V. H., den 25. July 1831.

_Wohlgeborner

Hochzuverehrender Herr Hofrath!_

Wenn es nicht ganz gegen Ihren Willen ist, daß ich auf der hiesigen

oder Leipziger Bühne einen Versuch mit der Darstellung Richard

III. mache, so bitte ich noch einmal dringend, halten Sie es der

Mühe werth, mit mir über den Charakter dieses Meisterwerks, so wie über

die scenische Einrichtung des ganzen Stücks berathend zu sprechen. Es

wird mir nicht leicht, den Gedanken an die Möglichkeit des Gelingens

aufzugeben und hierzu trägt die Ueberzeugung bei, daß viele von den

Darstellern dieser Rolle bei andern Bühnen nicht mehr geistiges und

physisches Vermögen besitzen, als ich und doch Ruhm und Ehre erworben

haben. Ich muß mich vor diesen schämen, da ich nicht vollwichtige

Gründe aufstellen kann, die mich zwangen, die Darstellung unversucht

zu lassen. Haben Sie die Güte, Hochverehrter Herr, und kräftigen Sie

entweder meinen Vorsatz, diese Rolle zu meinem ernstesten Studium zu

machen, oder bestimmen Sie mich, nicht mehr daran zu denken.

Sie würden nicht so wiederholt durch meine Bitten belästigt werden,

wenn mir seit November vor. Jahres auch nur die geringste Gelegenheit

gegeben wäre, auf der hies. Bühne etwas zu leisten, was mein Daseyn

bezeugte. Es ist eine Schande, welches unthätige Leben ich führe. Ich

bin das nicht gewohnt. In der Arbeit lebe ich nur; darum helfen Sie,

daß ich mir selbst welche schaffe, da Eine Allerhöchst verordnete

General-Direction von meiner Existenz als Mitglied des hies. Theaters

keine Notiz mehr zu nehmen scheint.

In Erwartung, daß Sie mir gütigst einen Tag und die Stunde angeben

werden, wo Sie, ohne dadurch belästigt zu werden, meiner Bitte

willfahren wollen, habe ich die Ehre, mich mit hochachtungsvoller

Verehrung zu nennen

Ew. Wohlgeboren

ganz ergebener

_L. Pauli_.

=Pichler, Caroline von,= geb. Greiner.

Geb. zu Wien am 7. Sept. 1769, gestorben daselbst am 9. Juli 1843.

Fruchtbare und vielgelesene Schriftstellerin.

Gleichnisse (1800). -- Idyllen (1803). -- Lenore, 2 Bde. (1804). --

Ruth (1805). -- Olivier (1812). -- Agathokles. -- Die Nebenbuhler,

2 Bde. (1821). -- Die Belagerung Wiens, 3 Bde. (1824). -- Die

Schweden vor Prag (1827). -- Die Wiedereroberung von Ofen, 2 Bde.

(1829). -- Friedrich der Streitbare, 4 Bde. (1831). -- Zeitbilder,

2 Bde. (1840). -- Sämmtliche Werke, 60 Bde. (1820 bis 1845).

Es erscheint bemerkenswerth, daß die beiden hier mitgetheilten

Briefchen dieser Dame, obgleich zwei volle Jahre zwischen dem

zweiten und ersten liegen, bis auf die Verschiedenheit des

Ausdrucks, einen und denselben Inhalt haben. Man sieht, wie mächtig

die von ihr geschilderte Wirkung gewesen sein muß, daß sie so

unverändert blieb.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 106 / 309 题