Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht

bloss die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung

oder Erlaeuterung der weniger bekannten mythologischen Namen: der

Symplegaden, des Kolcherlandes, der Argo. Eigentliche Missverstaendnisse

des Originals aber sind bei Ennius selten. ^25 Ohne Zweifel mit Recht

galt den Alten als Selbstcharakteristik des Dichters die Stelle im

siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den Vertrauten zu sich

ruft, mit welchem er gern und Oftmals Tisch und Gespraech und seiner

Geschaefte Eroertrung Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen

Dingen, Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch

Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat; Welchem das Gross'

und das Klein' und den Scherz auch er mitteilen Durft' und alles

zugleich, was gut und was uebel man redet, Schuetten ihm aus, wenn er

mocht', und anvertrauen ihm sorglos; Welcher geteilt mit ihm viel Freud'

im Hause und draussen; Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder

aus Bosheit Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben,

Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens, Redend zur

richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich, Im Verkehre

bequem und bewandert verschollener Dinge, Denn ihn lehrten die Jahre die

Sitten der Zeit und der Vorzeit, Von vielfaeltigen Sachen der Goetter

und Menschen Gesetz auch, Und ein Gespraech zu berichten verstand er

sowie zu verschweigen. In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben

multarum rerum leges divumque hominumque. ^26 Vgl. 2, 393. Aus der

Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph. Aul. 956), dass er ein

Mann sei, Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt Im besten Fall;

und trifft er's nicht, es geht ihm hin. hat der lateinische Uebersetzer

folgende Diatribe gegen die Horoskopsteller gemacht: Sterneguckerzeichen

sucht er auf am Himmel, passt, ob wo Jovis Zieg' oder Krebs ihm

aufgeh' oder einer Bestie Licht. Nicht vor seine Fuesse schaut man und

durchforscht den Himmelsraum. ^27 Im 'Telephus' heisst es: Palam mutire

plebeis piaculum est. Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort.

^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren

der Bearbeitung des Euripideischen 'Phoenix' an: Doch dem Mann mit

Mute maechtig ziemt's zu wirken in der Welt Und den Schuldigen zu laden

tapfer vor den Richterstuhl. Das ist Freiheit, wo im Busen rein und

fest wem schlaegt das Herz; Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt

die frevelhafte Tat. In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten

Gedichte einverleibten 'Scipio' standen die malerischen Zeilen: --

munduscaeli vastus constitit silentio; Et Neptunus saevus undis asperis

pausam dedit, Sol equis iter repressit ungulis volantibus, Constitere

amnes perennes, arbores vento vacant. [Iovis winkt';] es ging ein

Schweigen durch des Himmels weiten Raum. Rasten hiess die Meereswogen

streng die grollenden Neptun, Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck

der Sonnengott, Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht

der Wind. Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie

der Dichter seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine

Ausfuehrung der Worte, die in der urspruenglich wohl Sophokleischen

Tragoedie 'Hektors Loesung' ein dem Kampfe zwischen Hephaestos und dem

Skamander Zuschauender spricht: Constitit Credo Scamander, arbores vento

vacant. Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der

Wind. und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her. ^29

So heisst es im 'Phoenix': - - stultust, qui cupita cupiens cupienter

cupit. Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt, und es

ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch

akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111).

---------------------------------------------------- Der geistreiche

Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu fahren; das griechische

Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum der launischen Nation.

Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer

Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss

gleich Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische

Trauerspiele fuer die roemische Buehne, sondern er versuchte auch

ein ernstes Nationalschauspiel (fabula praetextata) selbstaendig zu

schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen hier nicht im Weg; er

brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der gleichzeitigen

Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart sind seine

'Erziehung des Romulus und Remus' oder der 'Wolf', worin der Koenig

Amulius von Alba auftrat, und sein 'Clastidium', worin der Sieg des

Marcellus ueber die Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem Vorgang

hat auch Ennius in der 'Ambrakia' die Belagerung der Stadt durch seinen

Goenner Nobilior 565 (189; 2, 273) nach eigener Anschauung geschildert.

