untergeordnet dastand, dass sie gegen die aesthetischen Anforderungen

sich ebenso gleichgueltig verhielt wie ihr Publikum und diesem zuliebe

die Originale ins Possenhafte und Gemeine umstimmte, sind Vorwuerfe,

die mehr gegen die ganze Uebersetzungsfabrik als gegen den einzelnen

Bearbeiter sich richten. Dagegen darf als dem Plautus eigentuemlich

gelten die meisterliche Behandlung der Sprache und der mannigfachen

Rhythmen, ein seltenes Geschick, die Situation buehnengerecht zu

gestalten und zu nutzen, der fast immer gewandte und oft vortreffliche

Dialog und vor allen Dingen eine derbe und frische Lustigkeit, die

in gluecklichen Spaessen, in einem reichen Schimpfwoerterlexikon, in

launigen Wortbildungen, in drastischen, oft mimischen Schilderungen und

Situationen unwiderstehlich komisch wirkt - Vorzuege, in denen man

den gewesenen Schauspieler zu erkennen meint. Ohne Zweifel hat der

Bearbeiter auch hierin mehr das Gelungene der Originale festgehalten als

selbstaendig geschaffen - was in den Stuecken sicher auf den Uebersetzer

zurueckgefuehrt werden kann, ist milde gesagt mittelmaessig; allein

es wird dadurch begreiflich, warum Plautus der eigentliche roemische

Volkspoet und der rechte Mittelpunkt der roemischen Buehne geworden und

geblieben, ja noch nach dem Untergang der roemischen Welt das

Theater mehrfach auf ihn zurueckgekommen ist.

------------------------------------------------ ^20 Diese Annahme

scheint deshalb notwendig, weil man sonst unmoeglich in der Art, wie

die Alten es tun, ueber die Echtheit oder Unechtheit der Plautinischen

Stuecke haette schwanken koennen; bei keinem eigentlichen Schriftsteller

des roemischen Altertums begegnet eine auch nur annaehernd aehnliche

Ungewissheit ueber das literarische Eigentum. Auch in dieser Hinsicht

wie in so vielen anderen aeusserlichen Dingen besteht die

merkwuerdigste Analogie zwischen Plautus und Shakespeare.

------------------------------------------------- Noch weit weniger

vermoegen wir zu einem eigenen Urteil ueber den dritten und letzten

- denn Ennius schrieb wohl Komoedien, aber durchaus ohne Erfolg

- namhaften Lustspieldichter dieser Epoche, Statius Caecilius, zu

gelangen. Der Lebensstellung und dem Gewerbe nach stand er mit Plautus

gleich. Geboren im Keltenland in der Gegend von Mediolanum kam er unter

den insubrischen Kriegsgefangenen nach Rom und lebte dort als Sklave,

spaeter als Freigelassener von der Bearbeitung griechischer Komoedien

fuer das Theater bis zu seinem wahrscheinlich fruehen Tode (586 168).

Dass seine Sprache nicht rein war, ist bei seiner Herkunft begreiflich;

dagegen bemuehte er sich, wie schon gesagt ward, um strengere

Komposition. Bei den Zeitgenossen fanden seine Stuecke nur schwer

Eingang, und auch das spaetere Publikum liess gegen Plautus und Terenz

den Caecilius fallen; wenn dennoch die Kritiker der eigentlichen

Literaturzeit Roms, der varronischen und augustinischen Epoche, unter

den roemischen Bearbeitern griechischer Lustspiele dem Caecilius die

erste Stelle eingeraeumt haben, so scheint dies darauf zu beruhen,

dass die kunstrichterliche Mittelmaessigkeit gern der geistesverwandten

poetischen vor dem einseitig Vortrefflichen den Vorzug gibt.

