5. Dec. 19.

_Verehrtester Herr Doktor_.

Wenn zwei zuvorkommende Herrn, Hofrath Reuß und mein Freund Max, beide

gleich bemüht Ihnen zu dienen, mir alle Gelegenheit abgeschnitten

haben, mich durch eine Gefälligkeit oder kleine Gabe bei Ihnen beliebt

zu machen, so rechnen Sie mir das gewiß nicht an, sondern nehmen nach

Ihrer Güte den guten Willen für die That. Wie danke ich dieser Güte

alle Annehmlichkeiten meines Aufenthalts in Dresden, und wie selten

kann ich an die zwei Monate denken, ohne Sie zugleich im Herzen preisen

zu müssen.

_Die_ Zeit ist nun leider vorbei, und auf die saumseelig

hingetändelten Tage und Wochen sind nun andre recht schlimme gefolgt,

wo es scharf hergeht und alle Kräfte erbarmungslos mitgenommen werden.

Doch hält mich das Interesse der Wissenschaft aufrecht, in der mir so

Vieles noch sehr neu ist, wie ich überhaupt merke, daß jetzt erst das

Lernen recht angeht, und ich nach dem akademischen Triennium, wo ich

blos gegessen, nun ein andres Triennium brauche, um einigermaßen zu

verdauen, eh’ es ordentlich in’s Blut gehn kann.

Zu diesem stillen Insichhineinarbeiten ist Göttingen ein ganz

trefflicher Ort, ganz geeignet, um was an andern Orten excentrisch und

polarisch hervortritt, ruhig zu verarbeiten und hübsch ins Gleiche

zu bringen. Ein ähnlicher Ton herrscht in den Gesellschaften, ohne

Liebe und Haß, ohne sonderliches Anziehn und Abstoßen, dabei aber doch

ein allgemeines Wohlwollen, und eine freundliche Schonung fremder

Schwächen. Besonders wohl fühle ich mich in Heerens Familie, wo noch

Heyne’scher Geist weht, auch die Frau Hofräthin, eine treffliche Frau,

hat mich in ihren besondern Schutz und unter ihre Aufsicht genommen.

-- Auch mein nächster Kollege, Dissen, ist ein trefflicher Mann, so

gelehrt wie anspruchslos, und mit seinem richtigen und durchdringenden

Urtheil, der Bestimmtheit und Sicherheit seines Wissens, und dem

unfehlbaren Treffen auf den Punkt in allem, was er thut, grade der, an

dem ich mich heranbilden muß. Aber ein Mann von eigentlich ergreifender

Kraft der Seele und des Worts, der ein wirkliches Schauen an die Stelle

aller Schulbegriffe und Distinktionen setzte, fehlt hier ganz. Wie

würde sich Steffens Genius hier ausnehmen.

Aber wie bin ich nach Göttingen gekommen, ich werde nie ohne Schaudern

an diesen Weg denken. Ich fuhr über Merseburg; wäre ich nur auf

der Chaussee über Erfurt gefahren. Ich hatte von Leipzig nur einen

halbbedeckten Wagen mit einem Pferde genommen, aber auf den grundlosen

Wegen, die bald steil bergan gingen, bald sich in den tiefsten

Hohlwegen verloren, brauchte ich oft Vorspann und kam kaum von der

Stelle. Dazu beständiger Regen, der in der Nähe des Gebirgs halb zu

Schnee wurde, eine Mischung, die ganz vorzüglich geeignet ist bis

auf die Haut zu durchnässen und zu erkälten, und mit der man selbst

griechisches Feuer auslöschen könnte. Daß ich nicht eben wohl verwahrt

war, denken Sie gewiß, ohne daß ich es sage. Ich kroch alle Abende

zitternd und starr vor Kälte unter Dach, und es kostete Stunden mich

zu erwärmen. In einem Dorfwirthshaus, wo ich einmal, nachdem ich

mich mit dem Wege gänzlich verrechnet hatte, bei einbrechender Nacht

einkehren mußte, traf ich zu meinem Vergnügen die Wirthin, die Sie

in der Novelle so schön gezeichnet haben, freilich nicht so veredelt

wieder. Es war Hessenrode hinter Nordhausen, und unglücklicher Weise

daselbst Kirchmeß, so daß ich mich mitten unter dem lustigen Bauer- und

Soldatenvolk vor Aerger kaum zu lassen wußte: aber die Wirthin entzückte

mich. Indem sie mich auf Hochdeutsch begütigte und meine Forderungen

freundlich herabzustimmen suchte, warf sie zugleich auf plattdeutsch

einen Schnapsbruder, der wild geworden und von aller Welt verlangte,

sie sollte mit ihm: O du lieber Augustin, singen, zur Thüre hinaus,

fuhr einige misvergnügte Musketiere mit vieler Herzhaftigkeit an, und

stiftete überall Ruhe und Friede, so daß alle sonst Zwistigen doch in

ihrem Lobe übereinstimmten. -- Für Geschichtsschreiber der Menschheit

ist eine solche Nacht ein wahres Studium, besonders für solche, die

sich vorher das Bier immer haben in den Wagen bringen lassen.

Bei solchen Fährlichkeiten mußte nun das Andenken an Dresden vorhalten,

um mich einigermaßen munter und heiter zu erhalten. Göttingen sah’

ich zuerst vom Heimberge, über den ich mußte, und indem die Sonne

aus dem trüben Himmel auf ein paar Minuten hervorbrach, und auf den

dicken Nebel des Kessels herunterleuchtete, kam mir wieder zuerst etwas

Hoffnung für die Zukunft.

Darf ich Sie erst bitten, mich der Frau Gräfin von Finkenstein, Ihrer

Frau Gemahlin und allen den Ihrigen zu Gunsten wohl zu empfehlen. Ich

würde unendlich glücklich sein, wenn in Ihrem Kreise auch nur einmal

meiner mit einem Wörtchen gedacht würde; so sehr verehrt Sie

Ihr

gehorsamster

_Karl O. Müller_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 68 / 309 题