Deine =Frida=.«

Aber auch Herr von Gablenz schrieb an dem Morgen, der dem

Zusammentreffen Frida's mit ihm folgte und das schwärmerische junge

Mädchen so unendlich beglückt hatte, einen Brief, der uns einen Blick

geben mag, wie es eigentlich mit diesem Herrn bestellt war, dem Frida

in ihrer Unerfahrenheit und Schwärmerei bereits nur allzuviel Raum in

ihrem Herzen eingeräumt hatte.

»Bester Eduard!« schrieb er mit fliegender Feder. »Vor Kurzem theilte

ich Dir mit, wie weise ich Deine Rathschläge mir zu Herzen genommen,

und wie gut sich alles zu gestalten scheint. Dank Deiner Fürsorge habe

ich zur rechten Zeit noch in B. den Staub von meinen Füßen schütteln

und der Stätte Lebewohl sagen können, wo mir das Pflaster zu heiß

unter den Füßen wurde, und meine Gläubiger anfingen, gar zu scharf

die Zähne zu zeigen. Wie ein Meteor kam ich und verschwand ich in

jenen angenehmen Kreisen, um hier von Neuem aufzutauchen und mir jene

Erbin zu sichern, von der Deine Freundschaft für mich Errettung hofft

aus dem Drangsale, das mein edles Haupt umgarnt. O Himmel ja, meine

Schulden fressen an mir wie hungrige Ungethüme, und nur eine Erbschaft

oder eine reiche Heirath kann mich retten. Da mir für Erstere aber

nirgends ein Stern dämmern will, denn das Geschlecht der Goldonkel

hat mir Aermsten nie geblüht, so bleibt nur das Zweite noch übrig. In

B. gab es hübsche Mädchen genug; aber alle mit würdigen Vätern und

Müttern versehen und von zahllosen Geschwistern umringt, also für

meine Zwecke nicht geschaffen. Ich muß disponibles Vermögen vor mir

sehen, um meiner Schwachheit hülfreich beistehen zu können; ferne

Aussichten, oder Abhängigkeit von der Güte barmherziger Schwiegerväter

kann mich nicht retten, und wenn die Töchter Engel an Schönheit wären.

Solch ein blondes Engelchen hätte mich edlen Ritter sonst sicher nicht

verschmäht; ich las es in ihren veilchenblauen Aeuglein und ahnte

wohl, daß mein Verschwinden ihr Herzchen bitter kränken würde, da sie

gewaltig Feuer gefangen. Aber lieber Himmel, wer kann an so etwas

denken, wenn das Feuer auf den Nägeln brennt! Ich war ihr entschlüpft

zur rechten Stunde, und alles schien im besten Gange. Ich wurde als

Volontair in Hermsbach angenommen, die Erbin ist blaß und häßlich

und gründlich langweilig; -- aber was hilft das alles, ihr Geld muß

die Schäden zudecken. Sie ist bereits zum Sterben in mich Ausbund von

Liebenswürdigkeit und Anmuth verliebt; denn das bei dieser simplen

Landpommeranze zu erreichen, war für mich keine Herkulesarbeit. Leider

haben Onkel und Tante aber ein Wort mitzusprechen, und die mir günstig

zu stimmen, bedarf noch einiger Geschicklichkeit. Uebrigens scheint

dies Mecklenburg eine wahre Fundgrube von hübschen Mädchen zu sein;

(leider macht nur meine Erbin eine traurige Ausnahme!) denn wie die

Amoretten in Thorwaldsens Neste voll Liebesgötter sitzen sie hier

dicht bei einander, so daß man sich die Zeit gut vertreiben kann.

Besonders eine kleine, schwarzäugige Pfarrerstochter könnte mich alle

hübschen Blondinen zeitlebens vergessen machen. Höchst unbequemer

Weise aber, und während ich im besten Zuge bin, den Liebenswürdigen

bei all den hübschen Mädels zu spielen, taucht plötzlich meine holde

Blondine aus B. vor mir auf, aus deren Banden ich glücklich entflohen

war, als Deine Weisung kam, mir den hiesigen Goldfisch zu fangen.

Sie war strahlend vor Entzücken, mich Ausreißer hier zu finden, und

ich? Nun ich müßte nicht Alfred von Gablenz sein, hätte ich nicht

augenblicklich ebenso strahlend in ihr holdes Augenpaar geblickt

und das Lied fortgesungen, das ich in B. begonnen. Ach Lied! Das

war ein unglückliches Bild; denn ein Lied ist's, was allein mich

bei der Geschichte etwas beunruhigt. Jetzt ist's nun eine köstliche

Komödie, die ich zu spielen habe; denn die kleine, schwarzlockige

Pfarrerstochter, deren schöne Augen mich für die blassen meines

Goldfischchens etwas entschädigen müssen, glaubt mich ebenfalls zu

ihren Füßen, und es gehört die ganze Gewandtheit Deines Freundes dazu,

mein Schifflein hier geschickt so zu steuern, daß Jede die Beglückte

zu sein scheint, bis ich meines Zieles ganz sicher bin. Aber das

gerade ist mein Element, drum Glückauf und ein fröhlich Gelingen

Deiner Pläne, Du kluger Pfadfinder.

Dein getreuer

=Alfred von Gablenz=.«

Woche um Woche verging; Frida aber hatte keine Ahnung von der

Treulosigkeit und dem doppelten Spiele des leichtsinnigen Mannes, dem

sie mit der ganzen schwärmerischen Liebe eines jungen Herzens anhing.

Obwohl er sich hütete, mit Frida in bestimmteren Worten von seiner

Liebe zu sprechen, so behielt er doch gegen sie den Ton der Hingebung

und Verehrung bei, den er bisher schon angeschlagen, und nährte dadurch

Frida's stilles Träumen und Hoffen. Wohl sah und hörte sie, daß er

auch gegen Helene eine wärmere Sprache führte, und daß er Sophie von

Helldorf oft in auffallender Weise auszeichnete; aber ihr Herz ward nie

ernstlich hiervon beunruhigt. Glaubte sie doch immer, es geschehe nur,

um die Aufmerksamkeiten gegen sie selbst dadurch zu verdecken, und kein

Schatten eines Mißtrauens zog in ihr junges, unerfahrenes Gemüth.

