Diesen Brief in der Hand stürzte Hubert in das Zimmer seiner alten
Freundin, Frau Booland.
»Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier!« rief er und warf das
Blatt Papier der Alten in den Schooß; dann umschlang er sie mit beiden
Armen und erdrückte sie fast vor ungestümer Freude.
»Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank!
Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?«
Die Alte schob den Ungestümen sanft von sich, um den Brief zu lesen,
der so verhängnißvolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe
und sagte bewegt: »Braves, liebes Kind! Sie hätte es sicher auch
gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt hätte! O Bertel, dies liebe
Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen
Kinde ruht ein tief gefühlvolles, edles Gemüth. Du hast sie nicht
geliebt, sonst hättest du den Schatz wohl erkannt, und sie hätte sich
an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz,
das es versteht, sie glücklich zu machen; denn wahrlich sie verdient
es!«
Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge
derselben war ein äußerst geschäftiges Kramen und Gehen und Bedenken
von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften
Entschluß gefaßt hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in früher
Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben
Pastorin das volle Herz auszuschütten, während Hubert indessen eine
wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds
Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende
Gefühle und Gedanken bestürmt; denn wenn bisher einerseits ihr
sehnlichstes Wünschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne
durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum
und Wohlbehagen zu bahnen, so fühlte sie andererseits doch gar wohl,
welches Unrecht sie dadurch an der großherzigen Esther beging, und mit
welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mädchens lohnte, deren Liebe
zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber
Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst hätte er sich schwerlich
den Bitten seiner Mutter gefügt. Das war für Frau von Ihlefeld eine
große Beruhigung; jetzt mußte man suchen, sich Esther auf irgend eine
Weise dankbar zu erzeigen für alles, was sie gethan hatte. Die Mittel
dazu mußten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn
Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mädchen. Aber als jetzt
nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon
stürmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte
Bertels Gemüth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er
Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber
war ja die Brücke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken!
Wie gut, daß dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und
Bertels Zukunft gesichert war; wäre er früher gekommen, Hubert wäre
schwerlich auf ihre Pläne eingegangen! Während Frau von Ihlefeld noch
ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens
zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele
hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der
noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: »Wie?
Das bietet man uns? O wahrlich, in früheren Tagen hätte man das nicht
gewagt! Erst weiß man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt
wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen
Prinzessin nicht mehr gefällt! Und der schwache Vater leidet solche
Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding!
Dich so zu behandeln, es ist ja empörend. Gut denn, laß sie laufen,
sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht
mehr nöthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein
großes Vermögen ist, das wir erhalten, so genügt es doch, bis du einmal
eine Anstellung bekommst. Und weißt du, was du jetzt thun solltest,
Bertel, gerade um der hochmüthigen Susanne zu zeigen, daß du dir aus
ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt
dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du
eigentlich nie ein Mädchen finden, das besser zu dir paßt. Freilich,
sie ist nur ein Bürgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch
geschädigt; -- aber lieber Gott, wir sind dem guten Mädchen doch sehr
viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in
Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan hätte.«
Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm
so übervoll, daß er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimniß zu
verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, daß er selbst die Hand
zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie hätte ihm das nie vergeben.
Rastlos schritt er während ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und
nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane
sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen.
So freudig überrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine
Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefürchtet hatte, ihr zu
sprechen, so verletzte es ihn doch, daß sie glauben konnte, sein Herz
sei so rascher Wandelung fähig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich
geliebt hätte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine
Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie
habe gewußt, daß Esther ihn liebte; trotz alledem überredete sie ihn
zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend
Gedanken mit einander, und er fühlte, daß sein Herz mehr und mehr von
bittren Gefühlen gegen seine Mutter erfüllt wurde, in deren Händen er
wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren
Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in
Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemüth, das diesen Anmuthungen so
wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so
wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch
die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht
zürnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern
sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: »Liebe Mutter, es ist
mir lieb, daß Susanne mir ihr Wort zurückgegeben. Ich hätte sie nie
glücklich machen können; denn seit der Ankunft von Esthers Brief weiß
ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke
Gott für diese Lösung, und ich bin glücklich, daß dein Wunsch mit dem
meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther könnte ich dir
nie zuführen.« Dann küßte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn
betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fühlten
wohl, daß es besser sei, alles Weitere unerörtert zu lassen.
