Vaetersitte vermutlich die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das
Rednerbuch die Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden,
welche alle Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher
kann man ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von
den Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner,
"an die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen"
^38. ----------------------------------------------------- ^38 Rem tene,
verba sequentur. -----------------------------------------------------
Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch
fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die
Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder
minder unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik
und Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden
Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in Rom.
Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219) der
erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich
niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches
Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen
und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen
scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden
Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache wuerdig
war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung und
daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen
zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte
wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war.
Die Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um
dieses eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der
eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und
Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben. Von der
barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die Zeitmessung
behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. Mit der
Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im Jahre 491
(263) fing die griechische Stunde (/o/ra, hora) auch bei den Roemern an
gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man in Rom eine
fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane gearbeitete Sonnenuhr
aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach richtete. Gegen Ende
dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme Maenner, die sich fuer
mathematische Dinge interessierten. Manius Acilius Glabrio (Konsul 563
191) versuchte der Kalenderverwirrung durch ein Gesetz zu steuern,
das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach Ermessen Schaltmonate
einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen Zweck verfehlte, ja uebel
aerger machte, so lag die Ursache davon wohl weniger in dem Unverstand
als in der Gewissenlosigkeit der roemischen Theologen. Auch der
griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior (Konsul 565 189) gab sich
Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung des roemischen Kalenders.
Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der nicht bloss die
Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch ausgerechnet
hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der selbst als
astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, wurde deshalb
von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und des Scharfsinnes
angestaunt. Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst
die ererbte und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von
selbst und spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen
zur Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt
sich aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in
den hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der
lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann
schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz
unberuecksichtigt geblieben sein. Dagegen gilt dasselbe nur in
untergeordnetem Grade von der Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der
Rechtsgelehrten dieser Zeit ging noch wesentlich auf in der Bescheidung
der anfragenden Parteien und in der Belehrung der juengeren Zuhoerer;
doch bildete in dieser muendlichen Unterweisung schon sich ein
traditioneller Regelstamm und auch schriftstellerische Taetigkeit
mangelt nicht ganz. Wichtiger als Catos kuerzer Abriss wurde fuer die
Rechtswissenschaft das von Sextus Aelius Paetus, genannt der "Schlaue"
(catus), welcher der erste praktische Jurist seiner Zeit war und infolge
dieser seiner gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur
Zensur (560 194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte "dreiteilige
Buch", das heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem
Satze derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten
und unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular
hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der
griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte
die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und
die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an. Im
allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser
Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn
aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen
Saetzen darlegen sollten, was ein "tuechtiger Mann" (vir bonus) als
Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein
Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch
nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig und
nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert. Ausgeschlossen
ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also damals noch nicht
diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann, welche der eigentliche
wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt, teils die Musik und der
ganze Kreis der mathematischen und physischen Wissenschaften. Durchaus
sollte in der Wissenschaft das unmittelbar Praktische, aber auch nichts
als dies und dieses moeglichst kurz und schlicht zusammengefasst werden.
