Merkmale
der unbegrenzten Hochachtung, Verehrung und Liebe, mit welcher ich
Ihrer gütigen Theilnahme mich empfehle.
_R. E. Prutz_.