Esther Wieburg.
»Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das
=ist= keine Erziehung für ein Mädchen! Einen Jungen mögen Sie alle
diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mädchen kann in ihrem
ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei
bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heiße!«
Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte,
bekräftigte den Schluß ihrer Rede damit, daß sie ihre große, knochige
Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen ließ, neben
welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber saß derjenige, dem ihre
Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit
Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener
Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage
an führte sie die Zügel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als
Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg hätte keine bessere Haushälterin
finden können und so überließ er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur
ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung
seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkeläugigen Mädchens. So
großen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten
ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin,
und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen,
so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hörte
ihre Reden geduldig an, ohne den Fluß derselben durch Widerspruch zu
hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so
stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus
der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmüthig: »Schon recht,
Frau Booland; aber jetzt möchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu
arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.«
Frau Booland blieb alsdann freilich nichts übrig, als sich mit einem
Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmüthiges Gesicht war dann durchaus
nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe
hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals
ihre Vorwürfe anzubringen.
»Er ist und bleibt unverbesserlich!« rief sie auch heute voll Aerger,
als sie die Thür der Studirstube etwas kräftiger als gewöhnlich
geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurückkehrte. »Es ist, als ob
ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn
er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber
nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und läßt mich reden und
reden, und am Ende muß ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten.
O diese Männer!«
Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im
Untergeschoß des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke
in der Nähe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem
ein kleines Mädchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene,
für deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekämpft hatte.
»Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den
ganzen Tag!« rief Frau Booland verdrießlich. »Bist du denn noch nicht
bald fertig für heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in
die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen
Nachmittag schon studirt, der Kopf muß dir ja brummen von all' der
grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.«
»Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine =Verbum= muß ich zu
Ende schreiben,« entgegnete das kleine Mädchen aufsehend. »Vater schilt
sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleißig genug!«
»Das Gott erbarm! Noch nicht fleißig genug!« rief die Wittwe, ihre
Hände zusammenschlagend. »Es ist ein Elend, daß du kein Junge geworden
bist, dann hätte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt
willst =du= damit anfangen?«
»Ich wollte auch lieber, ich wär' ein Junge, das weißt du ja, Tante!
Und Vater will gewiß einen aus mir machen, daß er mich so viel lernen
läßt,« rief Esther lachend und nickte der erzürnten Frau begütigend
zu. »Aber bitte, Tante, ich möchte das Bischen Tageslicht noch gern
benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich
zu dir in den Garten.« Und ohne sich weiter stören zu lassen, schrieb
das Kind eifrig weiter, während die letzten Strahlen der Herbstsonne
über ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom
Abendroth leise geröthet wurden.
Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund,
sich über die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine
Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein
durch und durch braver, rechtschaffener Mann und für seine Gemeinde
ein trefflicher Seelsorger; außerdem aber ein ernster, ja strenger und
verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Außenwelt mied und
nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das
einzige Kind seiner früh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um
lernen zu können, hatte er sich sehr wenig um sie bekümmert, und sie
völlig der Sorge Frau Booland's überlassen. Das schüchterne, kleine
Mädchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als
in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot,
wenn sie in seiner Nähe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in
die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nähe seiner Bücher
verirrt.
Als Esther jedoch älter ward und ihr Vater bemerkte, daß in dem kleinen
Körperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein
Interesse für das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, um auf
ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu übertragen; nun hatte
er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm
den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel
Eifer und Erfolg, daß ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie
wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mädchen
mühsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte
unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther
schon recht geläufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer
Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgründen des Lateinischen,
dem sich später sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen
Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau
Booland wenig Zeit übrig zur Erlernung all' der weiblichen Künste und
Kenntnisse, welche diese häusliche Frau in der Erziehung eines Mädchens
für unerläßlich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe für
dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fünf Stricknadeln blieben
ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte
und nähte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit quälen, und
die kleinen Dienste in Küche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie
anzuleiten sich abmühte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich
überflüssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke
hing oder draußen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken mußten,
und Kamm und Bürste nicht mit der reinen Wäsche Gemeinschaft halten
durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden;
für alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr
her lief, um wieder aufzuräumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung
gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland böse werden und darauf dringen
wollte, daß die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann
hatte Esther immer Nöthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit für
dergleichen.
