Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war
allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der
Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu
fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig
vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter
den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte
und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und
geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that,
und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied
einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen
andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie
wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine
solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so
und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte.
Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen
lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach,
wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier =könne= sie
es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf
weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche
und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als
etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand
die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit,
ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida
ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was
Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause
als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten
die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich
auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest,
Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand
mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren
Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt,
selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und
dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und
glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als
gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf,
das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und
bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's
zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und
reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist.
Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und
hielt sie staunend in den Händen.
»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen
Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde
möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!«
Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das
verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es
fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt
sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer
soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum
Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar,
da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte.
Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin
und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch
so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar!
Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«
Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar,
was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.
»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer
mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner
Toilette allein fertig werden?«
»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.
»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida
erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.
»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn
mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig
ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken
bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir
der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat
einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen,
und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können.
Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die
Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte
abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh
um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über
die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«
»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja
fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«
»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen.
»Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet
nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit
hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am
Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen
Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit
den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen
Wirthschaftsräume alle -- o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin
thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der
Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was
ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«
Frida verzog bei diesen Worten ihr Mündchen etwas höhnisch und
zuckte mit den Schultern. »Jeder lobt sich seine Existenz als die
Beste,« sagte sie herbe. »Für ein Leben, wie ihr es führt, müßte ich
meinerseits nun wieder danken. Ich stürbe in den ersten acht Tagen
dabei.«
Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es käme nur auf
Gewöhnung an; Frida aber ließ sich innerlich schaudernd über solche
Gewöhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd überwerfen, und die
Bewunderung über dies Kleidungsstück, das den jungen Mädchen etwas ganz
Neues war, führte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche
Nachthäubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd
darunter schob, und die feinen, seidenen Pantöffelchen brachten
Lottchen ganz in Ekstase.
»Du bist wie eine kleine Prinzessin im Märchen,« rief sie entzückt.
»Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!
Aber ich möchte sie nicht an mir haben; ich würde mich immer ängstigen,
etwas davon zu zerreißen.«
»Nun was schadet das?« sagte Frida müde, »ewig kann man das Zeug doch
nicht tragen, dann kauft man anderes.«
»Wir können das nicht, wir müssen sparsam sein und unsere Sachen lange
tragen, sagt die Mutter,« erwiederte Hannchen. »Viel Kinder kosten
Geld, für unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei
unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat,
das entbehren wir nie.«
»Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Bälle und in
Concerte?« sagte Frida.
»In Gesellschaft? O ja, zuweilen,« rief Lottchen stolz. »Pastor Werders
und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir häufig, besonders an
Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf,
dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tänzchen
gemacht, besonders wenn die Söhne in den Ferien da sind, jedoch wir
Mädchen tanzen auch unter einander. Am schönsten aber ist's, wenn wir
Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tänze aufspielt,
nach denen wir in der großen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal
dies Vergnügen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich
da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes,
da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das
ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst.
Unser Großknecht ist ein prachtvoller Tänzer; du sollst sehen, mit
ihm tanzt sich's so schön, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im
Tanzsaal.«
»Ich soll mit euren Knechten tanzen?« rief Frida erschrocken, »thut ihr
denn das?«
»Nun natürlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht
abschlagen dürfen,« entgegnete Hannchen. »Wir würden es aber auch
selbst gar nicht entbehren mögen; denn auf den Kirmestanz freuen wir
uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.«
Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich
indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber
je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine
Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen
Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte
ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie
umgab.
Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im
Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie
im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um
weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte,
und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das
sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie
nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende
Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war,
und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen,
ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen
abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt =war=
es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor
Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen
andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich
schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.
»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.
»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.
»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,«
fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den
Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die
Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben
Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr
fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche
Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.
»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie
endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen
das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand
dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor
den Spiegel.
»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief
Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines
Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch
darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war
sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren
städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.
Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten
Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht
auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie
jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den
schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel
zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen
Gliedern der Familie.
Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und
rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit
zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war.
Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie
schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher
als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«
Frida erröthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk.
Dann gingen die jungen Mädchen zum Frühstück, mit dem man auf Frida
gewartet hatte, und alles begrüßte das neue Glied des Hauses mit einem
fröhlichen »guten Morgen!«
Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand
Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unerträglich erschien,
fühlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit
gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hörte
sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbändigen,
kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern
oder die älteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schön
aber war das Verhältniß zwischen den erwachsenen Töchtern und ihrer
Mutter, und mit tiefer Beschämung gedachte Frida ihres Betragens im
Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher
dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wünschen der
Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung
aufnahmen. »Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wäre
es gewiß auch anders,« seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu
entschuldigen; daß sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und
launisch betrug, obwohl es ihr »rechter Vater« war, das mochte sie sich
kaum eingestehen.
Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten
beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie über das Leid, das Papa
ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung
hörte sie, daß Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollständig
billigte.
»Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du
dich freuen, daß ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?«
rief Frida verletzt.
»Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte!« entgegnete Tante
Marie. »Könntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe
Frida, so würdest du hören, wie glücklich es sie machte, ihren Mann
wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer
Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen,
liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur,
mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wünschen und Gefühlen
hingiebt, und obwohl ich recht wohl weiß, daß einem Manne nichts in der
Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod
ihm da schlägt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist
sowohl für ihn selbst wie für seine jungen Kinder ein Glück, wenn er
ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder
Glück und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist
sie ganz dazu geschaffen, das schöne Amt, das Gott ihr anvertraut,
treu zu erfüllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem
Gedanken aussöhnen, das weiß ich sicher, so traurig du auch jetzt den
Kopf dazu schüttelst. Wäre Gertrud jung und unerfahren, so würde ich um
deinetwillen die Wahl deines Vaters mißbilligt haben; denn einer fast
erwachsenen Tochter muß der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das
thut nimmer gut aus tausend Gründen. Aber Gertrud könnte den Jahren
nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trübes im Leben
erfahren, daß sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue
ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin
erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.«
Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fühlte
wohl, daß es unlautre Gründe waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter
einnahmen, und daß besonders die Beschränkung ihrer Launen und ihres
übermäßig freien Willens sie so dauernd empörte. Sie hatte gehofft,
an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche
völlig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun
aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte,
nahm sie sich vor, solch Gespräch nie wieder in Anregung zu bringen,
sondern ihren Verdruß im Herzen zu verschließen; verstanden wurde
sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie über diesen
Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhältnisse nicht. Wie
anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz
ausschütten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie
von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie
bestärkten sie diese klugen, jungen Mädchen in der Opposition, welche
sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war.
Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung
für ihre Gefühle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte,
liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren günstigen Einfluß
geübt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschläge und Ansichten
dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder
verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen
Mädchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben
zu verbieten, die Sache wäre dadurch nur schlimmer geworden.
Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine
Rechte auf das junge Mädchen geltend, und da jene leidenschaftlichen
Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller
und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener
Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfüllt hatte. Die Briefe
aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus
der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herüber, und der
Gedanke, bei ihrer Rückkehr wieder in jenes verhaßte Verhältniß zur
Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Färbung an, je
länger Frida vom Hause fort war.
Als am ersten Tage gleich früh Morgens alles an die Arbeit eilte,
wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer
schlichten Weise zu Frida: »Nun, mein liebes Töchterchen, da du ganz
als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht
es sich auch, daß wir keine Umstände mit dir machen. Jeder geht an
seine Geschäfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Küche unter
ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frühen Morgen schon in der
Milchwirthschaft beschäftigt, Martha besorgt soeben die Hühner und dann
nimmt sie sich der Kleinen an, während ich mit Hermann im Keller Bier
auf Flaschen füllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten,
so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren,
oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bücher und Noten und
manch hübsches Plätzchen draußen im Freien. Ich will dir die Kinder zur
Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr
haben sie Schule. Das Mädel ist ein geborner Schulmeister, sage ich
dir.«
Frida zog es vor, im Zimmer bei Büchern und Clavier zu bleiben, und so
verließ sie die Tante, um den tausend Geschäften nachzugehen, welche
ihrer harrten. Das junge Mädchen sah sich nun allein mitten unter
all den vielen thätigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich
unendlich überflüssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und
las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurück in
die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hörte.
Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie
fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu
klanglos. Es war ja ein Jammer, daß sie ihre Uebungen auf solchem
»Rumpelkasten« halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen
Flügel von Papa erhalten. Sie stand ärgerlich auf und suchte andere
Unterhaltung; aber alles mißfiel ihr. Ein Gefühl von Verdruß überkam
sie mehr und mehr, daß niemand sich um sie bekümmerte, gerade als wäre
sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an
Vernachlässigungen überdies in keiner Weise gewöhnt. Was in aller Welt
sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder
seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu
Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!
Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die
Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekümmerte, selbst
den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr
verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen;
aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in
die Kinderstube, wo Martha beschäftigt war, ihren beiden kleinen
Geschwistern Lesestunde zu geben, während das dreijährige Brüderchen
daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.
Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschäftigungen auf,
und die kleine Marie sprang dem jungen Mädchen fröhlich entgegen.
»Wo steckt ihr denn nur alle?« sagte Frida gereizt, »und wo ist
Hannchen und Charlotte geblieben?«
»Ich dachte, du wärest bei ihnen, liebe Cousine,« entgegnete Martha
etwas schüchtern. »Ich muß die Kinder einige Stunden beschäftigen;
Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Küche. Sie denken wohl,
da ist keine Unterhaltung für dich. Willst du bei uns bleiben?«
»Ich werde Hannchen aufsuchen,« sagte Frida kurz; denn sie fand es
schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Würde, sich
mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern
gegenüber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken,
kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.
»Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller!« rief Martha der
kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine
und zog sie mit sich fort. Sie hatten den großen Hof zu durchschreiten,
den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in
der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber,
besonders in der Nähe einiger Ställe, an denen sie vorüber schritten.
»O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch!« rief
Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen
Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach
wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. »Warte, ich hole
dir Holzpantoffeln!« rief Marie und kam sogleich mit einem solchen
Paar zurück, während ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen
Füßen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmöglich! Sie ging
wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pfützen. Aergerlich
erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in
den Milchkeller führten. Hannchen kam ihr hier fröhlich entgegen, das
Kleid aufgeschürzt und in der Hand einen breiten Löffel, mit dem sie
soeben die Sahne von den zahllosen Milchschüsseln abrahmte, welche
ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft näher, denn ihr
war sehr unbehaglich zu Muthe. Für ihre dünnen, nassen Stiefelchen
war dieser feuchte, von Milch hier und dort getränkte Fußboden noch
schlimmer, als draußen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so
kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wäre
am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von
Schüssel zu Schüssel, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen, und
das verdroß Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege
und erkältete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lächelte
Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen,
da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn
ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfältig auf und trippelte hinter
Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.
»Was machst du nur eigentlich, Hannchen?« rief sie nach einer Weile,
als sie sah, wie jene überall sorgfältig mit dem breiten Löffel die
dicke Sahne von der geronnenen Milch abschöpfte. »Du verdirbst ja
die ganze saure Milch! Wer soll die denn genießen, wenn du die Sahne
herunternimmst?«
Hannchen lachte herzlich und sagte: »Die Schweine, Cousinchen! Etwas
bleibt zur Bereitung von Käse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den
Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!«
»Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst?« fragte
Frida weiter.