Die griechische Literatur wurde dabei wohl benutzt, aber nur um aus
der Masse von Spreu und Wust einzelne brauchbare Erfahrungssaetze zu
gewinnen - "die griechischen Buecher muss man einsehen, aber nicht
durchstudieren", lautet einer von Catos Weidspruechen. So entstanden
jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, die freilich mit der
griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch den griechischen
Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch fuer die Stellung der
Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer alle Zeiten massgebend
geworden sind. So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und
Literatur in Rom ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu
reden: Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt
Der Quiriten hartem Volke sich die Mus' im Kriegsgewand. Auch in den
sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es gleichzeitig
an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn Trauerspiele in
etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse mit oskischen
Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der griechischen
Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht gleichzeitig
mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine gleich der
roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung begriffen gewesen
ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und die Geschichte
kann hier nur die Luecke bezeichnen. Die roemische Literatur, ueber
die allein uns ein Urteil noch verstattet ist, wie problematisch ihr
absoluter Wert dem Aesthetiker erscheinen mag, bleibt dennoch fuer
denjenigen, der die Geschichte Roms erkennen will, von einzigem Wert
als das Spiegelbild des inneren Geisteslebens Italiens in dem
waffenklirrenden und zukunftsvollen sechsten Jahrhundert, in welchem die
italische Entwicklung abschloss und das Land anfing einzutreten in die
allgemeinere der antiken Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige
Zwiespaeltigkeit, die ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der
Nation durchdringt und die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die
Mangelhaftigkeit der hellenistisch-roemischen Literatur kann kein
unbefangenes und durch den ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende
unbeirrtes Auge sich taeuschen. Die roemische Literatur steht neben
der griechischen wie die deutsche Orangerie neben dem sizilischen
Orangenwald; man kann an beiden sich erfreuen, aber nebeneinander sie
auch nur zu denken, geht nicht an. Womoeglich noch entschiedener als
von der roemischen Schriftstellerei in der fremden Sprache gilt dies von
derjenigen in der Muttersprache der Latiner; zu einem sehr grossen Teil
ist dieselbe gar nicht das Werk von Roemern, sondern von Fremdlingen,
von Halbgriechen, Kelten, bald auch Afrikanern, die das Latein sich
erst aeusserlich angeeignet hatten - unter denen, die in dieser Zeit als
Dichter vor das Publikum traten, ist nicht bloss, wie gesagt, nicht
ein nachweislich vornehmer Mann, sondern auch keiner, dessen Heimat
erweislich das eigentliche Latium waere. Selbst die Benennung des
Dichters ist auslaendisch; schon Ennius nennt sich mit Nachdruck einen
Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht bloss auslaendisch, sondern
sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln behaftet, welche da sich
einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern und der grosse Haufe das
Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie die Komoedie durch
die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch vergroebert wurde, ja in
poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner gezeigt worden, dass zwei der
einflussreichsten roemischen Schriftsteller zunaechst Schulmeister und
erst folgeweise Poeten waren, und dass, waehrend die griechische erst
nach dem Abbluehen der volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie
nur am toten Koerper experimentierte, in Latium Begruendung der
Grammatik und Grundlegung der Literatur, fast wie bei den heutigen
Heidenmissionen, von Haus aus Hand in Hand gegangen sind. In der Tat,
wenn man diese hellenistische Literatur des sechsten Jahrhunderts
unbefangen ins Auge fasst, jene handwerksmaessige, jeder eigenen
Produktivitaet bare Poesie, jene durchgaengige Nachahmung eben der
flachsten Kunstgattungen des Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire,
jenen Wechselbalg von Epos, so fuehlt man sich versucht sie rein zu
den Krankheitssymptomen dieser Epoche zu rechnen.
--------------------------------------- ^39 Vgl. 2, 445: Enni poeta
salve, qui mortalibus Versus propinas flammeos medullitus. Die
Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen po/e/t/e/s statt
poi/e/t/e/s - wie epo/e/sen den attischen Toepfern gelaeufig war - ist
charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den Verfasser
epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, welcher
in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 M.).
----------------------------------------- Dennoch wuerde ein solches
Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr einseitig gerecht sein.
Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass diese gemachte Literatur in
einer Nation emporkam, die nicht bloss keine volkstuemliche Dichtkunst
besass, sondern auch nie mehr zu einer solchen gelangen konnte. In dem
Altertum, welchem die moderne Poesie des Individuums fremd ist, faellt
die schoepferisch poetische Taetigkeit wesentlich in die unbegreifliche
Zeit des Werdebangens und der Werdelust der Nation; unbeschadet der
Groesse der griechischen Epiker und Tragiker darf man es aussprechen,
dass ihr Dichten wesentlich bestand in der Redaktion der uralten
Erzaehlungen von menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese
Grundlage der antiken Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die
Goetterwelt gestaltlos und die Sage nichtig blieb, konnten auch die
goldenen Aepfel der Poesie freiwillig nicht gedeihen. Hierzu kommt ein
Zweites und Wichtigeres. Die innerliche geistige Entwicklung wie die
aeusserliche staatliche Entfaltung Italiens waren gleichmaessig auf
einem Punkte angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die auf dem
Ausschluss aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende
roemische Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich
abzuwehren. Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und