Das Glück und die Freude machten Frida noch lieblicher, als sie

ohnehin schon war, und ihre Anmuth gewann ihr schnell die Herzen all

dieser braven, einfachen Menschen, mit denen sie hier verkehrte. Ihr

launisches und trotziges Wesen, wie sie es zu Hause so oft gegen

die Ihren zeigte, schien ganz verschwunden; denn das Beispiel ihrer

bescheidenen Cousinen, denen derartige Unarten etwas völlig Fremdes

waren, wirkte unendlich vortheilhaft auf das weiche, leichtempfängliche

Gemüth Frida's. Immer mehr und mehr wurde sie der Liebling von Jung

und Alt; denn sie gehörte zu jenen glücklichen Naturen, welche von

jedermann verzogen und gehätschelt werden. Die jungen Mädchen wagten

sich in ihrer blöden, zaghaften Weise zwar Anfangs nicht recht an

die so elegante, junge Dame heran, die mit so viel Gewandtheit und

Sicherheit unter sie trat; Frida aber zeigte ihnen ein so herzliches

und unbefangenes Entgegenkommen, daß alle Scheu entschwand, und sie

mit allen bald gute Freundschaft schloß. Die jungen Herren hingegen

hatte Frida's Anmuth gleich von Anfang an gewonnen. Durch ihr leichtes,

gewandtes Benehmen, verbunden mit Witz und Heiterkeit, zeichnete sie

sich so vortheilhaft aus vor den schwerfälligen, schüchternen und

zaghaften jungen Mädchen, unter welchen sie auftrat, daß jeder sich

am liebsten mit ihr unterhielt. Sie verstand es vortrefflich, den

Ton zu treffen, der für jeden Einzelnen paßte, und selbst der scheue

und steife Walter Helldorf überwand mit der Zeit seine ängstliche

Blödigkeit, wenn die muntere Frida mit ihm scherzte. Justus Werder aber

und sein Freund, der lustige, junge Arzt, und mit ihnen noch einige

andere junge Leute der Nachbarschaft, schwärmten bald sämmtlich für

die bezaubernde junge Dame und brachten ihr jeder in seiner Weise die

wärmsten Huldigungen dar. Zur großen Verwunderung ihrer Cousinen nahm

Frida diese allgemeine Verehrung äußerst ruhig und sorglos hin; sie

hatte es ja auch zu Haus nicht anders gekannt, und ihr Herz wurde in

keiner Weise dadurch beunruhigt. Sie scherzte und lachte mit allen um

so sorgloser, da sie eigentlich dabei nur immer an den dachte, der ihr

die ganze Seele erfüllte. Er war ja fast immer unter den jungen Leuten,

mit denen sie verkehrte, und das belebte ihr ganzes Wesen. Ihm allein

galten ja eigentlich ihre Worte und ihre witzigen, munteren Reden, und

ein rascher Blick seines Auges, eine flüchtige Anspielung, nur für sie

verständlich, waren völlig hinreichend, Frida für viele Tage froh und

glücklich zu machen.

Wenn Frida jetzt nach Hause schrieb, daß sie sich wohl und zufrieden

bei Onkel und Tante fühle, so hatte natürlich die Anwesenheit dessen,

den sie im Herz und Sinn trug, einen großen Antheil hieran. Aber

der alleinige Grund ihres Wohlseins war es dennoch nicht; Frida

lebte sich in der That von Tage zu Tage mehr ein in dem Kreise,

der sie aufgenommen. Jugend ist so empfänglich für alles Neue, und

hier waren es zu Frida's Glück nur edle und gute Elemente, welche

auf sie einwirkten. Die Freundschaft, die sie bald mit Hannchen und

Charlotte verknüpfte, war viel tieferer und besserer Art, als alle

ihre bisherigen Freundschaften, und Frida war selbst oft verwundert,

daß junge Mädchen so wenig von Putz und Aeußerlichkeiten mit einander

sprachen, als sie und ihre Cousinen, und sich dennoch ganz vortrefflich

dabei unterhielten. Auch mit Helene Werder, der braunäugigen

Pfarrerstochter, war Frida bald herzlich befreundet, und selbst Sophie

Helldorf zeigte für die bedeutend jüngere Frida eine warme Zuneigung

wenn auch ihre Blicke oft mit ängstlicher Spannung die Huldigungen

verfolgten, welche der schöne Volontair dem reizenden Mädchen

darbrachte.

So war eine geraume Zeit vergangen, da bemerkte Frida zuweilen, daß ihr

liebes Hannchen mit roth geweinten Augen umherging, und auch Charlotte

oft niedergeschlagen und trübäugig dreinschaute. Auf ihre Fragen

erhielt Frida ausweichende Antworten, sie machte sich deshalb keine

weiteren Sorgen darüber.

Eines Tages aber, als man wieder im Hause Pastor Werders fröhlich

zusammen gewesen, nahm Charlotte Frida unter den Arm und ging mit ihr

in eine der verstecktesten Lauben des Gartens.

»Ich möchte dich gern einmal etwas fragen, liebe Frida; aber sei mir

drum nicht böse,« sagte Lottchen dort schüchtern und malte mit einem

Stöckchen, das im Wege lag, verlegen Figuren in den Sand.

»Warum sollte ich böse sein, Lottchen? Was hast du?« entgegnete Frida

verwundert.

»Es ist nur,« fuhr Charlotte zögernd fort, »ich wollte dich nur fragen,

liebst du das Leben auf dem Lande jetzt sehr?«

»Ei gewiß liebe ich es, mehr als ich je dachte!« rief Frida lebhaft.

»So möchtest du wohl ganz gern dort leben, vielleicht einmal als

Pastorenfrau?« stotterte Lottchen jetzt tief erröthend und wühlte mit

dem Stöckchen aufgeregt im Fußboden umher.

»Als Pastorenfrau?« sagte Frida staunend. »Wie kommst du denn darauf,

Lottchen? Das ist ja eine merkwürdige Idee. Findest du denn, daß ich

=dazu= passe?«

»Nein, ehrlich gestanden finde ich eben, daß du gar nicht dazu paßt,

Frida; aber nimm es mir nur nicht übel,« entgegnete Lottchen immer

befangener werdend.

»Nun warum in aller Welt frägst du mich denn da so sonderbar?« lachte

Frida.

»Weil -- nun weil ich dachte, du möchtest den Justus heirathen,« rief

Lottchen nun fassungslos und warf das Stöckchen weit von sich.

