wehmüthigem Lächeln und thränendem Auge. In der ersten Zeit, welche
ihrem Unglück folgte, war sie wie betäubt von dem entsetzlichen Schlage
und unfähig, für sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers
Liebe für sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie,
selbst zu sorgen und zu überlegen, in welcher Weise sich ihre und
ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles
fern gehalten, was die Sorge für das tägliche Leben betraf, und hatte
der zarten Frau nie Einblick in seine Geschäfte und Unternehmungen
gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt
hülflos ihrem Schicksale gegenüber. Nahe Verwandte besaß sie selbst
nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden.
Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hülfe und Rath von ihnen
erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, daß auch diese Verwandten durch
den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge
davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von
Ihlefelds Stolz sträubte sich unter diesen Verhältnissen auch dagegen,
von denen Hülfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zürnen mußten, und
so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz.
Von Esther Opfer anzunehmen, kränkte sie nicht; denn sie fühlte nur
zu sehr, daß es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu
allem antrieb, und so war und blieb das junge Mädchen nach wie vor die
einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.
Das Verhältniß zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete
sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den früheren
Umständen nie der Fall gewesen wäre, und auch die brave Frau Booland
hatte jetzt keinen Grund mehr, sich über den Stolz der gnädigen Frau zu
beklagen.
Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von
Ihlefeld dieselbe jetzt im Französischen, was Esther bei ihrem Vater
nicht gelernt hatte. »Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch
brauchst, mein Kind,« sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon
um ihrer Lehrerin willen.
So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und
nach. Bertel war seit dem Unglücksfalle stiller und ernster geworden
und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. »Ich habe
jetzt keine anderen Hülfsquellen mehr im Leben,« sagte er zu Esther,
als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm
wegen des zu großen Fleißes Vorwürfe machte. »Aber Gott weiß,« fügte er
düster hinzu, »ob ich überhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein
Geld dazu!« Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das
Gesicht. »Es =muß= dazu da sein, Bertel,« entgegnete sie fest. Bertel
sah gedankenvoll vor sich nieder. »Esther,« sagte er tonlos, »meine
Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich weiß, du
entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.«
»Es =muß= aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mußt du,«
rief Esther abermals entschieden. »Und was meine sonstigen Ausgaben
betrifft, darüber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine
Schwester, Bertel? Und würdest du nicht dasselbe für mich thun?«
Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er nach einer
Pause, »von niemand anderm würde ich solche Opfer annehmen, von dir
thue ich es mit Freuden.«
Esther blickte ihren jungen Freund mit glücklichem Stolze in das feine
Gesicht. »Leider bin ich ja kein Junge wie du,« sagte sie nachdenklich,
»und kann nicht mit dir studiren; da mußt du es nun für uns Beide thun.
Damit ich mein Schärflein aber auch beitrage, arbeite ich nun für dich,
dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur
keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist,
wo du studiren sollst.«
Bertel war von jeher so daran gewöhnt, Esther in allen praktischen
Dingen für sich eingreifen zu lassen, daß er auch jetzt sich
vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines
Mädchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder
lästig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge
von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rührige Esther griff
überall zu. War für die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte
zu spitzen, Tinte einzugießen oder Linien zu ziehen, immer war Esther
die geschäftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder
Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnüssesuchen sich das
Haar zerzausten, so wußte Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn
wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin
hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wüstem
Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. »Esther wird schon
helfen,« das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner
Kindertage, und »Esther wird schon helfen,« so hieß es auch jetzt,
das verstand sich ganz von selbst, darüber brauchte Bertel sich keine
Sorgen zu machen.
* * * * *
Esther stand nach diesem letzten Gespräch lange am Fenster und war
in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum
gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben
einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu
überlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, daß sie es versprochen
hatte. Es war Dämmerstunde und die Abendglocke läutete im Dorfe. Esther
trat mit Hut und Tuch unter die Hausthüre und sagte zu Frau Booland,
welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: »Ich will der Frau
Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald
wieder.« Und rasch eilte sie die Dorfstraße hinab dem Pfarrhause zu.
Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann,
der sich Esthers sowohl, als der unglücklichen Frau von Ihlefeld sehr
thätig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll
zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft
geschlossen. Gern weilte das junge Mädchen denn auch jetzt noch in
dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei
Knaben und ein Mädchen, hingen mit großer Liebe an Esther und empfingen
dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mädchen
verschmähte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen
anzuschließen.
Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau
Pastorin und den Kindern nur flüchtig guten Abend und eilte auf das
Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem
Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem
Zimmer auf und ab.
»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, Herr Pastor,« sagte Esther
eintretend, »aber ich möchte Ihnen heute eine große Bitte vortragen,
die ich nicht aufschieben darf.«
»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,«
entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand
ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben
sie setzte.
»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir,
daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen
und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer
engagirt?«
»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit
einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen
vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.
»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!«
sagte Esther erröthend.
»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte
Jener lächelnd.
»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und
Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet
hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir
jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch
wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder
Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber
sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben
jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der
Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie
es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie
würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen,
Herr Pastor.«
Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes
Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes
Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie,
ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre
Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein
Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«
»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend,
»mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen.
Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den
Jungens sicher auskommen.«
Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge,
und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf
ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte:
»Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung
unterziehen.«
»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.
»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause
und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an,
ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und
übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie,
ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände
halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche
sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser
Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als
er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst:
»Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich
mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten
Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres =Wissens= die Knaben Ihnen
überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter
überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter
davon.«
Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren
Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich
entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der
Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind
der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie
ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist
einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen
fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«
So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause
an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre
Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte
einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben
machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin,
bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß
sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft
unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten.
Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge
gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge,
die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und
Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche
Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst
alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft
war.
Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr
aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte
sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in
Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.
»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig.
»Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre!
Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann
ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung
ist sicher vergebens.«
»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie
dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«
»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend.
»Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen
ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter
meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem
Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war
dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der
Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber
hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders
nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein
Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen
Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war,
hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern.
Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«
»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein
Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von
Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne
de Villemaud.«
»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.
»Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet,
und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen über seine Verhältnisse
unmöglich gemacht,« sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. »Herrn
Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht
vorzeigt. Aber während wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich
wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten
Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekümmerte. Ich ahnte ja
nie, daß mit dem unseligen Gelde so viel Glück und Frieden zu Grunde
gehen könne.«
Esther suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken,
denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von
Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen
verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum
der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hände übergegangen. Wenn
der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war
er unwiederbringlich für Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch
welcher Besitz wäre für Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine
Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wäre der Schein nur
irgendwie zu finden gewesen, so hätte Herr von Ihlefeld in seiner Noth
und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das
Verschwinden des Scheines war eben ein Unglück wie alles andere, was
über die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran
zu denken. --
Jetzt bezog Hubert die Universität, und Esther übergab ihm mit
freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schätze.
»Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther,« sagte Bertel,
die Summe freudig annehmend. »Ich kann dir nicht besser danken, als
indem ich alle meine Kräfte opfere, um das schöne Ziel zu erreichen,
das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will
ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich
weiß, mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne
Zögern an. Gott segne dich für alles, was du an mir thust, Esther!«
Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mühen und Opfern
Esthers nicht ganz einverstanden erklärte, war Frau Booland. Sonst
fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber
die jetzige Thätigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. »Das arme
junge Blut quält sich da Tag für Tag mit den wilden Jungens ab, statt
ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genießen,« sagte sie eines Tages
in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin
Krause. »Ihre Söhne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich
selbst bin wohl mit daran Schuld, daß der Herr Pastor dem braven Kinde
das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn,
besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemüht hatte, und er mich
über das Kind ausforschte. Aber lügen kann ich einmal nicht und weß
das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Aber jetzt geht er mir auch
wieder über, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das
noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und
Gott weiß, ob ihr all' ihre Mühe und Quälerei einmal ordentlich gedankt
wird; denn wenn das Unglück die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich
gebeugt hat, die gnädige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine
Fußzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und
bleibt halt eben Bürgerblut, das aber erkennt =die= Frau nie für
Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr für sie thäte.«
»Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie
trösten,« entgegnete die Pastorin.
