VI.

am 20. Octbr. 1836.

_Hochverehrtester Herr Hofrath und Doctor!_

Ihre Andeutungen über das vielbesprochene Stück haben mich, irre ich

sonst nicht, ganz und gar zur Klarheit damit gebracht. Zudem ich

Rienzi in Wechselwirkung mit seinem Weibe bringe, welche mit ihrem

Charakter die Stelle der Livia und die von ihr ausgefüllten Scenen

geeignet überkommt, wird das Stück auch in dieser Parthie rund werden.

Ich habe die verwichene Nacht hindurch die erstere Exposition des

damaligen römischen Zustandes im 1ten Acte und das andere Nöthige

aus- und umgearbeitet. Wenn Sie mir das Manuscript auf einige Tage

wieder zustellen lassen wollen, so glaube ich Ihren Ansichten das

Werk näher rücken zu können. Könnte ich, wenn auch nicht Ihren ganzen

Beifall, doch Ihre Zufriedenheit mit mir erringen, so hoffe ich auch,

daß Sie dem Stücke das Leben auf der Bühne schenken werden. Ich möchte

nicht gern wieder etwas drucken lassen, ohne sagen zu dürfen: es ist

vorgestellt worden; ja außerdem würde das Buch auch Niemand sich

anschaffen. Noch habe ich eine historische Notiz gefunden, die mir lieb

ist. R....’s Vater soll der natürliche Sohn Heinr. IV. gewesen sein.

Oft erklärt sich aus solchen Zufälligkeiten das ganze Schicksal eines

Menschen. Wenn R....’s Weib, bei deren Einführung in das Stück und

gehoffter Aufführung desselben ich an Fräulein Bauer gedacht habe, von

dieser Künstlerin, Montorale von unserem Weymar und R...i von Devrient

gegeben würde, so glaube ich, daß es schon seinen Theaterabend gut

genug ausfüllen wird. Doch das Alles lege ich in Ihre gütige Hand.

Auf Ihr Wohl habe ich gestern noch mit Hr. G. R. v. Ungarsternberg

in dessen Behausung eine Flasche Wein getrunken; -- er wie ich waren

von Ihrer Vorlesung des Homburg über das ganze Herz hinüber warm und

begeistert. Nicht nur Ihren Mund, auch Ihre Seele hat die schöne Muse

geküßt! Ich sehe Sie bald wieder! Wie immer mit aller Verehrung

Ihr

ergebenster

_Julius Mosen_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 62 / 309 题