jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior vorzuruecken,

dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen die roemischen

Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und auch den Cato

selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner kuenftigen

Grosstaten mit sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache die Griechen,

die er in Rom und Athen kennenlernte, ein unverbesserlich elendes

Gesindel zu schelten? Diese Opposition gegen die Bildung der Zeit und

den Tageshellenismus war wohl berechtigt; einer Opposition aber gegen

die Bildung und das Hellenentum ueberhaupt hat Cato keineswegs sich

schuldig gemacht. Vielmehr ist es das hoechste Lob der Nationalpartei,

dass auch sie mit grosser Klarheit die Notwendigkeit begriff, eine

lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die Anregungen des

Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer Absicht nach die

lateinische Schriftstellerei nicht nach der griechischen abgeklatscht

und der roemischen Volkstuemlichkeit aufgezwaengt, sondern unter

griechischer Befruchtung der italischen Nationalitaet gemaess entwickelt

werden. Mit einem genialen Instinkt, der weniger von der Einsicht der

einzelnen als von dem Schwung der Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man,

dass fuer Rom bei dem gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung

der einzige Stoff zur Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der

Geschichte lag. Rom war, was Griechenland nicht war, ein Staat; und

auf dieser gewaltigen Empfindung beruht sowohl der kuehne Versuch, den

Naevius machte, mittels der Geschichte zu einem roemischen Epos und

einem roemischen Schauspiel zu gelangen, als auch die Schoepfung der

lateinischen Prosa durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter und

Heroen der Sage durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem

Unterfangen der Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel

zu stuermen; ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein

antikes Drama, und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und

verstaendiger ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar

verloren der Gegenpartei, obwohl sein Versuch, nach dem Muster der

aelteren roemischen, des appischen Sitten- und des Ackerbaugedichts eine

didaktische Poesie in nationalem Versmass zu erschaffen, wenn nicht dem

Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und achtungswert bleibt. Einen

guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er hat denn auch

die ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt, eine

prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies

Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein

Publikum zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit

in seiner Zeit ziemlich alleinstand. So entstanden seine

'Ursprungsgeschichten', seine aufgezeichneten Staatsreden, seine

fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom nationalen Geiste

getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie sind nichts

weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur freilich

in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem

Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes

ist den griechischen "Gruendungsgeschichten" (ktiseis) entlehnt.

Dasselbe gilt von seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates

verspottet, aber vom Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht.

Seine 'Enzyklopaedie' ist wesentlich das Resultat seines Studiums der

griechischen Literatur. Von allem, was der ruehrige und patriotische

Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher und nichts seinem

Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl

verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er

fand zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der

wissenschaftlichen Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen,

in ihrer Art wohl der griechischen Logographie vergleichbaren

'Ursprungsgeschichten' auch kein Herodot und Thukydides gefolgt ist, so

ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt, dass die literarische

Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie mit der

Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll

sei. ------------------------------------------------ ^41 "Von diesen

Griechen", heisst es bei ihm, "werde ich an seinem Orte sagen, mein Sohn

Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung gebracht habe; und will

es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre Schriften einzusehen, nicht sie

durchzustudieren. Es ist eine grundverdorbene und unregierliche Rasse -

glaube mir, das ist wahr wie ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung

herbringt, so wird es alles verderben und ganz besonders, wenn es

seine Aerzte hierher schickt. Sie haben sich verschworen, alle Barbaren

umzubringen mit Arzeneiung, aber sie lassen sich dafuer noch bezahlen,

damit man ihnen vertraue und sie uns leicht zugrunde richten moegen.

Auch uns nennen sie Barbaren, ja schimpfen uns mit dem noch gemeineren

Namen der Opiker. Auf die Heilkuenstler also lege ich dir Acht und

Bann." Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der

im Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz

unverfaenglich ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste

Weise dazu gekommen waren, die Italiker mit demselben zu bezeichnen.

----------------------------------------------- Werfen wir schliesslich

noch einen Blick auf den Stand der bauenden und bildenden Kuenste, so

macht, was die ersten anlangt, der beginnende Luxus sich weniger in dem

oeffentlichen als im Privatbauwesen bemerklich. Erst gegen den Schluss

dieser Periode, namentlich mit der Catonischen Zensur (570 184)

faengt man in jenem an, neben der gemeinen Notdurft auch die gemeine

Bequemlichkeit ins Auge zu fassen, die aus den Wasserleitungen

gespeisten Bassins (lacus) mit Stein auszulegen (570 184), Saeulengaenge

aufzufuehren (575, 580 179, 174) und vor allem die attischen Gerichts-

und Geschaeftshallen, die sogenannten Basiliken nach Rom zu uebertragen.

