Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer
war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit
jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein,
daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden.
»Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich
bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend,
und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus,
als lache sie in sich hinein.
So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise
Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar
nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte
ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.
In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter
den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das
gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit
den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in
ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der
Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich
brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein
Herzkind!«
»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?«
sagte Agathe niedergeschlagen.
»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.
»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich
abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja,
ich darf nicht.«
»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt
ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das
steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der
hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe
freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse
Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen,
habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine
Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich
sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«
»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster
Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«
»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen
und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und
rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied
zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst.
Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm
gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«
»Wie? Ich soll gleich mit dir kommen?« rief Agathe, die Augen weit
öffnend. »So ohne Abschied, ohne alles, ohne....«
»Ja den Abschied von deiner zärtlichen Tante, den mußt du freilich dran
geben,« lachte die Alte; »alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig.
Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der
Dämmerung abhole; sie weiß um alles, ist aber verschwiegen und freut
sich, daß du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise
von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige
Tage früher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.«
»Aber das ist ja eine wahre Entführung! Ich laufe ja davon, als wäre
ich ein Verbrecher rief Agathe ganz außer sich vor Bestürzung.
»Nun ja, was bleibt denn anders übrig, wenn dein Onkel seine Frau nicht
zwingen kann und will?« lachte die Alte. »Er hat ja eine Furcht vor
ihr, als wäre sie Napoleon seine größte Kanone!«
»Aber dem Onkel muß ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so
fortlaufen, es wäre zu abscheulich!« sagte Agathe.
»Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir,« drängte
die Alte. »Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.«
Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels,
der in großer Unruhe in demselben auf und nieder ging.
»Agathe!« rief er freudig, als das junge Mädchen schnell bei ihm
eintrat, und zog dasselbe an die Brust.
»O mein lieber, lieber Onkel!« schluchzte Agathe, »verzeihe mir!«
»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind!« sagte Herr Niedrer sanft.
»Ich sehe ein, daß es besser für dich ist, du verläßt unser Haus und
nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch
meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und
bleibe gut und brav. Alles andere laß dich nicht kümmern; ich weiß, was
ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was
mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein
Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht
mehr sein kann.«
Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen,
und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne
hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet,
und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.
»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden
dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«
Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten
Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken
flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine
Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante,
die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde,
in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran,
daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er
hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen
und zu schützen.
»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will,
muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit
grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um
ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er
es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber
jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja
erfahren, wie es dort steht.«
In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine
heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es
freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer
gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen
geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den
Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer
Zustimmung erfolgt.
Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht
große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid
mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten
Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge
weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch
nimmermehr heran bilden können.
Siebentes Kapitel.
Im fremden Lande.
Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf
den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und
sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse
einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die
dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.
»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte
Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und
streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr
einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.
»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief
diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken,
nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied.
Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen
wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß
schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte
sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig
abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem
guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch
froh und hoffend der Zukunft entgegen.
Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken
nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe
nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte,
wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der
Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur
strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher
Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge
Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich
Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es
für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme,
geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen
konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese
schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden
Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung
täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine
Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu
lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen
möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen
zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig
sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von
Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung
aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit
einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher
dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde
bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen
Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie
er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die
Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun
Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens
verlangt hatte.
Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der
Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde,
ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte,
blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll
wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche
wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich
schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit
denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche
Natur, welche sie umgab.
Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das
Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und
von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen
Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine
Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige
Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in
Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe
schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr
immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte.
Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe
im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die
Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde
Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem,
geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne
auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen
wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte
Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen
schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und
für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen,
den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den
Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der
Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie
so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen
mochte. -- Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die,
allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde
bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe
in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug
der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde
ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres
Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte
ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr
blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen
Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen
Natur werde erfreuen können.
»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den
weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig
und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich
möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und
langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die
offene Thür der Veranda.
»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte
sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen
und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz;
der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der
ewigen himmlischen Herrlichkeit.
Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend,
daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den
unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie
allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen,
und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die
ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie
inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm
mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner
Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du
dich ferner der armen Waise liebend an!«
Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht
mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so
schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle
seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu
lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der
Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe
Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können.
In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin
und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt
hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges
Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein
ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn
auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die
Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen
sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen
Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als
Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten,
um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich
freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu
Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund
und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«
Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben
Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie
abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand
sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren
Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine
bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten
Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die
Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.
Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite
des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und
seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt
hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in
freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie
für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese
Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie
finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in
jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern
Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.
Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft
bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer
Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und
da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen
Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um
sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz
besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen
viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe,
daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden
Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich,
und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein
gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl
befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.
Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war,
bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin
schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da
sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn
Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz
unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend
zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit
heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig
auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber
nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen.
Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen
fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh,
daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr
in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie
wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen
Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren
Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an
Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für
sie umzusehen.
Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig
verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin
Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem
jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich
noch eine zweite, welche Agathen betraf.
»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief.
»Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und
seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können
meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben.
Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf
dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat
durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter
die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen
könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben
eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was
Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren
möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute
Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen
Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich
außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine
grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so
bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit
offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür
bürgt dir deine treuste Fanny.«
Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich
auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes,
bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber
zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«
Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit
glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie
um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.
Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so
ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich
doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals
genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit
darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie
aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit
verlebt hatte.
Achtes Kapitel.
Die Heimath.
In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder
der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig
liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige
Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden
aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die
Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür
ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte,
und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige
Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt
waren, das sie mit Fragen bestürmten.
»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein
Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges
Mädchen.
»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu,
die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«
»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht
so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann
muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine
Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.
»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit
euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich
fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid
hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu
schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«
Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend
thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen
Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude
und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin
ihrer Jugend, unsere Agathe.
Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme
empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen
sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten
Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen
und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder
zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die
gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie.
Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr
Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern
gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder
gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde.
Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen
leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die
guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend
zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses,
umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr
selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.
Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und
nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem
Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die
Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde
Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler
belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an
den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen
in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter
und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht
wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine
ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich
dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen
Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.
Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für
einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause
zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann,
der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften
sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine
Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.
»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny,
wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend
überall umher. -- »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher
entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie
scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch,
als dies treue Wesen wiederzusehen.
»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf
ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde
entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer
Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch
Agathen bereitete.
»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort.
»Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das
alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«
Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre
Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das
von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich
zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.
»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen
Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber
ging.
»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte
schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges
Kind!«
»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig
erglühend.
»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem
Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger
im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner
einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir
das, Schätzchen?«
»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich
hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff
Fanny's Hand.
»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und
überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,«
sagte Fanny.
»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist
das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«
»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb,
daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre
eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine
kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden
finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser
Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch
alle Beide gemacht habe.«
Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die
ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen.
Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte
demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser
seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin
entgegen kam.
Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung;
denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt,
welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und
dem jetzigen Augenblicke lag.
»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!«
sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre
Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so
bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so
erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren
jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren
Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«
Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem
Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun
bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon
für freundliche Nachbarschaft sorgen.
Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese
Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt
hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die
etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger
Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle
Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes
Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der
Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar.
Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr
als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur
Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der
Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.
Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus,
und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze
übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und
ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren
derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen
Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten
anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und
Soldatenwesen handelten.
An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel
zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen,
wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie
ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,«
sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen
Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig
abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist
sicher!«
Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch
blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in
Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels
brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen
Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit -- Bello
war gestorben! -- Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens
kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte
den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab,
von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle,
an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger
seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die
alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger
hatte.
In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder
schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte
seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche
unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.
Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle
neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum
Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in
welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen
sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen.
Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet
noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher
Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes
und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die
Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als
einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das
war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie
sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde
Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer
waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.
»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände
schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich
bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu,
euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe,
nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der
Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun,
dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als
meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen.
Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz
hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war
mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine
Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir
selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen,
ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen
Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was
besagter Herr im Besitz hat?«
Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der
schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend:
»Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die
schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir
einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die
Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen
diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches
einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen
wird«.