Frau von Ihlefeld wandte das Gespräch auf den Brief, den sie soeben im
Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben,
um Esther aus der peinlichen Situation zu erlösen, in welcher das brave
Kind sich befand.
»Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere
übernehme ich selbst,« sagte Hubert freudig erröthend. »Morgen früh
reise ich selbst zu Esther.«
Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches
entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war
plötzlich so strahlend schön geworden, von Wonne und Glückseligkeit,
daß sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen ließ; denn jetzt erst
erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. »Bertel, mein liebes, theures
Kind!« rief sie unwillkürlich und streckte ihm die Arme entgegen, und
mit dem jubelnden Ruf: »O meine Mutter!« hielt der Sohn seine Mutter
umschlungen.
Für Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flügelschlage
dahingeflogen. Ein unsägliches Weh erfüllte ihre Brust; sie hätte sich
am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte
sie noch hier auf Erden, wo Glück und Freude für sie verschwunden
waren. Müde und gleichgültig saß sie eines Abends am Fenster ihres
Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die
sinkende Sonne über Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze
Erde von dem glühenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die
brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich über Land und
Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt
in wonniger Pracht erstrahlen ließ, er war geschwunden; graue Nebel
stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schönheit.
»Wie mein Leben!« seufzte Esther, die trüben Blicke über das Meer
hinübersendend. »Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine
mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte -- nun ist meine
Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln
umhüllt!«
Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre
Stirn brannte und suchte Kühlung. Da wurde an die Thür geklopft. »Ein
Brief, mein Fräulein!« Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf
der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand riß
sie ihn auf; es war Susannes Brief.
Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam über ihre Stirn.
War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben
muthwillige Träume ihr Spiel mit ihr? Sie trat näher an das Fenster,
den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten
Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkämpft, schwindelte heftig,
und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zündete Licht an,
ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann
setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu
lesen. Während ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten,
flog mehrere Male ein Lächeln über ihre Züge, und endlich schüttelte
sie wehmüthig den Kopf. »Liebes, herziges Kind,« seufzte sie leise, »du
ahnst nicht, was deine Worte mir für Schmerzen bereiten! Gott, mein
Gott, was heißt das alles nur? Sie weiß von meiner Liebe zu Bertel,
die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimniß war? Sollte Tante
Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie
etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele würde
mein heiligstes Geheimniß doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben!
Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmöglich. Aber
woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses
holde, kleine Geschöpf wirklich liebt, wie trostlos muß er sein, daß
sie ihm sein Wort zurückgiebt und den Bund wieder löst, der ihn so
zu beglücken schien. In welches Wirrsal stürzt mich dieser kindische
Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt könnte doch nun
Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand?
Es war für Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses
Briefes folgte. Schlaflos wälzte sie sich auf ihrem Lager umher,
und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heißen, schmerzenden Kopf.
Hoffnung, Liebe und Zuversicht kämpften mit Schmerz und Zweifeln,
und erst der heraufdämmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe.
Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr
erschöpfter Körper Kräfte sammeln wollte für die bevorstehenden
Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte
heraufzogen.
Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht
fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als hätte sich etwas
Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken
fassen. Ein Klopfen an der Thür schreckte sie auf. Hastig sprang sie
empor und öffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein
Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf
öfteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen
mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.
Esther forschte nach dem Aeußeren des Fremden, und aus der Beschreibung
schien ihr hervorzugehen, daß Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz
schlug stürmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie
fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und
gleich darauf bei ihr eintreten.
»Mein Fräulein,« sagte der Kaufmann, indem er zögernd an der Thür
stehen blieb, »darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich
so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu
bitten, daß ich Sie so bitter kränkte. Aber die Umstände, unter denen
ich Sie kennen lernte, müssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen;
ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten:
Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.«
»Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr?« fragte
Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen
Schritt entgegen zu treten.
»Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und
gekränkt habe!« rief Herr Richard und hielt dem jungen Mädchen einen
Brief hin. Esther trat jetzt schnell näher und erkannte Frau von
Ihlefelds Handschrift.
»Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr?« sagte sie hoch
erröthend. »Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu übergeben?«
»Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen
Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern,« entgegnete Herr
Richard sorglos, erschrak aber über die Wirkung, welche diese Worte
hervorbrachten.
»Selbst? Er will selbst kommen?« stammelte Esther erbleichend, und
plötzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Stöhnen sank sie
zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewußtlos in
die Arme.
Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um
sich; bald aber war sie wieder das starke Mädchen, und hörte jetzt
ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzählte nun,
daß Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute
Engel ihres Hauses; was sie für ihren Sohn und sie selbst gethan, könne
nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, kränke ein
Herz, das immer nur für das Glück Anderer geschlagen.
»Und ich habe dies Herz so tief gekränkt!« schloß Herr Richard, der
erglühenden Esther herabhängende Hand an seine Lippen führend. »Sagen
Sie mir, Fräulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?«
Das junge Mädchen blickte ernst vor sich hin. »Sie kannten mich ja
nicht, Herr Richard,« sagte sie sanft, »und ich glaube, es war sehr
thöricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgründe an Sie zu stellen.
Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, daß man
sich vorsehen muß. Lassen wir das jetzt. Mein Zürnen war vielleicht
ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan,
das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darüber nachgedacht
habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung
veranlassen, Hubert werde selbst kommen.«
Herr Richard faltete den Brief und überlas ihn schnell. »Hier ist's,«
sagte er dann und las: »Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher
der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der
braven Esther keine Mühe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....«
In diesem Augenblicke aber hörte man eine Stimme in dem Hausflur.
Esther stieß einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Füße
zitterten so heftig, daß sie kraftlos auf ihren Sitz zurückfiel. Da
hörte man rasche Schritte; die Thür flog auf, und Bertel stand in dem
Zimmer. »Esther!« rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das
geliebte Mädchen an seiner Brust.
Lange fanden die beiden glücklichen Menschen kein Wort für das
Entzücken ihres Herzens. Esther war so erschüttert von diesem
plötzlichem Wiedersehen, daß sie kraftlos und weinend in ihres Freundes
Armen lag, der ihren lieben Kopf zärtlich küßte und immer von Neuem an
seine Brust drückte. Die süßesten Schmeichelnamen, wie sie nie über
seine Lippen gekommen, flüsterte er dem vor Freude erbebenden Mädchen
in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thränen lächelnd ihr Gesicht.
Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an
seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenüber so
schwach und weichmüthig gewesen.
»Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz
hinfällig!« sagte sie, die Thränen aus den Augen trocknend. Dann schrak
sie plötzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und
flüsterte, sich verlegen umschauend: »Aber wir sind ja nicht allein,
erlaube daß ich dir Herrn Richard....«
Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber
stand eine andere Person, welche still, die hellen Thränen auf dem
guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es
war Frau Booland.
»Tante, liebe, gute Tante!« jubelte Esther und flog zu der Alten, die
ihre großen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch
über ihrem Herzblättchen schloß, als sollten sie sich nie wieder öffnen.
»Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen
gewagt!« rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Füßen stand;
denn die große, starke Frau hatte das schlanke Mädchen wie ein kleines
Kind zu sich empor gehoben, als könne sie nur so ihrer stürmischen
Zärtlichkeit Genüge leisten. »Du mußt ja Tag und Nacht gefahren sein,
um schon heute hier anzukommen.«
Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des
Entzückens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren großen
Händen Bertel drohend, der lachend und von Glück strahlend neben Esther
stand, rief sie ärgerlich: »Hat der Bengel da mir armen, alten Frau
denn Ruhe gegönnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf
der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein
Bett legen? War's nicht immer, als stände einer mit der Hetzpeitsche
hinter uns und triebe uns vorwärts? Weiß Gott, wie's der Bursche fertig
gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber
bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht
ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!«
»Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast
dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in
diesem heillosen Franzosenlande bist,« rief Bertel lachend.
»Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind!« rief Frau Booland
entrüstet. »Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in
dem Neste,.... na wie hieß es denn gleich?« »Avignon,« ergänzte Hubert.
»Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, =Betten=
zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten,
entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum
Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten
Rollkissen, gerade als wälzte ich mich im Fieber. Na und überhaupt,
ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze
und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer
Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten können! Ich
wäre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann
diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lärm, dies Getreibe, diese
Wirthschaft! Wäre es nicht mein Herzblättchen gewesen, das ich mir hier
aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde
wäre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches
Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraßen, solch'
Umherwälzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' gräßliches
Essen und Trinken, Schmachten und sich todt müde und elend machen
nennen die Leute nun Vergnügen! Na, wenn ich erst wieder glücklich
in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott
bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrückten
Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!«
Während Frau Booland ihren Gefühlen in dieser Weise Luft machte, hatte
Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und während er beide
Hände des jungen Mädchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf
ihren Zügen.
»Warst du krank, Esther?« fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken
wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht,
das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der
vergangenen Monate, und nun gar von den durchkämpften, schweren Tagen
der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther
beruhigte die beiden geliebten Menschen, saß aber unbeschreiblich
ängstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm
ihre Hände zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich
Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschöpft
niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend
und dann den Staub von ihrem Kleide schüttelnd: »Aber mein Gott, wie
sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen
Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein
Schlafstübchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; laßt
euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!«
Und eilig huschte sie in das anstoßende, kleine Zimmer, dessen Thür
nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch
schelmisch zulächend. Sie klinkte das Thürschloß fest hinter sich zu,
und Esther war allein mit ihrem Freunde.
»Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten?« fragte
Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.
»Ja Bertel, gestern,« erwiederte Esther und tiefe Gluth flog über ihr
blasses, bräunliches Gesicht.
»So weißt du, daß wir nicht mehr verlobt sind?«
Esther schüttelte den Kopf und sagte scheu: »Ich kann nicht glauben,
daß es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du
sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.«
»Aber ich liebe sie ja nicht, Esther!« rief Bertel, das junge Mädchen
wieder bei beiden Händen ergreifend. »Ich liebe ja niemanden, als
dich, Esther, du mein Glück, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen,
ganzen Lebens! O, jetzt erst weiß ich es ja, daß ich dich geliebt habe,
seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und
ich danke Gott auf meinen Knieen dafür, daß es endlich klar in mir
geworden ist!« Und nun erzählte Bertel alles, was er seit der Ankunft
von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkämpft hatte, und wie er
jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, -- Esthers Liebe.
»Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, daß du mich
lieben kannst, Esther?« fragte er endlich weich, und seine Stimme
zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht
an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: »Mein Bertel, mein lieber,
ewig geliebter Bertel!«
Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hörte nichts, als ein
merkwürdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoßenden Kammer.
Frau Booland mußte eine äußerst umfangreiche Toilette machen, denn es
dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in
dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit
indessen so wenig lang geworden, daß sie die alte, treue Freundin
völlig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat,
führte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: »Hier unserer treuen Tante
Booland danken wir die glückliche Lösung. Ohne sie wäre ich nicht hier
und wir Beiden nicht das glücklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.«
»Na, Gott sei Dank, daß wir endlich am Ziele sind!« jubelte die Alte,
ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide
reichlich Platz hatten. »Nun aber macht, daß wir von hier fort kommen;
der Boden brennt mir unter den Füßen.«
Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mußte die
Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert
übernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen
unendlich liebenswürdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein
Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn
jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glückte über Erwarten. Aus
den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und
Herr Richard, welcher ein ungewöhnlich großes Vermögen erworben hatte,
war hoch erfreut, durch Rückerstattung jenes Kapitals zum Glücke so
lieber Anverwandter beitragen zu können. Das fröhliche Lächeln, mit
dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser
kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begrüßen, sagte demselben
besser, als Worte es thun konnten, daß Esther die peinliche Scene,
welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. »Aber zu unserer
Hochzeit müssen Sie kommen, lieber Vetter!« rief Bertel in fröhlichem
Uebermuthe beim Abschiede, »nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.«
Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in
dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nîmes sprach
sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles
Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu
machen. Nach le Vigan jedoch führte sie ihre Lieben nicht, so sehr
sie auch gewünscht hätte, den guten Doktorsleutchen mündlich von
ihrem Glücke zu erzählen. Aber Tante Booland hätte nie wieder Ruhe
im Herzen gefunden, hätten ihre eigenen Augen jene Zustände in der
Pension gesehen, in denen ihr Herzblättchen so lange Zeit leben mußte.
Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schönen Städte mit all' den
Sehenswürdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und genoß Esther
jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewünscht hatte; denn
langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rückkehr in die Heimath
an, um die alte Frau Booland nicht zu ermüden. Die Behaglichkeit dieser
Art zu reisen, sowie das Glück ihrer Kinder, das sie umgab, versöhnte
Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hieß, und vergnügt ließ
sie sich überall herumführen und alles Sehenswerthe zeigen, so daß sie
nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so
lange gelebt hatte.
Eine unaussprechlich tiefe, stille Glückseligkeit ruhte auf Esthers
Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saßen
die beiden glücklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu
sprechen.
Aber als sie jetzt in die Nähe der Kirche und der ehemaligen Wohnung
Esthers kamen, da ertönte plötzlich Glockenschall und froher Gesang.
Blumenkränze in den Händen und bunte Fahnen in der Luft schwingend,
eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder
Zuruf begrüßte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden
Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit
seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen
erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze,
freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glückwünsche
aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren
und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt
hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tönten,
die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Kränzen fuhr das
junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause
geleitet. Auch dies Häuschen war festlich geschmückt; als aber jetzt
Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der
Thür empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rührung
umstanden die Dorfbewohner das Häuschen.
In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und
Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrüßung dargebracht
wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine große, geschlossene
Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich
und war an Esther adressirt. Verwundert öffnete das junge Mädchen
dieselbe und fand eine Fülle der schönsten Stoffe darinnen in Seide,
Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung
ihrer neuen Haushaltung wünschen konnte. Ein kleines Kästchen lag
obenauf, mit der Inschrift »Esther,« und in demselben ruhte ein
kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn
Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine,
diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten
Verehrung für das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je
begegnet sei.
Während Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestürzt vor der
prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzücken bald die
Steine des Schmuckes im Lichte funkeln ließ, bald wieder die köstlichen
Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen übergeben.
Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaßen:
»Mein lieber Hubert!
Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfängt, da will auch
ich nicht zurückbleiben. Bald hoffe ich Euch persönlich begrüßen zu
können; für's Erste nur die Nachricht, daß unser verehrter Kronprinz
soeben die Anfrage an Dich ergehen läßt, ob Du für seine Reise nach
Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten
antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche
außerdem hinzugefügt sind, versprechen so viel Genuß und Vortheile,
daß ich gewiß bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue
Trennung von Deiner Braut für's Erste wenig lockend sein mag. Eine
Professur für Archäologie soll im Laufe der nächsten Zeit an der
Universität B. besetzt werden, und ich müßte mich sehr irren, wenn
unser gnädiger Kronprinz nicht im Sinne hätte, seinen Reisebegleiter
für diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tüchtigen
Gelehrten erkannt hat. Daß dem so sein wird, dafür ist mir nicht
bange, falls Du dieser Reisegefährte bist. Ich freue mich sehr, daß
meine Dienste, welche ich in früheren Jahren dem Hofe geleistet habe,
jetzt noch so gute Früchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen
besten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich ihr den
Geliebten wieder entführen will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres
Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre
Grüße und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie für einige
Monate durch meinen Bruder entführt worden, eine liebe Freundin in ihr
begrüßen zu dürfen. Bald umarmt Dich in väterlicher Liebe