Die Zahl dieser Nationalschauspiele blieb indes gering und die Gattung

verschwand rasch wieder vom Theater; die duerftige Sage und die farblose

Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen Sagenkreis nicht auf die

Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt der Stuecke haben

wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention im ganzen in

Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen Literatur wenige

Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung eines roemischen

Nationalschauspiels war. Nur die griechischen Tragoedien der aeltesten,

den Goettern noch sich naeher fuehlenden Zeit, nur Dichter wie

Phrynichos und Aeschylos hatten den Mut gehabt, die von ihnen

miterlebten und mitverrichteten Grosstaten neben denen der Sagenzeit auf

die Buehne zu bringen; und wenn irgendwo es uns lebendig entgegentritt,

was die Punischen Kriege waren und wie sie wirkten; so ist es hier,

wo ein Dichter, der wie Aeschylos die Schlachten, die er sang, selber

geschlagen, die Koenige und Konsuln Roms auf diejenige Buehne fuehrte,

auf der man bis dahin einzig Goetter und Heroen zu sehen gewohnt war.

Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius

buergerte die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation

vertrat, die Vorlesung neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom

wenigstens insofern ein, als er dieselben in seiner Schule vortrug. Da

die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht geradezu nach Brot ging, ward

dieser Zweig derselben nicht so wie die Buehnendichtung von der Ungunst

der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das Ende dieser Epoche sind

auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in dieser Art

als Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die

rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit

der szenischen sich abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der

Buehnendichtung eine untergeordnete Rolle gespielt, wie es denn auch ein

eigentliches dichterisches Lesepublikum in dieser Zeit nur noch in

sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor allem schwach

vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie.

Die religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit

allerdings bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert

halten, sowie die monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche

das saturnische Mass das stehende blieb, gehoerten kaum der eigentlichen

Literatur an. Soweit ueberhaupt in dieser die kleinere Poesie erscheint,

tritt sie in der Regel und schon bei Naevius unter dem Namen der Satura

auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem alten, seit Livius

durch das griechische Drama von der Buehne verdraengten handlungslosen

Buehnengedicht zukam, nun aber in der rezitativen Poesie einigermassen

unseren "vermischten Gedichten" entspricht und gleich diesen nicht

eigentlich eine positive Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern

nur Gedichte nicht epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem,

meist subjektivem Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter

noch zu erwaehnendem 'Gedicht von den Sitten', welches vermutlich,

anknuepfend an die aelteren Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie,

in saturnischen Versen geschrieben war, gehoeren hierher besonders

die kleineren Gedichte des Ennius, welche der auf diesem Gebiet sehr

fruchtbare Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils abgesondert

veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der vaterlaendischen

Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des religioesen

Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden

naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von Gela,

eines Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen

dem Leben und dem Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von

Sittenspruechen, parodische und epigrammatische Kleinigkeiten - geringe

Sachen, aber bezeichnend wie fuer die Mannigfaltigkeit so auch fuer die

didaktisch-neologische Tendenz des Dichters, der auf diesem Gebiete,

wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am freiesten gehen liess.

---------------------------------------- ^30 Ausser Cato werden noch

aus dieser Zeit zwei "Konsulare und Poeten" genannt (Suet. vita Ter. 4):

Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und Marcus Popillius, Konsul 581 (173).

Doch bleibt es dahingestellt, ob sie ihre Gedichte auch

publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres zweifelhaft sein.