* * * * *
Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden
neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem
Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen
Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne
umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch
heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden
Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über
die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte,
treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste
Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende
Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier
verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.
Man feierte in Schönfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als
Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche
die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schönes Fest, das die Familie
feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus
ihrer neuen Eltern, so zählte man auch Agathe durch die innigsten
Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die
Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.
Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der
Nähe der einzigen Tochter zu beschließen gedachte, an den Traualtar
begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel
Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und führte die geliebte
Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehörte
auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgästen, die Schönfelde beherbergte.
Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht über sich gewinnen, ihren
Gatten zu begleiten; aber einige schöne Geschenke, welche sie Agathen
schickte, zeigten doch, daß sie ihr vergeben hatte.
Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schluß noch
begleiten, war durch die Güte aller ihrer Freunde höchst behaglich und
nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr
von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemüht gewesen, alle Schränke
und Kasten der jungen Hausfrau zu füllen und ihr ein wohlausgestattetes
Häuschen zu übergeben. Aber neben dem blühenden Gesichtchen der jungen
Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit
Agathen zugleich eine schöne, stille Heimath geworden war. Wer es ist,
brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frießrock glänzt nicht
herrlicher, als das glückliche Gesicht der Alten, die ihn trägt, und
obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug
ist, so können die mächtigen Schleifen doch kaum ihre steife Würde
bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in
nie erlebter Aufregung.
»Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glück und meine Heimath, und
nie mehr lasse ich dich von mir!« sagte die junge Frau mit Thränen im
Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das
trauliche Hinterstübchen einführte, das sie ihr behaglich eingerichtet
hatten. »Wärst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer weiß, wie
es jetzt mit mir stände!«
»Du säßest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nähetest
Zughüte, daß sich die Königin selbst nicht zu schämen brauchte, sie
aufzusetzen,« neckte der Pfarrer fröhlich. »Und in den Freistunden
exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein!« lachte die Alte, daß es
dröhnte.
»Ach um alles, schweigt mir nur davon!« seufzte Agathe in komischer
Angst. »Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen
sollen, das sind Schooßhunde und Zughüte.«
»Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im
Sprüchlein heißt:
»Du sollst dich nie mit Schwur vermessen,
Von dieser Speise will ich nicht essen!«
rief der Geistliche schelmisch. »Wer weiß denn, was in dem Kasten
steckt, den ich soeben für dich aus Leipzig erhalten habe!« Dabei
holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell
öffnete und sie dann Agathen überreichte.
Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den
Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches,
weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher
Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem
Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter.
Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine
und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen
Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich
aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame
Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und
dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An
dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener
furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und
die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das
Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war
in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und
Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die
Welt hinaus wanderte.
»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten
Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer
lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte
Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie:
»Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor
Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie
gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«
Neue Wege.
Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein
schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte
mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das
sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und
schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die
Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt
war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und
Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich
jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte
ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.
»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch
erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte
Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor
seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu
haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.
»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen
letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist
für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter
unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so
völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind
mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber
du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur
Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines
Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«
»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine
Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«
»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still
lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl;
ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und
Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon
besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand
ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher
hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr
gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«
»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr
ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath
verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit
Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein
sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben,
die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch
gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat,
was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos
dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für
ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege
und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, -- siehst
du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt.
Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen
Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu
haben.«
»Eben =weil= sie ein verwöhntes Kind ist, Gustav!« sagte Gertrud sanft.
