Friederike Booland.«

Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander.

Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte?

Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie

die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie,

was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er

ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen

Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten

Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei

todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier

mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter

sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder

eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide

häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und

es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien

gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige

Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er

sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe

er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? --

Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel

eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm

trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein

werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn

zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher

damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein

gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen

sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter,

»sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst

erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich

wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens

giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu

verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein

Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so

verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr

ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb

Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine

gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund

als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas

Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß

ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das

Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder

schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich

möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst

hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes

nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser

Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst

ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch

-- ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich

recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch

ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich

ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will

das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst

nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer

stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel

meines Lebens!«

Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem

Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief

noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise.

Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es

war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide

Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie

umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die

Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne

kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den

entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.

O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im

Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand

mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen

ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen

Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem

Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte.

Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so

plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen,

ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch

nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper

oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie

endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt

brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend,

als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.

Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre

Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch

kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst

wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft.

Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben

mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit

dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben

eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten

getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie

nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es

geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen

Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden

war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an

den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt

hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen

mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für

wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte

in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach

Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute

selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn

allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen

wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz

erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die

Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun

war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und

Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr

als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte

keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das

er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!

Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie

ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie

nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese

trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!

Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde.

»Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller

neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles

Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust.

»Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue,

helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas

auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese

Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel

nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht

glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht

froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es =nur= der Wunsch

seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und

Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist

doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu

sichern.

Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem

Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante

Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen

lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn

ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so

stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte.

Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch

andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich

nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.

»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum

Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch

ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es -- und ich will es!«

Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief

zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther

vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb

Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, =sein= Glück sei auch das Ihre,

und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl

bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr

ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.

Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als

habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles

vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie

sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus

ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde?

Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England

gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen,

daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern

angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit

und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel

entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden --

nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller

ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo

sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! -- Hier wollte sie nur

noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn

Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst

aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie

mit Ungeduld erwartete.

Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses

Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande

fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame,

welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte

Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er

ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie

höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht

für eine mögliche Diebin und Betrügerin.

* * * * *

Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen,

verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen

Waldhause zu Rahmstedt.

Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der

Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein

Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast

noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf

alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn

des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich

jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine

bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem

Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches

Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen

und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in

süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und

Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern

kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb

ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen

konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder

Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als

der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen

Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden

damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter,

von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte.

Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern

fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie

ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt

sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich

ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er

war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem

so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch

Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie

eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich

wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! --

Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei

ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes

Wort mit ihr zu sprechen.

Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt

erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild

Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen

kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug

und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie

empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte,

und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von

der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte,

so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte

er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der

Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther

ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als

solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an

wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst

so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so

viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.

Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's

Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen

Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen

als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung

traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die

Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut

weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte

und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ,

sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst

empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte

ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen

ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber

etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie

launisch gewesen.

So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter

überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm

innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines

ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus

Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen

freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute

sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei

all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so

gesprächiger Mund fest verschlossen.

»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel

endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen

Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein

Wort mehr?«

»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland

kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath

fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O

Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich,

und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es

ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und

vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.

Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach

Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte

ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche

Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch'

eine Nachricht war das!

Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand,

als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches

Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!«

Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen.

Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit

den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in

ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte

ihre Arme um seinen Hals.

»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn,

auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre

Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und

schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!«

flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar

in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo

willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.

»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die

Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.

Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes

in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des

Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig

über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war,

hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder

ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam

sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau

Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über

der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein

Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl

zurücksank.

»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter

aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte,

mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum

Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und

schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das

Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und

alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht

mehr mit der armen Person.«

Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken

am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in

seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus,

und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in

wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster

herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße

Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die

Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben

Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes

Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort

drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer

Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort

wieder finden, wie früher.

Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank

kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten

aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt

näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt

und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die

Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.

»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr

der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß

Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum

erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust

sank.

»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und

schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme

fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine

Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet,

wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie

wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte

Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen;

es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können.

Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich

neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend,

denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte

sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die

prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung

darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was

quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer

gut mit dir.«

»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die

so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst

mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott,

welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in

wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn.

Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab

ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand

einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und

was erkennst du jetzt erst?«

»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther

die Füße zu küssen! O =was= hat sie gethan, was ertragen für mich und

um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr,

Esther liebt mich?«

»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt

habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre

gefurchte Wange.

»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester

und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte.

Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, -- o so lieb, wie

=ich= sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie

sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«

»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere

heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen

in Bertels erregtes Gesicht.

»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und

verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir

soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst,

als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch

meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte?

O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies

theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe

hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte.

O das muß ja Liebe sein, ja sie =muß= mich lieben! Und ich Thor habe

diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und

jetzt, jetzt -- habe ich ihre Liebe verrathen!«

Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch

sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!

»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine

Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst,

was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht,

thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der

Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich

deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir

immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so

daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die

Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan!

Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend

Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe,

alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche

Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich

machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie,

nie!«

»Aber mein Gott, Bertel, =so= sprichst du von deiner schönen Braut!«

rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.