Wahrscheinlich hat jene Kunstkritik den Caecilius nur deshalb unter ihre

Fluegel genommen, weil et regelrechter als Plautus und kraeftiger als

Terenz war; wobei er immer noch recht wohl weit geringer als beide

gewesen sein kann. Wenn also der Literarhistoriker bei aller Anerkennung

des sehr achtbaren Talents der roemischen Lustspieldichter doch in ihrem

reinen Uebersetzungsrepertoire weder eine kuenstlerisch bedeutende

noch eine kuenstlerisch reine Leistung erkennen kann, so muss das

geschichtlich-sittliche Urteil ueber dasselbe notwendig noch bei weitem

haerter ausfallen. Das griechische Lustspiel, das demselben zu Grunde

liegt, war sittlich insofern gleichgueltig, als es eben nur im Niveau

der Korruption seines Publikums stand; die roemische Schaubuehne aber

war in dieser zwischen der alten Strenge und der neuen Verderbnis

schwankenden Epoche die hohe Schule zugleich des Hellenismus und des

Lasters. Dieses attisch-roemische Lustspiel mit seiner in der Frechheit

wie in der Sentimentalitaet gleich unsittlichen, den Namen der Liebe

usurpierenden Leibes- und Seelenprostitution, mit seiner widerlichen

und widernatuerlichen Edelmuetigkeit, mit seiner durchgaengigen

Verherrlichung des Kneipenlebens, mit seiner Mischung von Bauernroheit

und auslaendischem Raffinement, war eine fortlaufende Predigt

roemisch-hellenischer Demoralisation und ward auch als solche empfunden.

Ein Zeugnis bewahrt der Epilog der Plautinischen 'Gefangenen': Dieses

Lustspiel, da ihr schautet, ist anstaendig ganz und gar: Nicht

wird darin ausgegriffen, Liebeshaendel hat es nicht, Keine

Kinderunterschiebung, keine Geldabschwindelung; Nicht kauft drin der

Sohn sein Maedchen ohne des Vaters Willen frei. Selten nur ersinnt ein

Dichter solcherlei Komoedien, Die die Guten besser machen. Wenn drum

euch dies Stueck gefiel, Wenn wir Spieler euch gefallen, lasst uns dies

das Zeichen sein: Wer auf Anstand haelt, der klatsche nun zum Lohn uns

unserm Spiel. Man sieht hier, wie die Partei der sittlichen Reform

ueber das griechische Lustspiel geurteilt hat; und es kann hinzugesetzt

werden, dass auch in jenen weissen Raben, den moralischen Lustspielen,

die Moralitaet von derjenigen Art ist, die nur dazu taugt, die Unschuld

gewisser zu betoeren. Wer kann es bezweifeln, dass diese Schauspiele

der Korruption praktischen Vorschub getan haben? Als Koenig Alexander

an einem Lustspiel dieser Art, das der Verfasser ihm vorlas, keinen

Geschmack fand, entschuldigte sich der Dichter, dass das nicht an ihm

sondern an dem Koenige liege; um ein solches Stueck zu geniessen, muesse

man gewohnt sein, Kneipgelage abzuhalten und eines Maedchens wegen

Schlaege auszuteilen und zu empfangen. Der Mann kannte sein Handwerk;

wenn also die roemische Buergerschaft allmaehlich an diesen griechischen

Komoedien Geschmack fand, so sieht man, um weichen Preis es geschah.

Es gereicht der roemischen Regierung zum Vorwurf, nicht, dass sie fuer

diese Poesie so wenig tat, sondern dass sie dieselbe ueberhaupt duldete.