denationalisierenden, aber fuer die notwendige geistige Ausgleichung der
Nationen unerlaesslichen Propaganda des Hellenismus in Italien beruht
die geschichtliche und selbst die dichterische Berechtigung der
roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus ihrer Werkstatt nicht
ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen, aber sie hat
den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon rein
aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer
eine gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige
Abgeschlossenheit in sich, die zu den wesentlichsten Eigentuemlichkeiten
zum Beispiel des Shakespeareschen Dramas gehoert, ist der antiken
Dichtung fremd; wem der griechische Sagenkreis nicht bekannt ist, der
wird fuer jede Rhapsodie wie fuer jede Tragoedie den Hintergrund und oft
selbst das gemeine Verstaendnis vermissen. Wenn dem roemischen
Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen Lustspiele zeigen, die
Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen gelaeufig und
von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen bekannt waren
^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch die Buehne ins
Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der hellenischen Dichtung
wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit tiefer noch wirkte, worauf
schon die geistreichsten Literatoren des Altertums mit Recht den
Ton gelegt haben, die Einbuergerung griechischer Dichtersprache und
griechischer Masse in Latium. Wenn "das besiegte Griechenland den rauhen
Sieger durch die Kunst ueberwand", so geschah dies zunaechst dadurch,
dass dem ungefuegen lateinischen Idiom eine gebildete und gehobene
Dichtersprache abgewonnen ward, dass anstatt der eintoenigen und
gehackten Saturnier der Senar floss und der Hexameter rauschte, dass
die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden Anapaeste, die kunstvoll
verschlungenen lyrischen Rhythmen das lateinische Ohr in der
Muttersprache trafen. Die Dichtersprache ist der Schluessel zu der
idealen Welt der Poesie, das Dichtmass der Schluessel zu der poetischen
Empfindung; wem das beredte Beiwort stumm und das lebendige Gleichnis
tot ist, wem die Takte der Daktylen und Jamben nicht innerlich
erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst gedichtet. Man
sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl sich von selber
verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von der Natur in
die Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen sie guenstigen
Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig angeregten
latinischen Nation bedurften sie auch aeusserlicher Pflege. Man sage
auch nicht, dass bei der weitverbreiteten Kenntnis der griechischen
Sprache deren Literatur fuer das empfaengliche roemische Publikum
ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber, den die Sprache ueber
den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und Rhythmus nur
Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten, sondern
einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die
hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser
Zeit gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging,
den Euripideischen Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter
entweder in verstorbene Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen,
ueberhaupt dem denationalisierten Hellas ein denationalisiertes
Latium an die Seite zu setzen und alle rein und scharf entwickelten
Volkstuemlichkeiten in den problematischen Begriff der allgemeinen
Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz erfreulich oder
widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes aber, ihre
historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte aus
laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar nimmermehr
sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit gewissermassen sich
rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein Missverhaeltnis zwischen
dem geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt und der verhaeltnismaessig
vollendeten Form, aber die eigentliche Bedeutung dieser Poesie war auch
eben formeller und vor allen Dingen sprachlicher und metrischer Art. Es
war nicht schoen, dass die Poesie in Rom vorwiegend in den Haenden
von Schulmeistern und Auslaendern und vorwiegend Uebersetzung oder
Nachdichtung war; aber wenn die Poesie zunaechst nur eine Bruecke
von Latium nach Hellas schlagen sollte, so waren Livius und
Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in Rom und die
Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es war noch
weniger schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe auf die
verschliffensten und geringhaltigsten Originale warf; aber in diesem
Sinne war es zweckgemaess. Niemand wird die Euripideische Poesie der
Homerischen an die Seite stellen wollen; aber geschichtlich
betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso die Bibel des
kosmopolitischen Hellenismus wie die 'Ilias' und die 'Odyssee' diejenige
des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die Vertreter
dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen
Literaturkreis einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige
Gefuehl der beschraenkten poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter
bewogen haben, sich vorzugsweise an Euripides und Menander zu halten und
den Sophokles und gar den Aristophanes beiseite liegen zu lassen; denn
waehrend die Poesie wesentlich national und schwer zu verpflanzen
ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die Euripideische wie die
Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus kosmopolitisch. Immer
verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die roemischen Poeten des
sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische Tagesliteratur oder den
sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern lediglich in
der aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren
reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt,
wie unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe
man auch denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen
Versuendigungen an dem Evangelium, welche das nichts weniger als
reinliche Missionsgeschaeft mit zwingender Notwendigkeit begleiten; und
sie werden geschichtlich und selbst aesthetisch einigermassen aufgewogen
durch den von dem Propagandatum ebenso unzertrennlichen Glaubenseifer.
Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als Ennius getan; aber wenn
es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was, als wie geglaubt
wird, so kann auch den roemischen Dichtern des sechsten Jahrhunderts
Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden. Ein frisches und
maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen Weltliteratur, eine
heilige Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde Land zu verpflanzen,
durchdrangen die gesamte Poesie des sechsten Jahrhunderts und flossen in
eigentuemlicher Weise zusammen mit dem durchaus gehobenen Geiste
dieser grossen Zeit. Der spaetere gelaeuterte Hellenismus sah auf die
poetischen Leistungen derselben mit einer gewissen Verachtung herab;
eher vielleicht haette er zu den Dichtern hinaufsehen moegen, die bei
aller Unvollkommenheit doch in einem innerlicheren Verhaeltnis zu der
griechischen Poesie standen und der echten Dichtkunst naeher kamen als
ihre hoeher gebildeten Nachfahren. In der verwegenen Nacheiferung,
in den klingenden Rhythmen, selbst in dem maechtigen Dichterstolz
der Poeten dieser Zeit ist mehr als in irgendeiner anderen Epoche der
roemischen Literatur eine imponierende Grandiositaet, und auch wer ueber
die Schwaechen dieser Poesie sich nicht taeuscht, darf das stolze Wort
auf sie anwenden, mit dem sie selber sich gefeiert hat, dass sie
den Sterblichen das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust.
----------------------------------------------------- ^40 Aus dem
troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst untergeordnete Figuren
vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305), Autolykos (Bacch. 275),
Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten Umrissen muessen ferner zum
Beispiel die thebanische und die Argonautensage, die Geschichten von
Bellerophon (Bacch. 810), Pentheus (Merc. 467), Prokne und Philomele
(Rud. 604), Sappho und Phaon (Mil. 1247) bekannt gewesen sein.
----------------------------------------------------- Wie die
hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich tendenzioes
ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die gleichzeitige
nationale Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und nichts weniger
wollte, als die latinische Nationalitaet durch Schoepfung einer
lateinisch redenden, aber in Form und Geist hellenischen Poesie
vernichten, so musste eben der beste und reinste Teil der latinischen
Nation mit dem Hellenismus selbst die entsprechende Literatur
gleichfalls von sich werfen und in Acht und Bann tun. Man stand zu Catos
Zeit in Rom der griechischen Literatur gegenueber ungefaehr wie in der
Zeit der Caesaren dem Christentum: Freigelassene und Fremde bildeten den
Kern der poetischen wie spaeter den Kern der christlichen Gemeinde; der
Adel der Nation und vor allem die Regierung sahen in der Poesie wie
im Christentum lediglich feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben
Ursachen sind Plautus und Ennius von der roemischen Aristokratie zum
Gesindel gestellt und die Apostel und Bischoefe von der roemischen
Regierung hingerichtet worden. Natuerlich war es auch hier vor allem
Cato, der die Heimat gegen die Fremde mit Lebhaftigkeit vertrat. Die
griechischen Literaten und Aerzte sind ihm der gefaehrlichste Abschaum
des grundverdorbenen Griechenvolks ^41, und mit unaussprechlicher
Verachtung werden die roemischen Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man
hat ihn und seine Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt
und allerdings sind die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten
bezeichnet von der ihm eigenen schroffen Borniertheit; bei genauerer
Erwaegung indes wird man nicht bloss im einzelnen ihm wesentlich Recht
geben, sondern auch anerkennen muessen, dass die nationale Opposition
auf diesem Boden mehr als irgendwo sonst ueber die Unzulaenglichkeit der
bloss ablehnenden Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn sein juengerer
Zeitgenosse Aulus Postumius Albinus, der durch sein widerliches
Hellenisieren den Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel
schon griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der
Vorrede zu seinem Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit
verteidigte, dass er ein geborener Roemer sei, war da die Frage nicht
voellig an ihrem Orte, ob er rechtskraeftig verurteilt worden sei, Dinge
zu treiben, .die er nicht verstehe? oder waren etwa die Gewerbe des
fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um Brot und Protektion
singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter, als sie es