»Nein, =stolz= ist der nicht, das muß wahr sein!« sagte Frau Booland
den Kopf erhebend. »Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch
nicht. Alles was Esther für ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstände
sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein
lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frägt auch weiter
nicht danach, =was= Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht
zu machen. Das Mädchen ginge mit Freuden für ihn durch das Feuer, und
er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen hätte, würde er sie auch ruhig
gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewiß; aber immer nur, wie man
einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die
leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen
an schon für den hübschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein
stilles Feuer das ganze Mädchen durchglüht, davon hat der junge Herr
keine Ahnung. Ach ich weiß es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu
schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmädchen verdiente
ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich
hörte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab;
es war so recht bezeichnend. »Ich weiß, Esther,« sagte Bertel, »mein
Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.«
»Nun ja, =mein= Glück ist auch das =deine=! Da liegt's. Aber ob =ihr=
Glück auch das =seine= ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die
Zukunft kann es lehren.«
»Legen wir alles in Gottes Hände, meine liebe Frau Booland,« sagte
die Pastorin tröstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit
dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thür sie ihr
Goldkind, wie gewöhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.
Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thätigkeit, da rief sie
eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. »Meine liebe Tochter,«
sagte er freundlich, »Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten während
der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tüchtigkeit ausgefüllt, so
daß Sie stolz auf Ihre Schüler sein können. Aber jetzt muß ich das
Amt leider aus Ihren Händen nehmen, denn die Knaben sollen auf das
Gymnasium in der Stadt, für dessen Oberklassen sie jetzt reif sind.
Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen,
mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten,
einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen
Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage,
ob der Lehrer nicht ein junges Mädchen sein könnte, welches so viel
Kenntnisse besitzt, daß sie meine Söhne zum Gymnasium vorbereitet
hätte, erhielt ich eine Antwort, welche sich außerordentlich erfreut
über solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der
jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie,
liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine
Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen
wird: man wünscht, daß Sie auch fertig französisch sprechen. Doch auch
das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben
Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner
Frau hat eine französische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden
als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in
dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige größere Summen,
die Ihnen in England zufließen werden. So denke ich, sind die Wege
gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?«
»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt
wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand
Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich
mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem
Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu
beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom
Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor!
Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen,
das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland
sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«
Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther
gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres
Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther
den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit
einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr
alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So
überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden
schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.
»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt
sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in
unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier
wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon
auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was
die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch
sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein
Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles
andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland
wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick
wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über
die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein
Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus
Wachs oder aus Marzipan gemacht.«
Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher
ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie
verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die
Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst
das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr
junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch
Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein
tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen
freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete,
schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese
Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer
wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige,
was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch
einmal das Glück ihres Beisammenseins.
* * * * *
So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath
Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor
Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen
Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden,
die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen
Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die
Schmerzen des Abschiedes.
Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen
und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen
vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf
denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder
die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der
Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken,
und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie
bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau
zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen
Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die
Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche
fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich,
daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott
dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser
herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja
leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht
war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude
und Wonne.
Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen
gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem
Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste
Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer
Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut,
als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge
fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen
sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.
So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und
ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und
Behagen.
Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr
eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und
gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte,
hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet,
als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich
wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen
können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur
Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich
genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß
sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie
sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr
lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und
von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die
Worte: »_A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur._«
Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den
Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung
an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne
war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk
hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch
ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte.
Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und
Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes
Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung -- das
zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!
Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte
sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von
Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut
Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe
von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital
geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern
und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.
Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und
Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er
ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei
in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.
O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt
verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren
gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende!
Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so
sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder
bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken,
und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum
erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt,
die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die
Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der
Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden
Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein
rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.
»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern
von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist
es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja
mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest.
Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein
kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher
und Seen.«
Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden
Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau
von Gautier in ihr Zimmer.