»Essen? Gott bewahre, das wäre schön!« rief Hannchen. »Daraus soll ja
die Butter für's ganze Haus gemacht werden.«
»Die Butter? =Daraus= macht ihr Butter?« fragte Frida verwundert.
»Nun ja, woraus denn sonst?« lachte Hannchen. »Komm und sieh dir das
Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen?«
Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere
hohe Butterfässer, welche von einigen derben Mägden in Bewegung gesetzt
wurden. Das war für die kleine Stadtdame ein völlig neuer Anblick, und
erstaunt sah sie dann, daß das Fett der Sahne sich bei der Bewegung
im Faß von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen
Butterklümpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer
Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida genoß
mit Vergnügen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete.
»Heute Abend kostest du gewiß mit doppeltem Appetit von der Butter, die
du hier entstehen sahst,« sagte Hannchen, auf die leckere, weiße Masse
zeigend, welche nach und nach aus den Fässern wanderte. »Ueberhaupt
denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du
Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein
Bischen umherführen, ich muß zu den Leuten!«
Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als
ein äußerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine
ruhte nicht, bis sie dem jungen Mädchen all ihre Lieblinge gezeigt
hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege
an den Hörnern hervorziehend, bald dort weiße Kaninchen oder ein junges
Lämmchen, oder besonders hübsche Hühner und Tauben. Frida kam sich vor
wie ein Opferlamm und ließ sich geduldig von einem Stall zum andern,
von einer Hütte oder einem Verschlag zum andern führen. Ihre schönen
Stiefelchen waren ja doch einmal für ewig verdorben, und in welchen
Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie
nicht länger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung
bei diesen Streifzügen.
»Aber das Kälbchen von unserer guten Bleß mußt du noch sehen, Frida, es
ist zu niedlich!« rief Mariechen, abermals eine Stallthür öffnend und
das junge Mädchen hereinziehend.
»Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu fürchterlich
schmutzig,« sagte Frida und blieb zögernd in der Thür des Kuhstalles
stehen, ängstliche Blicke auf die Kühe heftend, welche brummend die
dicken Köpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, daß sie
sich vor den Thieren fürchtete, in deren nächster Nähe sie noch niemals
gewesen war. »Sie werden dich stoßen, Mariechen, nimm dich in Acht!«
rief Frida ängstlich, als sie sah, wie das kleine Mädchen furchtlos
zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen
Händen zur Seite schob, um sich Platz zu dem Kälbchen zu machen, das
neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag.
»Mich stoßen?« lachte die Kleine. »Das wäre schön, alte Bleß, nicht
wahr? Wir kennen uns besser. Alle Kühe in den Ställen kennen mich,
Frida, sie sind nicht böse. Komm doch einmal her und sieh dir das
Kälbchen an; es hat einen weißen Stern auf der Stirn, gerade wie seine
Mutter, die Bleß.«
Aber Frida blieb ängstlich in der Thür stehen; sie hätte sich um die
Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrängt, die sie alle mit
ihren Hörnern zu bedrohen schienen.
»Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle,« sagte sie und
wollte eben zurücktreten, da wurde sie von außenher hineingedrängt.
»O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein
und zier dich nicht!« rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah
Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den
Füßen, sich an ihr vorbei drängte. Dann ging er pfeifend die Reihe
entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten
Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises
Brummen war die Antwort der gehörnten Freunde. Zögernd folgte Frida,
indem sie sich ängstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte
froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thür
hinausschlüpfen konnte.
»Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen?« sagte Hermann jetzt.
»Schweine?« rief Frida entsetzt. »Pfui, in den Schweinestall soll ich
doch nicht etwa auch kriechen?«
»Hoho,« lachte Hermann, »da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine
wohnen höchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prächtige
Gesellschaft beisammen.«
Frida verzog den Mund spöttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten
Vetter, der sie zu seinen Schützlingen führte. Aber sich abwendend
hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon
laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwärts.
»Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mußt du
sehen, sie sind zu prachtvoll!« rief er eifrig. Dabei öffnete er
einen der Bretterverschläge, und sogleich kamen eine ganze Menge
kleiner, weißer Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um
Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und
klammerte sich mit den Händen an Hermanns Arm, besonders als das alte
Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Füße berührte
und sich nach ihren muntern Sprößlingen umschaute. Hermann lachte
aus vollem Halse über Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt
gebend, daß sie zur Seite fuhr, rief er lustig: »Bist du aber ein
Hasenfuß, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine
Löwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an,
hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht
weiß und lecker wie kleine Leberwürstchen? Und sieh nur, was sie für
possirliche Sprünge machen und für allerliebste Schwänzchen haben! So
ein Ferkelschwänzchen könntest du als Cravatte um den Hals tragen;
so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh
nur einmal!« Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und
legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene
Schwänzchen hoch emporhebend.
Frida warf das völlig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur
Erde und rief beleidigt: »Behalte dein Viehzeug für dich, ich danke
bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe!«
Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt,
lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, daß sie über einander
sprangen und sich kugelnd umher wälzten wie Gummibälle. »Bist du aber
zimperlich!« rief er spottend. »Ihr Stadtleute seid komisches Volk.
Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst
verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren
herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich,
Fridelchen, ich werde dafür sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit
Entzücken in deine Arme und herzt es wie ein Schooßhündchen, das sollst
du sehen.«
Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter böse und
wandte ihm rasch davongehend, den Rücken. Dieser pfiff lustig hinter
ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in äußerst unmelodischen
Tönen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: »Hans mit
den Pluderhosen sprang über'n Kachelofen -- wutsch! war er weg.« Darauf
verschwand er wieder in den Ställen, die zimperliche Cousine sich
selbst überlassend.
Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz
dieser ersten ländlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte
vom Hause her und sagte: »Ich will meine Glucken besuchen, Frida,
kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was
sie machen.«
Frida verstand von dieser Rede eben nur, daß die Reise nach dem
Hühnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von
all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht
erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie
ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden
Besuchen schon war.
»Hier sind nur einige von unsern Glucken,« sagte Charlotte, einen
engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Körben
saßen, die mit Stroh ausgefüllt waren. »Der eigentliche Brütstall steht
unter Mutters Leitung, du mußt dich einmal von ihr mit dahin nehmen
lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der
Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten
Küken davon haben.«
Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und
untersuchte die unter ihr liegenden Eier. »Die gelbe Kronenhenne sitzt
am längsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden,« sagte sie
mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder »Sieh da, zwei
Kleine sind glücklich an's Tageslicht gekommen!« rief sie freudig und
zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke
an den Flügeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Küken krabbelten
da vergnüglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stück
Eierschale auf dem Kopfe.
»Faß einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig,« sagte Charlotte,
auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und
nahm das Ei zögernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin,
einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoßend. Aus der Schale des Eies
sah nämlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf
ein dunkles Köpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch
arbeitete.
Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Köpfchen,
die Aeugelchen blickten aber ganz vergnügt daraus hervor. Nach einer
Weile hatte sich das ganze Körperchen aus der Schale herausgearbeitet
und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefängnisses in Gesellschaft
der andern Kükel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei
war auch schon ein großer Sprung; man hörte leise picken und sah, wie
von innen ein spitzes Schnäbelchen an der Umhüllung bohrte, um sie
zu durchbrechen. Frida war außer sich vor Entzücken und wollte gar
nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie
vorgekommen. Charlotte aber nahm die Küken heraus und setzte dann die
Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. »Länger darf ich das Nest nicht
unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt,« sagte sie. »Die Kükel
aber thun wir hier in den Federtopf, daß die Alte sie nicht zertritt,
bis alle heraus sind.«
Frida war glücklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen
Hühnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen
sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kükel der nächsten
Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten müsse der Herr Pastor
haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte
und küßte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues
Kleid hätte dem jungen Mädchen eben jetzt solche Freude machen können,
als der Besitz solch kleiner, spashafter Küken, wie diese, die leise
piepsend in dem Federtopfe über einander kugelten.
»Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen?« rief sie ungeduldig und
lief von einem Brütkorbe zum andern.
»In den nächsten Tagen, hoffe ich,« sagte Charlotte, »sie sitzen fast
alle schon drei Wochen.«
»Was, so lange muß solch arme Henne sitzen?« rief Frida, die Hände
zusammenschlagend. »Das ist ja ganz schrecklich! Muß =die= sich
langweilen!«
Charlotte lachte herzlich. »Ja, und denke nur, das arme Thier frißt
und säuft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, während sie brütet. Früh
Morgens kommt sie vom Nest herunter und frißt sich satt, und dann
fastet sie den ganzen übrigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit für eine
gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrüten.«
Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen
Hennen -- der Hühnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste
Schritt zu ihrer Aussöhnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden
Landleben, und täglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem
Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und
das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem
Ei gekommenen Kükel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den
Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu füttern,
war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die täppischen, kleinen
Wesen ungeschickt über einander kugelten und vorn überfallend das
Gleichgewicht verloren, sobald sie die Körnchen aufpicken wollten, dann
jubelte Frida laut auf vor Vergnügen und konnte sich keine hübschere
Unterhaltung denken. Und um Hühner- oder Enteneier zu suchen und
einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen
Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig
hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hörte und es in Verdacht
hatte, seine Eier verschleppt zu haben.
»Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin
werden, gebt Acht!« rief Onkel Bremer oft vergnügt, wenn er die
hübsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete
ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als
seitdem Frida die Hühner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewiß
ein Geheimmittel, womit sie die Hühner bezaubere.
Onkel und Tante waren überhaupt von einer Güte und Herzlichkeit gegen
das verwöhnte Nichtchen, daß diese es nicht besser hätte wünschen
können. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mädchens, das sich für
etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Fülle kund gab,
wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdruß hingenommen.
An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten
Frida's Unliebenswürdigkeiten völlig ab, und bereitwillig spendeten
sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten
deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit übertrafen. Aber
wäre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie hätte schon in den
ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie später recht wohl
einsah: daß sie selbst trotz ihrer glänzenden Eigenschaften an wahrhaft
innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je
länger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dämmerte in ihrem
Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lächerlich und
thöricht es sei, daß sie sich besser dünkte als Alle, und bald fing
sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer
Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und
Eitelkeit hieß. Wußten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen
tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte!
Und wie fleißig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese
Mädchen alles den Tag über, und wie nützlich waren sie dem Hauswesen,
während sie selbst die Hände in den Schooß legte, oder ein Bischen
las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst
Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute
Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Kräfte
zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas,
das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen,
die sich so vortrefflich und so hoch über diesen Mädchen stehend
erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen
Geschwistern genützt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut
gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen
gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrüh auf ihre Schultern
gelegt wurden, ihr nicht unerträglich gewesen, und hatte sie sich
denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie
mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war,
als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus führte, -- was mußte diese
von ihr gedacht haben? Und doch, welche Güte, welche Nachsicht hatte
Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten
gekehrt, was Frida Thörichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe
gelohnt? -- Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die
thätigen, liebreichen und demüthigen Menschen beobachtete, von denen
sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav
und tüchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst
wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, daß sie auch gut
und liebenswürdig sein könnte und dankbar für die ihr erwiesene Liebe.
So übte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schönen,
thätigen Familienlebens seinen wohlthätigen Einfluß auf das junge
Mädchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel,
welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in
die Heimath sandte. »Laßt mich ja noch eine Weile hier, ich muß noch
so viel lernen und es gefällt mir so gut!« so schrieb sie schon nach
einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem
Wunsche entgegen.
Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr völlig
fremden Welt, daß sie noch Jahre hätte da bleiben können. Alles war ihr
neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wußten zehn Mal mehr
Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte,
war häufig die Veranlassung zu großer Heiterkeit.
»Marie, kannst du ein Paar schöne Enten gebrauchen, die der Förster
geschossen hat?« fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.
»Geschossen?« rief Frida erstaunt, »warum schießt er denn die Enten vom
Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.«
Ein schallendes Gelächter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte,
der Förster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des
Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig
gegessen.
»O welch eine Menge schöner blauer Blumen!« rief Frida dann wieder,
als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war höchst erstaunt, als
sie erfuhr, daß ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer
Blümchen auf dem Felde gestanden habe. Natürlich hatte sie auch keine
Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hießen, welche auf den
Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth
war, entsetzte sich vollständig, wenn Frida einen Spaziergang mit
ihm machte, und den schönen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich
sah, oder ein Roggenfeld für Weizen erklärte, und über die Unmasse
schöner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide
standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz
und Anwendung landwirthschaftlicher Geräthschaften hatte sie ebenfalls
keine Vorstellung. Eine Egge war für sie ein vollständiges Räthsel,
und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch
noch ein Geheimniß gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter für das
Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber
gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei
doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen
Dünger der Ställe sorgfältig aufbewahrte, statt das häßliche Zeug
fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der
Schur erregte ihr höchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte
sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.
In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtäglich mit dem
Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte,
und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken
aber war es für das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese
schreiten mußte, auf der Kühe und Ochsen frei weideten. Allein und
ohne ihre Cousinen hätte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung
richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehörnten Ungeheuer, welche
gar nicht daran dachten, sie zu belästigen, sondern ruhig grasend
die dicken Köpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in
das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest für die ganze Dorfjugend, da
flüchtete Frida gewöhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit
nur ja keiner ihrer persönlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie
wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des
ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen,
und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht
hatte, der seiner Heerde dumpf brüllend vorauf schritt, den mächtig
breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen
böse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer
Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Löwen allein im Felde
begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube,
der dies furchtbare Geschöpf mit seinem langen Stock regierte, war für
sie ein größerer Held, als Blücher oder Ziethen.
Der Onkel nahm Frida häufig mit sich hinaus auf''s Feld oder in Wald
und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntniß in allen landwirthschaftlichen
Dingen einigermaßen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht
nur die Früchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen
mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Häusermeer keine Ahnung
bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bäume des Waldes, die Stimmen
und die Gestalt der Vögel, die Insecten und Würmchen, welche Wald und
Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche
sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und
den Genuß und die Freude an der schönen Gotteswelt erst ganz und voll
machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte,
und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt
beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an,
und wenn er einerseits als tüchtiger Landwirth sich ihr praktisch in
Dienst gestellt hatte, so versäumte er darüber doch nicht, auch für
ihre schönen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders
für den Wald gewann Frida eine immer größere Vorliebe, je mehr sie an
der Bildung von Stamm und Blättern die einzelnen Bäume von einander
unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und
Esche, das alles waren für Frida bisher Bäume, von denen sie freilich
gehört, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte
Gestalt und Eigenthümlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch
man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst.
Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine
Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten,
sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein
der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal
in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend
ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stündchen in dem dortigen, schmalen
Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen
zu plaudern, so große Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu
verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, daß sie über
diesen Dingen alles andere vergaß, und es ihr gar nicht aufgefallen
war, wie schön so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt
nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Häusern ohne ihre
lieben Bäume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und
Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das
Schönste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an,
ihr verständlich zu werden.
Bei solchen Spaziergängen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten
war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette,
welche für solches Landleben, wie sie es hier führte, vollständiger
Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dünnen Falbeln ihres
Kleides hängen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge
Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen
war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen,
beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlüpften in
ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert überall durch,
ohne den geringsten Schaden zu leiden, während Frida mit ihrer langen
Schleppe und den dünnen, bauschigen Stoffen unsäglichen Aerger und
tausend Mühe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges
oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer
gewöhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, daß es wieder sauber
und ganz werden mußte. Mit Verwunderung sah sie dann, daß Tante Marie
oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstückes annahm und es
bürstete und plättete, stopfte und nähte, bis es wieder in Ordnung war.
Und nun gar die dünnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer
trug! Zu Hause hatte die Wäscherin der jungen Dame solch zierlich
Kunstwerk stets fix und fertig überliefert, und die Jungfer sorgte
für die tägliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder
die Hände von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe übernahmen
und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser
luftigen Hüllen auf dem Plättbrete wieder in Stand zu setzen, und
diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwürfe und Frisuren
zu plätten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen
Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefühl von Scham,
wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick über
Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte
ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Plätten, noch sonst einer
der häuslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mädchen Meisterinnen
waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei
ein großes Vergnügen, solche allerliebste Sachen unter den Händen zu
haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wünschte
Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie
unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unnütze
Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit
ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefüllt und bat den Onkel, den
nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als
möglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch
feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach
einigen Wochen in völlig unbrauchbarem Zustande.
Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung
anpaßte, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als
etwas Entwürdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten
überließ, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Händchen
selbst, ohne einen Anstoß daran zu nehmen; denn Charlotte und
Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne
Zögern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bänder
und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestäubt hatte, so litt sie es
bald nicht mehr, daß Tante Marie Bürste oder Nadel für sie ergriff,
oder Hannchen herbeieilte, die Schäden auszubessern. Fröhlich ließ sie
selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Bürste über Schuhe
und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemühen, und bald fand
sie auch Gefallen an allerlei häuslichen Arbeiten, in denen sie sich
von den Cousinen unterweisen ließ. Zuweilen betrachtete sie dann wohl
mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen
oder Plätten oder Früchte schälen bedenkliche Farben annahmen und rauhe
Stellen zeigten. Aber lachend trösteten sie dann die Cousinen, und
Frida selbst spottete endlich über ihre Eitelkeit, von der sie bisher
tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die
Zeiten waren glücklich vorüber, in denen sie in Furcht und Angst vor
der kräftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr
daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische
seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten
könne; ob auch ihre Hände verbrennen oder der Taint verderben werde,
wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schützenden Hut
verschmähte. Tante Marie mußte sie jetzt sogar manchmal daran erinnern,
sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst vergaß
häufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu
lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder
streckte.
»Papa wird mich gar nicht wieder erkennen!« rief sie oft lachend, wenn
sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine kränkliche
Blässe und die bläulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was
aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht
die Näschen über die einst so elegante Frida rümpfen würden, wenn
sie zurück kam, kräftig und blühend wie eine volle, rothe Rose, das
kümmerte das junge Mädchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war
sie so ziemlich geheilt. Auch überflüssig fühlte sie sich jetzt nicht
mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in
Küche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von
ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemüth heiter
und sorglos. Ist man ja doch nie glücklicher, als wenn man mit sich
selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie
zuvor in ihrem Leben. Eine große Befriedigung gewährte es ihr, daß
sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge
Mädchen hatte große Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht
viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen,
Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten
hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht,
so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb
ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mädchen hatten helle,
frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst
entwickelten.
So lebte Frida behaglich, fleißig und glücklich von Tag zu Tage und von
Woche zu Woche, und je länger sie hier im Hause verweilte, desto lieber
war sie dort. Die große Welt, in die sie wieder eintreten sollte,
kehrte sie nach Hause zurück, und von der sie mit so schwerem Seufzer
geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie früher auf das
Gemüth Frida's ausgeübt, und wirkliche Sehnsucht fühlte sie nur oft
nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum
selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren
Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thörichtes gethan, und zu
zeigen, daß sie auch brav und gut sein könne und nicht nur das eitle,
hochfahrende Mädchen von ehemals.
Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt,
welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch
einmal zu den ersten Tagen zurück, welche Frida im Hause des Onkels
verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens
erschien in dem Wohnzimmer eine große, mächtige Männergestalt, deren
frisches Gesicht von dichtem, weißen Haar umgeben war, und den man als
den Herrn Pastor äußerst freudig begrüßte. Die kleinen Kinder hingen
sich an seine langen Rockschöße, Hannchen schob ihm gleich Vaters
großen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schüttelte ihm so gewaltig
die große, breite Hand, daß sie ordentlich in ihren Gelenken krachte.
Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen,
grauen Augen, und seine Art und Weise war so fröhlich, und mit jedem
hatte er so viel Scherz und Neckereien, daß Frida ganz verwundert drein
schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt.
Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gespräch an, und war so
zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mädchen schon seit
Jahren.
»Nun, Kinderchen,« sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, »Sonntag
Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, daß ihr euch hübsch
macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon
alle Blumen im Garten zu riesigen Sträußen und Kränzen gebunden, und
die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon.
Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie
eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prächtigen Zuckerkuchen
gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden
Zöglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergnügter werden. Ich
denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der
oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schönes, kleines
Mamsellchen hier doch auch einmal, daß man auf dem Dorfe vergnügt sein
kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll
Fröhlichkeit mit zur Pfarre.«
Diese Nachricht erregte große Freude. Justus war ebensosehr der
Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im
Pastorhause schien für jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf
dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am
Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete,
stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den
Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von
dem alten, fröhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schöne
Predigt zu hören, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie,
mit welch großer Andacht und Innigkeit die bäuerliche Gemeinde zu
ihrem weißhaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt
geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige
Kirchgängerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine
Ausnahme. Aber auch von dieser schönen Zeit ward ein großer Theil
durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefüllt, wie sie nur in so jungen
Mädchenköpfen hausen können, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder
Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall
sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfänglichen
jungen Gemüther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite,
und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben
so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schönen
Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die
ihrer Freundinnen an Eleganz noch übertraf, als an die ernste, schöne
Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfängliches Gemüth nichts desto
weniger tief und innig und rief eine Fülle edler und guter Gedanken
und Vorsätze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit
vorüber, so schlugen die Wellen des täglichen Lebens über ihrem Kopfe
wieder zusammen; Rührung und gute Vorsätze klangen nur noch in leisen
Accorden zu ihr herüber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als
hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein
musterhaftes junges Mädchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der
stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen
diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von
dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre
Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre
Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wußte sie, daß
in diesen Gemüthern anderer Ernst und andere Frömmigkeit lebte, als
jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den
Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehörte dazu,
ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde
stiller Andacht zu den Füßen des würdigen Geistlichen. Aber sie kam
doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie früher
nie an dem jungen Mädchen gekannt hatte.
»O Tante,« sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das
Gotteshaus verließ, »o warum bin ich nicht früher zu euch gekommen, ich
wäre ein besseres Mädchen geworden!«
Tante Marie drückte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft:
»Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spät, mein liebes Kind; wolle es nur
ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.«
»Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle!« sagte Frida bewegt. Die
Tante aber nickte ihr ernst lächelnd zu, und von dem Tage an war ohne
weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen
Segen dem jungen Mädchen immer fühlbarer wurde, je länger sie in diesem
Hause lebte.
Aber kehren wir zu dem Feste zurück, zu dem Pastor Werder das ganze
Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha
hatten sich »hübsch« gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten,
das heißt, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch
keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und
ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf
diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer
elegantesten Anzüge gewählt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten
zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich höchst unpassend gekleidet
vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen.
Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und
behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte
Frida denn rasch aus der Ueberfülle von Bändern, Spitzen und Schleifen
einige prächtige, farbige Schärpen aus, welche sie Hannchen und
Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schöne Schleife
vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie mußten
sich so schmücken lassen. Frida jubelte über ihren Einfall, und
fröhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu.
Dies war ein großes, altes Gebäude mit weiten, etwas dunklen Räumen,
durch dicht herumstehende Bäume noch düstrer gemacht. Aber Thüren und
Fenster waren mit Blumen geschmückt, und auf der steinernen Außentreppe
stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gäste. Die Pastorin,
eine rasche, rüstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den
Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein
Stück entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer älteren
Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mädchen mit vollem,
dunklen Haar und schwärmerischen, braunen Augen. An der Seite des
Pastors aber stand sein einziger Sohn, groß und schön und stattlich wie
er selbst, nur daß die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes
von schöner hellbrauner Färbung und die Züge des Gesichtes frisch und
jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zöglinge Justus
Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrüßten mit ihnen die
Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hände
geschüttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor.
»Das sind die Hermsbacher!« tönte es fröhlich, und abermals
öffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein
freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingeführt,
und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein großes, blondes,
aber sehr unscheinbares Mädchen. Ihnen folgten zwei junge Männer, sehr
verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war
stämmig und kräftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel großer
Güte und Milde; aber etwas Schüchternes, ja Linkisches that seiner
sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch,
der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besaß alle
die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend
gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schön
an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen
und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen äußerst günstigen
Eindruck.
Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise
umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja
derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander
verkehrten, war für die feine, junge Dame etwas völlig Neues. Sie
verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche häufig mit
plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Händeschütteln und
laute, ungenirte Wesen der Gäste mit den graziösen, feinen Formen
der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat
sie aus dem Nebenzimmer, in das sie für einige Augenblicke gegangen,
wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen
Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern
Herren für sie bisher verdeckt worden war.
Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlüpfte bei diesem Anblick
ihren Lippen; tiefe Röthe überzog ihr Gesicht, und unwillkürlich
trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge
Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von
Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der älteren Damen etwas
Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung
dem Kreise der jungen Mädchen näherte, sein krauses, dunkles Bärtchen
mit leisem Lächeln über den Finger drehend. Da erblickte er Frida.
Höchstes Erstaunen in den Zügen hemmte er plötzlich den leichten
Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdruß beschattete für einen
Augenblick seine Züge. Aber auch nur für einen Augenblick. Im nächsten
schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglückteste Lächeln
auf der Lippe trat er mit freudigem Gruß auf das junge Mädchen zu, das
ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte.
»Mein gnädiges Fräulein, welche freudige Ueberraschung, Sie hier zu
sehen!« sagte er halblaut und küßte Frida's bebende Hand, die er einen
Augenblick in der seinen hielt und wie zum stillen Einverständniß
leise drückte. Frida konnte ihrer freudigen Bewegung nur mit Mühe Herr
werden; aber sie fühlte, wie nöthig es sei, daß sie ruhig blieb, und
so sagte sie möglichst unbefangen, denn Hannchen trat eben zu ihnen:
»Herr von Gablenz, ich freue mich sehr, Sie hier zu begrüßen. Sie haben
ihre Freunde in B. so schnell verlassen, daß wir Alle nicht wußten,
wohin Sie abgereist waren. Liebes Hannchen,« wandte sie sich dann
unbefangen zu ihrer Cousine, »Herr von Gablenz ist ein Freund unsres
Kreises in B., es ist eine große Ueberraschung für mich, ihn hier
wieder zu sehen.«
»Ein Glück, das ich mir nicht träumen ließ, mein gnädigstes Fräulein!«
fuhr Herr von Gablenz fort und fügte ein so bedeutsames Lächeln hinzu,
daß Frida sich schnell abwandte und Hannchens Aufmerksamkeit auf
etwas anderes zu lenken suchte. Diese war aber weit davon entfernt,
den wahren Sachverhalt zu ahnen, sondern drückte nur in ihrer sanften
Weise ihre herzliche Befriedigung aus, daß Frida die Freude habe,
einen Bekannten aus ihrer lieben Heimath wiederzusehen. Bald aber ließ
sie die Beiden allein, die sich nun schnell in ein lebhaftes Gespräch
vertieften. Als man hörte, daß Frida und Herr von Gablenz gute Bekannte
seien, verwunderte sich auch niemand, daß sie den Tag über viel mit
einander sprachen und verkehrten; was aber Frida fühlte und dachte,
das mögen uns wieder einige Zeilen sagen, welche sie ihrer Freundin am
Morgen nach diesem für sie so ereignißreichen Tage sandte.
»Liebste, theuerste Franziska!