»Vielleicht wäre es in der That besser gewesen, du hättest vorher mit
ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du
hättest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, hättest
an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation
dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenüber
tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnöthig;
denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du für gut und
nöthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mißtrauen entgegen. Daß
ich unter diesen Umständen für's Erste sehr vorsichtig sein muß und sie
vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz
natürlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, daß ich nur ihr Bestes
will und daß sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen
Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ändern.«
»Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und läßt mich des Glückes
gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine
geliebte Gertrud!« sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um
seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. »Aber das sage
ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so
über alles Maaß hochfahrend gegen dich beträgt, wie es heut Vormittag
der Fall gewesen, dann muß ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen
Unbilden sollst du nicht durch das thörichte Mädchen ausgesetzt sein;
das darf ich nicht leiden.«
»Laß doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav,« entgegnete Gertrud
tief erröthend. »Mich kränken solche Ausbrüche von Frida's Laune nicht
nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wäre ich gegen meine
unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswürdig.«
»Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos
augenblickliche, üble Laune, glaube es mir,« sagte der Geheimerath
düster. »Es wäre für Frida vielleicht auf alle Fälle gut, sie käme eine
zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhältnisse. Es sprechen
auch noch einige andre Gründe für einen solchen Wechsel, welcher sie
dem Einfluß einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten
entzöge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt
hat.«
»Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine
Familie,« bat Gertrud dringend. »Welche Gründe dich auch für einen
solchen Wunsch bestimmen mögen, warte noch damit, ich bitte dich.
Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen würde, die die
älteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fuß in
dasselbe setzte.«
»Wenn es nöthig wäre, würde niemand meine sanfte, engelsgute Frau
beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube
mir, Gertrud,« erwiederte der Geheimerath milde und küßte die schmale,
weiße Stirn seiner Gattin. »Aber du magst Recht haben. Besser,
wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie
gesagt, daß Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen
im Nebenzimmer mit anhörte. Dergleichen =darf= in meinem Hause nicht
vorkommen; das leide ich nicht.«
Nach diesem Gespräche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath
ging an seine Geschäfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen
Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren.
Es waren blasse, kränklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter
mit ziemlich gleichgültiger Miene anblickten, als dies zu ihnen
herantrat.
»Zeigst du Käthchen Bilder, lieber Franz?« sagte Gertrud freundlich und
strich dem Knaben über das glatte, dunkle Haar.
»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon
alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu
Gertrud aufschauend.
»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal
wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut
gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog
über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der
voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte
eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter
über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen
auf den Tisch gelegt.
»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist
ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz,
der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines
Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen
Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit
lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren
Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers
heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.
»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch
fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder
beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den
ganzen Tag nichts. Meine Bücher =sollst= du aber nicht nehmen; das
weißt du doch?«
Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte
milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«
Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und
sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen
hat, die ich hineingelegt.«
»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete
Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges
Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben,
liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z.
B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«
Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war
ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen
Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von
vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb
das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes
der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den
Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer
herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«
»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig,
»sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen
und blätterte darin.«
»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn
jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht
darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit
dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«
»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können,
das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig,
obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich
und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin
ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner
natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr
reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«
»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz
und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud
strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann
aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über
ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz
brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte
erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die
Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt,
den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller
Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für
sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage
später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud
trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.
Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das
Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich
nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident
Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird
gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«
Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und
spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte
sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld
verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er
ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin:
»Ich gehe nicht mit!«
»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.
»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das
Volk nicht ausstehen.«
»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und
ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.
»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns
und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft
kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute
besuche ich nicht.«
»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte
Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde
deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter
des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«
»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt
massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch
mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu,
und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun
und zu lassen hatte.«
»Dein =Vater= will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.
»Papa will es nur, weil =du es= willst; sonst fiele es ihm gar nicht
ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida
leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir
beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf
keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst
sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören
müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel,
daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den
Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.
»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen
Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des
Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit
angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das
Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine
Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und
erwarte dort das Weitere.«
Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber
verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.
»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle
deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so
völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät
ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich
ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie
ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser.
Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie
kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich
dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade
ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann
ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die
Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«
»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche
Freundin meinst du?«
»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und
angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll
Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche
Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine
mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren,
die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat
Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat,
einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn
er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held
der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle
Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit
dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und
bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige
Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt
eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln
die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber
weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen
Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen
Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen
gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen
haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke
jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem
Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders
auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als
Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«
»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud
nachdenkend.
»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath
achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem
jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches
sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere,
um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war
nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit
flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit
demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl
zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer
jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht
zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich
jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen
wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da
etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich
überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf
versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«
Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe
rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte.
Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten
Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht
noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen
zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie
in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit
unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth.
Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen
könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu
bessern; aber wo finden wir solche?«
»Ich denke, ich habe sie schon gefunden,« entgegnete der Geheimerath
heiter. »Die Sache liegt mir länger schon im Sinn; denn seit jener
Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende
Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind für eine Weile
anderen Händen anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhältnissen
fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues
Glück über mich, und ich hoffte, auch über Frida, und so gab ich den
Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nöthiger als je,
nöthig für alle Theile, und so zögere ich nicht länger. Ich werde Frida
meiner Schwägerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist
eine einfache, gute und tüchtige Frau, und ihre Töchter liebe, nette
Mädchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein
braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg übernommen,
und das Landleben wird Frida mit vielem aussöhnen, was ihr in den sehr
einfachen Verhältnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits
früher schon einmal angefragt, ob meine Schwägerin mir das Opfer
bringen will, Frida für einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist
gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's
Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie überflüssig
genug haben, für alles andere aber übernimm, bitte, die Sorge.«
Während Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das
junge Mädchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen
gedrückt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thränen flossen trotz
aller Leidenschaft nicht aus den heißen Augen. Mit ihren kleinen,
weißen Zähnen biß sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die
Lippen drückte, und riß so heftig daran herum, daß es in Stücken flog.
Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und
schleuderte den Knäul in die Ecke; ihre hübschen Füße aber stampften
nun so energisch den Boden, daß die höchst eleganten Stiefelchen,
welche sie umschlossen, in allen Nähten krachten.
»Unerträglich! Unerträglich!« rief sie ungestüm und schlug die Hände
vor das Gesicht. »Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer
Gegenwart! O, ich möchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte
heißen sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will
man mich etwa einschließen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod,
bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Füßen liege? O da können sie
lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis
jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er
wie verwandelt. Und an allem ist =sie= allein schuld, ich weiß es wohl,
sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein,
absolut nicht!«
In dieser Weise trieb es das heftige Mädchen noch eine lange Weile,
ohne dabei ruhiger zu werden. Da öffnete sich die Thür und ihr Vater
trat herein.
»Frida,« sagte er ruhig und ernst, »ich denke, es wird für alle
Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause
eintreten zu lassen, daß du deine Tante Marie, die dich lange schon
so freundlich eingeladen hat, für einige Zeit besuchst. Ich habe dich
zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch läßt
sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll
nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas
vernünftiger werden und als ein verständigeres Mädchen heimkehren.
Suche deine Sachen zusammen, übermorgen bringe ich dich nach Dahme.«
»Also eine Verbannung!« sagte Frida kalt. »Gut, ich gehe und mache
Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht
nicht. Schade nur, daß du das jetzt erst merkst, und ich darunter so
bitter leiden muß. Aber es mag drum sein; ich danke dir, daß du mich
fortschickst.«
Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach.
Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenüber und wußte nicht, wie
er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein
Bild, das über Frida's Nähtischchen hing. Leise ergriff er die Hand
seiner Tochter und führte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.
»Frida,« sagte der Vater weich, »was würde sie dazu sagen, wenn sie
hörte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!«
Das junge Mädchen zuckte leise zusammen und erblaßte. Einen Augenblick
stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: »Papa!«
und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser
sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida
weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt:
»Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglücklich!« Und wieder weinte
sie leidenschaftlich.
»Ich verstehe dich nicht, Kind,« sagte der Vater sanft und streichelte
ihre Wange, »du bist mir völlig räthselhaft; denn wenn du nur wolltest,
so würde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glück und
Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen
wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hörst
du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen.
Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fällen gut thun; der letzte
Winter hat dich etwas blaß und nervös gemacht. Tante Marie hat dich
lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Töchter
werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und
Herzlichkeit für eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu
uns zurückkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, deß bin ich
sicher.«
Frida schüttelte zwar leise und ungläubig den Kopf; aber der gute
Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hände über sie.
»Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut für
alle Theile,« sagte sie weich und ergeben. »Ich werde meine Sachen
zusammen suchen, dann können wir fort, je eher je lieber.«
Der Geheimerath küßte sein Kind liebevoll und sagte leise: »So ist's
recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig.
Ich danke dir, und =sie= wird dich dafür segnen.« Dabei blickte der
weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten,
unsäglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verließ er still das
Zimmer.
Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenüber, und
leise rannen noch einige Thränen über ihre Wangen. Aber es waren
gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte
jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied,
nachdem sie noch dem kleinen Käthchen das Leben geschenkt hatte, und
welche Zerstörung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war
wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen
lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht
schien verlöschen zu wollen. Sich selbst überlassen, trieben sich
die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und
unfähig, die jüngeren Geschwister zu zügeln. Wohl kamen dann Fremde
in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es
war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besaß nicht
Kraft und Umsicht genug, es zu ändern. Summen wurden verschwendet,
die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Güte versucht, die Dinge
anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am
Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer
Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden
Jüngsten blieben kränklich und blaß, nachdem sie genesen waren. Endlich
übernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn
Jahr alt und also ein erwachsenes Mädchen. Aber statt besser, wurde es
nur schlimmer. Frida fühlte das wohl, wußte es aber nicht zu ändern.
Sie war sich selbst nicht klar, daß ohne Anleitung und ernsten Sinn,
nur voll Interesse für ihr Vergnügen, ihren Putz und ihre Freundinnen,
sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche
Schranke ließ der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida
wollte, gab ihr Geld über Geld und bewilligte alle Vorschläge, nur um
Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig,
Frida aber brachte er großen Schaden. Ein dunkles Gefühl sagte dies dem
jungen Mädchen gar wohl; aber doch war es gar zu schön, so unbeschränkt
leben und befehlen zu können, sie wünschte es nicht anders.
Welch ein Donnerschlag war da für sie die Nachricht, ihr Vater
werde wieder heirathen! Tiefe Entrüstung ergriff Frida über solches
Unterfangen, und mit lebhaftem Mißtrauen und starker Abneigung trat sie
der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Empörung übergab
sie den Händen der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr
obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lässig nachgekommen war.
Die Uebergabe dieser Geschäfte konnte sie nicht ändern und mußte sie
schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas
mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht
unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsägliche Geduld
und Milde solche Entschlüsse zu stürzen und Frida's Herz zu erobern,
Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre
vermeintlichen Rechte glaubte schützen zu müssen, das haben wir selbst
gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fühlte Tag täglich,
welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus geführt, und wie
wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter
blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren
die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die
Dienstleute ohne Lärm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber
trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdruß nicht
aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte
ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung günstig
wirken oder nicht, für jetzt =konnte= es nicht so bleiben, das sah und
begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebändigten, kindischen Herzens
hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete
die Jugend so sehr ihr Recht, daß die bevorstehende Reise mit ihren
neuen Verhältnissen und Eindrücken ihr sehr lockend erschien, und sie
sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon
gewünscht. So machte sie denn gute Miene zum bösen Spiel, erzählte
ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz
heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu
gern ein und half ihr eifrig, für die Reise alles in Stand zu setzen,
wobei sie freilich wünschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den
Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche
sich einen sonderbaren Begriff von den Bedürfnissen ihres Landlebens zu
machen schien.
So war denn einige Tage später der Schritt geschehen und Frida im
Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber saß
bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und
damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefällt, blicken
wir über die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntniß von ihren
Freundschaftsergüssen.
»Liebste, beste Franziska!
Drei Tage sind schon darüber hingegangen, daß ich meinem Papa
Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer
eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich
danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und
meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht
dazu; denn ich kann Dir sagen, daß ich völlig benommen bin von der
Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach
meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen
geliebten Freundinnen erfüllt mich von früh bis spät, und wenn ich
mich nicht schämte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurück
zu Euch Allen, trotz der unerträglichen Verhältnisse im Vaterhause.