---------------------------------------- Groessere dichterische

wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche in Anspruch, die

Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es Naevius, der

dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der gleichzeitigen

Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig war und namentlich

den Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so schlecht und recht, wie

die Dinge waren, ohne irgend etwas als unpoetisch zu verschmaehen und

ohne irgendwie, namentlich in der Schilderung der geschichtlichen Zeit,

auf poetische Hebung oder gar Verzierungen auszugehen, durchaus in der

gegenwaertigen Zeit berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen

Nationalversmass heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit

wesentlich dasselbe, was von dem Nationalschauspiel desselben Dichters

gesagt ward. Die epische Poesie der Griechen bewegt sich wie die

tragische voellig und wesentlich in der heroischen Zeit; es war

ein durchaus neuer und wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert

grossartiger Gedanke, mit dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu

durchleuchten. Mag immerhin in der Ausfuehrung die Naevische Chronik

nicht viel mehr gewesen sein als die in mancher Hinsicht verwandten

mittelalterlichen Reimchroniken, so hatte doch sicher mit gutem Grund

der Dichter sein ganz besonderes Wohlgefallen an diesem seinem Werke.

Es war nichts Kleines in einer Zeit, wo es eine historische Literatur

ausser den offiziellen Aufzeichnungen noch schlechterdings nicht gab,

seinen Landsleuten ueber die Taten der Zeit und der Vorzeit einen

zusammenhaengenden Bericht gedichtet und daneben die grossartigsten

Momente daraus ihnen dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben.

------------------------------------------------------- ^31 Den Ton

werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der Dido: Freundlich

und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas Von Troia schied. spaeter:

Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig Amulius, dankt den

Goettern - aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist:

Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner, Das wuerde Schmach

dem Volk sein - jeglichem Geschlechte. bezueglich auf die Landung in

Malta im Jahre 498 (256): Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar

die Insel Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte.

endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte: Bedungen

wird es auch durch - Gaben des Lutatius Zu suehnen; er bedingt noch, -

dass sie viel Gefangne Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln

geben. --------------------------------------------------------

Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die

Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen

Gegensatz des nationalen und des antinationalen Dichters nur um so

greller hervortreten. Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine

neue Form; Ennius fuegte oder zwaengte denselben in die Formen des

hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den saturnischen Vers,

die aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit ringende

Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend angeht,

wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die Bestattung der

bei Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung des Patroklos

geschildert wird und in der Kappe des mit den Istriern fechtenden

Kriegstribuns Marcus Livius Stolo kein anderer steckt als der Homerische

Aias - nicht einmal die Homerische Anrufung der Muse wird dem Leser

erlassen. Die epische Maschinerie ist vollstaendig im Gange; nach der

Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht Juno in vollem Goetterrat

den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach erlangter ehefraeulicher

Einwilligung den endlichen Sieg ueber die Karthager. Auch die

neologische und hellenistische Tendenz ihres Verfassers verleugnen die

'Jahrbuecher' keineswegs. Schon die bloss dekorative Verwendung der

Goetterwelt traegt diesen Stempel. In dem merkwuerdigen Traumgesicht,

womit das Gedicht sich einfuehrt, wird auf gut pythagoreisch berichtet,

dass die jetzt im Quintus Ennius wohnhafte Seele vor diesem in Horneros

und noch frueher in einem Pfau sesshaft gewesen sei, und alsdann auf gut

naturphilosophisch das Wesen der Dinge und das Verhaeltnis des Koerpers

zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst die Wahl des Stoffes dient den

gleichen Zwecken - haben doch die hellenischen Literaten aller

Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe fuer ihre griechisch-

kosmopolitischen Tendenzen eben in der Zurechtmachung der roemischen

Geschichte gefunden. Ennius betont es, dass man die Roemer Griechen ja

immer genannt und Graier sie pflege zu heissen. Der poetische Wert der

vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den frueheren Bemerkungen ueber die

Vorzuege und Maengel des Dichters im allgemeinen leicht abzumessen.