»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher,

es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte

Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre

verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es

freiwillig. O es ist entsetzlich!«

Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau

Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen

sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden

immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf

des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte

Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner

Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer

gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen

suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß

meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das

sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther

für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist

der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das

Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der

dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber

auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du

dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun

zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht

mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden

sollen, -- denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist

ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau

zu sein, -- ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das

sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn

ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes

Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für

meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche

mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat

mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll

ich mein Heil versuchen?«

»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und

theilnahmlos.

»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn

mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht --

nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben,

sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«

»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe,

»Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein

Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O

wenn nur =sie= nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der

mich zu Boden drückt!«

»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles

gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen

streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre

Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern.

Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann

die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.

Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf

Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt

und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein

sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft

jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst

aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park,

bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier

und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und

Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.

Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem

niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein

bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug.

Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß

geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei

und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit

immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald

fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf,

ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch

fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort

gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O

ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich

auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie

und flatterte.

Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte

dabei ihre Gedanken. »So, die Schnur drückt dich also ganz abscheulich,

mein Püppchen?« sagte sie leise und runzelte die Stirn. »Denkst wohl,

ich weiß nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu

Possen und Vergnügen? Armer Bertel, gut, daß du es nicht siehst! Nein,

nein, das ist nichts für meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind paßt

für ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.«

Dann aber schlug sie das Gebüsch zurück und trat auf Susanne zu. »Guten

Abend, Fräulein Susanne!« sagte sie mit einem höflichen Knix und ging

noch näher auf das junge Mädchen zu. Diese sprang rasch von ihrem

schwankenden Sitze herab und riß dabei auch den Papagei von seinem

Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort

lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie

Frau Booland die Hand zum Gruß reichte, rief sie fröhlich: »Gut, daß

jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er

will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm

quälen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als daß

ich lerne.«

»Fräulein Susanne,« sagte Frau Booland jetzt höflich, »hätten Sie wohl

ein halbes Stündchen Zeit für mich übrig? Ich möchte gern etwas mit

Ihnen sprechen.«

»Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes?« rief Susanne in komischem

Schrecken. »Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante

Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten?

Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, daß ich wieder etwas

Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng,

gerade wie unser alter Schulmeister drüben in der Dorfschule, vor dem

die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland,

sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?«

»Nein, nein, Fräulein Susanne,« lächelte die Alte, »das fällt mir nicht

ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, daß er uns nicht mit

seinem Geschrei stört, und dann kommen Sie ein Bischen drüben in die

Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, das freut

Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?«

»Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland!« rief das junge

Mädchen und hob den Papagei auf den nächsten Baum, wo sie ihn mit der

Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand über

seinen Kopf und Rücken fuhr. »So Papchen, nun langweile dich nicht

zu sehr,« sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal

freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte

dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel;

aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rückte dicht an

die Alte heran, für welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefaßt

hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefällig und nachsichtig

gegen das harmlose Kind gewesen und wußte ihr immer allerlei Neues oder

auch Altes zu erzählen, was der heiteren Susanne Spaß machte. Heut

nun war es freilich keine fröhliche Erzählung, welche die Alte für

Susanne bereit hielt. Aber doch hörte diese still zu, ganz gegen ihre

Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich

klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die

Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thränen

flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln

Laubgang heraus, die Hände fest in einander geschlungen. Die Alte

küßte dann rasch die schöne weiße Stirn des jungen Mädchens und eilte

davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewöhnliches

Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. »Wir wollen

die Fessel lösen, nicht wahr, mein Papchen?« sagte sie unterwegs zu

dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fuße knüpfte und ihn

streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurück. Hier setzte

sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und

schrieb folgenden Brief:

»=Liebe Esther!=

Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Sie so nenne, wie wir Alle

es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr

gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzählen lassen,

daß mir ist, als sähe ich Sie vor mir. Daß ich jedoch einen Brief an

Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund;

eigentlich bin ich ein sehr faules Mädchen, dem Briefeschreiben

eine große Last ist. Ich habe nämlich eine sehr, sehr große Bitte

an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie müssen mir nicht böse sein --

bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! -- Wissen

Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines

Mädchen, über das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer

geheimen Verlobung schon so sehr viel geärgert hat, und ich kann doch

wirklich nichts dafür. Wir hätten uns lieber gar nicht mit einander

verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf,

(aber verrathen Sie es nicht!) ich fürchte mich vor dem gelehrten,

ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hübsch; denn ich traue

mich gar nicht mehr zu lachen und vergnügt zu sein, weil Bertel dann

immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und

das ist doch zu ärgerlich für mich! Ich weiß gar nicht, warum Papa

es so gern wollte, daß ich Bertels Braut werden sollte, für einen

gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefällt ein hübscher

Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer

so liebenswürdig zu mir ist und so fröhlich mit mir lacht, sieht

viel prächtiger aus in seiner glänzenden Uniform und dem schwarzen

Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Röckchen, obwohl Bertel

zehn Mal schöner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind

so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend

Mal besser, als ich kleines Gänschen, und Sie haben ihn ja auch so

sehr lieb, sonst hätten Sie gewiß nicht alles das für ihn gethan und

ertragen, was Tante Booland mir erzählt hat. Ich weiß, Bertel möchte

mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wäre es auch viel lieber,

er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald

er zu mir kommt, und dann müßt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich

mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht

gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb hätte,

gönnte ich Ihnen meinen lieben, schönen, klugen Bertel doch nicht!

Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen

Armen

Ihre =Susanne=.

_P. S._ Ich habe gehört, daß Sie tief brünett sind, das paßt herrlich

zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann muß immer eine

brünette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? -- --«

Nun siegelte das junge Mädchen den Brief rasch, schrieb die Adresse

darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der

nächsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschäft beendet,

seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Löckchen aus der Stirn,

die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in

den Mond, der eben über den Bäumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre

Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr

von Sassen und seine Cousine kehrten zurück. Susanne lauschte, bis ihr

Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie

bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie

ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr überhaupt

möglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.

»Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen!« sagte sie

feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.

»Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube?« sagte Herr

von Sassen fröhlich. »Da bin ich aber wirklich neugierig zu hören,

was das sein mag.« Dabei nahm er den Lockenkopf seines hübschen

Töchterchens zwischen beide Hände und sah ihr lustig in die braunen

Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und

sagte schmollend: »Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft

sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du

siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich

dir nur sagen, daß ich mir überlegt habe, ich will Bertel lieber nicht

heirathen.«

Herr von Sassen fuhr überrascht auf. »Und das nennst du ernsthaft

sprechen, kleine Suse?« lachte er, blickte dabei aber sein Töchterchen

doch etwas schärfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze

sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben

aufschlug, waren sie voll Thränen.

»Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen?« rief Herr von

Sassen erschrocken; denn Thränen in des fröhlichen Kindes Augen, das

war etwas ganz Unerhörtes. Susanne fiel dem Vater plötzlich um den

Hals, und ihr blondes Köpfchen in den dunklen Vollbart desselben

schmiegend schluchzte sie bitterlich.

»O Papa, Papa!« rief sie endlich flehend, »erlaube doch nur, daß ich

Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn

du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei

mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!«

Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zärtlich um

seinen Hals und küßte seinen Mund und seine Augen so stürmisch, daß er

gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er

sich frei und blickte sein Kind kopfschüttelnd an.

»Ich begreife dich nicht, Susanne,« sagte er ernst. »Den braven,

schönen Bertel, auf den jedes Mädchen stolz sein würde, willst du nicht

haben? Ich denke, du bist die glücklichste Braut unter der Sonne? Aus

euch Mädchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der

Pistole geschossen? Weiß denn Bertel, daß du andern Sinnes geworden

bist? Wie kränkend ist das für ihn. Und ich freute mich so, einen so

ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich

nicht, Susanne.«

Das junge Mädchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn

schmiegend sagte sie leise: »Papa, komm, ich will dir alles erzählen!«

Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine große Hand

zärtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzählte ihm die

Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehört hatte.

Als sie zu Ende war, saß Herr von Sassen noch eine lange Weile

schweigend neben seiner Tochter. Endlich küßte er ihre Stirn und sagte

sanft: »Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht

dabei?«

»O Papa,« rief das junge Mädchen lebhaft, »an mich denke ich wohl.

Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin.

Nachdem ich die Schnur abgelöst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn

fest zu halten, schlug er fröhlich mit den Flügeln und war so vergnügt,

wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so

gedrückt, daß ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist

so schön und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und

gelehrt -- und das Papa, das paßt nicht für mich, und ich passe nicht

für ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, daß ich es jetzt weiß, er wird

froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurückgebe. Nun kann ich doch auch

wieder lachen und jubeln wie früher, ich glaube, bei Bertel hätte ich

das ganz und gar verlernt.«

»Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich

bestimmt, so ist es freilich besser, wir lösen das Band,« sagte Herr

von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: »Nein

Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Hätte ich

Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, daß man seinen Bräutigam lieb

haben =muß=, dann hätten tausend Esthers kommen können, ich wäre nicht

zurückgetreten.«

»Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm

schuldig,« sagte Herr von Sassen aufstehend.

»Ja, ja, thue das, Papa,« rief Susanne und küßte den Vater noch einmal

herzlich, dann hüpfte sie fröhlich trällernd zur Thür hinaus. Herr

von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann stützte er den Kopf in die

Hand und seufzte. »Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht für Hubert

geschaffen,« sagte er traurig. »=Mir= geht es an das Herz, diesen

lieben Jungen nicht Sohn nennen zu können, =sie= jubelt und singt, daß

sie ihn los ist. O ihr Mädchen, was seid ihr für ein wunderlich Volk!«

Dann griff er zur Feder und schrieb:

»=Lieber Hubert!=

Soeben macht mir meine kleine Susanne das Geständniß, daß sie trotz

aller Liebe und Bewunderung, die sie für Dich hege, doch nicht deine

Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet,

Ihr Beiden paßtet nicht für einander, und da ich mein einzig Kind

nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so

bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens

geht freilich damit zu Grabe; denn ich hätte Dich so gern meinen Sohn

genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine

Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein

und bleiben, als wärest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus

als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten möge, Du

wirst jederzeit einen treuen, väterlichen Freund besitzen in

Drei Erzählungen für junge Mädchen · 第 7 / 12 题