_Wohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Hofrath!_
Wenn es nicht ganz gegen Ihren Willen ist, daß ich auf der hiesigen
oder Leipziger Bühne einen Versuch mit der Darstellung Richard
III. mache, so bitte ich noch einmal dringend, halten Sie es der
Mühe werth, mit mir über den Charakter dieses Meisterwerks, so wie über
die scenische Einrichtung des ganzen Stücks berathend zu sprechen. Es
wird mir nicht leicht, den Gedanken an die Möglichkeit des Gelingens
aufzugeben und hierzu trägt die Ueberzeugung bei, daß viele von den
Darstellern dieser Rolle bei andern Bühnen nicht mehr geistiges und
physisches Vermögen besitzen, als ich und doch Ruhm und Ehre erworben
haben. Ich muß mich vor diesen schämen, da ich nicht vollwichtige
Gründe aufstellen kann, die mich zwangen, die Darstellung unversucht
zu lassen. Haben Sie die Güte, Hochverehrter Herr, und kräftigen Sie
entweder meinen Vorsatz, diese Rolle zu meinem ernstesten Studium zu
machen, oder bestimmen Sie mich, nicht mehr daran zu denken.
Sie würden nicht so wiederholt durch meine Bitten belästigt werden,
wenn mir seit November vor. Jahres auch nur die geringste Gelegenheit
gegeben wäre, auf der hies. Bühne etwas zu leisten, was mein Daseyn
bezeugte. Es ist eine Schande, welches unthätige Leben ich führe. Ich
bin das nicht gewohnt. In der Arbeit lebe ich nur; darum helfen Sie,
daß ich mir selbst welche schaffe, da Eine Allerhöchst verordnete
General-Direction von meiner Existenz als Mitglied des hies. Theaters
keine Notiz mehr zu nehmen scheint.
In Erwartung, daß Sie mir gütigst einen Tag und die Stunde angeben
werden, wo Sie, ohne dadurch belästigt zu werden, meiner Bitte
willfahren wollen, habe ich die Ehre, mich mit hochachtungsvoller
Verehrung zu nennen
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebener
_L. Pauli_.
=Pichler, Caroline von,= geb. Greiner.
Geb. zu Wien am 7. Sept. 1769, gestorben daselbst am 9. Juli 1843.
Fruchtbare und vielgelesene Schriftstellerin.
Gleichnisse (1800). -- Idyllen (1803). -- Lenore, 2 Bde. (1804). --
Ruth (1805). -- Olivier (1812). -- Agathokles. -- Die Nebenbuhler,
2 Bde. (1821). -- Die Belagerung Wiens, 3 Bde. (1824). -- Die
Schweden vor Prag (1827). -- Die Wiedereroberung von Ofen, 2 Bde.
(1829). -- Friedrich der Streitbare, 4 Bde. (1831). -- Zeitbilder,
2 Bde. (1840). -- Sämmtliche Werke, 60 Bde. (1820 bis 1845).
Es erscheint bemerkenswerth, daß die beiden hier mitgetheilten
Briefchen dieser Dame, obgleich zwei volle Jahre zwischen dem
zweiten und ersten liegen, bis auf die Verschiedenheit des
Ausdrucks, einen und denselben Inhalt haben. Man sieht, wie mächtig
die von ihr geschilderte Wirkung gewesen sein muß, daß sie so
unverändert blieb.