Dass durch den Aufschwung, den die grosse Zeit der Punischen Kriege dem

italischen Volksgefuehl gab, auch dieser lebhaft mitempfindende Poet

sich gehoben fuehlte und er nicht bloss die Homerische Einfachheit oft

gluecklich traf, sondern auch noch oefter die roemische Feierlichkeit

und Ehrenhaftigkeit aus seinen Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso

natuerlich wie die Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die

notwendig sehr lose und gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem

Dichter moeglich war, einem sonst verschollenen Helden und Patron

zuliebe ein eigenes Buch nachtraeglich einzufuegen. Im ganzen aber waren

die 'Jahrbuecher' ohne Frage Ennius' verfehltestes Werk. Der Plan,

eine 'Ilias' zu machen, kritisiert sich selbst. Ennius ist es gewesen,

welcher mit diesem Gedicht zum erstenmal jenen Wechselbalg von Epos und

Geschichte in die Literatur eingefuehrt hat, der von da an bis auf den

heutigen Tag als Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben vermag, in

ihr umgeht. Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt. Ennius

gab sich mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer

als Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr

noch von der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der

roemischen Poesie erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den

Ennius, sagt noch der feine Quintilian, wollen wir verehren wie einen

altersgrauen heiligen Hain, dessen maechtige tausendjaehrige Eichen mehr

ehrwuerdig als schoen sind; und wer darueber sich wundern sollte,

der moege an verwandte Erscheinungen, an den Erfolg der Aeneide,

der Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige poetische

Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische offizielle

Parallelisierung der Homerischen 'Ilias' und der Ennianischen

'Jahrbuecher' so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin

und den Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht

stattgefunden. Bei dem stofflichen Interesse des Gedichts besonders

fuer die aristokratischen Kreise und dem grossen Formtalent des Dichters

blieben die 'Jahrbuecher' das aelteste roemische Originalgedicht,

welches den spaeteren gebildeten Generationen lesenswert und lesbar

erschien; und so ist es wunderlicherweise gekommen, dass in diesem

durchaus antinationalen Epos eines halbgriechischen Literaten die

spaetere Zeit das rechte roemische Mustergedicht verehrt hat. Nicht

viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener Weise

entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser sowohl

die kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die Buehne

vor der Zeit eine roemische Poesie grosszogen, als auch die kuenstliche

Hemmung, worauf namentlich die roemische Komoedie in der strengen

und beschraenkten Buehnenzensur traf. Es war ferner diese

schriftstellerische Taetigkeit nicht durch den dem "Baenkelsaenger"

anhaftenden Makel von vornherein bei der guten Gesellschaft in den Bann

getan. Darum ist denn auch die prosaische Schriftstellerei zwar bei

weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die gleichzeitige

poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die Poesie

fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger

vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint,

so ist umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht

senatorischer Norne und sind es durchaus die Kreise der hoechsten

Aristokratie, gewesene Konsuln und Zensoren, die Fabier, die Gracchen,

die Scipionen, von denen diese Literatur ausgeht. Dass die konservative

und nationale Tendenz sich besser mit dieser Prosaschriftstellerei

vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat auch hier,

und namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der

Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und

Form maechtig, ja uebermaechtig eingewirkt. Bis in die Zeit des

Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine Geschichtschreibung nicht;

denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs gehoerten zu den Akten, nicht zu

der Literatur, und verzichteten von Haus aus auf jede Entwicklung des

Zusammenhanges der Dinge. Es ist bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit

des roemischen Wesens, dass trotz der weit ueber die Grenzen Italiens

ausgedehnten Macht der roemischen Gemeinde und trotz der stetigen

Beruehrung der vornehmen roemischen Gesellschaft mit den literarisch

so fruchtbaren Griechen dennoch nicht vor der Mitte des sechsten

Jahrhunderts das Beduerfnis sich regte, die Taten und Geschicke der

roemischen Buergerschaft auf schriftstellerischem Wege zur Kunde der

Mit- und Nachwelt zu bringen. Als nun aber dies Beduerfnis endlich

empfunden ward, fehlte es fuer die roemische Geschichte an fertigen

schriftstellerischem Formen und an einem fertigen Lesepublikum; und

grosses Talent und laengere Zeit waren erforderlich, um beide zu

erschaffen. Zunaechst wurden daher diese Schwierigkeiten gewissermassen

umgangen dadurch, dass man die Landesgeschichte entweder in der

Muttersprache, aber in Versen, oder in Prosa, aber griechisch schrieb.