»Den Justus Werder? Ich den Justus Werder heirathen? Lottchen, ich

glaube du träumst!« sagte Frida, die Augen weit öffnend. »Wie kommst du

denn darauf? Das würde mir ja nun und nimmer in die Gedanken gekommen

sein! Der Justus und ich, welch eine unglückliche Zusammenstellung!«

Charlotte war von ihrem Sitze aufgesprungen und hatte Frida's beide

Hände ergriffen.

»Du denkst nicht daran und hast den Justus nicht lieb, Frida?« rief sie

mit strahlenden Blicken.

»Nein doch, nein, ich bin so weit davon entfernt, als man es nur sein

kann!« entgegnete Frida von Herzen lachend. »Ich gäbe eine schöne

Predigerfrau ab! Du komisches Mädchen, wenn du dir darum Gedanken

gemacht hast, dann beruhige dich. =Ich= nehme dir Justus Werder nicht

weg, und er will mich auch gar nicht.«

»Ach ich ließe ihn dir gern, Frida,« sagte Lottchen leise. »Wenn =ich=

ihn liebte, hätte ich diese Fragen nicht an dich richten können. Aber

siehst du, ich kann es nicht mit ansehen, daß Hannchen sich so abhärmt,

um ihretwillen ist's.«

»Hannchen liebt den Justus?« rief Frida voller Entzücken. »O das ist ja

köstlich, das muß ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden

Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine

Ahnung davon, und glaubst du, daß er sie auch liebt?«

»Das ist's ja eben, was mich quält!« sagte Charlotte niedergeschlagen

»Früher, ehe -- nun daß ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe =du=

kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das

sahen auch seine Eltern, die es sehr wünschen; denn Hannchen ist ihr

Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze

Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natürlich, Hannchen verschwindet

ja neben dir vollständig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich

gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so -- -- --«

»Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen!« rief

Frida lachend. »O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen

wollte, die mir den Hof machen, dann hätte ich eine schöne Auswahl.

Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge,

Liebchen!«

Charlotte war sehr ernst geworden. »Frida,« sagte sie, »weißt du, es

ist vielleicht sehr altmodisch und ländlich von mir; aber mir scheint,

man müßte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit

Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht.

Wenn Justus nun deine Liebenswürdigkeit anders auslegt und sich

einbildet, du magst ihn leiden? Er würde dir dann vielleicht einen

argen Vorwurf daraus machen, sobald er erführe, er habe sich geirrt.«

»Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als

gegen alle andern jungen Leute?« sagte Frida kopfschüttelnd.

»Ich weiß es nicht, Cousinchen,« entgegnete Charlotte plötzlich

sehr roth werdend. »Aber es muß wohl so sein, sonst könnte Hannchen

sich nicht so sehr grämen. Aber freilich, du bist so ganz anders

erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre

Perückenstöcke neben dir, da mag solche Liebenswürdigkeit wohl anders

beurtheilt werden. Niemand von uns hätte den Muth und die Gewandtheit,

so unbefangen über alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerührt

sich die süßesten Schmeicheleien sagen zu lassen.«

Frida erröthete. »Gestehe es nur, Lottchen,« sagte sie schelmisch,

»eigentlich findet ihr alle zusammen, daß ich eine ausgemachte, eitle

Coquette bin, nicht wahr?«

»O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht!« rief

Lottchen eifrig.

»Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr,

Schatz?« sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die

Augen schauend.

»Nun ein Wenig zurückhaltender könntest du allerdings wohl sein, Frida,

das ist richtig,« entgegnete Charlotte ehrlich. »Aber sei nicht böse

drum. Ich las kürzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich

Rückert, die du mir geborgt hast; das fällt mir jetzt manchmal ein,

wenn ich dich so sicher und selbstbewußt unter den jungen Leuten sehe.«

»Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte?« fragte ihre Cousine

lächelnd.

»Er heißt, aber sei nicht böse:

Schön bist du,

Das weißt du

Nur leider zu sehr;

O wüßtest du's minder,

So wär'st du es mehr.«

»Du ganz abscheuliches Mädchen!« lachte Frida tief erröthend, »du sagst

mir da bittere Süßigkeiten. Aber ich danke dir dafür, ich werde daran

denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, daß ich anders sein

sollte; es ist aber möglich, du hast nicht unrecht.«

»Und du bist mir wirklich nicht böse, Frida?« sagte Charlotte flehend,

ihre Cousine schüttelte aber halb lächelnd, halb ernsthaft den Kopf und

küßte die hübsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders

gegen Justus zurückhaltender zu sein, damit er sähe, sie denke nicht

daran, ihn für sich zu gewinnen.

Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schloß aber die schon

geöffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida,

welche sie fröhlich plaudernd den Baumgang hinabführte.

Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurückgekehrt,

so merkte Frida, daß Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte,

die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand.

»Hannchen,« sagte Frida endlich unbefangen, »du hast gewiß wieder

einmal deine bösen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir

ist heut auch gar nicht recht wohl.«

Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne

Laube, welche kurz zuvor Lottchens Geständnisse aufgenommen hatte, nun

auch Hannchens Wangen, welche sich plötzlich sehr dunkel färbten.

»Weißt du, liebe Frida,« sagte sie plötzlich mit ihrer weichen,

lieblichen Stimme und preßte die Hände fest in einander. »Es ist mir so

lieb, daß ich einmal allein mit dir sprechen kann.«

Frida konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; denn sie ahnte, von wem

ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer

Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich:

»Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt,

was ist's? Welcher Bösewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften

Gemüthes zu stören, mein schüchterner, kleiner Vogel?«

»Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht,« entgegnete Hannchen und

schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen

möchte. »Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn

betreffend.«

»Sagt' ich's nicht?« rief Frida schelmisch, »ein Nachbar macht deinem

sanften Herzchen zu schaffen! Heißt er mit dem ersten Anfangsbuchstaben

etwa Justus Werder?«

Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an.

»Wie kommst du darauf, von =ihm= so zu sprechen?« sagte sie herber, als

sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand über ihre

Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem

Tone fort: »Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von

jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, daß jemand

dich sehr, sehr gern zu haben scheint?«

»Mich? Von mir sprichst du, Hannchen?« rief Frida lachend. »Nun ich

hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern.«

»Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst,« sagte

Hannchen ausweichend. »Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich

bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, daß jemand in

Hermsbach dich sehr, sehr gern hat?«

Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und erröthend die Augen

niederzuschlagen. Rasch aber faßte sie sich und sagte: »Ach die

Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes

Hannchen. Herr von Gablenz hat ja für uns alle stets etwas Angenehmes

auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von

euch.«

»Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz,« fuhr Hannchen zögernd

fort, »ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst

niemanden. Erräthst du ihn nicht?«

Frida athmete froh auf und rief lachend: »Ich glaube gar, du sprichst

von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen?«

Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder.

»Nun? Und warum beunruhigt es dich, daß ich den armen, blöden Jungen

ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelöst habe? Ich denke,

für deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters

ehrliches Gesicht, oder ich müßte auf ganz falschem Wege sein.«

»Ach bitte, laß =mich= doch nur aus dem Spiele,« sagte jetzt Hannchen

fast weinend. »Ich hätte dies Gespräch ja gar nicht begonnen, wenn

nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter

Helldorf?«

Frida lachte hell auf. »Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und

Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte

ich nicht sagen. Nun Hannchen, und =wenn= ich ihn nun gern hätte, den

guten, ehrlichen Jungen, was dann? =Dir= käme ich ja doch nicht in's

Gehege damit, Kleine?«

Hannchen brach plötzlich in Thränen aus. »O Frida, ist es wahr, liebst

du ihn wirklich?« rief sie angstvoll. »O bitte, bitte, sage die

Wahrheit!«

Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: »Nein, nein, Hannchen,

beunruhige dich nicht; Walter paßte so wenig zu mir, als etwa Justus

Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine

abgäbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn

ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so

viel an Walter gelegen, daß dich der Gedanke so unruhig macht, ich

könnte ihn gern haben?«

»O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida!« rief Hannchen jetzt durch

ihre Thränen lächelnd. »Wäre dies der Fall, dann hätte ich nie den Muth

gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich weiß,

sie hängt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie

wohl auch recht gern, ehe....«

»Aha, ich merke schon,« rief Frida rasch, »ehe die abscheuliche Frida

zu euch kam, und mit ihrer unerträglichen Coquetterie sein armes,

braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur,

so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem

Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt daß sie den beiden

Kornblumenäuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht

wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekränkt hat?«

Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wußte nichts zu erwiedern,

Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: »Jetzt fehlt nur noch, daß

Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen

Doktor und Herrn von Gablenz, die sie für sich bestimmt haben. O!« rief

sie heftig und sprang vom Sitze auf, »warum jagt ihr die abscheuliche

Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht

für ihr schamloses Betragen.«

Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mädchen weinend mit ihren

Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte.

»O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir,« bat sie schluchzend, »es

war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu kränken, ich sehe

es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe für Lottchen ließen mich

alle Rücksicht vergessen, sonst hätte ich nie den Muth gehabt, so etwas

zu sagen. O nun bist du mir so böse, und wahrlich, ich habe es nicht

anders verdient!«

Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit

den Händen bedeckend.

Frida, deren Heftigkeit so plötzlich hervorgebrochen war, nachdem

sie eben noch über Hannchens Idee gescherzt, schämte sich ihrer

Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hände

streichelnd und bemüht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich

gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage

niederkämpfend: »Nun sollst du mir zur Sühne aber noch etwas gestehen,

liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt

noch einmal ruhig und gleichmüthig fragen, damit ich weiß, daß ich

weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen kränke. Glaubst du, daß

auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein

Benehmen in ähnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich

will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir!«

»Nein, das glaube ich kaum,« entgegnete Hannchen nachdenkend. »Helene

und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen

bist, das fürchte ich seit einiger Zeit.«

»Sich gegenseitig?« fragte Frida aufhorchend. »Wobei denn?«

»O sie sind Beide thöricht!« rief Hannchen ungewöhnlich streng, »mir

scheint -- aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden

selbst bald genug sehen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß

so ein glatter Herr nicht gemacht ist für uns simple Dorfmädchen.«

»Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen?« stammelte Frida leise.

»Freilich spreche ich von ihm,« sagte Hannchen achselzuckend. »Es

verdrießt mich, daß ihr alle den eitlen Mann so vergöttert und ihn

dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist.«

»Verdorben nennst du ihn?« rief Frida empört. »Was berechtigt dich

sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil über

diesen so ungewöhnlich liebenswürdigen, jungen Mann?«

»Eben seine ungewöhnliche Liebenswürdigkeit,« entgegnete Hannchen

ernst. »Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nüchternes Mädchen und in

einfachen Verhältnissen aufgewachsen; mir gefällt Herr von Gablenz ganz

und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht.«

»Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund

zu solcher Härte und solchem Mißtrauen?« rief Frida bebend; denn sie

konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von

Hannchen schmähen zu hören, den sie so verehrte und liebte.

»Er ist glatt wie ein Aal,« sagte diese achselzuckend. »Er entschlüpft

jedem ernsteren Gespräch, wie ich von den Herren gehört habe, und da

er allen jungen Mädchen so übertrieben den Hof macht, meint er es mit

keiner ernst. So etwas mag für die große Welt passen, für unser stilles

Dorf paßt es nicht. Es geht das Gerücht, er werde Sophie Helldorf

heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er

es nur wegen ihres Reichthums wünschen; denn ein so eleganter Herr wird

sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern

Werth kennt er schwerlich. Sophie wäre eine große Thörin, wenn sie

seine Werbung annähme. Gott mag wissen, wie es möglich ist, aber er hat

es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwärmerischen

Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges

einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran

gewöhnt und weißt, daß nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei

uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie

nehmen alle die schönen Reden als baare Münze und lassen sich den

Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie

bezaubert.«

Frida hatte stumm zugehört, denn jede Aeußerung würde sie verrathen

haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestüm, daß sie kaum athmen konnte.

Jetzt stand sie rasch auf und sagte: »Du bist härter, als ich dich

noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darüber nicht mit

dir streiten. Ich glaube, wir müssen jetzt zum Abendbrod, es ist spät

geworden. Was unser voriges Gespräch betrifft, Lottchen und Walter

angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich

werde an deine Mahnung denken.«

Dann gingen die beiden jungen Mädchen schnell dem Hause zu. Aber ein

unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gespräche über Frida

gekommen. Hannchens klares, nüchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer

auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine

in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte

sie das Gerücht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar

um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und

unwürdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in

ihren Sinn und quälte sie unaussprechlich. Sie mußte wissen, ob auch

nur der Schatten von Wahrheit an dem Gerücht war, und nur von Sophie

allein konnte sie etwas darüber erfahren. Sie überwand deshalb ihre

innere Abneigung und Eifersucht und suchte häufiger mit dem jungen

Mädchen zusammenzutreffen.

Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels,

der dem verwaisten Mädchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben,

und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl,

als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie

bisher den andern jungen Mädchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in

ihrer äußeren Erscheinung unbehülflich und ungraziös erschien, so war

der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer

äußerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfältige innere

Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schüchtern und ängstlich, zeigte sie

bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen

eigenen Weg zu finden wußte.

Bisher hatte sie ein ganz zurückgezogenes Leben geführt, durch die

Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin

eines großen Vermögens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer

Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von

Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mächtig, waren es

doch die ersten, welche ihr überhaupt je im Leben dargebracht wurden.

Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr

trotz des Widerstrebens ihrer Angehörigen, welche dem gewandten, jungen

Weltmanne nicht sehr günstig waren und gar wohl ahnten, was denselben

so schnell und mächtig an das unscheinbare Mädchen fesselte.

Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu

erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknüpften sie mehr und

mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gespräch auf Herrn von

Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille

Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn

von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schloß dieser gerade Frida

gegenüber die Lippen doppelt fest.

Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte

die Früchte der Felder in so reicher Fülle gereift, daß man einer

gesegneten Ernte entgegenging. Diese für den Landmann so wichtige

und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben

mit sich, und Frida griff wacker mit in das Räderwerk ein, das jetzt

doppelte Geschäftigkeit und Arbeit für alle Hausbewohner brachte. Dies

rege Treiben und diese Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend

ward gerade jetzt zum unendlichen Segen für Frida. Es war unmöglich,

den Tag über den eignen Gedanken nachzuhängen, oder über Dinge still zu

grübeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Fröhlichkeit

schaffte und wirkte jedermann von früh bis spät zum Wohle des Ganzen,

und Abends war Frida so müde und erschöpft von der ungewohnten

Thätigkeit, daß sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen

und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen

geschlossen hatte.

Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die

fröhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, daß die Nachbarschaft

zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres

Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen

befreundeten Nachbardörfern, und die jungen Mädchen hatten nicht mit

Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser fröhlichen Zeit, als

der schönsten des ganzen Jahres, erzählt. Tanz und Jubel und fröhliche

Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die überall

zu diesem größten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft

und Gesinde verkehrte in gemüthlicher, ungebundener Weise mit einander,

und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen

Großknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten

mehr daran, daß sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz

von sich gewiesen hatte.

Seit Frida's geheimen Gesprächen mit ihren beiden Cousinen in

jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mädchen fast mit

Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ändern und besonders gegen

die jungen Herren vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als sie

es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch

bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen;

anderentheils aber war es Charlottens leise Mißbilligung ihres zu

freien Benehmens, was sie beeinflußte; denn bei ihrer wachsenden Liebe

und Achtung für ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen größeren

Einfluß auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von

Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche,

Hannchens und Lottchens Glück ihrerseits möglichst zu fördern, gelang

es ihr zwar häufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu

führen; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich

waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurückhaltung,

und um keinen Preis hätten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte.

Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerfälligen

Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen näher

zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wünsche bildeten.

Dies Interesse für ihre Cousinen zog Frida jetzt häufig von den

Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr

von Gablenz war in unveränderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso

unveränderter Weise umschwärmte er auch die andern jungen Mädchen,

deren durch diese ländlichen Feste eine noch größere Anzahl zugegen

waren. Den Schluß der Vergnügungen sollte die Feier des Geburtstages

des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war

eingeladen, derselben beizuwohnen.

»Helfen Sie mir, Fräulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden

dieses Tages zu bringen,« sagte Herr von Gablenz halblaut. »Wenn wir

Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die

ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande.«

Frida erröthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den

Andern einräumte, machte für sie ja wieder alle Gerüchte und alle

Befürchtungen zu Schanden.

»Von Herzen gern,« entgegnete sie hellen Blickes. »Aber wie fangen wir

es an?«

»Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage,« sagte Gablenz

leise. »Mir scheint, das würde unserm Verkehr einen pikanteren

Beigeschmack geben. Ein _tête à tête_ mit meiner holden Valentine, nach

dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wäre das Ziel

meiner Wünsche.«

Frida schlug erglühend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen

Mannes, dessen Sprache sie nicht mißdeuten konnte. Während sie nach

Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: »Blumen sind, wie die

schöne Frida von früher weiß, die besten Dolmetscher unsrer Gefühle.

Wie wäre es, wenn wir sie auch hier sprechen ließen?«

Frida preßte mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte

sie, den Kopf leicht abwendend: »Gewiß, das wäre ein hübscher Gedanke.

Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hören wir, ob unsere zaghaften

Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das

Verhältniß zu ihrem Valentin mit sich bringt.«

Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte;

die jungen Männer aber waren Feuer und Flamme für diesen Plan, und

so wurde er schließlich angenommen. Für den Abend bereitete Herr von

Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im

Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gäste unterhalten.

Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar

oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue

Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee überreichte.

Verwundert schaute er auf, sah aber, daß seine hübsche Schwester rasch

den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an

sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben

gehangen. Unbemerkt öffnete es der junge Mann und las folgende Worte:

»Kornblume und blau Aeugelein

»Sie harren heut im Stillen dein.«

Ein glückliches Lächeln flog über Justus frisches Gesicht, und Blume

und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu;

denn was die Botschaft heißen sollte, ahnte er recht wohl.

Eine ähnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er

wußte nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschön,

das ihm die Worte zuflüsterte:

»Von tausend Schönen gieb den Preis

»Ihr, die dein Herz zu finden weiß.«

Während Walter die Deutung dieser Blumensprache noch überlegte und

unschwer zu entziffern wußte, ging in den entferntesten Wegen des

Hermsbacher Parkes ein schlankes Mädchen langsam und gedankenvoll an

der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte

eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch

seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: »Wenn ich Ihre Zustimmung

habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie

sind seit Kurzem mündig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren,

selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen?«

»Die Rücksicht auf meine gütigen Verwandten, sonst allerdings

nichts,« entgegnete Sophie leise. »Aber ich hoffe ihr Widerstreben

zu überwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung weiß, und im

schlimmsten Falle....«

»Im schlimmsten Falle läßt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht

wahr, geliebtes, himmlisches Mädchen?« rief Herr von Gablenz, denn er

war der junge Mann, mit stürmischer Zärtlichkeit, indem er den Arm um

Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine

Brust drückte.

»Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum,« sagte Sophie,

sich ängstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. »Heut kann ich

dem Onkel unmöglich sein Fest mit dieser Nachricht trüben; denn trüben

würde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen.«

»Heut und so lange du willst, Geliebte!« rief Gablenz, Sophie's Hand

küssend. »Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig

machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch

nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut

nicht dein Valentin, meine Leidenschaft würde mich verrathen. Nimm

deshalb die Nelke zurück, ich werde sie nicht wählen. Aber welches der

anderen jungen Mädchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir,

Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten

eigentlich allein dir, der Königin meines Herzens, der Valentine meines

ganzen künftigen Lebens.«

Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glück

strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke

dem fernen Wohnhause zu und sagte: »Länger darf ich nicht hier bleiben,

die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht

gleich, ich bitte Sie, Alfred.«

»Noch eins, geliebte Sophie,« sagte Gablenz rasch. »Ist es dir recht,

wenn ich die kleine Helene zur Valentine wähle? Welche Blume trägt sie

heute Nachmittag?«

Sophie erröthete wieder und sagte lebhaft: »Wählen Sie die rothe Rose,

es ist Helene's Blume.« Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden,

daß ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wünschte, wie sie geglaubt

hatte. Sie wußte nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht,

wenn sie an die schöne Frida dachte. Helene war wohl auch schön; mit

ihrem schüchternen, zurückhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht

halb so gefährlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.

So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gäste in Menge. Wie

verabredet führte Sophie die jungen Mädchen nach einer Weile in ein

besonderes Zimmer, und Walter die jungen Männer. Dann öffneten sich

die Thüren; aus der einen traten die mit Blumenkränzen geschmückten

Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand,

die ihm seine Valentine zuführen sollte. Ein Kichern und Drängen

entstand jetzt unter der Mädchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem

Valentin begrüßt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine

rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst

als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flüsterte hastig: »O

Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die =rothe= Rose, die Blume

seliger Stunden?«

Frida war schon beim Eintritt der Herren blaß geworden; denn sie hatte

augenblicklich gesehen, daß Gablenz nicht ihre Blume, die weiße Rose,

erwählt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er

nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch

zur Valentine wählen wollen. Jetzt war sie nur froh, daß auch Sophie

es nicht wurde; denn neue Gerüchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen

erreicht und sie auf's Neue bang und mißtrauisch gemacht.

Unter allgemeiner Heiterkeit begrüßten nun die jungen Herren mit

einem Handkuß ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie

als getreue Ritter für den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwählten

festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und für alles, was ihre

Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte

ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfüllen. Nur der

Geburtstäger machte hiervon eine Ausnahme, und der fröhliche, alte Herr

von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner

steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hübschen Valentinen unter

den Linden am Hause, als zähle er nur die Hälfte der Jahre, die sein

kahler Schädel schon gesehen hatte.

Auch der gemüthliche, alte Pastor Werner mischte sich häufig unter die

muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches

Lächeln und manches tiefere Roth auf die frischen Mädchengesichter.

Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit

ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.

»Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Söhnchen!« sagte er schelmisch

zu Justus, der an Hannchens Seite saß. »So eine Valentine hätte ich

mir auch wählen mögen, du Glückspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn,

morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht

wieder.«

Und Hannchen mit einem frohen Lächeln die frischen Backen streichelnd

ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter

Helldorf soeben ein merkwürdig lebhaftes Gespräch führte, sagte er

schmunzelnd: »Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch

ein hübsches Ding um so einen Valentin. Das löst die Zunge und macht

Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stören, Glück

zu, ihr Leutchen!« Dann aber kam er an seinem schönen Töchterchen

vorüber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit

glühenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der

leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und

aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.

»Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch!« sagte der Vater mit einem

unwilligen Seitenblicke auf ihren Tänzer; dann strich er seinem Kinde

ernst über das schöne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu

wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war

für eine Weile verschwunden. »Sieh, daß du den frechen Patron, den

Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf,« sagte er verdrießlich

zu dem Geburtstäger. »Der Mensch gehört nicht unter uns schlichte

Leute, und den Mädels verdreht er mit seinen glatten Reden die Köpfe.«

»Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, daß er da ist,«

entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, »aber ihn hinausjagen ohne

Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der

Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter muß immer hinter ihm

drein sein. Bei mir säet er ganz sicher Drachenzähne, ich möchte darauf

wetten.«

In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch

die Gänge des Gartens.

»Das ist mir prächtig geglückt!« rief Frida lachend, »und ich danke

dir und Helene für euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und

Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen

in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war köstlich!«

»Aber ahnen dürfen sie nicht, daß wir Justus und Walter verrathen

haben, welche Blume sie trügen; das würden sie uns nicht verzeihen,«

entgegnete Sophie.

»O =wir= thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst!« lachte

Frida.

»Du bist eine kleine Sophistin,« sagte Sophie. Dann seufzte sie leise

und pflückte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch.

»Was hast du, Sophie?« fragte Frida.

»O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, daß die Blumen gar oft als

Dolmetscher dienen,« entgegnete Sophie.

Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lächelnd: »Besonders

die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie

auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern

gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose.«

Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie

in der Hand trug. »Ich kenne ein Gedicht an eine Rose,« sagte sie

zögernd, »das gehört zu den schönsten, die ich je gelesen. Freilich

kommt wohl auch dazu, daß der Dichter mir bekannt und lieb ist.«

»Und wie lautet es?« entgegnete Frida ziemlich gleichgültig; denn ihre

Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr,

welche das Blut zu ihrem Herzen trieben.

Sophie sagte mit etwas bebender Stimme:

»In einem stillen Thale

»Blüht eine Rose hold,

»Die Blätter glühn und glänzen

»Wie süßer Minne Sold.«

»Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse?« rief jetzt

Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm.

»Woher?« sagte Sophie sich abwendend und zögerte mit der Antwort. »Nun,

daß ich es dir nur gestehe,« fuhr sie dann verlegen lächelnd fort,

»Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben.«

»Er hat sie =dir= gegeben, Sophie?« rief Frida heftig und blickte

verstört in Sophies Gesicht. »Dir? Und wann?«

»O schon bald nach seiner Herkunft,« sagte diese lächelnd. »Aber warum

bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir?

Bist du unwohl?«

»Nein, nein,« stotterte Frida. »Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich

flehe dich an, sollten diese Verse mehr für dich sein, als eben nur ein

schönes Gedicht?«

Sophie erschrak über den Ausdruck von Angst und Spannung, den

Frida's Züge trugen. »Wenn es nun so wäre, und die Verschen mir mehr

aussprechen sollten, warum frägst du mich danach, Frida?« sagte sie

beklommen.

»O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht =mir= seine Liebe gestanden

hat!« rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Händen.

»Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen!« sagte Sophie

tonlos. »Gestern hat er sich mit mir verlobt.«

Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saßen

die beiden unglücklichen, jungen Mädchen still und sprachlos neben

einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr

Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war

wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt

von Glück und Hoffnungen war für sie in einem einzigen Augenblicke

zusammengestürzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann,

war über sie gekommen: getäuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. --

Sophie war viel ruhiger und gefaßter, als ihre viel jüngere und viel

leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelähmt saß sie da und

blickte düster zu Boden.

»Hat dich Gablenz noch während dieser letzten Zeit in dem Glauben

erhalten, daß er dich liebe?« sagte sie endlich matt.

»O heut noch, heut noch!« schluchzte Frida. »Er schien außer sich zu

sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in

der Hand und erschrak, als er meine weiße sah.«

»O dieser Komödiant!« rief Sophie emporspringend. »Ich selbst habe ihm

gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine wählen wollte.

So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme

Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft

nicht hören wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir

wirklich eingebildet, er könne mich häßliches, unscheinbares Mädchen

lieben! Wie bitter bin ich für meine Eitelkeit und Thorheit bestraft

worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mädchen zu

sein!«

»Du meinst wirklich, daß er dich deshalb heirathen wollte, weil du

reich bist?« rief Frida empört.

»Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich!« entgegnete Sophie spöttisch

lachend. »O daß ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die

Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die

sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.«

»O um alles in der Welt, auch ich nicht!« schluchzte Frida in neue

Thränen ausbrechend. Dann warf sie ein Blättchen Papier, das sie wie

ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen,

voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fuße darauf tretend sagte sie

heftig: »Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtgläubigkeit.

O könnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Füßen treten!«

Sophie aber bückte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz

Rosengedicht. »Laß es mir, Frida,« sagte sie bitter, »es soll uns

rächen.«

Jetzt hörte man Stimmen in der Nähe; es waren die der jungen Männer,

welche kamen, ihre Valentinen zu suchen.

»Ich kann nicht, ich bin krank!« rief Frida zitternd und klammerte sich

an Sophie fest.

»Sei ruhig und laß mich nur machen,« entgegnete Sophie, welche seit der

traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem

Wesen hatte, daß die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war

von Jammer und Weh, sich unwillkürlich von ihr leiten ließ.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte Sophie, den jungen Leuten

entgegengehend, »Fräulein Frida war so unwohl, daß wir die Stille

aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen müssen; Sie

entschuldigen uns wohl freundlichst noch für eine Stunde.«

Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurück, die jungen Mädchen

aber eilten durch eine Seitenthür in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn

Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte

noch keine Thräne vergossen; Scham und Empörung waren so heftig in ihr,

daß sie den Schmerz übertäubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu

ihrem Onkel.

»Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte!« sagte der alte Herr

nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. »Laß mich nur

machen, mein Kindchen! Hat er Komödie gespielt, laß sehn, ob wir es

nicht noch besser können.«

»Was willst du thun, lieber Onkel?« rief Sophie ängstlich.

»Nichts weiter, als dir ganz die Augen öffnen. Sorge dich nur nicht

und laß mich machen!« entgegnete der Alte, sich vergnügt die Hände

reibend. »=Den= Junker wollen wir heut los werden; eine bessere

Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Töchterchen.

Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hörst du die ganze

Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden.«

Kaum hatte Sophie sich zurückgezogen, als Herr von Gablenz in seiner

sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf?« sagte er, sich

leicht verbeugend.

»Allerdings, mein lieber Herr,« entgegnete dieser leutselig. »Meine

Nichte sagte mir soeben, daß sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da

wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glück dazu wünscht.«

Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine

Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes

hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: »Es freut

mich das für Sophie um so mehr, als ich dadurch über ihre unsichre

Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermögen ist die Lage einer

Waise oft trübe genug.«

Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfaßte krampfhaft die

Lehne des Stuhles, an dem er stand.

»Ich glaubte,« sagte er halblaut, »die Verhältnisse Ihrer Fräulein

Nichte seien bessere.«

»Ja, so denken die Leute,« entgegnete der alte Herr, eine Prise

nehmend. »Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, muß

sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begnügen. Aber ich

denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also,

mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben,

wenn ich nicht irre, nicht wahr?«

»O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf,«

sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte.

»Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man läßt sich im

Augenblick oft wohl hinreißen und ein Wort entschlüpfen, das der Moment

geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist

es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch würde ich einen solchen Schritt

jetzt kaum wagen dürfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr

von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, daß ich an

keine ernstere Verbindung denken kann. Auch fürchte ich sehr, Fräulein

Sophie nicht länger meine Verehrung darbringen zu können, da ich leider

genöthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein

Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin....«

»Halt, ich kann das nicht länger ertragen!« rief jetzt Sophie rasch,

welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. »Wozu

die Komödie, Onkel? Es ist unwürdig und ganz überflüssig. Herr von

Gablenz,« wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz

getroffen vor ihr stand, »nicht Sie, sondern =ich= löse hiermit ein

Verhältniß auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend

anzusehen. Mein Vermögen habe ich =nicht= verloren, wie mein Onkel

sagte, indessen....«

»Aber theure Sophie, höre mich doch erst!« rief Gablenz schnell, der

wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen

hatte. »Ich meinte ja nur....«

»Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit

angehört!« rief Sophie sich hochaufrichtend. »Sie würden vielleicht

besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es möchten sonst noch

mehr peinliche Augenblicke für Sie eintreten.«

»Und bitte, nehmen Sie doch gefälligst diese Verschen auch wieder

mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben!« sagte Herr von Helldorf

schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhängnißvollen Gedichte

überreichte. »Ich würde Ihnen rathen,« fügte er, abermals eine Prise

nehmend, hinzu, »das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da

vertheilt es sich noch schneller an leichtgläubige Schönen. Und damit

guten Tag, mein lieber Herr! Ihre plötzliche Abreise wird Sie wohl

verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich übernehme

das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glückliche Reise!«

Mit diesen Worten schloß er die Thür hinter dem bestürzten jungen Mann,

dessen Dreistigkeit und Sicherheit während der letzten Augenblicke

in der That völlig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts

Eiligeres zu thun wußte, als sich schnell aus dem Staube zu machen.

