juengerer Zeitgenosse Quintus Ennius (515-585 239-169), dessen Stuecke

schon von den gleichzeitigen Lustspieldichtern parodiert und von den

Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein geschaut und deklamiert wurden.

Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als

die komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen,

die bei dieser wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire

ging gleichfalls wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke

hervor. Die Stoffe werden mit Vorliebe der Belagerung von Troja und

den unmittelbar damit zusammenhaengenden Sagen entnommen, offenbar

weil dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum durch den

Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die sinnlich-

grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den 'Eumeniden', im

'Alkmaeon', im 'Kresphontes', in der 'Melanippe', in der 'Medeia', die

Jungfrauenopfer in der 'Polyxena', den 'Erechthiden', der 'Andromeda',

der 'Iphigeneia' - man kann nicht umhin, sich dabei zu erinnern, dass

das Publikum dieser Tragoedien Fechterspielen zuzuschauen gewohnt war.

Frauen- und Geisterrollen scheinen den tiefsten Eindruck gemacht zu

haben. Die bemerkenswerteste Abweichung der roemischen Bearbeitung

von dem Original betrifft ausser dem Wegfall der Masken den Chor.

Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische chorlose Spiel

eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz (orchestra) mit

dem Altar in der Mitte, auf dem der griechische Chor sich bewegte, oder

vielmehr es diente derselbe bei den Roemern als eine Art Parkett; danach

muss wenigstens der kunstvoll gegliederte und mit der Musik und der

Deklamation verschlungene Chortanz in Rom weggefallen sein, und wenn der

Chor auch blieb, so hatte er doch wenig zu bedeuten. Im einzelnen

fehlte es natuerlich an Vertauschungen der Masse, an Verkuerzungen

und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen Bearbeitung der

Euripideischen 'Iphigeneia' zum Beispiel ist, sei es nach dem Muster

einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung des Bearbeiters,

aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute Uebersetzungen in unserem

Sinn koennen die lateinischen Tragoedien des sechsten Jahrhunderts

freilich nicht genannt werden ^24, doch gab wahrscheinlich ein

Trauerspiel des Ennius von dem Euripideischen Original ein weit minder

getruebtes Bild als ein Plautinisches Lustspiel von dem des Menander.

Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels in

Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig gleichartig;

und wenn, wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit sich bringt,

in dem Trauerspiel die hellenistische Richtung geistiger und reinlicher

auftritt, so trug dagegen die tragische Buehne dieser Zeit und

ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch weit entschiedener die

antinationale und mit Bewusstsein propagandistische Tendenz zur Schau.

Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der einflussreichste

Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener Latiner, sondern

von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und hellenischer

Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre nach Rom

ueber und lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als Buerger in

beschraenkten Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im Lateinischen

und Griechischen, teils von dem Ertrag seiner Stuecke, teils von den

Verehrungen derjenigen roemischen Grossen, welche, wie Publius Scipio,

Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior, geneigt waren, den modernen

Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen, der ihr eigenes und

ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von ihnen, gewissermassen

als im voraus fuer die zu verrichtenden Grosstaten bestellter Hofpoet,

ins Feldlager begleitete. Das Klientennaturell, das fuer einen solchen

Beruf erforderlich war, hat er selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus

aus und seiner ganzen Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es,

die Nationalitaeten, unter denen er lebte, die griechische, launische,

ja sogar die oskische sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich

zu eigen zu geben; und wenn bei den frueheren roemischen Poeten

der Hellenismus mehr folgeweise aus ihrer dichterischen Wirksamkeit

hervorgegangen als ihr deutliches Ziel gewesen war, und sie darum

auch mehr oder minder wenigstens versucht hatten, sich auf einen

volkstuemlichen Boden zu stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner

revolutionaeren Tendenz mit merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet

sichtlich darauf hin, die neologisch-hellenische Richtung bei den

Italikern energisch zur Geltung zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug

war die Tragoedie. Die Truemmer seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das

gesamte tragische Repertoire der Griechen und namentlich auch Aeschylos

und Sophokles sehr wohl bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig,

dass er bei weitem die meisten und darunter alle seiner gefeierten

Stuecke dem Euripides nachgebildet hat. Bei der Auswahl und Behandlung

bestimmten ihn freilich zum Teil aeussere Ruecksichten; aber nicht

dadurch allein kann es veranlasst sein, dass er so entschieden den

Euripides im Euripides hervorhob, die Choere noch mehr vernachlaessigte

als sein Original, die sinnliche Wirkung noch schaerfer als der Grieche

akzentuierte, dass er Stuecke aufgriff wie den 'Thyestes' und den aus

Aristophanes' unsterblichem Spott so wohlbekannten 'Telephos' und deren

Prinzenjammer und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie 'Menalippe

die Philosophin', wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der

Volksreligion dreht und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen

Standpunkte aus zu befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den

Wunderglauben fliegen ueberall, zum Teil in nachweislich eingelegten

Stellen ^26, die schaerfsten Pfeile, und von Tiraden, wie die folgende

ist: Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt' ich sonst und sag' ich noch;

Doch sie kuemmern keinesweges, mein' ich, sich um der Menschen Los,

Sonst ging's gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.

wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten.

Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet

wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm

mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die

hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition

^27, die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die

Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie,

des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen

Hexameter. Dass der "vielgestaltige" Poet alle diese Aufgaben mit

gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch

angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss

der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten

Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr

griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst,

verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische

Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres

Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die

freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu

fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift den

Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen herabsieht,

"in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen", und die

Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert: Heil Dichter

Ennius! welcher du den Sterblichen Das Feuerlied kredenzest aus

der tiefen Brust.

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^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und

der Ennianischen 'Medeia': Eith' /o/phel' Argo?s diaspasthai skaphos

Kolch/o/n es aian kyaneas Sypl/e/gadas

M/e/d' ten napaisi P/e/lioy pesein pote Utinam ne in nemore Pelio

securibus Tm/e/theisa pe?k/e/, m/e/d' eretm/o/sai cheras Caesa

accidisset abiegna ad terram trabes, Neve inde navis inchoandae

exordium Coepisset, quae nunc nominatur nomine Andr/o/n arist/o/n, oi

to pagchryson theros Argo, quia Argivi in ea dilecti viri Vecti petebant

pellem inauratam arietis Pelia met/e/lthon. Oy gar an despoin em/e/

Colchis, imperio regis Peliae, per dolum. M/e/deia p?rgoys g/e/s epleysa

I/o/lkias Nam nunquam era errans mea domo efferret pedem Er/o/ti thymon

ekplageis' Iasonos. Medea, animo aegra, amore saevo saucia.

Nie durch die schwarzen Symplegaden haette hin Fliegen gesollt ins

Kolcherland der Argo Schiff, Noch stuerzen in des Pelion O waer' im

Pelionhaine von den Waldesschlucht jemals Beilen nie Gefaellt die

Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt sie die Hand der

Tannenstamm Und haette damit der Angriff angefangen nie Zum Beginn des

Schiffes, das man jetzt mit Namen nennt

Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos dem Pelias

auserlesne Schar, Von Kolchi nach Gebot des Koenigs Pelias Zu holen

gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes waere mir

Widdervliess! Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den

Fuss mir dann Herrin setzte nie, Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea,

krank im Herzen, wund von hinweggeschifft. Liebespein.

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 48 / 51 段