II.

_Göttingen_, 17. Jul.

Nach Ausweis des Poststempels 1820.

Schon lange hatte ich vor, verehrtester Herr, mich durch einen Brief

wieder in Ihr gütiges Andenken zurückzurufen: aber ich kann so

selten einen ruhigen Augenblick gewinnen, wo ich mit einer gewissen

Behaglichkeit vorwärts und rückwärts blicken und mich einem Manne vor

Augen stellen möchte, dem ich gern nicht in gelehrter Zerstreuung und

Zerfaserung, sondern in einer gesammelten Existenz erscheinen möchte.

Aber wirklich kann ich’s nicht bergen, daß ich von einem Taumel und

Strudel ergriffen selten eigentlich Selbst bin, sondern immer nur

das, wozu mich momentanes Studium macht, daß ich mit krampfhafter

Lebhaftigkeit in mich hineinreiße, was mir in den Weg kommt, und

am allerwenigsten darüber nachdenke, was ich eigentlich will. Wenn

ich diesen Herbst einige Wochen in Dresden zubringen könnte, möchte

ich wieder etwas zu Ruhe und Besinnung kommen, aber leider ist es

darauf angelegt, daß ich mit Couriergeschwindigkeit nach Hause und

wieder zurück reise, und sobald wie möglich wieder in den Irrsal und

Zauberkreis der hiesigen Bibliotheks-Studien zurückkehre.

Mein Freund Max hat mich durch Nachrichten und Grüsse von Ihnen

höchlich erfreut, wie er mich überhaupt durch seinen Besuch recht

beglückt hat. Wenn er nur nicht den dritten Tag wieder fortgefahren

wäre. Wir brachten einen der schönsten Nachmittage auf der Plesse zu,

die mich immer entzückt, so oft ich sie besuche. Ich hatte sie schon

im Vorfrühling lieb gewonnen, als man sich vor dem starken Sturm

noch hinter dem alten Thurm bergen mußte, und die sanften Umrisse

der schwarzbraunen Hügel einen mehr düstern als anmuthigen Eindruck

machten. Mit Max strich ich einen halben Tag bis zur sinkenden Nacht

an den Abhängen des waldigen Grundes umher, und war, ohne auf einzelne

Schönheiten sonderlich zu merken oder aufmerksam zu machen, durch den

gesammten Eindruck fast bacchisch begeistert. Weil ich aber immer meine

Spaziergänge auf den einen Punkt richte, habe ich von der übrigen

Umgegend noch so gut wie gar nichts gesehen. Nur das Weserthal bin ich

bei Anbruch des Frühjahrs bis Pyrmont hinuntergewandert, aber doch

noch zu früh im Jahre. Auch in Cassel war ich einmal kurze Zeit. Die

schöngebaute Stadt, in der man nichts als schulternde Musketiere sieht

und hört, macht einen traurigen Eindruck. Auch die Gallerie beklagt

empfindlich den Verlust einiger schöner Claude-Lorrain’s, die Kaiser

Alexander in Paris ihren unrechtmäßigen Besitzern abgekauft hat. Das

Antiken-Museum ist zwar nicht zahlreich, enthält aber interessante

Stücke, eine Pallas, die mit der Dresdner im vierten Saal genau

übereinkommt und auf ein erhabnes Original zurückweist, und einen

männlich vierschrötigen Apollo mit einem ganz äginetischen Gesicht, in

welchem ich den Milesischen Apoll des Canachus zu erkennen glaube u. s.

w.

Bei dieser Spazierfahrt begleiteten mich einige junge Freunde, zwei

Griechen und ein Amerikaner. Wie interessant ist der Gegensatz dieser

beiden Nationen. Die Griechen achte ich aufs höchste, und wenn es auch

nur um der ehrfurchtsvollen Demuth wäre, mit der sie dem Born deutscher

Wissenschaft sich nähern. Es ist wahr, sie haben wenig Talent für

mechanische Spracherlernung, am allerwenigsten für den gewöhnlichen

Schick, so daß sie sich in vielen Fällen sehr ungeschickt ausnehmen.

Aber sie haben einen tiefen Sinn, der sich Alles recht nah zu bringen

und innerlich anzueignen sucht; sie begnügen sich nie mit der bloßen

Notiz; sie haben eine bewundernswürdige Ausdauer. Ich habe nie einen

von ihnen im Collegium gähnen gesehen, was ich von den Amerikanern

täglich sehn muß: dagegen hören sie auch dem Halbverständlichen mit

gespannter Aufmerksamkeit hin, die mir oft wirklich rührend ist. Ja man

bemerkt selbst für das bei ihnen Empfänglichkeit, was andre Ausländer

so schwer begreifen wollen, romantische Poesie, Naturphilosophie,

Construktion der Geschichte. So ist besonders ein Greiß aus Macedonien

hier, den ich für einen der ausgezeichnetsten Studenten der Universität

achte.

Dagegen die Amerikaner mit ihrem praktisch-mechanischen Talent nur

immer berechnen, wie viel sie wohl von hier mitnehmen können, und

daher immer nach allgemeinen Notizen streben. Ich kann nur nach denen

urtheilen, die eben hier sind: aber es giebt keine oberflächlichere

Art des Studiums, als diese treiben. Dabei wollen sie von den

Lehrern immer prompt und solid bedient sein, und besonders muß man

es kurz machen. Aber am ärgerlichsten sind sie mir, wenn sie ihre

trockne Verstandesansicht noch durch verdrüßlichen Puritanismus zu

adeln suchen, und sich überall bei Altem und Neuem gegen sogenannte

Unmoralität und Unanständigkeit kehren, und sich selbst mit einer

Arroganz, die mich vollends erboßt, für das freiste, frömmste,

rechtschaffenste und moralisch’ste Volk auf Gottes Erdboden ausgeben.

In den Vorlesungen ist man recht übel daran mit dem Gemisch von

Nationen, denen man kaum verständlich werden, geschweige für Aller

Bedürfnisse sorgen kann. So hören in einem Collegium Heerens Leute

aus allen Nationen zwischen Havannah und Kleinasien incl. In meiner

Kunstgeschichte habe ich schon ganz darauf resignirt, für die Zuhörer

zu lesen. Ich betrachte die Vorlesung als einen Versuch, die Masse des

Stoffs zu begränzen und wie es gehn will, zu unterwerfen. Doch lese ich

sie in heitrer Stimmung und oft mit Freudigkeit, wozu das Lokal der

Bibliothek und die neidlose Menge von Hilfsmitteln beiträgt. Wenn wir

nun bald Gipsabgüsse von den sogenannten Elginschen Erwerbungen hätten.

Was ich in Dresden in der Antiken-Gallerie sowohl als im Mengsischen

Museum gesehn habe, wird mir immer merkwürdiger, und ich sinne oft in

Gedanken darüber. So sehne ich mich sehr den Menelaos und Patroklos

wiederzusehn, eine Gruppe, die doch besonders gegen Winckelmanns

schnödes Urtheil ans Licht gesetzt zu werden verdiente.

Aber noch viel mehr freue ich mich darauf, Sie und die verehrten

Ihrigen, wenn auch nur auf kurze Zeit wiederzusehn, und mich in der

Gewogenheit glücklich zu fühlen, die ich mir einbilde einigermaßen zu

besitzen.

Der gute Lipsius könnte jetzt selbst in dem Columbarium beigesetzt

werden, dessen Ursprung aus dem vertraulichen Familiengespräch der

Livia er so gemüthlich zu erzählen wußte.

Ganz und gar

der Ihrige

_K. O. Müller_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 69 / 309 题