Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der höchste Wunsch Bertels,
eine Reise nach jenen Ländern unternehmen zu können, auf deren
klassischen Boden so reiche Schätze für seine Wissenschaft ruhten,
sollten sich ihm erfüllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen!
Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zögern Raum gab,
obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. »Gehören
wir uns denn jetzt nicht für ewig, mein lieber Bertel?« rief sie
freudestrahlend, als Hubert sie etwas trübselig anschaute in dem
Gedanken abermaliger Trennung.
»Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst,
laß dir zum Schluß die schöne Professur von deinem Kronprinzen
schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will,
unsere Hütte bauen werden.«
Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines
Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit
noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen
nach jenen schönen Ländern, reiche Schätze sammelnd an Kenntnissen
und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition
heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in
stillem, glücklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermüdlich, an
der Ausstattung des jungen, künftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von
Ihlefeld aber fühlte täglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther
gewonnen. Keine andere Tochter hätte ihr je mit größerer Liebe und
Verehrung anhängen, keine ihr je die Tage mehr verschönern können, als
dieses Mädchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu
stets für die Ihren lebte und dachte.
Als dann endlich das Trennungsjahr vorüber und Bertel heimgekehrt war
von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz
besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmückte Dorfkirche
von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief
bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die
Menge der Andächtigen kaum fassen konnte. Zu den Füßen des Geistlichen
aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es
war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des
Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war
ein langer, fröhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich
bekränzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches
Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage führte Bertel dann
seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath
des glücklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann
in der That jene Stelle an der Universität erhalten, von der Herr von
Sassen gesprochen.
Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der
Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend,
bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener
schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers
damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig
daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen,
an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf
flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und
fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen
schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren
Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur
Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch
einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen
von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen
Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante
Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus
in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate
verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der
wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres
Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst
gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den
Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie
einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu
können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in
=der= Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten
und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch
jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe,
als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres
Gatten.
Verwaist.
Erstes Kapitel.
Der Abschied.
»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt,
als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt,
hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein
junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat,
dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an
einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien
bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher
und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören.
Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das
Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie
scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir
hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der
abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder
so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen.
Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich
Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten
überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste
Schülerin der Anstalt bist.«
Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.
»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage
alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht
habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so
große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird.
Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«
Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür,
wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht
auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig
sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn
aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann?
Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für
mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß =sie= noch lebte!«
Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny
zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr
sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels
eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei
doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als
du jetzt fürchtest!«
»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben,
wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl
meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir
doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange
bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen;
denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber
dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«
»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und
siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,«
tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte
still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie
sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie
ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen
haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe
Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber
auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer
ist!«
»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß
sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun
komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen
wirst du nur noch schwermüthiger.«
»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit
ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte
Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich
beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«
»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst
du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach
gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr
die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich
plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und
nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein
mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.
»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte
am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat.
»Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama
für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas
für ihn, Agathe?«
»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja
nichts!« sagte Agathe traurig.
»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen
den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft
zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe.
Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein
freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin,
und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine
Freude machen.«
»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.
»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,«
sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«
Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers
der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber
durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch
ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe
und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.
Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen,
welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in
der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht
mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem
die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb
geworden war.
Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den
Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und
größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere
Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge
auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das
Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend
an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische
nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken
zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn
zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«
Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden
Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben
inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus,
denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre
Thränen nicht länger zurück halten konnte.
* * * * *
Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch
die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig
eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich
geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren
eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund
der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des
Geistlichen am Schluß der Feier.
Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen,
welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche
verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück
blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der
Kirche zu führen. -- »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber
der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr
als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie
die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel,
den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der
festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?
Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen,
den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter,
und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!«
Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres
Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an
ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem
jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und
liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin
ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt,
und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe
bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar
wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und
runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit
und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten,
und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten
Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an
dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße
herzen und küssen.
»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die
Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche
Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre
Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern
der lebhaften Alten verschwand.