Von den metrischen Chroniken des Naevius (geschrieben um 550? 204) und

Ennius (geschrieben um 581 173) ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren

zugleich zu der aeltesten historischen Literatur der Roemer, ja die

des Naevius darf als das ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk

angesehen werden. Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen

Geschichtsbuecher des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines

waehrend des Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes

aus vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius

Scipio (+ um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem

gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das

nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die fertigen

griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie schon das

weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende stoffliche

Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete Ausland.

Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die vornehmeren

Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des Grossen neben

der vaterlaendischen Pastoren- und Professorenschriftstellerei eine

aristokratische Literatur in franzoesischer Sprache stand und die

Gleim und Ramler deutsche Kriegslieder, die Koenige und Feldherren

franzoesische Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen

Chroniken, noch die griechischen roemischer Verfasser waren eine

eigentliche lateinische Geschichtschreibung; diese begann erst mit

Cato, dessen nicht vor dem Schluss dieser Epoche publizierte

'Ursprungsgeschichten' zugleich das aelteste lateinisch geschriebene

Geschichts- und das erste bedeutende prosaische Werk der roemischen

Literatur sind ^33. -----------------------------------------------

^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen

Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43)

ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen

von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen

Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass

unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des

pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes

die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der roemischen

Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus der Zeit des

Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch lateinische Annalen

aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es dahingestellt

bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren Annalisten

Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142) obwaltet, oder ob

von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen des Acilius und

des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung existiert, oder ob es zwei

Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben hat. Das dem Lucius

Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius, beigelegte, ebenfalls

griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben und ein Machwerk aus

augustischer Zeit. ^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert

erst in sein Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung

auch der frueheren Buecher der 'Ursprungsgeschichten' faellt nicht vor,

aber wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14,

114). ----------------------------------------------- Alle diese Werke

waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl aber im Gegensatz

zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs pragmatische

Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr oder minder

geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen saemtlich, die

Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit des Schreibers,

obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den ersten Krieg

mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten betraf; danach

zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der Sagenzeit, der

Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer die

Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser

Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit

zu ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig

unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in den

Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert war,

und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen Chronikschreibern

nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom an Alba, diese Rom

an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem albanischen Koenigssohn

Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas erbaut. Der

gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius oder dem

Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der albanische

Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird zugleich

Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber dafuer die

roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze Lavinium,

sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte Metropole

Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und ungeschickt

erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie man bisher

geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in dem zu

Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein, und die

griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter erst

dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes die

Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen Ursprung

Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden Tendenz

Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit bereits stark

im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und so wurde

dies die stereotype und bald die offizielle Ursprungsgeschichte der

maechtigen Gemeinde. ----------------------------------------------- ^34

Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es hervor,

dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine

Geschichte pragmatisch zu schreiben.

----------------------------------------------- Von der Ursprungsfabel

abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen Historiographen sich

um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht gekuemmert, so dass die

weitere Darstellung der Landesgeschichte vorwiegend aus einheimischen

Quellen geflossen sein muss, ohne dass in der uns zugekommenen

duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander traete, welcherlei

Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten Chronisten zu Gebote

gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen hinzugetan haben. Die aus

Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen aeltesten Annalisten wohl

noch fremd gewesen und eine unmittelbare Entlehnung griechischen Stoffes

in diesem Abschnitt nicht nachweisbar. Um so bemerkenswerter ist die

ueberall, selbst bei dem Griechenfeind Cato, mit grosser Bestimmtheit

hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom an Hellas anzuknuepfen, sondern

Italiker und Griechen als ein urspruenglich gleiches Volk darzustellen

- hierher gehoeren die aus Griechenland eingewanderten Uritaliker oder

Aboriginer sowie die nach Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger.

--------------------------------------------------- ^35 So ist die

Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen Anekdoten von

Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, eine

Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten

der Herodotischen Erzaehlung von Kyros' Jugend geschlagen.