Das Laster ist zwar auch ohne Kanzel maechtig; aber damit ist es noch

nicht entschuldigt, demselben eine Kanzel zu errichten. Es war mehr eine

Ausrede als eine ernstliche Verteidigung, dass man das hellenisierende

Lustspiel von der unmittelbaren Beruehrung der Personen und

Institutionen Roms fernhielt. Vielmehr haette die Komoedie

wahrscheinlich sittlich weniger geschadet, wenn man sie freier haette

walten, den Beruf des Poeten sich veredeln und eine einigermassen

selbstaendige roemische Poesie sich entwickeln lassen; denn die Poesie

ist auch eine sittliche Macht, und wenn sie tiefe Wunden schlaegt, so

vermag sie auch viel zu heilen. Wie es war, geschah auch auf diesem

Gebiet von der Regierung zu wenig und zu viel; die politische Halbheit

und die moralische Heuchelei ihrer Buehnenpolizei hat zu der furchtbar

raschen Aufloesung der roemischen Nation das Ihrige beigetragen. Wenn

indes die Regierung dem roemischen Lustspieldichter nicht gestattete,

die Zustaende seiner Vaterstadt darzustellen und seine Mitbuerger

auf die Buehne zu bringen, so war doch dadurch die Entstehung eines

lateinischen Nationallustspiels nicht unbedingt abgeschnitten; denn

die roemische Buergerschaft war in dieser Zeit noch nicht mit der

latinischen Nation zusammengefallen, und es stand dem Dichter frei,

seine Stuecke wie in Athen und Massalia, ebenso auch in den italischen

Staedten latinischen Rechts spielen zu lassen. In der Tat entstand auf

diesem Wege das lateinische Originallustspiel (fabula togata ^21; der

nachweislich aelteste Verfasser solcher Stuecke, Titinius, bluehte

wahrscheinlich um das Ende dieser Epoche ^22. Auch diese Komoedie ruhte

auf der Grundlage des neuattischen Intrigenstuecks; aber sie war nicht

Uebersetzung, sondern Nachdichtung: der Schauplatz des Stuecks war in

Italien und die Schauspieler erschienen in dem nationalen Gewande,

in der Toga. Hier waltet das latinische Leben und Treiben in

eigentuemlicher Frische. Die Stuecke bewegen sich in dem buergerlichen

Leben der Mittelstaedte Latiums, wie schon die Titel zeigen: 'Die

Harfenistin oder das Maedchen von Ferentinum', 'Die Floetenblaeserin',

'Die Juristin', 'Die Walker', und manche einzelne Situationen noch

weiter bestaetigen, wie zum Beispiel ein Spiessbuerger sich darin seine

Schuhe nach dem Muster der albanischen Koenigssandalen machen laesst. In

auffallender Weise treten die maennlichen gegen die Frauenrollen zurueck

^23. Mit echt nationalem Stolze gedenkt der Dichter der grossen Zeit

des Pyrrhischen Krieges und sieht herab auf die neulatinischen Nachbarn,

Welche oskisch und volskisch reden, denn Latein verstehn sie nicht.

------------------------------------------ ^21 Togatus bezeichnet in der

juristischen und ueberhaupt in der technischen Sprache den Italiker im

Gegensatz nicht bloss zu dem Auslaender, sondern auch zu dem roemischen

Buerger. So ist vor allen Dingen formula togatorum (CIL I, 200, von 21;

50) das Verzeichnis derjenigen italischen Militaerpflichtigen, die

nicht in den Legionen dienen. Auch die Benennung des Cisalpinischen oder

Diesseitigen Galliens als Gallia togata, die zuerst bei Hirtius

vorkommt und nicht lange nachher aus dem gemeinen Sprachgebrauch

wieder verschwindet, bezeichnet diese Landschaft vermutlich nach ihrer

rechtlichen Stellung, insofern in der Epoche vom Jahre 665 (89) bis zum

Jahre 705 (49) die grosse Mehrzahl ihrer Gemeinden latinisches Recht

besass. Virgil (Aen. 1, 282) scheint ebenfalls bei der gens togata, die

er neben den Roemern nennt, an die latinische Nation gedacht zu haben.

Danach wird man auch in der fabula togata dasjenige Lustspiel zu

erkennen haben, das in Latium spielte wie die fabula palliata in

Griechenland; beiden aber ist die Verlegung des Schauplatzes in das

Ausland gemeinsam, und die Stadt und die Buergerschaft Roms auf die

Buehne zu bringen, bleibt ueberhaupt dem Lustspieldichter untersagt.

Dass in der Tat die togata nur in den Staedten latinischen Rechts

spielen durfte, zeigt die Tatsache, dass alle Staedte, in denen unseres

Wissens Stuecke des Titinius und Afranius spielen, Setia, Ferentinum,

Velitrae, Brundisium nachweislich bis auf den Bundesgenossenkrieg

latinisches oder doch bundesgenoessisches Recht gehabt haben. Durch

die Erstreckung des Buergerrechts auf ganz Italien ging den

Lustspieldichtern diese latinische Inszenierung verloren, da das

Cisalpinische Gallien, das rechtlich an die Stelle der latinischen

Gemeinden gesetzt ward fuer den hauptstaedtischen Buehnendichter zu fern

lag, und es scheint damit auch die fabula togata in der Tat verschwunden

zu sein. Indes traten die rechtlich untergegangenen Gemeinden Italiens,

wie Capua und Atella, in diese Luecke ein, und insofern ist die fabula

Atellana gewissermassen die Fortsetzung der togata. ^22 Ueber Titinius

fehlt es an allen literarischen Angaben; ausser dass, nach einem

Varronischen Fragment zu schliessen, er aelter als Terenz (558-595

196-159) gewesen zu sein scheint (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 194) -

denn mehr moechte freilich auch aus dieser Stelle nicht entnommen werden

koennen und, wenn auch von den beiden hier verglichenen Gruppen die

zweite (Trabea, Atilius, Caecilius) im ganzen aelter ist als die erste

(Titinius, Terentius, Atta), darum noch nicht gerade der aelteste der

juengeren Gruppe juenger zu erachten sein als der juengste der aelteren.

^23 Von den fuenfzehn Titinischen Komoedien, die wir kennen, sind sechs

nach Maenner- (baratus?, caecus, fullo nes, Hortensius, Quintus, varus),

neun nach Frauenrollen benannt (Gemma, iurisperita, prilia?, privigna,

psaltria oder Ferentinatis, Setina, tibicina, Veliterna, Ulubrana ?),

von denen zwei, die 'Juristin' und die 'Floetenblaeserin' offenbar

Maennergewerbe parodierten. Auch in den Bruchstuecken waltet

die Frauenwelt vor. ---------------------------------------- Der

hauptstaedtischen Buehne gehoert dieses Lustspiel ebenso an wie das

griechische; immer aber mag in demselben etwas von der landschaftlichen

Opposition gegen das grossstaedtische Wesen und Unwesen geherrscht

haben, wie sie gleichzeitig bei Cato und spaeterhin bei Varro

hervortritt. Wie in der deutschen Komoedie, die in ganz aehnlicher

Weise von der franzoesischen ausgegangen war wie die roemische von

der attischen, sehr bald die franzoesische Lisette durch das

Frauenzimmerchen Franziska abgeloest ward, so trat, wenn nicht mit

gleicher poetischer Gewalt, doch in derselben Richtung und vielleicht

mit aehnlichem Erfolg, in Rom neben das hellenisierende das latinische

Nationallustspiel. Wie das griechische Lustspiel kam auch das

griechische Trauerspiel im Laufe dieser Epoche nach Rom. Dasselbe war

ein wertvollerer und in gewisser Hinsicht auch ein leichterer Erwerb

als die Komoedie. Die Grundlage des Trauerspiels, das griechische,

namentlich das Homerische Epos, war den Roemern nicht fremd und bereits

mit ihrer eigenen Stammsage verflochten; und ueberhaupt ward der

empfaengliche Fremde weit leichter heimisch in der idealen Welt der

heroischen Mythen als auf dem Fischmarkt von Athen. Dennoch hat auch das

Trauerspiel, nur minder schroff und minder gemein, die antinationale

und hellenisierende Weise gefoerdert; wobei es von der entscheidendsten

Wichtigkeit war, dass die griechische tragische Buehne dieser Zeit

vorwiegend von Euripides (274, 348 480, 406) beherrscht ward. Diesen

merkwuerdigen Mann und seine noch viel merkwuerdigere Wirkung auf Mit-

und Nachwelt erschoepfend darzustellen, ist dieses Ortes nicht; aber

die geistige Bewegung der spaeteren griechischen und der

griechisch-roemischen Epoche ward so sehr durch ihn bestimmt, dass

es unerlaesslich ist, sein Wesen wenigstens in den Grundzuegen zu

skizzieren. Euripides gehoert zu denjenigen Dichtern, welche die Poesie

zwar auf eine hoehere Stufe heben, aber in diesem Fortschritt bei

weitem mehr das richtige Gefuehl dessen, was sein sollte, als die

Macht offenbaren, dies poetisch zu erschaffen. Das tiefe Wort, welches

sittlich wie poetisch die Summe aller Tragik zieht, dass Handeln Leiden

ist, gilt freilich auch fuer die antike Tragoedie; den handelnden

Menschen stellt sie dar, aber eigentliche Individualisierung ist ihr

fremd. Die unuebertroffene Grossheit, womit der Kampf des Menschen und

des Schicksals bei Aeschylos sich vollzieht, beruht wesentlich darauf,

dass jede der ringenden Maechte nur im ganzen aufgefasst wird; das

wesenhafte Menschliche ist im 'Prometheus' und 'Agamemnon' nur leicht

angehaucht von dichterischer Individualisierung. Sophokles fasst wohl

die Menschennatur in ihrer allgemeinen Bedingtheit, den Koenig, den

Greis, die Schwester; aber den Mikrokosmos des Menschen in seiner

Allseitigkeit, den Charakter bringt keine einzelne seiner Gestalten

zu Anschauung. Es ist hier ein hohes Ziel erreicht, aber nicht das

hoechste; die Schilderung des Menschen in seiner Ganzheit und die

Verflechtung dieser einzelnen, in sich fertigen Gestalten zu einer

hoeheren poetischen Totalitaet ist eine Steigerung und darum sind,

gegen Shakespeare gehalten, Aeschylos und Sophokles unvollkommene