»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort
gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so
allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es
drückt mir fast das Herz ab!«
»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's
Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!«
sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das
Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme
er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war
meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch
den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!«
»Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie
dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan
auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben
Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.
Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von
denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie
ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal
blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, -- dann
führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben,
bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. -- Agathe hatte
sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der
Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und
erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne,
welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich
über das Steinpflaster polterte.
»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos
und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in
dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die
du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine
kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein
Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst
sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt
dich Gott, behüt dich Gott!«
Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in
den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte,
und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile
nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel
schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte
die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom
Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem
Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.
Zweites Kapitel.
Die neue Heimath.
Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem
Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem
engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute,
endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung
klopfte. -- Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt
der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem
Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes
abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern,
deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger
Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie
schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte
sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit
gekommen?«
»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen
Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all'
den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie
aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen
Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball
auffing.
»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum
Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann
ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen,
der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war
von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei,
der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang
er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her,
Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes
Halt machten.
»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die
erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür
rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst
giebts e Donnerwetter da oben!«
Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum;
Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name
Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte
sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben
auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr
nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge
zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen
wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen
Klingelzuge aus.
Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in
den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen
verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in
Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe
ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer
Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten
an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise
erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie
endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes
Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde
gleich kommen.
Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast
rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame
in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen
Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen
Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten
Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«
»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft
herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie
sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes
Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf
Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die
Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem
sie ihn herzte und küßte.
»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man
deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend.
»Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll
dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht,
nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes
für dich giebt, du Schelm!«
Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll
des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser
beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ
sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem
von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein
ebensolcher Baldachin wölbte.
Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen
zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre
Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du
siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so
lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch
gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner
speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt
versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir
ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,«
schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern
schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du
Hunger hast!«
Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an
Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie
fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle
und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also
war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen
Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie
die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht
gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht
ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht
eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen
kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz
lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede,
die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor
sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich
hier willkommen, nur deshalb!« -- »Aber nein, ich thue der Tante gewiß
Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich,
hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn
ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie
zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen
und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da
endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte
herein.
»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach
eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene
Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit
gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.
»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes
fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir
etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst
du mit mir kommen?«
Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer,
das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so
einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter
Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers
die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den
Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und
gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war
glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und
gegen das sie sich aussprechen konnte.
»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes
Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung
über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch
über vieles verwundern.«
»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge
Mädchen gespannt.
»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!«
erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter,
lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren,
wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie
regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«
»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!«
seufzte Agathe.
»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte
allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder
nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«
»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich
glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein
Geschäft?«
»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft,
das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine
Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld
braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den
Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe
Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin
werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches
Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine
achselzuckend.
Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen
stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig
und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte
mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte
sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die
Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke,
und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie
etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe
für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen,
auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz
Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich
aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte
sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten
standen.
»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte
freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz
der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf
dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben,
schönen Kreis, den sie verlassen. --
Drittes Kapitel.
Erster Morgen.
Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit
gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das
freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute,
rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie
sich, um sich anzukleiden.
»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet
dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«
Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre
Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war
erst kürzlich gestorben.
In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam
ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen
entgegen.
»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das
junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich
an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber
der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte.
Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie
prüfend von oben bis unten.
»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er
dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen
Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als
sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen
küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm
aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und -- und wenn sie vielleicht
manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut
mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut
werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die
Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an
dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.
Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken;
dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich:
»Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir
kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«
»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht
begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr
Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf
uns zu warten.«
»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch
nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich.
»Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«
Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch,
blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab,
der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem
ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner
Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste
Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er
knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem
andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise
beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge
die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen
auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.
Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen
durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von
ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den
kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.
»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit
uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob
einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz
nahm.
»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen
müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches
Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln
unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn.
Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension,
wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel
tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem
eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der
Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als
um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren
und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an
Verdauungsbeschwerden.
»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel
endlich, die Stille unterbrechend. -- »Ich glaubte, deine Schwester sei
schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.