--------------------------------- Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in

einem, wenn auch schwach und lose geknuepften Faden, doch einigermassen

zusammenhaengend durch die Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung

der Republik; hier aber versiegte die Sage ganz, und es war nicht

bloss schwierig, sondern wohl geradezu unmoeglich, aus den

Beamtenverzeichnissen und den ihnen angehaengten duerftigen Vermerken

eine irgendwie zusammenhaengende und lesbare Erzaehlung zu gestalten.

Am meisten empfanden dies die Dichter. Naevius scheint deshalb von der

Koenigszeit sogleich auf den Krieg um Sizilien uebergegangen zu sein;

Ennius, der im dritten seiner achtzehn Buecher noch die Koenigszeit,

im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos beschrieb, kann die ersten

zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in den allgemeinsten Umrissen

behandelt haben. Wie die griechisch schreibenden Annalisten sich

geholfen haben, wissen wir nicht. Einen eigentuemlichen Weg schlug Cato

ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie er selber sagt, "zu berichten,

was auf der Tafel im Hause des Oberpriesters steht: wie oft der Weizen

teuer gewesen und wann Mond und Sonne sich verfinstert haetten"; und

so bestimmte er denn das zweite und dritte Buch seines Geschichtswerkes

fuer die Berichte ueber die Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden

und deren Eintritt in die roemische Eidgenossenschaft. Er machte

sich also los aus den Fesseln der Chronik, welche Jahr fuer Jahr

nach Voranstellung der jedesmaligen Beamten die Ereignisse berichtet;

namentlich hierher wird die Angabe gehoeren, dass Catos Geschichtswerk

die Vorgaenge "abschnittsweise" erzaehlte. Diese in einem roemischen

Werke auffallende Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden

griff teils in die oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher

gegen das hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale

Italien stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die

mangelnde Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis

auf den Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis,

die Einigung Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte.

Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und eingehend

behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, Fabius den

zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens dreizehn von den

achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von Pyrrhos bis auf den

Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und fuenften Buche seines

Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen bis auf den mit Perseus

und in den beiden letzten, wahrscheinlich anders und ausfuehrlicher

angelegten die Ereignisse aus den letzten zwanzig Lebensjahren des

Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag Ennius den Timaeos oder

andere griechische Quellen benutzt haben; im ganzen aber beruhten

die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder Mitteilungen von

Augenzeugen, teils einer auf dem andern. Gleichzeitig mit der

historischen und gewissermassen als ein Anhang dazu begann die Rede- und

Briefliteratur, welche ebenfalls Cato eroeffnet - denn aus der frueheren

Zeit besass man nichts als einige, meistenteils wohl erst in spaeterer

Zeit aus den Familienarchiven an das Licht gezogene Leichenreden,

wie zum Beispiel diejenige, die der alte Quintus Fabius, der Gegner

Hannibals, als Greis seinem im besten Mannesalter verstorbenen Sohn

gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete von den unzaehligen Reden, die er

waehrend seiner langen und taetigen oeffentlichen Laufbahn gehalten,

die geschichtlich wichtigen in seinem Alter auf, gewissermassen als

politische Memoiren, und machte sie teils in seinem Geschichtswerk,

teils, wie es scheint, als selbstaendige Nachtraege dazu, bekannt. Auch

eine Briefsammlung hat es von ihm schon gegeben. Mit der nichtroemischen

Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als eine gewisse Kenntnis

derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln durfte; schon von dem

alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die roemischen, sondern

auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und dass Cato den

Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt fleissig las, ist

bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- und Spruchsammlung

absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere fuer sich

zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen Taetigkeit

auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen. Dass durch diese beginnende

historische Literatur insgesamt eine harmlose Unkritik durchgeht,

versteht sich von selbst; weder Schriftsteller noch Leser nahmen an

inneren oder aeusseren Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius

der Zweite, obwohl bei dem Tode seines Vaters schon erwachsen und

neununddreissig Jahre nach demselben zur Regierung gelangend, besteigt

nichtsdestoweniger noch als Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa

ein Menschenalter vor Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den

roemischen Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa.