»Aber Tante, ich =muß= doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu böse!
Bitte bitte, mache du es doch nur, das nächste Mal will ich es gewiß
thun!« So hieß es stets, wenn das kleine Fräulein etwas vornehmen
sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen
konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begründet war, sondern nur
immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte
sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim
Vater fand die arme Frau für derartige Klagen auch kein Gehör; denn
dieser hatte jene wunderlichen Ideen über Freiheit in der Erziehung,
wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine
Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt
aufwuchs. »Sie soll mir ein tüchtiges Frauenzimmer werden ohne
weibische Faxen und Narrheiten!« pflegte er auf Frau Booland's Klagen
zu antworten. »Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug!
Jetzt laßt mir das Mädel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser
anwenden.«
So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und
Beschäftigungen eines Knaben, und kräftig wie ihr Geist entwickelte
sich auch ihr Körper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blühende
Farben, noch besonders kräftigen Körperbau besaß, so war sie doch
ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaßen eine
auffallend große Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte,
lief und kletterte wie der tollste Junge, und für sie war kein Baum zu
hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider
und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau
Booland erschienen, das kümmerte Esther wenig, ihr thaten nie die
Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie hätte =sie= dazu Zeit
gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen
Riß, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schützling
lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer über den bösen Büchern
zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte,
nahm Frau Booland des Kindes Strohhütchen vom Nagel, drückte ihr ihn
auf die schwarzen Flechten und sagte: »Basta für heute, mein kleiner
Fisch! Jetzt lauf' hinüber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder
hier, du weißt, dein Vater liebt die Pünktlichkeit!«
Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie
ein Pfeil sprang sie empor. Gewöhnlich nahm sie noch einige Bücher
unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber
jagte sie wie ein Reh durch die Laubgänge ihres Gartens, und weiter
hinaus über die Dorfstraße, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel
und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.
Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur
Pfarre übersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen
kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthür, und ein
mächtig großer schwarzer Neufundländer sprang laut bellend in langen
Sätzen über Hecken und Zäune, der kleinen Esther entgegen, die er
fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder
Knabe daher, der Esther fröhlich anlachte. Dann faßten die beiden
Kinder sich an den Händen, und lustig ging's nun zusammen in die
weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nämlich
den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause saß dann
zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die
Hand zum Gruß entgegenstreckte, und dann verließ das kleine Mädchen
ihren Spielgefährten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern
mit der Kleinen plauderte. Auch ein großer, freundlicher Herr kam dann
wohl seitwärts über den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten
gesprochen oder in den Ställen nachgesehen hatte, und begrüßte das
Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die
schöne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das
einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glückliches Familienleben
herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein täglicher, gern
gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, daß stets
ein Gedeck mit für sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett für
sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht
in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther
hier, so war auch Bertel täglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg
hatte es übernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe
neben Esther sein täglicher Schüler. Bertel war zwei Jahr älter als
Esther; das kleine Mädchen lernte aber so rasch und war so eifrig
und ehrgeizig, daß sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam
hatte, und das waren für Esther die herrlichsten Stunden. »Die kleinen
Gelehrten,« nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wußten
andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.
»Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor,« pflegte Bertel
zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu
haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel
lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht
auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen
oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil
gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel
that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber
nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend
nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand
für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie =mit= Bertel,
und der, wo sie =ohne= ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer
möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages,
die Zeit =mit= Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele
zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem
kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine
junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem
Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie
Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.
Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke
Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber
war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten.
Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz
eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines,
mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken
umgeben wurde. Esther war kaum hübsch zu nennen; denn etwas scharfe,
unregelmäßige Züge und die bräunliche Haut hätten sie wenig anziehend
gemacht, wenn nicht die großen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer
aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze
Flechten den kleinen Kopf umkränzt hätten. Und verschieden wie im
Aeußeren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament.
Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze
hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr
warmes Herz bestand harte Kämpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr
energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie
sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem
äußerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und
einen weichen, fügsamen Sinn, der sich durch fremde Einflüsse sogar
allzuleicht bestimmen ließ. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im
Charakter des Knaben wurde durch die eigenthümliche Erziehung, welche
der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und außer
Esther besaß der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen
Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther
war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken,
mädchenhaften Körpers. Doch war er nicht so wild und ungestüm als
jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und
zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig
und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.
Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und
besonders, wenn es galt, für Bertel etwas zu thun, da gab es kein
Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war für sie schon in
den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles
bewegte, was sie dachte und that, und für ihn schien ihr kein Opfer zu
schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen
Dingen legte sie stets für ihn zurück; alles was ihm lästig oder
unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem älteren Knaben
mit ihren schwachen Kräften Hülfe leisten konnte, that sie es ohne
Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethäterin
an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz außer
sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte.
In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich
vielmehr über ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als über ihr
eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft
geschah, für die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit
schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft
absichtlich in ihre nächste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich
unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.
Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause
kommen. Esther wollte natürlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland
aber ließ sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde
das Scharlachfieber bekommen, sie möge Esther's Zusammensein mit dem
Kranken verhüten, damit sie nicht angesteckt würde. Esther war außer
sich, daß man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie
es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hörte,
Bertel läge im Fieber, sie dürfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst
bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und
thränenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dämmerung
aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach
dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu
werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thür
von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis
sie sah, daß die Wärterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer
verlassen hatten; da huschte sie zur Thür hinein. Wirklich war in
diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem
leisen Jubelrufe stürzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzücken
die Arme entgegenstreckte. »Nun bleibe ich bei dir, Bertel!« sagte
Esther, ihm das heiße Gesicht streichelnd, »ich halte es nicht aus ohne
dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!«
Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels
Bett saß. »Kind,« sagte sie, Esther zurückziehend, »wer hat dir
erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du
auch das Scharlachfieber bekommen?«
»Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein,« rief Esther
und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau
Booland herein, ganz außer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt
Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich
fort nehmen. Esther aber weinte und sträubte sich und wollte bei Bertel
bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther
flog auf ihn zu und bat, er möge erlauben, daß sie hier bleibe.
Frau Booland aber rief angstvoll: »Nein, ich leide es nicht! Wenn du
noch länger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und
mich trifft dann die Verantwortung für deine Thorheiten. Gleich komm
mit mir, ehe es zu spät ist!«
»Es ist schon zu spät, Frau Booland,« sagte der Arzt leise.
»Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der
Krankheitsstoff bereits in sie übergegangen, wenn sie überhaupt dafür
empfänglich ist. Ein längeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir
die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zuträglich sein, Esther
um sich zu haben.«
Frau Booland war leichenblaß geworden, denn sie sah schon ihren
Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber
zu ändern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubniß, auf dem
Gutshofe zu bleiben und war glückselig. Sie wich nicht von Bertels
Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war
sie unermüdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst
wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mußte
auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man
die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen
Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene
Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan.
Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend
kränker als Bertel, keine Klage kam über ihre Lippen. Sie hatte es ja
so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!
Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf
abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor
Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: »Frau
Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Straße; ich höre soeben von
unserem Knechte, daß sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor
dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe,
Jagd auf ihn zu machen.« Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr.
Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mußte. Wenn
er nun von dem tollen Hunde nichts wußte und ihm vielleicht gerade in
den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum,
er =mußte= es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland
den Rücken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten
hindurch auf die Landstraße, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In
athemloser Hast stürzte sie vorwärts, damit sie noch auf dem Gutshofe
ankam, ehe Bertel ihn verließ. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit
ihm kam, wie gewöhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser
würde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nähe war.
Schon war Esther über ein Stück jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund
sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdächtiges und rannte dem
Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten
konnte. Da plötzlich hörte sie es hinter sich schnaufen und röcheln,
und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur
Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit
diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzen, war das
Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich
dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber stürzte
in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufriß und
blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier
auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rüsten,
sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen
waren: »Ist Bertel noch zu Haus?« Erst als er ihr selbst entgegentrat
gab sie sich zufrieden und sank erschöpft auf eine Bank im Hofe, sich
den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und ließ
sich von ihr erzählen, daß der tolle Hund ihr ganz in der Nähe des
Hauses begegnet sei, und während die Knechte hinauseilten, Jagd auf das
unglückliche Geschöpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein,
sie mit Vorwürfen überschüttend, daß sie sich um seinetwillen solcher
Gefahr ausgesetzt habe.
Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß =mich=
der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause
fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich
ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht
eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie
zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich
darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet
habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag
Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und
dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in
Todesangst nach ihr ausschaute. --
So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von
Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen
ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während
der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war
Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem
Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit
ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel
geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau
Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand
ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur
Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man
Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt,
immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb,
denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch
zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing
zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium
der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's
Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.
Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie
hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so
ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag
über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise
erfolgen sollte.
»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich
an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann
studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das
weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«
Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.
»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig,
»denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da
paßt kein Mädchen hinein.«
»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja
immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.
»Aber deine langen Zöpfe?« sagte Bertel kopfschüttelnd.
»O die schneide ich ab,« rief Esther fröhlich. »Da habe ich doch
endlich Ruhe vor Tante Booland, die früh Morgens immer so lange daran
kämmt und flicht, daß mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon
laufe. Da sieh', das ist bald geschehen!« Rasch ergriff sie eine
Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da
trat Frau Booland in das Zimmer und riß ihr die Scheere aus der Hand.
»Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder?« rief sie heftig.
»Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen
Zöpfe nicht brauchen,« entgegnete Esther, an den Flechten reißend.
»Mit auf's Gymnasium?« sagte Frau Booland lachend. »Nun damit hat es
gute Wege, da laß nur deine Zöpfe in Ruhe, mein Kind. Mädchen kommen da
nicht hin.«
»Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich!« rief Esther rasch. »Tante
Ihlefeld giebt mir gewiß von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit
kommen kann.« Frau Booland fing herzlich an zu lachen über Esthers
Pläne, die sie für Scherz hielt. Als sie dann aber sah, daß ihr junger
Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und
sagte leise vor sich hin: »Im Stande wäre sie's, glaub' ich. Das hat
ihr Vater von =der= Erziehung!«
Als sie mit ihrem Schützling dann am Abend allein im Schlafzimmer war,
zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und
freundlich: »Mein liebes Mädchen, ich muß dir einmal etwas sagen.
Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, daß du
den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere
Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und
aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz
alledem =doch= ein Mädchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau;
aber das, was sich schickt, besonders für ein junges Mädchen, das du
nun bald sein wirst, weiß ich so gut als jede große Dame, da folge mir
nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und muß sich für
seine zukünftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du
nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mädchen hat einen
anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er muß in die Welt, das
Mädchen gehört in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da paßte sich
alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mußt du
dir gefallen lassen. Für junge Mädchen schickt sich vieles nicht, was
sich für junge Männer schickt; so will es die Sitte, und ihr müssen
wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang mußten sich eure Wege doch
scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen.
Und nun sei verständig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit
Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer.
Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?«
Esther hatte schweigend zugehört, denn Tante Booland sprach selten so
ernst und zusammenhängend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres
Gesicht, denn ihr Eigenwille bäumte sich arg in ihr empor; nach und
nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr über
Stirn und Nacken. Sie biß die Lippen fest auf einander, wie sie immer
that, wenn sie von einem neuen Gedanken überrascht wurde, sagte aber
kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch
und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile
still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise über das Haar
strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thränen aus und rief
jammernd: »Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!«
»Einmal mußt du es lernen, Kind, es geht nicht anders,« sagte Frau
Booland sanft. »Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen,
und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es
nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt
uns keine größere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande
sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen
Bertel die Trennung leicht machen, wozu wärst du sonst seine brave,
kleine Esther?«
Das kindliche Mädchen wischte sich entschlossen die Thränen aus den
Augen und lächelte zuversichtlich. »Ich will ihm helfen, Tante!« sagte
sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen.
Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und
Kraft für die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schloß der
Schlaf ihr die müden Augen.
Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen.
Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein
nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im
Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und
ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber
rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen
Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern
Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen
sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte,
wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«
Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte:
»Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber
ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne
euch alle, -- ich =kann= es nicht ertragen!«
Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte
so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm
gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren
Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht,
und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich
bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel,
sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst
du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich
will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem
Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu
den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in
der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine
Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt
und schluchzte leise.
»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis
jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und
ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger
Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn
auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«
Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther
aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie
sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar
anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen,
und wie viel klüger. Und doch war und blieb er =ihr= Bertel, ihr
Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie
allein, ach so trostlos allein sie sein würde!
Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen,
unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen
standen.
»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und
schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu
Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen,
alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt,
Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber
und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas
bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und
auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal
nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus,
oder _Primula veris_. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt,
die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«
Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell
geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht
mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich
aber nicht bei deinem Vater.«
»So komm, ich will dein Mentor sein, _Tussilago_ heißt das Pflänzchen,
mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn
was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß
seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an
stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme
junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie
schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem
Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich
mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen
Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den
Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher,
ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die
Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles
verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War
es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch
noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, =sie= durfte Bertel
nichts vorklagen!
Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blässer, und ihre Augen
blickten immer angstvoller um sich, je näher der Tag der Abreise
kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim
Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden
fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren
sollen; aber Frau Booland meinte, für Bertel sei es besser, sie thäte
es nicht, und so blieb sie zurück, willig und sanft, wie sonst nie,
wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche
in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre
Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam,
daß Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater
aber verbarg Esther, daß sie geweint, denn er konnte »weinerliche
Frauenzimmer« nicht leiden. Es war gut, daß er viel von der Schule und
den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte
er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Größe er keine Idee hatte. Die
einfache Frau Booland wußte das besser, als der gelehrte Herr Pastor.
Es waren traurige Tage für Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise.
Wohl hatte sie sich alles vorgeführt, was sie an Glück vor Bertel
voraus habe, da sie zu Hause blieb, während er unter fremde Menschen
und Verhältnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fühlte sie
erst, =was= sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie
meinte immer, jetzt müsse jemand kommen und sie wecken. War denn die
Sonne nicht mehr am Himmel, daß so wenig Glanz über Garten und Wiese
lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft
hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so fröhlich durch
den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bücher, wie langweilig sahen
diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher
eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und
Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu früh,
jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch
immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem
Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr
hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante
Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war
so öde in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundländer sah so
traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise
sagte: »Ach Hektor, unser Bertel ist fort!«
Hubert war jetzt unter eine ziemlich große Zahl von Pensionairen
aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten.
Der zarte, scheue Knabe fühlte sich anfangs unsäglich unbehaglich
unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner
Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren
Schülern er einer der jüngsten war, kam er sich wie verloren vor;
denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre
Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das,
als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in
Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier
waren einige so kluge, eifrige Mitschüler in der Klasse, da galt es
fleißig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und
mußte er, das war ohne Frage.
So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und vergaß dabei, wie
einsam er unter den vielen Mitschülern dastand, denen er sich, wie es
seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschließen
mochte. Aber dieses Abschließen reizte die andren Knaben zu Neckereien
und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdruß. Man gab ihm
allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttersöhnchen,
Blondel, Mehlweißchen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln.
Bertel that, als merke er nichts und kämpfte seinen Aerger tapfer
nieder; denn ihm war aller wüste Zank und Lärm in der Seele verhaßt.
Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstüberwindung für
Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft
alles erlauben zu können. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen
Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren,
sahen, wie freudig er denselben las.
»Von wem ist der Brief?« fragte Franz Reichard.
»Von Esther!« entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.
»Esther? Wer ist Esther?« forschte Franz weiter. »Ist das eine
Schwester von dir?«
»Nein doch, laß mich in Ruh'! Esther ist -- nun Esther ist Esther!«
sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rücken.
»Esther ist Esther! Eine schöne Erklärung!« rief dieser spöttisch.
»Du, Walter,« fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden
verständnißvoll zu, »weißt du schon, Jungfer Bertel ist mit einer
alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Königin Esther heißt seine
Coeurdame.«
»I was tausend, Mehlweißchen!« rief Walter. »Du bist ja ein Mordskerl!
Und ein Jüdchen hast du zur Freundin? Da heißt's wohl:
Ihrer Augen schwarze Kohlen
Haben mir das Herz gestohlen?
Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal
sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte
er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde
dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur,
sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und
keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin
schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin
alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange
so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich
herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that.
Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun
aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du
büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte
ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten
Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung
erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf
entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber
besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und
Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe
zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern
gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei
wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu
bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.
»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit
funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es
nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste
habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß
es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte
vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge
war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch,
Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange.
Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich
sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast
mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine
langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir
alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage
hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«
Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe
Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die
dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's
recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«
So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie
vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald
in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für
einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden.
Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte
ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren
Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen
Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender
Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm
und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe
anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad
sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch
eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht
vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter
so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie
konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an
jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja
doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von
selbst. --
Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch
nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief
veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor
Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und
tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß =sie= der
Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber
Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst
nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge
davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an
sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige
Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn
ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für
die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten
hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und
wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die
Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden.
»Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in
Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt
mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden
in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht
gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer
auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein
Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen
Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben
und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen
Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht
vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer
Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche
Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas
anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer
bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen
mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war,
so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen.
Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit
eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern
unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte
Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten
Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach
der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther
die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer
Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante
Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu
groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle
solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht
neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine
Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund
Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.
»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde
roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!«
sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge
brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen
seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu
trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze
nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich
selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen.
Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er
sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke
Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.
* * * * *
Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden.
»Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft
stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer
kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie
plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem
Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten
nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend
jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann
zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge
kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er
ein Gelehrter werden will.«
Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt,
nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es
auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er
für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn
zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon
gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne
fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen
Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz
verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr
Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr
beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte,
wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte,
dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit
Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder
Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine
schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für
Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.
»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!«
sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige
Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem
Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an
diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz
dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind
in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf
angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und
Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber,
als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die
Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich
zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie
vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht
allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie
einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die
liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so
ziemlich beim Alten.
Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des
Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte
gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu
denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver
Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein
konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich
den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin
unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie
still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen
und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst
am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau
Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme
Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen
Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des
Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder
erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem
Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich
dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!«
sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften
ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.
Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der
Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon
nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste
Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an
das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.
»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven
Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder
betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht
wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen
kleinen Esther?«
»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's
der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft
und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre
Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine
erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten
Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr
sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie
nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.
Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum
Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich
darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.
Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen
Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes
Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden
Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene
Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit
dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche
Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten
Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben
den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber
waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit
welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und
ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.
Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der
steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte
man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas
Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten.
Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und
ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines
Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland
hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer
Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte
dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur
im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um
dergleichen zu empfinden.
Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von
Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und
mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu
erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau
Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben,
dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von
selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach
sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland
der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte
der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der
sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht
zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte
es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels
Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger
Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren
jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über
das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr
eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst
über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der
geliebten Esther denken konnte.
Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen
mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein
zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft
zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der
gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin
war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit
Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre
Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch.
Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines
theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause
gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen
waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen
suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland
gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das
Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine
gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß
nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein
und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig,
der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist.
Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein
möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie
noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise
hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht
gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht
und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei
der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr
unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in
das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein
armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf
eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung.
In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche
lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen
nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für
sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine
untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.
So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken,
in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist,
eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave
Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite
blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt,
und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich
denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels
Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für
Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut,
unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen
seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther
wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn
sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch
stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich
mit ihr über diese Sachen sprechen kann.
Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen;
denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle,
und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze
Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich
vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.
»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und
legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist
das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als
Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber
mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll
sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa
untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel
erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur,
um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht
gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch
bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück
passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser
so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig
das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen
möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen,
meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll
die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht
vergißt, daß sie kein =von= vor ihrem Namen hat und also nicht werth
ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den
Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer,
da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher
Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den
Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die
schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen
kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm,
das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr
für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird,
hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber
nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von
dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts
mehr schaden.«
Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer
erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte
seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter
Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als
Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen
Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels
Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter
entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland
lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide
Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu
bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von
der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche
sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und
heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin
Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir
versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn
sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche
kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens
versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber
eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«
Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch
ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut,
lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen
Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir
aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen,
das verspreche ich dir.«
Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald,
bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte,
die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und
Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der
Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin
ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können -- es
war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie
gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.