Bald hörte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern

Patron davonführte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung

überwältigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald

lachend, bald tröstend die Backen streichelte.

»Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen!« sagte er schmeichelnd, »der

schuftige Patron ist ja gar nicht werth, daß so liebe Guckaugen darum

roth werden. Danke Gott, daß wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil

stiftete.«

Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte,

zu der trostlosen Frida, die ganz außer sich gerieth, als sie das

weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsäglich theuer gewesen

war. Sie konnte sich nicht entschließen, wieder in der Gesellschaft

zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr,

welche von ihrem Unwohlsein gehört hatte.

Frida sank ihr schluchzend in die Arme. »O Hannchen, Hannchen!« rief

sie trostlos, »warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines

Vaters; nun bin ich grausam dafür bestraft worden!« --

Wir verlassen jetzt unsere Frida für eine Weile und übergeben sie noch

für einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante,

welche in ihrer liebevollen und zartfühlenden Weise es vortrefflich

verstanden, das tief gekränkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen

zu versöhnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in

welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurückkehrte. Wir finden

sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes

Gespräch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem

Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mädchen blickt unendlich viel

ernster und sinniger aus ihren schönen Augen, seit wir sie an jenem

verhängnißvollen Tage in Hermsbach verließen, und ein ruhigeres,

gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle,

thörichte Kind, das der Vater einst seiner Schwägerin vertrauensvoll

übergab, es ist seitdem zur verständigen Jungfrau herangereift, und

auch ihr Aeußeres trägt den Stempel dieser Sinnesänderung.

Statt in der so äußerst eleganten Kleidung und übertriebenen

Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie

jetzt zwar zierlich und gut, aber doch höchst einfach gekleidet, und

ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie

Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt

blickte sie auf, und plötzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend,

sagte sie leise: »O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will

ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott

mich zur Einsicht geführt; aber ich danke ihm jetzt dafür. Diese

entsetzliche Täuschung hat mich viel älter und ernster, aber auch viel

besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in

allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wünschen,

als auch deiner liebevollen Führung, und daraus konnte nichts Gutes für

mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders

werden.«

Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr

voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit

einem Briefchen an Frida. Das junge Mädchen öffnete es, und ein Zug des

Mißvergnügens flog über ihr Gesicht.

»Es ist eine Einladung von Franziska,« sagte sie mit einem leisen

Seufzer.

»Willst du nicht zusagen, liebe Frida?« fragte Gertrud.

»Nein, Mama, ich möchte es nicht,« entgegnete Frida ernst.

»Es ist aber schon das zweite Mal, daß du es ihr abschlägst,« sagte

Gertrud. »Sie wird es dir gewiß übel nehmen.«

»Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben,« rief Frida rasch

entschlossen und stand vom Stuhle auf. »Warum soll ich ein Verhältniß

aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unerträglich wird.

Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, daß

Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es

ihnen als seinen freien Entschluß darzustellen wußte. Sie hat in dieser

unglücklichen Geschichte, welche hauptsächlich durch ihr Zuthun so weit

gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden für mich, die ich nicht länger

ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst für ihre

Eitelkeiten und Thorheiten zeige, muß ich nichts als Spöttereien mit

anhören über ländliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht

länger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen,

daß unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz käme es doch zu

einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns

überhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte.«

Während Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer.

»Hier, mein Töchterchen,« sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier

reichend, »da kommt Tante Marie's vorläufige Einladung zur Hochzeit.

Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nähere, sieh einmal nach.«

Mit leuchtenden Augen öffnete Frida das Briefchen.

»O es soll ja eine Doppelhochzeit sein, Papa,« rief sie jubelnd.

»Justus und Hannchen hatten erst noch warten sollen, bis die neue

Pfarre in Hermsbach fertig würde, die Papa Helldorf seinem neuen Pastor

bauen läßt. Walter und Lottchen wollen aber absolut nicht allein

heirathen. Auf dem Vorwerk, das Walter übernimmt, sei so schrecklich

viel Platz, daß da zwei junge Ehepaare bequem hausen können, behaupten

sie, und so soll ich mich eilen, meinen Hochzeitsstaat fertig zu

machen, denn lange wollen sie nun nicht mehr warten. Sophie und Helene,

Martha und ich sind die Brautjungfern. O wie köstlich, Papa, und wir

sind alle, alle eingeladen, du und Mama und die Kinder, alle, alle.

Aber da liegt ja noch ein Zettelchen im Briefe, was ist denn das?«

Neugierig entfaltete Frida einen schmalen Streifen Papier und las die

Worte:

»Was du gewünscht, es ist geschehn,

Und Ernst entsproß den Scherzen;

Kornblümchen blau und Tausendschön

Blühn jetzt an treuen Herzen.

Nun schlinge selbst die Myrthe ein,

Die Valentinen harren dein!«

Frida lachte herzlich, als sie das Verschen gelesen hatte. »Das ist

sicher ohne Hannchens Vorwissen zu mir gewandert,« sagte sie dann

nachdenkend. »Aber es bestätigt mir endlich, was ich lange schon

gedacht habe: Jener unselige Valentinstag hat zur Verlobung der beiden

lieben Paare geführt, wie ich im Stillen so innig wünschte. Sie haben

es nur nicht eingestehen wollen, da dieser Tag für andre so unheilvoll

wurde. Aber wie Herr von Helldorf zu Pastor Werder beim Abschied leise

sagte, so können wir schließlich alle sprechen: »Gott sei Dank, das war

ein gesegneter Tag für mich!« --

Und rasch eine Thräne zerdrückend, welche gegen ihren Willen noch

einmal ihr helles Auge trübte, reichte Frida ihren Eltern beide Hände.

»Auch ihr sollt so sagen können, das verspreche ich euch! Eure Frida

ist an jenem Tage und in jener Zeit von mehr als dieser einen Thorheit

geheilt worden.«

[Illustration]

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Transcriber's Note:

Antiqua are indicated by _underscores_.

Gesperred are indicated by =equal signs=.

A number of minor spelling errors have been corrected without note.

Drei Erzählungen für junge Mädchen · 第 12 / 12 题