II.

_Wien_, 21. Junius 1830.

Frau v. Schlegel, meine sehr theure Freundin, kommt nach Dresden,

sie wird Sie sehen, und ich kann es mir nicht versagen, Ihnen durch

sie ein Paar Zeilen zu senden. Sie sollen Ihnen sagen, wie sehr mich

jedesmahl Ihre gütige Erinnerung, Ihre freundliche Theilnahme erfreut

hat, wenn mir ein Gruß, eine ehrenvolle Meinung von Ihnen wurde, und

sie sollen Ihnen für so manche schöne Stunden danken, die Ihre neuesten

Arbeiten mir gewährt. Leider sind wir alle durch die Eine derselben

-- gerade die wichtigste (den Cevennenkrieg) tantalisirt werden --

und kaum wage ich zu hoffen, daß unsre Erwartungen je erfüllt werden!

Für eine kleine Erzählung aber, die ich schon oft und jedesmahl mit

neuem Antheil gelesen habe, nehmen Sie ganz besonders meinen Dank, für

_den Gelehrten_. -- Wenige Gedichte haben mich in so beschränkter

Form, bey so einfachem Gange, mit so natürlichen Verhältnissen und

Characteren, wobei Jeder glaubt, sie kennen und unter seinen Bekannten

nachweisen zu müssen -- so lebhaft und tief zugleich angesprochen. Mir

ist, ich wäre zu Hause unter diesen Menschen, und gar so erfreulich und

erhebend blickt durch die ängstliche pedantische Hülle des Professors

der höhere edle Geist durch, der in einer andern Entfaltung etwas recht

Glänzendes und Großes hätte werden können. -- Doch ich sage Ihnen

Dinge, die Sie selbst wissen, die Andre Ihnen hundertmahl gesagt haben;

Dinge die vielleicht auch nur in meiner Ansicht liegen -- denn das

wird Ihnen wohl auch schon begegnet seyn, daß die Leser Ansichten und

Begriffe in Ihre Dichtungen hinein bringen, von denen Sie selbst nichts

wußten, die Sie nicht hineingelegt -- das ist wohl ein allgemeines Loos.

Leben Sie nun recht wohl, und empfangen Sie die Versicherung der

höchsten Achtung von

Ihrer

ergebensten

_C. Pichler_.

=Prutz, Robert.=

Geb. den 30. Mai 1816 zu Stettin, wo er jetzt wieder seinen

bleibenden Aufenthalt genommen, nachdem er mehrere Jahre hindurch

eine Professur in Halle bekleidet hatte.

An wissenschaftlichen Werken lieferte er u. A.: Der Göttinger

Dichterbund (1841). -- Geschichte des deutschen Journalismus, 2

Bde. (1845). -- Vorlesungen über die Geschichte des deutschen

Theaters (1847.) -- Litterarhistorisches Taschenbuch, 6 Bde.

(1843-48). -- Die deutsche Litteratur der Gegenwart, 2 Bde. (1860).

Seine „Gedichte“ erschienen zuerst 1841. -- Dann: Neue Gedichte

(1843). -- Aus der Heimath (1858).

Von dramatischen Werken sind zu nennen: Nach Leiden Lust, Lustsp.

-- Karl von Bourbon. -- Moriz von Sachsen. -- Erich XIV.,

Trauerspiele.

Von Romanen: Das Engelchen, 3 Bde. (1851). -- Felix, 2 Bde. (1851).

-- Der Musikantenthurm, 3 Bde. (1855) u. a. m.

Die von ihm gestiftete und redigirte Zeitschrift „Museum“ bewahrt

dauernd ihre bedeutende Geltung.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 110 / 309 题