* * * * *
So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther
als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von
einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt
sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen
die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft
steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante
Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein
harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser
traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen,
schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.
Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche
Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf
dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische
Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten,
welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man
den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief
an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge
unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und
daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und
seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht,
das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen
als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.
Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die
so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie
umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte
und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib
ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über,
und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor
der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die
wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden
sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die
hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so
schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen
Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht
bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und
versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte
die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe
schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war
Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht
in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte
sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter
Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und
sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige
Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche
ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins
abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der
Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!
Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung,
und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte
das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie
eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller
klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend
an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand
erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang
Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten,
unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war,
und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.
»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther
freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein
Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen,
denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben
bei uns?«
Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte
bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist
ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das
unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der
jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie
auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere
Schicksal zu erleichtern.
Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche
Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen
war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer
seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen
nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel
wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen
Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher
zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert
bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand
das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier
bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war,
die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen
aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.
Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge
für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte
heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen
Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus
den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest.
Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich
fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber
galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien
nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine
mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen
Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen
Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und
dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.
»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu
Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich
einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für
mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen
wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr
bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die
Hände besser rühren als bisher.«
Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an,
sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die
groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd,
bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten
der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur
Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit;
denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was
sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor
ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und
seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte
Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete,
das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten
einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne
wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer
Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer
nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab
geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen,
was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes
Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die
traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig
räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte;
denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das
abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das
schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete
freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der
verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan
hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der
Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von
Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches
geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich,
unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!
»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland
eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht
ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es
sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre
Pflegemutter sie angeleitet hatte.
»Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Für sich
selbst hätte sie nie einen Finger gerührt und lieber nie einen Bissen
Kuchen gegessen, wenn sie ihn hätte selbst backen sollen. Aber wen sie
lieb hat, für den thut sie alles und ginge durch's Feuer.«
»Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen früh mit dem
Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe!« rief Esther fröhlich. »Dem
Bertel möchte ich auch davon schicken, er ißt ihn auch so gern, und
eine kleine Freude würde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen.
Meinst du nicht auch, Tante?«
»Gewiß, mein Goldkind, thue es nur!« entgegnete Frau Booland. »Aber
streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist
unnütz und Butter ist theuer.«
Esther blickte betroffen auf. »Da ist wohl eigentlich mein ganzer
Gedanke unklug gewesen, Tante,« sagte sie nachdenklich. »Kuchenbacken
kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir müssen ja sparsam sein.«
»Laß nur, Kind,« beruhigte Frau Booland, »du wolltest der gnädigen
Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar
Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder
ersparen.«
»Tante, was meinst du!« rief Esther, »ich werde mir den Kaffee
abgewöhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparniß.
Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante
Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weißbrodchen
können wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt,
und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was
könnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwöhnt, liebste
Tante, daß ich gar nicht weiß, was entbehren heißt. Und doch wäre es
mir eine so große Wonne, für Tante Ihlefeld und Bertel mir =recht=
große Entbehrungen aufzuerlegen.«
In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge,
welche sie als unnütz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode,
bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei
überflüssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen:
das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am
Kragen wurden für festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die
seidene Schürze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in
ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Riß
ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte
sie jetzt mit ängstlicher Sorgfalt darüber, ihren Anzug zu schonen,
damit er um so länger hielt und die Ausgaben für neue Sachen erspart
blieben. Was sie aber Schönes oder Zierliches besaß und geschenkt
bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser
ein Lächeln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen
stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte
die blühenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmückten, hinauf in das
Stübchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche
sie mit dem Frühstück auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl
ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und
ihren eigenen zierlichen Nähtisch davor. Gestickte Kissen und Fußbänke,
ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie
herbei, die Wohnung freundlich auszuschmücken, und selbst ihr zahmer
Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Plätzchen und zwitscherte
der traurigen Frau seine fröhlichen Lieder zu, als wollte er auch
helfen ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.