Ach Deinem Herzen, mein Fränzchen, als dem meiner intimsten Freundin,
habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weißt
ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die
sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich weiß es wohl, und wenn ich
auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weißt besser,
wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und tröstet mich trotz
allem -- daß ich diese Reise nicht schon einige Monate früher antreten
mußte. Du ahnest und weißt warum, meine süße Freundin! Die himmlischen
Stunden in Eurem Hause, wo ich =ihn= sehen und sprechen durfte, ach
sie sind ja doch ohnehin jetzt vorüber, seit er fort ist. Aber wo ist
er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so plötzlich fort ohne
unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will
ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum
letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Fränzchen, es wird mir ewig
in der Seele bleiben!
Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgültig, Du,
liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran
glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben müssen, (o
und =wie= gern!) denn daß ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir
nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen
Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan hätte; o nein,
das wäre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht würdig! Nein, er hat
mir in einigen entzückenden Versen seine Gefühle gestanden. Denke nur,
Verse von ihm selbst. O ich müßte ein Herz von Eis oder Stein haben,
wenn mich diese Worte nicht gerührt hätten, und der Blick, von dem
sie begleitet waren. Ich muß Dir wirklich als Sühne für mein spätes
Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, =was= ich
dabei fühlte.
In einem stillen Thale
Blüht eine Rose hold,
Die Blätter glühn und glänzen
Wie süßer Minne Sold.
Da kommt mit müdem Schritte
Ein Wandersmann daher,
Sein Aug' ist matt und trübe,
Sein Herz ist bang und schwer.
Doch wie mit holdem Zauber
Weht's um ihn wunderbar,
Und weiche Rosendüfte
Umspielen Stirn und Haar.
Und wie ein Himmelsbote
Schaut ihn das Röslein an:
»Wohl kann ich Heilung bringen,
»Du armer, kranker Mann.«
»Wem ich am Herzen ruhe
»In stiller Lieb' und Treu',
»Dem lächelt Freud' und Wonne
»Und süßes Glück aufs Neu.
»»O Rose, holde Rose,
»»So sei auf ewig mein!
»»Des Herzens banges Sehnen,
»»Das stillest du allein!
»»An treuer Brust geborgen
»»Blühst du in sichrer Huth;
»»O Rose, sei mein eigen,
»»Nur dann ist alles gut!««
O wenn Papa dies läse, dann würde er eine andere, höhere Meinung
von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in
der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er würde mir nie verzeihen,
daß ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der
ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus
nicht willkommen ist. So mag es denn ein süßes Geheimniß zwischen uns
bleiben, mein Fränzchen, und wenn er wieder zurückkehrt, dann geht
hoffentlich die Sonne heller für uns auf. Was kümmert es mich, wer
und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama
von einem Jugendfreunde empfohlen, das genügt mir, und wer so edel
und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem
Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der
Stempel edler Abkunft ist ja seiner schönen Stirn aufgeprägt! -- Doch
genug; ich verliere mich in meine süßen wonnigen Träume, und doch muß
ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um
mich her leben. Laß Dir jetzt hiervon ein Wenig erzählen und bedaure
mich, Du Getreue!
Franziska, was giebt es doch für Existenzen, und was das Wunderbarste
ist, wie glücklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als
einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer
Humor fände hier nur allzureichen Stoff für Witz und Spöttereien.
Also mit dem Anfang zu beginnen, das heißt, mit unserer Ankunft hier
in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie
selbst, eine große, brünette Frau mit starken Zügen und einer derben
Art und Weise, sich auszudrücken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl
ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schön
erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes,
an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen
Hut, den Noah's Eheweib füglich hätte tragen können, so uralt war
er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schloß mich
stürmisch in ihre großen, starken Arme und schüttelte mir die Hände
so energisch, daß meine feinen, blaßgrauen Josephinenhandschuhe, die
ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Riß
auseinander platzten. »Zieh die Dinger herunter, Kind!« rief sie
lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das ließ ich wohl
bleiben, die scharfe Sonne hätte mir die Haut gleich abscheulich
verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfällige Kalesche nahm uns dann
auf, vor welche ein paar lächerlich plumpe Ackergäule gespannt waren,
die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen
Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche
hatten =die= keinen Platz. »Wir müssen einen Leiterwagen herschicken,
anders geht's nicht,« sagte die Tante achselzuckend. »Was schleppst du
denn alles mit dir in der Welt herum?« fragte sie lachend, »in solchen
Koffern hat ja ganz Dahme Platz.« Aber dann zogen Knecht und Pferde
Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe
hinaus, da rief sie gebieterisch: »Stillhalten, Michel!« Wie der Blitz
schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tölpelhaften Knechte in
die Leine und kutschirte nun selbst.
»Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager,« sagte sie dabei äußerst
munter, »mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich
mußte den Michel nehmen. Da der aber gewöhnlich nur Arbeitswagen
fährt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.«
»Du fährst selbst, Tante?« rief ich erstaunt, sie nickte aber blos
und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe führten die plumpen
Gäule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige
Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel
vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker
beschäftigt waren.
»Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden!« rief die Tante stolz und
deutete mit der Peitsche hinüber. »Sie sind gerade beim Düngen.«
Auch ohne ihre Erklärung hätten meine Geruchsnerven mir das verrathen;
es war ein gräulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch
vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. »Ja ja, Kindchen, nach
Rosenöl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, für einen rechten
Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schöneren Duft, als
solchen frischen Dünger. Wirst dich schon daran gewöhnen, wenn du ein
Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes
ist unserer Augen Trost und Freude.«
Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt über solche
Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante über die Ländereien
zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse
und einer Sachkenntniß, daß ich ganz erstaunt zuhörte. Ich hatte
nie gewußt, daß mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem
Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen
beschäftigt, auch davon etwas verstand.
Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange
schon über eine Anzahl Dächer herüber, und umgeben von einem weiten,
bäuerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, großes Haus vor
uns, vor dem der Wagen still hielt.
»So, da wären wir glücklich!« rief die Tante und sprang vom Bock
herunter, mit der Peitsche ein Paar große Hunde abwehrend, welche mit
wüthendem Gebell zum Hofthore herausstürzten, das ein Knecht öffnete.
Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mädchen, welche ich für
Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die
ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir plötzlich als ihre
Töchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz
verdutzt über meine so äußerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich
denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in
dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mächtig
breiten, glatten, wohlgepflegten und umzäumten Misthaufen erblickte,
auf dem sich eine Masse Hühner, Enten und Gänse, Futter suchend,
umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebäuden umgeben
ist, standen eine Menge Pflüge, Wagen und was weiß ich alles, und
eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante
Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinüber und gab einige Befehle,
und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus,
wahrscheinlich um meine unglücklichen Koffer von der Bahn zu holen.
Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch
einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen
jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit
höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend,
wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur
eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser
grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber
auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise
von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester
meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine
Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens
sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth
und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte
Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei
Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme
Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt
hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet
sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von
Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen
darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von
Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt
rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann
begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis
zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe
Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt
herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern
getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit
seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die
ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da
irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer
ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer
Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht
und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der
gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich
kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2
Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund,
bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und
schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte.
Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister
zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen,
daß sie frisch und gesund hier werden, =ich= mag ja gar nicht solche
unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist
ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl
davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich
genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu
machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken,
diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche
hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen
machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese
Milch und Sahne und diese Fülle von Obst -- ich meine oft, ich bin
im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes,
hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht.
Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen,
sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost
ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe
Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu
Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant
v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm,
ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen,
durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.
Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem
Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier
blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem
Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen
Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein
gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten
stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich
und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses
Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im
höchsten Grade unbehaglich; denn was soll =ich= unter diesen Menschen,
die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, =wie=
entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten,
arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor,
daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man
treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie
meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und
Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze;
denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die
Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick
gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit
zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen
die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der
Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche
wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit
und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung
und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und
Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon
in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter
einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine
Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette
nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe
ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo
bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem
Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt
das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich
anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin,
als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn
sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten
und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten
soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska,
und schreibe bald