schon von den gleichzeitigen Lustspieldichtern parodiert und von den
Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein geschaut und deklamiert wurden.
Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als
die komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen,
die bei dieser wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire
ging gleichfalls wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke
hervor. Die Stoffe werden mit Vorliebe der Belagerung von Troja und
den unmittelbar damit zusammenhaengenden Sagen entnommen, offenbar
weil dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum durch den
Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die sinnlich-
grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den 'Eumeniden', im
'Alkmaeon', im 'Kresphontes', in der 'Melanippe', in der 'Medeia', die
Jungfrauenopfer in der 'Polyxena', den 'Erechthiden', der 'Andromeda',
der 'Iphigeneia' - man kann nicht umhin, sich dabei zu erinnern, dass
das Publikum dieser Tragoedien Fechterspielen zuzuschauen gewohnt war.
Frauen- und Geisterrollen scheinen den tiefsten Eindruck gemacht zu
haben. Die bemerkenswerteste Abweichung der roemischen Bearbeitung
von dem Original betrifft ausser dem Wegfall der Masken den Chor.
Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische chorlose Spiel
eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz (orchestra) mit
dem Altar in der Mitte, auf dem der griechische Chor sich bewegte, oder
vielmehr es diente derselbe bei den Roemern als eine Art Parkett; danach
muss wenigstens der kunstvoll gegliederte und mit der Musik und der
Deklamation verschlungene Chortanz in Rom weggefallen sein, und wenn der
Chor auch blieb, so hatte er doch wenig zu bedeuten. Im einzelnen
fehlte es natuerlich an Vertauschungen der Masse, an Verkuerzungen
und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen Bearbeitung der
Euripideischen 'Iphigeneia' zum Beispiel ist, sei es nach dem Muster
einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung des Bearbeiters,
aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute Uebersetzungen in unserem
Sinn koennen die lateinischen Tragoedien des sechsten Jahrhunderts
freilich nicht genannt werden ^24, doch gab wahrscheinlich ein
Trauerspiel des Ennius von dem Euripideischen Original ein weit minder
getruebtes Bild als ein Plautinisches Lustspiel von dem des Menander.
Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels in
Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig gleichartig;
und wenn, wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit sich bringt,
in dem Trauerspiel die hellenistische Richtung geistiger und reinlicher
auftritt, so trug dagegen die tragische Buehne dieser Zeit und
ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch weit entschiedener die
antinationale und mit Bewusstsein propagandistische Tendenz zur Schau.
Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der einflussreichste
Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener Latiner, sondern
von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und hellenischer
Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre nach Rom
ueber und lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als Buerger in
beschraenkten Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im Lateinischen
und Griechischen, teils von dem Ertrag seiner Stuecke, teils von den
Verehrungen derjenigen roemischen Grossen, welche, wie Publius Scipio,
Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior, geneigt waren, den modernen
Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen, der ihr eigenes und
ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von ihnen, gewissermassen
als im voraus fuer die zu verrichtenden Grosstaten bestellter Hofpoet,
ins Feldlager begleitete. Das Klientennaturell, das fuer einen solchen
Beruf erforderlich war, hat er selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus
aus und seiner ganzen Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es,
die Nationalitaeten, unter denen er lebte, die griechische, launische,
ja sogar die oskische sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich
zu eigen zu geben; und wenn bei den frueheren roemischen Poeten
der Hellenismus mehr folgeweise aus ihrer dichterischen Wirksamkeit
hervorgegangen als ihr deutliches Ziel gewesen war, und sie darum
auch mehr oder minder wenigstens versucht hatten, sich auf einen
volkstuemlichen Boden zu stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner
revolutionaeren Tendenz mit merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet
sichtlich darauf hin, die neologisch-hellenische Richtung bei den
Italikern energisch zur Geltung zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug
war die Tragoedie. Die Truemmer seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das
gesamte tragische Repertoire der Griechen und namentlich auch Aeschylos
und Sophokles sehr wohl bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig,
dass er bei weitem die meisten und darunter alle seiner gefeierten
Stuecke dem Euripides nachgebildet hat. Bei der Auswahl und Behandlung
bestimmten ihn freilich zum Teil aeussere Ruecksichten; aber nicht
dadurch allein kann es veranlasst sein, dass er so entschieden den
Euripides im Euripides hervorhob, die Choere noch mehr vernachlaessigte
als sein Original, die sinnliche Wirkung noch schaerfer als der Grieche
akzentuierte, dass er Stuecke aufgriff wie den 'Thyestes' und den aus
Aristophanes' unsterblichem Spott so wohlbekannten 'Telephos' und deren
Prinzenjammer und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie 'Menalippe
die Philosophin', wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der
Volksreligion dreht und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen
Standpunkte aus zu befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den
Wunderglauben fliegen ueberall, zum Teil in nachweislich eingelegten
Stellen ^26, die schaerfsten Pfeile, und von Tiraden, wie die folgende
ist: Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt' ich sonst und sag' ich noch;
Doch sie kuemmern keinesweges, mein' ich, sich um der Menschen Los,
Sonst ging's gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.
wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten.
Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet
wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm
mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die
hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition
^27, die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die
Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie,
des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen
Hexameter. Dass der "vielgestaltige" Poet alle diese Aufgaben mit
gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch
angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss
der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten
Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr
griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst,
verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische
Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres
Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die
freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu
fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift den
Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen herabsieht,
"in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen", und die
Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert: Heil Dichter
Ennius! welcher du den Sterblichen Das Feuerlied kredenzest aus
der tiefen Brust.
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^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und
der Ennianischen 'Medeia': Eith' /o/phel' Argo?s diaspasthai skaphos
Kolch/o/n es aian kyaneas Sypl/e/gadas
M/e/d' ten napaisi P/e/lioy pesein pote Utinam ne in nemore Pelio
securibus Tm/e/theisa pe?k/e/, m/e/d' eretm/o/sai cheras Caesa
accidisset abiegna ad terram trabes, Neve inde navis inchoandae
exordium Coepisset, quae nunc nominatur nomine Andr/o/n arist/o/n, oi
to pagchryson theros Argo, quia Argivi in ea dilecti viri Vecti petebant
pellem inauratam arietis Pelia met/e/lthon. Oy gar an despoin em/e/
Colchis, imperio regis Peliae, per dolum. M/e/deia p?rgoys g/e/s epleysa
I/o/lkias Nam nunquam era errans mea domo efferret pedem Er/o/ti thymon
ekplageis' Iasonos. Medea, animo aegra, amore saevo saucia.
Nie durch die schwarzen Symplegaden haette hin Fliegen gesollt ins
Kolcherland der Argo Schiff, Noch stuerzen in des Pelion O waer' im
Pelionhaine von den Waldesschlucht jemals Beilen nie Gefaellt die
Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt sie die Hand der
Tannenstamm Und haette damit der Angriff angefangen nie Zum Beginn des
Schiffes, das man jetzt mit Namen nennt
Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos dem Pelias
auserlesne Schar, Von Kolchi nach Gebot des Koenigs Pelias Zu holen
gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes waere mir
Widdervliess! Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den
Fuss mir dann Herrin setzte nie, Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea,
krank im Herzen, wund von hinweggeschifft. Liebespein.