»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie
wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte
der Onkel.
»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist
von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf
dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar
angegriffen.«
»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe
zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«
Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen
können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen
Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und
leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke
spielte.
Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das
helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz
erzitterte.
»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger.
»Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und
blühend aussieht!« -- »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein
Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst
dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann
die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die
Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«
Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und
verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle
auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber
knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen.
Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen
ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da,
gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«
Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene,
kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.
»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber
eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe
war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu
kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen,
seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.
Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser
und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und
wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und
Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen
Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als
das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da
ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der
Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet,
mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine
Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich
auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.
»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame,
Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen
schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte
eine Wurstscheibe darauf.
»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet,
»und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen
soll!« -- Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem
Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die
Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte
er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!«
rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein
Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«
Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte,
sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will
dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß
immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«
Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete
endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger
Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag
eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene
Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die
Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen
grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.
»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte
Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen
Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.
»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte,
sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich
blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des
Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte
Mühe, etwas zu lernen.«
Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und
betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber
hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein
Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte.
Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen
Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die
Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen
Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war
nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht
unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf,
als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten
sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch
Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe,
neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.
»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei
freundlich.
»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und
da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«
»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame
theilnehmend weiter.
»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe
unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«
»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare
Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie
lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so
recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet
immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer,
unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren
guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne
Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich,
einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den
Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht
mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als
wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube
garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. -- Da sehen
Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und
hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern
und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf
nur =einen= Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein
Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl
etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit
dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen
wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn
eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen.
Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof
uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen
Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann
es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher,
als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach
dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein,
und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe
aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn
der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer
und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein
Grauen.
»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da
nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief
auf.
Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und
lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von
ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine
jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm
unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«
Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie
kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen
waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit
der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu
können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig
weiter.
Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer
Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man
nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen
Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde
um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel
den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus
der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas
Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser
Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und
lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe
arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war
während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so
traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.
Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich
grüßend herein.
»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen
Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe;
aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es
würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«
»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine
Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in
der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O,
könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben,
fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren
Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den
Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül,
so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß
hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und
eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln
wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über
die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als
es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit
fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für
die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten
vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber
auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief
auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter
einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte
so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger
thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte
sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben
und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte
zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße
hinauf trippeln sah.
»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe
sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß
Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; -- o mein Gott, mein
Gott, ich bin doch zu unglücklich!«
Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die
Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken.
»Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte
es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen
kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade
unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht
sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese
anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt,
geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr
vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben,
dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer
andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen
braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«
Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr
sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und
wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden
zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder
der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.
Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr
trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ
sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.
Viertes Kapitel.
Schooßhund und Zughüte.
Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das
Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um
drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe
schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden
von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei
bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so
traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am
ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider
aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie
wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von
Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr.
Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend
und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein,
beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend
wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. =Sie=
hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten;
ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte
sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl
und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben
Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die
langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr
allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß
es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre
Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen
und alle Hoffnungen ersticken würde.
»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern
gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer.
Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank
und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke
Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer
Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon
nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels:
»Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie
den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr
stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte
das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte
sie hastig.
»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den
ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung
machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt
an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft
gekommen.«
»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum
Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd
in der Stadt.
»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht
verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.
»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,«
dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem
Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen
an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet,
in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen
dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen,
überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie
gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten
das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig
wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben
wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn
in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.
»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur
durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn
nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe
mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und
neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber
die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen
von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend
gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger
Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem
Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe
wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der
Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.
Die Tante war sehr ärgerlich, sowohl über den Unfall, der ihrem
Lieblinge widerfahren war, als über die schnelle Rückkehr Agathes.
»Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr,« sagte sie,
»du hättest ihn wohl noch eine Weile führen können.«
»Aber liebe Tante, es war ja nicht möglich; laufen wollte er nicht, und
auf dem Arme blieb er auch nicht!« entschuldigte sich Agathe.
»Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln!« rief die
Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. »So
unaufmerksam, ihn treten zu lassen!«
Das junge Mädchen wollte sich schüchtern zurückziehen, da sagte die
Tante: »Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich
bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.«
»Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,«
erwiederte Agathe erstaunt.
»So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du
morgen mit mir spielen kannst,« sagte die Tante. »Die alte Person mag
ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir
rechte Mühe, daß du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu
schrecklich.«
»Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hübscher
als Kartenspiel,« wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete
verdrießlich: »Nein, laß mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an
und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.«
So blieb denn Agathen nichts anderes übrig, als den Befehlen der Tante
zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser völlig
unbekannten Kunst zu bitten.
Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nöthig war, und der
ganze schöne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der
Tante, begriffen hatte, der schöne Abend, an dem sie sich so unsäglich
gern mit ihren Büchern beschäftigt, ihren früheren wissenschaftlichen
Arbeiten einige Zeit gewidmet hätte!
Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am
Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht;
das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.
Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der
Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem
Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige
Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen,
nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren
führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von
eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war
die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen,
ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden.
Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche
sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch
das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half
ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen,
wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von
solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe
durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was
es heißt, ein artiger Hund zu sein.
So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann
sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein
Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die
Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder
genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante
sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr
jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu
lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht
niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages
unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die
Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät,
daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber
doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und
an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer
geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.
Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie
waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt.
Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand
sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der
Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich
einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel
heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren
Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben,
versteht sich von selbst. -- Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht
das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie
eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen
diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk
ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten.
Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr
wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große
Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und
niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas
Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie
hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und
machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon
bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein
Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben
daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu
den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen
dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine
geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen
Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte,
weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen.
Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher
Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch
das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam
sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich,
und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am
jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit,
so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen
Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube.
Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah
wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer
Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich
änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von
Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem
unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das
Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann
gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im
Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem
Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes
den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von
der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu
erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch
in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben
dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere
auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann
einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die
Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge;
denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie
die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen,
und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In
einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge
davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über
die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte
helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer
fassungslos umherirrte.
»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es
nicht, ich bin zu trostlos!«
So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und
fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt,
denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der
Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich
des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen,
als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute
unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen
immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges
Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es
war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was
sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und
ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in
seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn
morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich
der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den
jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen,
sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten.
Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer
sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so
groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der
Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame
am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen,
da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit,
das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob
solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde
wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello
wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst
und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe
kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte
das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete,
sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus,
so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn
zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann
athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem
widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als
bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer
statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und
ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr
alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben,
theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar
keinen Reiz mehr für sie.
Fünftes Kapitel.
Wiedersehn.
Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore
Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land
gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und
die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen
Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen.
In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe
dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte
mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für
gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr
als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt,
daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre
Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche
unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich
ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren
Gedanken abgezogen.
Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr
Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu
wohl bekanntes Gesicht.
»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier
finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die
bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen
Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.
»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen
Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend
umschlang diese ihren Liebling.
»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe.
»Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir
entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich
jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du
ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne,
wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«
»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort?
Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier
nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen
Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen
blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und
hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht
sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen
Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug
einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den
rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm,
Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine
Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche
umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der
Stirn schwebten.
Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß
ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr
Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles
Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den
theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein =Telegraph=
mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war
sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich
ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.
»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe.
Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue
Seele neben sich wußte.
»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am
wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben
Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte
und nun eilte, nach Hause zu kommen.
»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine
Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch
einmal zu und flog die Treppe hinauf.
»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne
leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.
»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im
Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von
früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«
Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich
gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber
herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren
Frohsinn erfuhr.
»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche
Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart
der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen
dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der
Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden
Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.
Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu
besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie
eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen
der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch
ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte
vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals.
Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen
Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie
gekommen.
Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort;
öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen
Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.
Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und
die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen
Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie
her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein
freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr
sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den
Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.
Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer
Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als
sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles
Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig
in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes
Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung
bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal,
wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie
dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart
gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.
»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe
neugierig und zog die Alte auf eine Bank.
