am 13. Januar 1840.
_Hochverehrtester Herr Hofrath!_
Schon seit mehren Tagen, denn ich bin erst von einer mehrwöchentlichen
Reise zurückgekommen, wollte ich Sie besuchen, aber immer kam etwas
Unabweisbares dazwischen. Da fällt mir ein, daß dasjenige, was ich zu
schicklicher Zeit Ihnen mitsagen wollte, schriftlich am besten abgethan
ist. Man hat mir von verschiedenen Seiten her weiß machen wollen, als
wenn Sie mir nicht gewogen wären, das habe ich nicht geglaubt, ich
bin aber erst dann ruhig, wenn Sie bei ähnlichen Gelegenheiten ebenso
urtheilen sollten. Warum soll man das kurze, so traumähnliche Leben
sich noch verbittern lassen durch unbedeutende Menschen, welche sich
gern eine Folie geben möchten? -- Werden Sie aber nicht am Ende diese
Zeilen übel aufnehmen? Ich glaube nicht, da Ihre Seele das Höchste und
Schönste, was je die Menschheit gottähnlich macht, gefühlt hat, und die
Stätte, wo die Gottheit wandelt, bleibt immer heilig. Ich war in Jena,
wo Sie an dem Kirchenrathe Schwarz einen eifrigen Verehrer haben; in
Weimar sprach ich Riemer, der sich lebendig noch der Zeit erinnerte,
wo er mit Ihnen bei der Schopenhauer zusammengewesen wäre. Professor
Brockhaus, bei dem ich eigentlich auf Besuch war, läßt Sie durch mich
mit aller Verehrung grüßen. Das ist Alles, was ich für Sie von der
Reise mitgebracht habe, nächstens aber komme ich selbst und hoffe wie
immer ein freundliches Willkommen zu erhalten. Wenn das, was ich oben
im Eingange erwähnt habe, Ihnen gemäß ist, so vergessen Sie es; denn
dann war es überflüssig. Wie immer mit ausgezeichnetster Hochachtung
und Verehrung
Eur. Hochwohlgeboren
ganz ergebenster
_Julius Mosen_.
Müller, Friedr. von.
Die Handschriften Goethe’s, deren Sendung der intime Freund
des Hauses, der Weimarische Kanzelar und General-Vermittler
Weimarischer Angelegenheiten, Herr ~Dr.~ Friedrich von Müller
mit nachfolgendem Schreiben vermittelt, haben sich in Tieck’s
Briefsammlung, wie sie in unsere Hände gelangte, _nicht_
mehr vorgefunden, obgleich dieselbe doch sehr viele, eben auch
nicht an ihn gerichtete, sondern nur als Reliquien aufbewahrte
Blätter enthielt. Da die von uns mitgetheilten Briefe Goethe’s
dem Sekretair diktiret worden sind, so befand sich _außer den
Namensunterschriften_, auch nicht eine Zeile Goethe’s in den
dickleibigen Bänden. --
Nicht nur Autographensammler, auch Solche, die ohne Sammler zu
seyn, Verehrer Goethe’s sind, werden, gleich uns, aus Herrn von
Müllers Worten mit Freuden ersehen, daß Ludwig Tieck den _Wunsch
ausgesprochen_ hatte, „etwas von G.’s eigener Handschrift zu
besitzen.“
_Weimar_, 19. Sept. 32.
Sie haben, hochgeehrter Freund und Gönner! eine Reliquie aus Göthe’s
Nachlaß, und zwar etwas von seiner eignen Handschrift gewünscht; nach
langer Auswahl will es mir scheinen, daß beiliegendes eigenhändig
aufgesetztes Schema zu einem Hefte von Kunst und Alterthum von
besonderm Interesse für Sie seyn würde. Frau von Göthe fügt zwey
Zeichnungen des Verewigten hinzu, wovon eine für Fr. Gräfin
Finkenstein, mit den allerangelegentlichsten Empfehlungen an Euer
Wohlgeboren und all’ die werthen Ihrigen; sie hat dabey in der That
Ihnen zu Liebe ihren festen Vorsatz gebrochen, keine Handzeichnung des
Verewigten jemals wegzugeben. Mögen Sie, mein Theurer! diese zweyfachen
Handzüge unseres edlen Abgeschiedenen stets mit der Ueberzeugung
von der aufrichtigen Achtung, die er Ihnen und Ihrem, dem seinigen
wahlverwandten Streben und Wirken widmete, betrachten!
Zugleich erlauben Sie mir Ihnen meine anliegende Denkschrift auf
Göthe zu übereignen, die wenigstens ihren Titel: _Beitrag zur
Characteristik_ &c. rechtfertigen dürfte. Denn recht absichtlich
wählte ich die Darstellung nur _einer_ Seite aus dem reichsten
Leben, aber einer solchen, die meines Wissens nach nicht hervorgehoben
und näher beleuchtet worden ist.
Ich darf Sie wohl bitten, unserm gemeinschaftl. Freunde, dem Hrn.
Grafen Baudissin, die weitern Anfuge Göthescher Handschriften zu
übergeben?
Haben Sie denn in einem Feuilleton der allerneusten Stücke des Journals
des Debats die Anzeige und Analyse Ihres Phantasus gelesen? Sie ist
im Ganzen gut und wohlmeinend geschrieben, nur vermögen die Franzosen
durchaus nicht, sich in eine deutsche Dichterseele rein hineinzudenken
und fügen daher unwillkührlich immer noch einen Schnörkel daran.
Inzwischen ist es schon merkwürdig genug, daß ihnen das Verständniß
genialer Leistungen des Auslandes zu dämmern beginnt.
Ich erlaube mir Sie auf das Schlußheft von Kunst und Alterthum, welches
in dieser Michaelis-Messe erscheint, aufmerksam zu machen, da ein
Aufsatz von Göthe: „Für junge Dichter“ und zwey seiner Briefe über den
Abschluß des Faust Sie gewiß sehr interessiren werden.
Faust selbst, der 2te Theil nämlich, erscheint in der ersten Lieferung
nachgelassener Werke unfehlbar zu Weihnachten und ich bin äußerst
begierig, welchen Eindruck diese wahrhaft wundersame Composition auf
Sie machen wird.