_Verehrtester Herr Doktor_.
Wenn zwei zuvorkommende Herrn, Hofrath Reuß und mein Freund Max, beide
gleich bemüht Ihnen zu dienen, mir alle Gelegenheit abgeschnitten
haben, mich durch eine Gefälligkeit oder kleine Gabe bei Ihnen beliebt
zu machen, so rechnen Sie mir das gewiß nicht an, sondern nehmen nach
Ihrer Güte den guten Willen für die That. Wie danke ich dieser Güte
alle Annehmlichkeiten meines Aufenthalts in Dresden, und wie selten
kann ich an die zwei Monate denken, ohne Sie zugleich im Herzen preisen
zu müssen.
_Die_ Zeit ist nun leider vorbei, und auf die saumseelig
hingetändelten Tage und Wochen sind nun andre recht schlimme gefolgt,
wo es scharf hergeht und alle Kräfte erbarmungslos mitgenommen werden.
Doch hält mich das Interesse der Wissenschaft aufrecht, in der mir so
Vieles noch sehr neu ist, wie ich überhaupt merke, daß jetzt erst das
Lernen recht angeht, und ich nach dem akademischen Triennium, wo ich
blos gegessen, nun ein andres Triennium brauche, um einigermaßen zu
verdauen, eh’ es ordentlich in’s Blut gehn kann.
Zu diesem stillen Insichhineinarbeiten ist Göttingen ein ganz
trefflicher Ort, ganz geeignet, um was an andern Orten excentrisch und
polarisch hervortritt, ruhig zu verarbeiten und hübsch ins Gleiche
zu bringen. Ein ähnlicher Ton herrscht in den Gesellschaften, ohne
Liebe und Haß, ohne sonderliches Anziehn und Abstoßen, dabei aber doch
ein allgemeines Wohlwollen, und eine freundliche Schonung fremder
Schwächen. Besonders wohl fühle ich mich in Heerens Familie, wo noch
Heyne’scher Geist weht, auch die Frau Hofräthin, eine treffliche Frau,
hat mich in ihren besondern Schutz und unter ihre Aufsicht genommen.
-- Auch mein nächster Kollege, Dissen, ist ein trefflicher Mann, so
gelehrt wie anspruchslos, und mit seinem richtigen und durchdringenden
Urtheil, der Bestimmtheit und Sicherheit seines Wissens, und dem
unfehlbaren Treffen auf den Punkt in allem, was er thut, grade der, an
dem ich mich heranbilden muß. Aber ein Mann von eigentlich ergreifender
Kraft der Seele und des Worts, der ein wirkliches Schauen an die Stelle
aller Schulbegriffe und Distinktionen setzte, fehlt hier ganz. Wie
würde sich Steffens Genius hier ausnehmen.
Aber wie bin ich nach Göttingen gekommen, ich werde nie ohne Schaudern
an diesen Weg denken. Ich fuhr über Merseburg; wäre ich nur auf
der Chaussee über Erfurt gefahren. Ich hatte von Leipzig nur einen
halbbedeckten Wagen mit einem Pferde genommen, aber auf den grundlosen
Wegen, die bald steil bergan gingen, bald sich in den tiefsten
Hohlwegen verloren, brauchte ich oft Vorspann und kam kaum von der
Stelle. Dazu beständiger Regen, der in der Nähe des Gebirgs halb zu
Schnee wurde, eine Mischung, die ganz vorzüglich geeignet ist bis
auf die Haut zu durchnässen und zu erkälten, und mit der man selbst
griechisches Feuer auslöschen könnte. Daß ich nicht eben wohl verwahrt
war, denken Sie gewiß, ohne daß ich es sage. Ich kroch alle Abende
zitternd und starr vor Kälte unter Dach, und es kostete Stunden mich
zu erwärmen. In einem Dorfwirthshaus, wo ich einmal, nachdem ich
mich mit dem Wege gänzlich verrechnet hatte, bei einbrechender Nacht
einkehren mußte, traf ich zu meinem Vergnügen die Wirthin, die Sie
in der Novelle so schön gezeichnet haben, freilich nicht so veredelt
wieder. Es war Hessenrode hinter Nordhausen, und unglücklicher Weise
daselbst Kirchmeß, so daß ich mich mitten unter dem lustigen Bauer- und
Soldatenvolk vor Aerger kaum zu lassen wußte: aber die Wirthin entzückte
mich. Indem sie mich auf Hochdeutsch begütigte und meine Forderungen
freundlich herabzustimmen suchte, warf sie zugleich auf plattdeutsch
einen Schnapsbruder, der wild geworden und von aller Welt verlangte,
sie sollte mit ihm: O du lieber Augustin, singen, zur Thüre hinaus,
fuhr einige misvergnügte Musketiere mit vieler Herzhaftigkeit an, und
stiftete überall Ruhe und Friede, so daß alle sonst Zwistigen doch in
ihrem Lobe übereinstimmten. -- Für Geschichtsschreiber der Menschheit
ist eine solche Nacht ein wahres Studium, besonders für solche, die
sich vorher das Bier immer haben in den Wagen bringen lassen.
Bei solchen Fährlichkeiten mußte nun das Andenken an Dresden vorhalten,
um mich einigermaßen munter und heiter zu erhalten. Göttingen sah’
ich zuerst vom Heimberge, über den ich mußte, und indem die Sonne
aus dem trüben Himmel auf ein paar Minuten hervorbrach, und auf den
dicken Nebel des Kessels herunterleuchtete, kam mir wieder zuerst etwas
Hoffnung für die Zukunft.
Darf ich Sie erst bitten, mich der Frau Gräfin von Finkenstein, Ihrer
Frau Gemahlin und allen den Ihrigen zu Gunsten wohl zu empfehlen. Ich
würde unendlich glücklich sein, wenn in Ihrem Kreise auch nur einmal
meiner mit einem Wörtchen gedacht würde; so sehr verehrt Sie
Ihr
gehorsamster
_Karl O. Müller_.