»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte
die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns
ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt
uns den Weg.«
»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe
ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen!
Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal
Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«
»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen
Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder
soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe
Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat,
sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern
lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß,
wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir
ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich
wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die
Welt kam, damit Basta!«
»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe
und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.
»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen
habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem
Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder
wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die
arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame
Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine
Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht,
und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie,
Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der
ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines
Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht
zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei
den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als
Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden
Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine
Gedanken vortrefflich.«
»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief
Agathe ganz erschrocken.
»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser,
du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe
ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst?
Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch
was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden
Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit
ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«
Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die
Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und
zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein
Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.
»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.
»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine
Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht
bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht
wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn
so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge,
und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft
werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte
Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie
bequem.«
»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit
Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits
jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr
ganzes Lebenlang dort fest zu halten.
»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth
haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.
»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete
Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch
gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«
Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem
Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da
ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger
an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame
Groß hin.
»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten,
auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese
Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«
»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die
Soldatenfrau barsch.
»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde
doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun,
und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn
das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«
»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte
Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu
werden.
»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst
entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und
bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren
durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten
Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke
an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte
sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen
hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die
Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach
ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern;
aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen
ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und
verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr
gehen zu können. -- Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich
die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich
wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte,
so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber
freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen
wollten sie abreisen.
Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame.
Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit
aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit
derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne
zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß
sie wie ein Kind sprang und tanzte.
»Aber nun die Tante; ach, wäre das erst überstanden!« jammerte Agathe.
»Wenn ich es nur dem Onkel sagen könnte; aber ich sehe ihn ja nie
allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn
er fürchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.«
»So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr,« sagte Anne.
»Ich warte in der Küche draußen auf die Antwort; zu Hause läßt es mir
doch keine Ruhe.«
Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thür,
die zu dem Zimmer der Tante führte. Sie hörte ihr Herz ordentlich
klopfen und kämpfte nach Athem; endlich aber drückte sie muthig auf die
Thürklinke, und nun war sie im Zimmer.
»Liebe Tante, wenn ich Sie nicht störe, möchte ich Ihnen etwas sagen,«
begann sie ziemlich kühn.
»Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit?« sagte die Tante
streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkündete.
»Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe
Tante!« stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.
»Du wirst es nie lernen? Was soll das heißen? Du willst nicht, bist
faul, ich weiß es lange!« fuhr die Tante auf. »Aber es hilft dir alles
nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir
verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und laß mich
solche Reden nicht wieder hören! Du bist ein armes Mädchen; du mußt
daran denken, dir dein Brod später selbst zu verdienen.«
»Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch,« stammelte Agathe. »Wenn Sie
es mir erlauben, so möchte ich eine Stelle annehmen.«
»Eine Stelle?« rief die Tante staunend. »Ich glaube, du weißt nicht,
was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mädchen denn für eine
Stelle annehmen?«
»Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten,« sagte Agathe
wieder muthiger. »Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.«
»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?«
rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem
Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher
ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber,
mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst
hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn
ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als
Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt
umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte,
denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«
»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann
Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte,
erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der
Verzweiflung.
»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante
heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir
nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig
jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«
Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche
harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie
die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau
die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte
zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie
viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und
schwerfälliger als je zu Stande brachte.
Sechstes Kapitel.
Treue Hülfe.
Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es
so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte
sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich
bei Madame Niedrer anmelden.
»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer
rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster
Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.
»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte
weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«
»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien
sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.
»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in
ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu
bitten.«
»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame
Niedrer heftig.
»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie
flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und
dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.
»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief
Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das
undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der
Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«
»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem
Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und
tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der
das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und
darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar
zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame,
daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an
Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt
sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden
kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu
nähen, oder Sie lassen sie fort.«
Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen
blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese
war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte,
die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie
unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin,
damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«
Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie
selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.
»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf
der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt;
das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn
fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt
schlimm, die arme, kleine Maus.«
Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng
gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen
es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle
werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur
zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel
um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden
gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und
doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer
weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.