»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein
gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte,
so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen
meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten
zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin
eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht
eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr
annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen
Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in
dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere
Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber
besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen
will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich
mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein
nicht sehr rathsam.«
Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen
wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und
sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als
sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie
plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade
im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie?
Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe
jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und
in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war
seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte?
Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten,
während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und
wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue
Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig,
um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in
Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der
Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem
glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige
Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne
Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort
in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst
dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen,
ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz
schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll
und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der
Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.
Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen
Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches
nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter
sehen.
Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche
und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach
Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther.
Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe
Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte.
Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin,
welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz
nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre
Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit
aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden
Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz
phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen,
andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings
für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand
sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer
Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr
froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu
vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ
der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei,
und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor,
ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter
Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst
behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz
zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen
Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft
sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben
wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk
beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »_Oh, à la
bonheur_,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen
den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun
ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,«
sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der
Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr
saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze
heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich
lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze
Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der
Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen
Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's
holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische
Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die
herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter
Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein
großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein
geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.
»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht
einen Herrn Richard?«
»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein
Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«
»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen
Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.
»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd.
»Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen
behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«
»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That
sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«
»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein,
wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach
nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert,
daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die
ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie
dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem
Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise
ihr darbot.
Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine
Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte
hinhaltend mit dem Rufe: »_Charité, s'il vous plaît, charité!_«
Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer
zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches
Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.
Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der
Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln
ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit
seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.
Die Gegend bis Lyon war unendlich schön. Das reizende Thal der Rhone
nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige
Berge. Schäumend und rauschend schoß das Wasser der Rhone neben der
Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und
abrollend. Leichte Kettenbrücken schwebten hoch oben darüber, und
auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich
terrassenförmig unzählige kleine Ortschaften. Es war äußerst malerisch.
Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und
muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige
Straßen. Prachtvolle Läden fesselten ihr Auge, und schöne Quais, aber
auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Häuschen,
hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft
lieblicher: Maulbeerbäume mit ihrem frischen, saftigen Grün deckten die
Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstöcke rankten ihre
Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben
ihre düsteren schlanken Zweige gen Himmel. Große Heerden grauer und
schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzählige
Maulesel hoben dazwischen ihre großen Köpfe empor, und abenteuerlich
aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die
Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die
ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther hätte wohl gewünscht,
hier weitere Ausflüge in die Umgegend machen und sich dies interessante
Stück Land näher ansehen zu können; aber ihre Begleiterin drängte zur
Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein,
bis endlich am Abend Nîmes erreicht war. Wie gern wäre Esther mit dem
freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte;
ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz
nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die
ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin
verpflichtet, und so mußte sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie
die mächtigen Trümmer einer alten römischen Arena in die Luft hinein
ragen; die Säulen des berühmten Maisen carée warfen im Mondschein
breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgänge umsäumten einen
freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht
funkeln ließen.
Esther eilte mit ihrer Gefährtin an all' diesem Zauber vorüber, denn
ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch
brachte sie nach dem kleinen Städtchen le Vigan, das sie am Morgen
erreichten. Obwohl es schon spät im November war, zeigte doch die
warme Nacht, daß man sich im Süden befand, und Esther athmete mit
Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie
sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick
dieses Städtchens war äußerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes
zwar war höchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt
selbst hatte graue, düstere, steinerne Häuser, viele davon elend
und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straßen
umher, und der Haupteindruck des Ganzen war überall Armuth, Koth und
Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straßen wenig lebhaft; aber als
die Postkutsche hielt, sah Esther, daß eine ganze Schaar junger Mädchen
und Kinder den Wagen umringten.
Kaum hatte Madame Bertin den Fuß an die Erde gesetzt, so wurde sie
mit lautem Jubel von dieser Schaar begrüßt, und es war gar kein Ende
zu finden mit Küssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und
betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte;
denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie
hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch
ein Gelumpe unter diesen jungen Mädchen, und das sogar am Sonntage!
Ueber großen Reifröcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe
an den Füßen, die im Straßenkothe umherhüpften, daß das Wasser hoch
aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mützchen
von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten
Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mäulerchen und
blendend weißen Zähnen, und alle graziös und zierlich, vergnügt und
glückselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.
Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straßenkoth von
all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und geküßt, als
wäre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte
Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mädchen und diese
schmutzigen Hände mit den schwarzen Nägeln nicht von sich zu stoßen,
und lächelnd mußte sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein
einziger Riß oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so großes
Entsetzen erregt hatte. Was würde sie wohl zu dieser jungen Schaar
sagen! Aber trotz alledem mußte man diesen lustigen, gutherzigen
Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der
Wohnung Madame Bertin's.
Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man
blickte. Hinter einer zerbröckelten Mauer versteckte sich ein altes
steinernes Gebäude, in dessen unteren Räumen die Pensionsanstalt sich
befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fußböden in allen Zimmern,
finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern,
und unbehaglich düstere Möbel überall -- das war der Anblick, der
sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte
Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche
aber auch von Staub überzogen waren und sich überhaupt wohl wundern
mochten, wie sie in diese Räume gerathen konnten. Esthers eigenes
kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete für
die ganze Pensionsgesellschaft, und außerdem vollgepfropft war von
allem möglichen Hausgeräth, so daß es einen unsäglich unbehaglichen
Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schönen
Aussichten für Esther, die an ein behagliches Leben gewöhnt war, und
das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber
war es nicht ihr Bertel, für den sie alles zu ertragen hatte? Wie
leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth
erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half
ihr über die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch
entgegenstellten.
Höchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die
südfranzösische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen,
daß das Frühstück der jungen Mädchen aus nichts bestand, als aus einer
Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rösteten,
und einigen Zwiebeln, Salatblättern oder Kohlrabistücken. Für Esther
hatte man rücksichtsvoll ein unaussprechliches Gebräu aus einer Art
Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gerösteten
Brodes darin auf, zufrieden, daß sie wenigstens mit dem Genuß jener
Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte
sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von
Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstücken,
und Hammelfleisch, das außen verkohlt, innen aber ganz roh war, und
mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres
jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel
umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Süden das Oel statt
der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend
solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas
verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht
immer das Beste und darf eben nicht sehr wählerisch sein.
Esther aß stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe
an Frau Booland ergötzte sie sich damit, dieser einen südfranzösischen
Speisezettel mit einigen für eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur
Disposition zu stellen. -- »Zuerst also, liebe Tante,« schrieb sie,
»erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von
Knoblauch, Oel und Brod. Dann als _entre-met_, den Appetit zu reizen,
giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen
mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend
großer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein
Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten
nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die
jungen Französinnen die Köpfe schütteln, erzähle ich ihnen davon.
Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt,
und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wäre, denn ich
lerne die wunderbarsten Zustände hier kennen. Die kleine Schaar hier
ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir
nie junge Mädchen gedacht hätte. Freilich sind hier in dieser Pension
keine Kinder aus feinen Häusern; in vornehmeren Erziehungsanstalten
mag es ganz anders sein, und ich bedauere, daß ich so schlimm ankommen
mußte. Bei uns hier sind meist Töchter von Bürgern, Handwerkern und
Weinbauern, die alle keine Ansprüche an eine Erziehung machen, wie
wir sie gewöhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind
Mädchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich weiß oft nicht,
über was ich mehr staunen soll: ob über diese verwahrlosten Kinder
oder über diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren
Bildung und Lebensweise läßt eben auch gar viel zu wünschen übrig. Die
ganze Mädchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden,
schwarzbraunen und unsauberen Geschöpfchen sehr verschiedenen Alters,
hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei
Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem
Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die
kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie
wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es
kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; über
Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man
verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen
und nach Hause zurückkehren, arrangirt man eine Heirath für sie,
und wozu nützen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer
solchen kleinen Französin erstaunlich unnützer Ballast für das Leben.
Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich
recht graziös und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr.
Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser
steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwüstlichen
Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen
keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft empört über diese
unbeschreiblichen Zustände, immer wieder versöhnt mich die hinreißende
Liebenswürdigkeit dieser Kinder des südlichen Frankreichs. Du solltest
nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie
unsere doch schon ältliche Mademoiselle Bertin bei dem Dîner an der
Spitze der Tafel präsidirt. Für Jeden hat sie ein Lächeln, ein
verbindliches Wort, eine gefällige Handreichung. Anmuthig erfaßt sie
mit ihren höchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger führt sie
es an den ewig lächelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit
reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde süß lächelnd ein Stück
des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen
verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des
wundervollen Mittagmahles säubert sie voll lächelnder Anmuth mit ihren
Lippen Gabel, Messer und Löffel, die sie alsdann in ihre Serviette
einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der
nächsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Geräthschaften von
Neuem, ohne jemals eine andere Säuberung für nothwendig zu halten! --
Und wie spaßhaft sehen alle diese jungen Mädchen aus mit ihren großen
weißen oder schwarzen Mützen auf dem Kopfe! Sie sind nämlich viel zu
träge, sich täglich ihr Haar zu kämmen und zu flechten, das geschieht
höchstens ein Mal in der Woche; die übrigen Tage steckt man die wirren
schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mütze, die deckt alles.
Aber wie sieht die aus! Würdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am
ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine
junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: »Waschen Sie sich
immer so, Mademoiselle?« »Natürlich, Louison,« erwiederte ich, »thun
Sie es denn nicht auch?« »_O mon dieu non!_« rief sie ganz entsetzt
aus, »ich würde sicher den Tod davon haben!« Und wirklich sah ich nun,
daß sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich
die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wäsche. Daß man sich
auch Mund und Zähne reinigt, daß Nagel- und Kleiderbürsten existiren
und benutzt werden, daß Seife schmutzigen Händen ein Bedürfniß ist,
alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntniß dieser jungen Mädchen
gehören. Und doch wäre in diesem Lande, wo der Sommer so heiß und lang
ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedürfniß. Ich sehne mich ordentlich
danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Häuser zu
thun; denn unmöglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet
sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich
alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn
ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wünsche,
wie köstlich ist dafür die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzückend
schönes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Städtchen liegt,
kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische
Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das üppigste
Grün, durchzogen von blühenden Büschen und Bäumen, deckt trotz der Nähe
des Winters noch überall Höhen und Tiefen, und von einzelnen nackten
Felsspitzen schauen prächtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von
ehemaliger Größe und Herrlichkeit erzählend. Pflanzen, von denen wir
kleine Zweige zu Hause als kostbare Schätze im Fenster stehen haben,
blühen und wuchern hier als riesige Büsche und Sträucher, und was
üppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff
bekommen. Wie würdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst,
Dein Herz erfreuen an all' den köstlichen Gewächsen, welche mich hier
umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend
verhüllen, daß man beinahe mit derselben ausgesöhnt wird.« --
So verstand es Esther, die Augen für das Schöne zu öffnen, das sie
umgab, und für die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie
geführt, sich möglichst reiche Entschädigung zu suchen. Ihr heiterer
Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswürdigkeit ihrer
Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung
an der neuen Lehrerin.
Mit sehnsüchtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine
Nachricht von Herrn Martin aus Nîmes; aber Woche auf Woche verging
und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde
sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts übrig
bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mußte
sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den täglichen
Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nîmes ermöglichten. Da
aber brachte der Briefträger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich
erwarteten Brief, und erwartungsvoll öffnete Esther denselben. Ihr
alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um
Verzeihung, daß er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber
er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfüllen.
Nun freue er sich, ihr über den betreffenden Herrn Richard Bescheid
sagen zu können. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine
überseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurückkommen
werde, sei ungewiß, wahrscheinlich im kommenden Frühjahr. Da der Herr
unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nîmes habe,
bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter über ihn erfahren zu
können.
Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne,
Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn
wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war,
und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr
angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von
Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte
sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der
Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte
doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während
ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte
lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich
mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie
entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr
Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht
bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte.
Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der
sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer
unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December
über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen
Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer
Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in
diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich
dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten
Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast
unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt,
waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen,
Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen
Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen
Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen
Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein
Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch
wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen
etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese
oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann
die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte
sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl
wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe
und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett
kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets
mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend,
aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen
schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der
Wind sie aus.
Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen
ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der
Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie
desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden
umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das
Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber
den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers
Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses
Treiben nicht lange ertragen. -- So kam das Weihnachtsfest heran, und
Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie
all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in
das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath
wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in
Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie
Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne
besondere Festlichkeit.
Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr
freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese
Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser
sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht
man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der
trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von
dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen
zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung.
Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich
warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt,
durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen
öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer
Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.
Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee!
Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne
Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne
Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem
matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller
fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen
besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man
nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen
Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen
rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle,
von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt.
Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers
Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem
Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am
Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte
und duftete!
Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge
Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich
Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den
lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr
entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man
hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel
lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande
von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt,
zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit
Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten
verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine
Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein
reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem
Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der
Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und
Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie
nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für
all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.
Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick
geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und
wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles
Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie
schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen
der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee
regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.
Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte
die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen
Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel
herbei wünschte.
Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und
Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte
ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's
erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um
Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage
verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth
alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine
gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach
Kühlung schmachteten.
Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings
angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge
Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten,
denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete
vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah
ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause
zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes
werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück
in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts
verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So
mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort
nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte
Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren,
da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in
das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie
begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast
sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen,
ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung
durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie
eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren
liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und
Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach
ihres guten alten Freundes in Nîmes.
Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine
angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese
südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war
eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten
machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt
und Umgegend zu zeigen.
Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen
Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und
Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen
Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war
brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern
Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann
freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast
auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige
Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch
die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von
vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich
es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden,
ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt
voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine
interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten
standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter
vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen
über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um
sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler
und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend,
stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles
jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel,
wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der
Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon
emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze
und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse
eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu
versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre
Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen,
goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen,
alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt
aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck
oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder
in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und
tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther
war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und
feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren
französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von
allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge
höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.
Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in
Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am
Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige
Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann
selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude
nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für
Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen
Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und
belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm
war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider
aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause
zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald
wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte
Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.
In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft
erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und
sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu
haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame
fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich
Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß
in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte
sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst
wohl gethan hätte.
An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer
neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele
andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes
gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein
Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie
das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann
die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher
Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber.
Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten
und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr
blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn
mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.
»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.
»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht
recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.
»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes?
Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«
»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte
Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem
Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu
hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz,
liebe Kleine?«
Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte
und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von
unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir
wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn
gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich
fort.
»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so
sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.
»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen
zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein,
da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber
hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf
doch mit Ihnen gehen?«
Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben
und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber
eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher
so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte.
Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber
verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte
doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.
Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz
gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt
und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken
anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und
versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor
sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus
ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«
Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang
der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name.
Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle.
Aber mein Fräulein, wie kommen =Sie= zu dem Schuldscheine?« Und wieder
blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.
»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in
meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer
erröthend.
»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie
auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.
»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.
»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von
mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.
»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer
solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so
nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen
können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle
Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine
unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen
lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in
einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr
unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und
so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud
aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt
des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen
betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren;
da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der
Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«
Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört;
jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein
Fräulein?«
»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen,
»ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«
»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein,
über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne
jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen,
oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein
betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen
ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn
dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts
davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«
»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so
beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«
»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,«
sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand
das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie
glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des
Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung
desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja
die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie
soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre
Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die
Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich
mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen:
»_Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es._«
Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend,
»Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine
Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade
diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame
kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches
Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt,
daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach
Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und
die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die
unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe
es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen
Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging
sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange
schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier
als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu
sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von
ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war,
als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen
habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen
verbergend.
Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie
mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den
sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren
konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes
Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die
Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die
Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt
worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch
Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht,
damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt
werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr
einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein
herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete
sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau
Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:
»Mein liebes theures Kind!
Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen
voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer
gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld
hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine
Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja
so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in
=das= Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und
dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht
in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern
Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch
schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei
mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten