IV.

_Göttingen_, 26. Nov. 1821.

Obgleich es nichts Besonderes und Einzelnes ist, was ich Ihnen zu

schreiben hätte, verehrter Freund: so ist es mir doch jetzt schon

Bedürfniß geworden, mich von Zeit zu Zeit mit Gedanken und Gefühlen

an Sie zu wenden. Mein Leben fließt ohne tiefe Bewegungen so leicht

und heiter dahin, daß ich in dem beständigen Fluß der Dinge den

Wechsel doch gar nicht merke; indeß kann ich doch von Zeit zu Zeit

zurückschauen, und den zurückgelegten Weg überschauen. Eigentlich

liebe ich nicht zu reflektiren, was ich gethan und was ich thun soll,

sondern überlasse mich dem innern Triebe, den ich für den Leiter meines

Daseins halte. Bei dieser sorglosen und harmlosen Art zu existiren

bin ich nun freilich gar nicht geeignet, mein Streben und Leben so zu

concentriren und zusammenzufassen, wie ich es gern möchte, daß es vor

Ihnen erschiene; daher ich für die Unbedeutendheit meiner Briefe ein

für allemal um Verzeihung bitte.

Von Ihnen dringt nach unserm so ganz unpoetischen Göttingen nur

bisweilen eine schwache Kunde, die ich stets mit Begierde auffasse.

Waren Sie nicht kürzlich mit Ihrer lieben Familie in Stuttgardt?

Um so mehr muß ich mich an Ihre Schriften halten, die jetzt wieder

reichlicher zu fließen anfangen. Die 2 Bände Gedichte haben wir; den

3ten, den neuen Fr. Sternbald, die Novellen, das Werk über Shakespeare

erwarten wir. Wie haben mich die tiefen, langen Töne der Sonnette an

Alma bewegt. Aber über wen haben Sie die großen Worte gesprochen in dem

Sonnett an einen jüngern Dichter? Ich frage jetzt alle Leute, welche

etwas vom Zustande der Poesie wissen, was wir für Hoffnungen hegen

dürfen für die Zukunft, und welches die neuen anwachsenden Dichter

sind. Ich kenne nur ein Paar. Das biedre, warme Gemüth Uhlands liebe

ich, und von der kühnen Kraft Rückerts erwarte ich noch etwas Großes.

Aber ich bitte, führen Sie mich zu den mir unbekannten Schätzen. Sehr

erfreut hat mich das Sonnett an A. W. Schlegel. Es ist doch empörend,

wie undankbar Viele jetzt diesem so umfassenden Geiste begegnen, und

wie wenig die Gegenwart seine unermüdete Thätigkeit lohnt. Unser

Bouterweck hat aus Wuth gegen Schlegel einen Haß auf die gesammten

Indier geworfen. -- Ich schrieb einmal, daß der ~Sanscritamicus~

Fr. Bopp Sie in Dresden kennen zu lernen wünschte; er ist aber in

seiner Reise stecken geblieben, da man ihn in Berlin zum Professor

gemacht hat.

Auch den von Ihnen herausgegebenen Nachlaß von Heinr. v. Kleist

haben wir mit Eifer gelesen und die Libation dunkler Wehmuth wie

Blutstropfen, auf sein Grab gesprengt. Daß sich nicht wenigstens ein

Plan seines Guiscard erhalten hat! --

Nächster Sommer ist mir zu einer Reise nach England und Frankreich

verwilligt worden, die mir für den Augenblick wichtiger ist als die

noch verschobne nach Italien. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir

irgend einen Auftrag geben wollen. Ich bleibe 3-4 Monate in London,

gehe auch nach Oxford und Cambridge, dann über Paris und vielleicht

durch Süddeutschland, was aber nur ein verschwiegner Wunsch ist.

Mein Buch über die Dorier wird erst hernach erscheinen. Es ist

etwas ins Große angelegt, und hält mich stets in der gespanntesten

Thätigkeit. Ein Hauptcapitel ist darin Apollon. Ich habe den Gedanken

durchgeführt, daß Apoll ursprünglich ein dualistischer Gott sei, ein

reiner, starker, zorniger und zugleich helfender Gott, daher Todesgott

bei Homer, wo der Tod eine ethische Bedeutung hat, und zugleich

das reine Licht, was Spätere verleitete an die Sonne zu denken, der

unsichtbar treffende Bogengott und der milde Heiler Päan, der Verderber

und Retter, welcher straft und sühnt, daher die Mordsühne unter seiner

Obhut steht. Daran knüpft sich dann eine alte Ethik, die die Ruhe und

Festigkeit des Gemüthes im Gegensatz jeder trübenden und verwirrenden

Leidenschaft als Ziel setzt, die einfache, strenge Harmonie. Diese zu

bewirken und herzustellen hat eigentlich die alte apollinische Musik

zum Zweck; auch die alten Orakel sind eigentlich nur Götterordnungen,

θέμιστες, aussagend, was geschehen muß; diese verkündet

Apollon den Menschenwillen zu beugen u. s. w. Denn viel lieber, und

mit viel größerem Gewinn für mich spräche ich darüber mit Ihnen,

und das möcht’ ich vor der Herausgabe auf jeden Fall. Auch bin ich

durch meine Beschäftigungen sehr angeregt, Ihnen von der wunderbaren

Vortrefflichkeit der alten Lyrik zu reden, die man erst jetzt recht

erkennt.

Noch muß ich wohl über mein äußeres Fortkommen in der Welt etwas

sagen. Die Göttinger Regel mit dem allmäligen Zuwachs der Zuhörerzahl

trifft an mir ein; ich habe jetzt in einer Stunde 50, in der anderen

40, was mir immer lieb ist, da man hier den Werth eines Professors,

wie in Statistiken, nach diesen Zahlen bestimmt. Der Jurist Eichhorn

wiegt 250-300 Centner; aber es sind auch unter den 1400 Studenten hier

die Hälfte Juristen. -- Meine auswärtigen Verhältnisse stehn gut;

insonderheit hat Creuzer einen mir sehr ehrenvollen Waffenstillstand

mit mir geschlossen, wozu wohl besonders der wüthende Angriff des alten

Voß mitgewirkt hat, des Fanatikers für die Nüchternheit.

Ich denke doch, daß dieser Brief Sie zu Dresden, und hoffe, daß er Sie

in gutem Wohlsein trifft. Ich empfehle mich wie immer Ihrer werthen

Familie, deren Andenken ich mit treuer Anhänglichkeit pflege. Auch

meinen Bruder darf ich Ihnen empfehlen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 71 / 309 题