Die im Jahre 262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten

verhandeln dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre

nachher (348 406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive

Akrisie hervor in der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach

der - wahrscheinlich in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche

festgestellten - roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre

vor die Einweihung des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den

gallischen Brand und das letztere, auch in griechischen Geschichtswerken

erwaehnte Ereignis nach diesen in das Jahr des athenischen Archonten

Pyrgion 388 v. Chr. (Ol. 98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die

Erbauung Roms auf Ol. 8, 1. Dieses war, nach der damals bereits als

kanonisch geltenden Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias

Fall 436; nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der

Gruender Roms der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter

Finanzmann hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf

den Widerspruch aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht

vorgeschlagen zu haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene

Verzeichnis der albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her.

Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem

gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte

trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen

welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit Karthago

von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit durchgezogen wird.

Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als der Vorwurf. Es ist

einigermassen laecherlich, von den roemischen Zeitgenossen Hannibals

ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu verlangen; eine bewusste

Entstellung der Tatsachen aber, soweit der naive Patriotismus nicht

von selber eine solche einschliesst, ist den Vaetern der roemischen

Geschichte doch nicht nachgewiesen worden. Auch von wissenschaftlicher

Bildung und selbst von dahin einschlagender Schriftstellerei gehoeren

die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige Unterricht hatte sich

wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die Kenntnis des Landrechts

beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den Roemern in der innigen

Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer allgemeineren Bildung auf

und regte sich das Bestreben, nicht gerade diese griechische Bildung

unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber doch nach ihr die

roemische einigermassen zu modifizieren.

------------------------------------------- ^36 Plautus sagt (Most. 126)

von den Eltern, dass sie die Kinder "lesen und die Rechte und

Gesetze kennen lehren"; und dasselbe zeigt Plut. Cato mai. 20.

------------------------------------------- Vor allen Dingen fing

die Kenntnis der Muttersprache an sich zur lateinischen Grammatik

auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft uebertrug sich auf das

verwandte italische Idiom. Die grammatische Taetigkeit begann ungefaehr

gleichzeitig mit der roemischen Schriftstellerei. Schon um 520 (234)

scheint ein Schreiblehrer Spurius Carvilius das lateinische Alphabet

reguliert und dem ausserhalb desselben stehenden Buchstaben g (I,

487) den Platz des entbehrlich gewordenen z gegeben zu haben, welchen

derselbe noch in den heutigen okzidentalischen Alphabeten behauptet. An

der Feststellung der Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister

fortwaehrend gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben

ihre schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten

neben der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius

hat, auch hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende

Etymologienspiel schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37,

sondern auch fuer die bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der

Doppelkonsonanten die genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt.

Von Naevius und Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die

volksmaessigen Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch

in Rom sich so gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen.

--------------------------------------- ^37 So heisst ihm in den

Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod invat, Ceres davon quod

gerit fruges. ---------------------------------------- Rhetorik und

Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die Rede stand

bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen Lebens, als

dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; der echte

Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische "ewig reden lernen und

niemals reden koennen" die ganze Schale seines zornigen Spottes aus. Die

griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung der lehrhaften und

vor allem der tragischen Poesie einen gewissen Einfluss auf die Roemer

gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer Ignoranz und ahnungsvollem

Instinkt gemischten Apprehension betrachtet. Cato nannte den Sokrates

unverbluemt einen Schwaetzer und einen als Frevler an dem Glauben und

den Gesetzen seiner Heimat mit Recht hingerichteten Revolutionaer; und

wie selbst die der Philosophie geneigten Roemer von ihr dachten, moegen

wohl die Worte des Ennius aussprechen: Philosophieren will ich, doch

kurz und nicht die ganze Philosophie; Gut ist's von ihr nippen, aber

sich in sie versenken schlimm. Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre

und die Anweisung zur Redekunst, die sich unter den Catonischen

Schriften befanden, angesehen werden als die roemische Quintessenz

oder, wenn man lieber will, das roemische Caput mortuum der griechischen

Philosophie und Rhetorik. Die naechsten Quellen Catos waren fuer das

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 49 / 51 段