III.

_Göttingen_, 12. April 21.

Als ich im vorigen Herbste von Ihnen, verehrter Freund, und dem lieben

Dresden schied, dachte ich noch über Weimar und Gotha zu gehn, und war

noch voll von Reiseplänen, von denen ich hernach nichts ausgeführt

habe. Denn am Ende war ich über dem Abschiede so weichmüthig geworden,

und die ganze Reise kam mir nun auf einmal so nichtig und zwecklos vor,

da ich Dresden so eilig verlassen hatte, daß ich von Leipzig aus gradem

Wege in möglichster Schnelle nach Göttingen zurückfuhr, und mir doch

noch jede Poststation eine Ewigkeit dünkte. Jetzt kam mir meine lange

Unthätigkeit und der Schlendrian des Lebens, dem man sich auf Reisen

ergiebt, ordentlich wie ein Verbrechen vor, und ich stürzte mich mit

doppeltem Eifer wieder in meine Studien. Nun ist wieder ein halbes Jahr

vorbei, und ich schaue hinaus, und denke sehr lebhaft an Sie. Mehrere

Freunde ziehen von hier fort, unter andern der Sanskritkenner _Fr.

Bopp_, mit dem ich diesen Winter und besonders in der letzten Zeit

viel zusammen gewesen bin. Wir hatten einen kleinen Cirkel, in welchem

mancher Abend darauf verwandt wurde, Ihren _Phantasus_ zu lesen;

oft konnten wir bis tief in die Nacht hinein nicht aufhören, besonders

über dem köstlichen Fortunat. Ich mußte dem Vorleser machen, wozu ich

wenig taugte, wenn mich nicht manche Erinnerungen von Ihnen bisweilen

aufrecht gehalten hätten. Bopp kommt in sechs Wochen etwa nach Dresden

und wird sich die Freiheit nehmen Sie zu besuchen. Nur Schade, daß man

ihn erst nach einigen Wochen recht kennen und schätzen lernt; zuerst

hat er etwas sehr Unscheinbares. In diesen Ostertagen will ich mit

meinem Bruder -- um nicht als Bodensatz in Göttingen zurück zu bleiben

-- eine kleine Reise durch den Thüringerwald machen, leider wieder mit

der Eile, die mich mein ganzes Leben hindurch vor sich hertreibt. Die

Ferien greifen diesmal ziemlich mit in das Frühjahr hinein, und ich

möchte das erste frische Grünen und Blühen des Waldes in diesen Bergen

genießen, die ich mir sehr anmuthig verschlungen und verzweigt denke.

-- In diesen Tagen sind alle _Griechen_ von hier abgegangen, um

dem Kriegschauplatz näher zu sein. Meine Betrübniß darüber wird durch

die Hoffnung überwunden, daß das oft versuchte Befreiungswerk nun

endlich von Statten gehn wird, so sehr auch die Klugen, die stets wenig

auf höhere Motive rechnen, zweifeln und fürchten mögen. Mir scheint

es, als entscheide diese letzte und äußerste Kraftanstrengung über die

Zukunft Europa’s, da das Leben, im Fall es glückt, eine ganz andere

Richtung bekommen und sich wieder nahe an die Vorzeit und Ostwelt

anlehnen wird, während es sich jetzt einseitig in eine selbstgemachte

Cultur verliert. Den Göttingern scheint es ein wichtiges Ereigniß, daß

der König gegen Ende Augusts nach Göttingen kommen wird, ich glaube

der Prorektor sinnt jetzt schon auf passende Empfangsfeierlichkeiten,

die doch am Ende lächerlich ausfallen. Da ich einmal darauf verfallen

bin, Ihnen von allerlei verschiedenartigen Dingen, die gerade im

Götting’schen Gesichtskreis liegen, Relation zu machen: so muß ich

auch etwas von meinen litterarischen Plänen referiren. Ich habe zum

Gegenstand des zweiten Bandes die _Dorier_ gewählt, freilich ein

weit größeres Thema als die Minyer; auch weiß ich noch nicht, wie ich

es bezwingen werde. Religion, Staat, Kunst und gemeines Leben sind

bei diesem Volksstamm so eigenthümlich, daß man wohl sagen kann: es

habe nie eine schärfer ausgeprägte Form menschlichen Seins und Thuns

gegeben. Die Entwickelung des Dorischen Charakters aus den tiefsten

Gründen, zu welchen Fr. Schlegel und Schleiermacher manche Andeutung

gegeben haben, überlasse ich freilich Andern; ich will mich mehr in

den mittlern historischen Gegenden halten, wo man sich begnügt, die

Nationalität als gottgegebne Bestimmung unerklärt stehen zu lassen.

Ueber sehr Vieles möchte ich gern Ihre Stimme vernehmen, und vielleicht

giebt sich Gelegenheit dazu. Ist Ihr Werk über Shakespeare schon dem

Drucke nah? Ich komme noch manchmal auf das Griechische _Theater_

zurück, und es interessirte mich neulich, bei Thiersch Einleitung

zu Pindar S. 112 zu lesen, daß Fr. Gärtner, dessen Werk wir noch

nicht haben, vor dem Heratempel zu Agrigent sich steinerne Sitze

amphitheatralisch erheben sah. So war auch in Athen der Tempelhof des

Lenäons das älteste Theater. Der große Brandopferaltar vor dem Tempel,

zu dem man gewöhnlich auf vielen Stufen hinaufstieg, war dann die

älteste Thymele; rings umher tanzt der kyklische oder dithyrambische

Chor, und die Stufen des Tempels bildeten wohl die älteste Scene, daher

noch später die Säulenverzierungen an der Scenenwand. Etwa so, wenn es

erlaubt ist --

[Illustration]

Für das tragische Costüm würde man viel aus den Mosaiken des

~Pio-Clementinum~ lernen, die ~Millin~ (~Description d’une

Mosaique antique Paris 1819~) herausgegeben, wenn sie nicht gar zu

grob und ungeschlacht wären. Wenigstens sieht man daraus, daß die Alten

so gut wie keine Variation des Costüms kannten und am weitsten von der

historischen Pedanterei unsrer Zeit entfernt waren; und die Kothurne

erscheinen dort wirklich als eine Art von Stelzen.

Doch ich muß den Brief schließen, weil ich sonst ganz ins Citiren u.

dgl. hineinkomme. Ich rechne überall auf Ihre gütige Nachsicht. Mein

Bruder empfiehlt sich Ihnen; der angenehme Tag in Dresden liegt ihm

wie ein Traum in der Seele; der mannigfaltige und flüchtige Kunstgenuß

ist ihm wie ein Taumel vorübergegangen. Er wird jetzt nach 2 Jahren

juristischer Studien noch zum Theologen; alle Remonstrationen waren

vergebens; es ist bei ihm entschiedne Neigung.

Max’n haben Sie gewiß schon durch die versprochnen Mährchen erfreut.

Ich empfehle mich dem geneigten Andenken der Ihrigen und der Frau

Gräfin. Möchten Sie mich bald, auch nur mit wenigen Zeilen erfreun.

Ihr

treu ergebner

_K. Otfr. Müller_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 70 / 309 题