Das erste dieser etwa unseren heutigen Basaren entsprechende Gebaeude,

die porcische oder Silberschmiedhalle, wurde von Cato im Jahre 570 (184)

neben dem Rathaus errichtet, woran dann rasch andere sich anschlossen,

bis allmaehlich an den Langseiten des Marktes die Privatlaeden durch

diese glaenzenden saeulengetragenen Hallen ersetzt waren. Tiefer aber

griff in das taegliche Leben die Umwandlung des Hausbaues ein, welche

spaetestens in diese Epoche gesetzt werden muss: es schieden sich

allmaehlich Wohnsaal (atrium), Hof (cavum aedium), Garten und

Gartenhallen (peristylium), der Raum zur Aufbewahrung der Papiere

(tablinum), Kapelle, Kueche, Schlafzimmer; und in der inneren

Einrichtung fing die Saeule an sowohl im Hofe wie im Wohnsaal zur

Stuetzung der offenen Decke und auch fuer die Gartenhallen verwandt

zu werden - wobei wohl ueberall griechische Muster kopiert oder doch

benutzt wurden. Doch blieb das Baumaterial einfach; "unsere Vorfahren",

sagt Varro, "wohnten in Haeusern aus Backsteinen und legten nur, um die

Feuchtigkeit abzuwehren, ein maessiges Quaderfundament". Von roemischer

Plastik begegnet kaum eine andere Spur als etwa die Wachsbossierung der

Ahnenbilder. Etwas oefter ist von Malerei und Malern die Rede: Manius

Valerius liess den Sieg ueber die Karthager und Hieron, den er im

Jahre 491 (263) vor Messana erfochten, auf der Seitenwand des Rathauses

abschildern - die ersten historischen Fresken in Rom, denn viele

gleichartige folgten und die im Gebiet der bildenden Kunst das sind, was

nicht viel spaeter das Nationalepos und das Nationalschauspiel im Gebiet

der Poesie wurden. Es werden als Maler genannt, ein gewisser Theodotos,

der, wie Naevius spottete, verschanzt, in Decken sitzend, drinnen im

heiligen Raum die scherzenden Laren malte mit dem Ochsenschwanz.

Marcus Pacuvius von Brundisium, welcher in dem Herkulestempel auf dem

Rindermarkt malte - derselbe, der im hoeheren Alter als Bearbeiter

griechischer Tragoedien sich einen Namen gemacht hat; der Kleinasiate

Marcus Plautius Lyco, dem fuer seine schoenen Malereien im Junotempel

zu Ardea diese Gemeinde ihr Buergerrecht verlieh ^42. Aber es tritt doch

eben darin sehr deutlich hervor, dass die Kunstuebung in Rom nicht bloss

ueberhaupt untergeordnet und mehr Handwerk als Kunst war, sondern dass

sie auch, wahrscheinlich noch ausschliesslicher als die Poesie,

den Griechen und Halbgriechen anheimfiel.

------------------------------------------------------ ^42 Plautius

gehoert in diese oder in den Anfang der folgenden Periode, da die

Beischrift bei seinen Bildern (Plin. nat. 35, 10, 115) als hexametrisch

nicht fueglich aelter sein kann als Ennius und die Schenkung des

ardeatischen Buergerrechts notwendig vor dem Bundesgenossenkrieg

stattgefunden haben muss, durch den Ardea seine Selbstaendigkeit verlor.

------------------------------------------------------- Dagegen

zeigen sich in den vornehmen Kreisen die ersten Spuren des spaeteren

dilettantischen und Sammlerinteresses. Man bewunderte schon die Pracht

der korinthischen und athenischen Tempel und sah die altmodischen

Tonbilder auf den roemischen Tempeldaechern mit Geringschaetzung an;

selbst ein Mann wie Lucius Paullus, eher Catos Gesinnungsgenosse

als Scipios, betrachtete und beurteilte den Zeus des Pheidias mit

Kennerblick. Mit dem Wegfuehren der Kunstschaetze aus den eroberten

griechischen Staedten machte in groesserem Massstab den ersten Anfang

Marcus Marcellus nach der Einnahme von Syrakus (542 212); und obwohl

dies bei den Maennern alter Zucht scharfen Tadel fand und zum Beispiel

der alte strenge Quintus Maximus nach der Einnahme von Tarent (545 209)

die Bildsaeulen der Tempel nicht anzuruehren, sondern den Tarentinern

ihre erzuernten Goetter zu lassen gebot, so wurden doch dergleichen

Tempelpluenderungen immer haeufiger. Namentlich durch Titus Flamininus

(560 194) und Marcus Fulvius Nobilior (567 187), zwei Hauptvertreter des

roemischen Hellenismus, sowie durch Lucius Paullus (587 167) fuellten

sich die oeffentlichen Gebaeude Roms mit den Meisterwerken des

griechischen Meissels. Auch hier ging den Roemern die Ahnung auf, dass

das Kunstinteresse so gut wie das poetische einen wesentlichen Teil der

hellenischen Bildung, das heisst der modernen Zivilisation ausmache;

allein waehrend die Aneignung der griechischen Poesie ohne eine gewisse

poetische Taetigkeit unmoeglich war, schien hier das blosse Beschauen

und Herbeischaffen auszureichen, und darum ist eine eigene Literatur in

Rom auf kuenstlichem Wege gestaltet, zur Entwicklung einer eigenen Kunst

aber nicht einmal ein Versuch gemacht worden.

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 51 / 51 段