Was habe ich Dir heute mitzutheilen! O Fränzchen, wie glücklich,
wie selig bin ich, denke nur, ich habe =ihn= gesehen! Ja, staune
immerhin, ich habe auch gestaunt, und im ersten Augenblicke meinte
ich zu träumen, als seine schöne, edle Gestalt vor mir stand, und
sein herrliches, dunkles Auge mich anschaute, mit dem bekannten, ach
nur =mir= bekannten, strahlenden Blicke! O was so ein Blick alles
sagen kann und so ein Lächeln, wie es bei meinem Anblick um seinen
Mund schwebte! Ich hätte jubeln, aufjauchzen mögen vor Wonne, und
doch durfte ich es nicht, mußte stumm und still mein Glück im Herzen
verschließen, damit niemand es ahnte; ja ich durfte selbst den süßen
Händedruck nicht erwiedern, mit dem er mich begrüßte, denn meiner
Cousine Augen ruhten verwundert auf uns. Aber wenn wir auch den
ganzen Tag nur gleichgültige Dinge mit einander gesprochen haben, was
schadet es, wir sind uns doch wieder nah', ich kann doch wieder ab und
zu dieselbe Luft mit ihm einathmen; denn ich werde ihn wiedersehen,
hoffentlich oft und lange. Er ist als Volontair für einige Zeit hier
in der Nähe auf einem der Güter, und er sagte mir zur Entschuldigung
für seine schnelle Abreise, die Sache habe sich so rasch gemacht,
und sein Aufenthalt auf Hermsbach sei keineswegs eine so fest
abgeschlossene Sache, daß er davon gegen uns im Voraus hätte sprechen
mögen. Ach für mich bedurfte es ja dieser Entschuldigungen nicht, mir
genügte damals das Schreckliche: er war fort; aber die Wonne, ihn nun
hier wieder gefunden zu haben, wiegt alles auf. Nun will ich gern in
meines Onkels Hause bleiben, so lange sie mich behalten mögen, nun
sehe ich =ihn= doch zuweilen, das läßt alle Entbehrungen und alles
Unbehagen vergessen, das ich dort zu ertragen habe. O wie er dasteht
unter diesen derben, massigen, mecklenburger Gestalten! Wie ein Prinz
im Märchen! Ich würde mich nicht wundern, wenn eine goldene Krone
in seinen glänzenden, schwarzen Locken blitzte; denn wie ein Fürst
schreitet er unter diesen derben, simplen Leuten hier einher, und
in der That scheint auch alles ihm zu huldigen und das Uebergewicht
seiner geistigen wie körperlichen Gaben anzuerkennen. Die alten Damen
werden ordentlich wieder jung, wenn er ihnen in seiner anmuthigen
Weise den Hof macht, was ihnen von den hiesigen hölzernen, jungen
Herren nicht geboten wird. Und nun gar die jungen! Sie hängen alle
mit wahrhaft schwärmerischen Blicken an ihm, wie an einem Zauberer,
und selbst meine beiden schlichten, blöden Cousinen können ihre
Kornblumenaugen nicht von ihm abwenden, wenn er in ihre Nähe kommt.
Die kleine, reizende Pastorentochter ist ganz bestimmt schrecklich
in ihn verliebt, oder ich müßte mich wenig auf dergleichen Dinge
verstehen. Das Spashafteste aber ist die Schwärmerei eines großen,
blassen Mädchens, die über die erste Blüthe hinaus ist, wenn sie
überhaupt je eine hatte. Es ist die Nichte des Herrn von Helldorf, in
dessen Hause Gablenz sich aufhält, und die, wie ich höre, sehr reich
sein soll. Das stete Beisammensein mit dem jungen Volontair scheint
das arme Wesen ganz bezaubert und verwirrt zu haben. Es ist wahrhaft
jämmerlich, wie sie die blassen Augen verdreht und die Lippen zum
süßesten Lächeln spitzt, wenn er sie einiger Worte würdigt, und dann
sitzt sie wie verzückt da und schaut ihm nach, wenn er ihr den Rücken
gewandt. Und nun zu wissen, dieser herrliche Mann, den alle lieben,
alle verehren, alle besitzen möchten, er gehört mir, mir allein;
keine von allen, denen er in seiner gewandten Weise oft angenehme
Dinge sagt, besitzt seine Liebe, sondern nur allein ich, ich, die
Glückliche, Beneidenswerthe; -- o Franziska, das ist ein Gefühl, ein
Gedanke, überwältigend schön und beglückend. Wenn ich nicht wüßte,
wie theuer ich ihm bin, so könnte ich hier unter den vielen jungen
Mädchen ganz eifersüchtig werden, da sie ihn alle so verehren und
lieben. Den ungeleckten, jungen Bären der hiesigen Gesellschaft
gegenüber wirkt sein einnehmendes Wesen mit doppeltem Zauber auf die
schlichten Landmädchen, und der lose Gablenz scheint sich ein wahres
Vergnügen daraus zu machen, diesen Zauber möglichst auszubeuten.
Einige Worte, die er mir lachend zuflüsterte, als er mit der schönen,
schwärmerischen Pfarrerstochter zwei schmelzende Duette gesungen und
der blassen Frl. von Helldorf eine zarte Rose mit einigen schelmischen
Worten überreicht hatte, bestätigten meine Vermuthung. Mich liebt
er; aber den andern jungen Damen macht er ebensosehr den Hof, als
mir selbst, und das ist mir ganz recht, so merkt eben niemand, wie
die Sachen eigentlich stehen. O wenn Papa erführe, daß er hier ist!
Ich glaube wirklich, er holte mich gleich zurück. Aber er weiß ja
glücklicherweise nicht, daß Gablenz überhaupt B. verlassen hat, und
nun gar, daß er sich hier in dieser Gegend aufhält.
Doch nun genug, mein Fränzchen. Du kannst jetzt wieder ruhig und froh
an mich denken; denn jetzt ist alles gut. Uebrigens muß ich meinen
Verwandten zum Lobe nachsagen, sie sind von einer außerordentlichen
Liebe und Güte gegen mich, und das Landleben ist überhaupt nicht so
schlimm, als ich erst dachte. An dem gestrigen Tage haben wir auf dem
kleinen See bei Pastors herrliche Stunden verlebt unter Gesang und
tausend Scherzen, und dann auf der Wiese prächtig gespielt. Aber sind
die Mädchen hier plump und blöde, es ist zum Todtlachen. Sie wissen
alle nicht um die Ecke, wie Graf Salm immer sagt. Gablenz war immer
der Mittelpunkt, um den sich alles schaarte; er leitete und ordnete
alles, und Du kannst denken, daß ich ihm treulich zur Seite stand. O
es war himmlisch! In Liebe und Glück