Entwicklungsstufen. Allein wie Euripides es unternimmt, den Menschen

darzustellen wie er ist, liegt darin mehr ein logischer und in gewissem

Sinn ein geschichtlicher als ein dichterischer Fortschritt. Er hat

die antike Tragoedie zu zerstoeren, nicht die moderne zu erschaffen

vermocht. Ueberall blieb er auf halbem Wege stehen. Die Masken, durch

welche die Aeusserung des Seelenlebens gleichsam aus dem Besonderen

ins Allgemeine uebersetzt wird, sind fuer die typische Tragoedie

des Altertums ebenso notwendig wie mit dem Charaktertrauerspiel

unvertraeglich; Euripides aber behielt sie bei. Mit bewundernswert

feinem Gefuehl hatte die aeltere Tragoedie das dramatische Element, das

frei walten zu lassen sie nicht vermochte, niemals rein dargestellt,

sondern es stets durch die epischen Stoffe aus der Uebermenschenwelt

der Goetter und Heroen und durch die lyrischen Choere gewissermassen

gebunden. Man fuehlt es, dass Euripides an diesen Ketten riss: er ging

mit seinen Stoffen wenigstens bis in die halb historische Zeit hinab und

seine Chorlieder traten so zurueck, dass man bei spaeteren Auffuehrungen

sie haeufig und wohl kaum zum Nachteil der Stuecke wegliess - aber doch

hat er weder seine Gestalten voellig auf den Boden der Wirklichkeit

gestellt noch den Chor ganz beiseite geworfen. Durchaus und nach

allen Seiten hin ist er der volle Ausdruck einer Zeit einerseits der

grossartigsten geschichtlichen und philosophischen Bewegung, anderseits

der Truebung des Urquells aller Poesie, der reinen und schlichten

Volkstuemlichkeit. Wenn die ehrfuerchtige Froemmigkeit der aelteren

Tragiker deren Stuecke gleichsam mit einem Abglanz des Himmels

ueberstroemt, wenn die Abgeschlossenheit des engen Horizontes der

aelteren Hellenen auch ueber den Hoerer ihre befriedende Macht uebt, so

erscheint die Euripideische Welt in dem fahlen Schimmer der Spekulation

so entgoettlicht wie durchgeistigt, und truebe Leidenschaften zucken

wie die Blitze durch die grauen Wolken hin. Der alte, tiefe innerliche

Schicksalsglaube ist verschwunden; das Fatum regiert als aeusserlich

despotische Macht, und knirschend tragen die Knechte ihre Fesseln.

Derjenige Unglaube, welcher der verzweifelnde Glaube ist, redet aus

diesem Dichter mit daemonischer Gewalt. Notwendigerweise gelangt also

der Dichter niemals zu einer ihn selber ueberwaeltigenden plastischen

Konzeption und niemals zu einer wahrhaft poetischen Wirkung im

ganzen; weshalb er auch sich gegen die Komposition seiner Trauerspiele

gewissermassen gleichgueltig verhalten, ja hierin nicht selten geradezu

gesudelt und seinen Stuecken weder in einer Handlung noch in einer

Persoenlichkeit einen Mittelpunkt gegeben hat - die liederliche

Manier, den Knoten durch den Prolog zu schuerzen und durch eine

Goettererscheinung oder eine aehnliche Plumpheit zu loesen, hat recht

eigentlich Euripides aufgebracht. Alle Wirkung liegt bei ihm im Detail,

und mit allerdings grosser Kunst ist hierin von allen Seiten alles

aufgeboten, um den unersetzlichen Mangel poetischer Totalitaet zu

verdecken. Euripides ist Meister in den sogenannten Effekten, welche in

der Regel sinnlich sentimental gefaerbt sind und oft noch durch einen

besonderen Hautgout, zum Beispiel durch Verwehung von Liebesstoffen

mit Mord oder Inzest, die Sinnlichkeit stacheln. Die Schilderungen der

willig sterbenden Polyxena, der vor geheimem Liebesgram vergehenden

Phaedra, vor allem die prachtvolle der mystisch verzueckten Bakchen

sind in ihrer Art von der groessten Schoenheit; aber sie sind weder

kuenstlerisch noch sittlich rein und Aristophanes' Vorwurf, dass der

Dichter keine Penelope zu schildern vermoege, vollkommen begruendet.

Verwandter Art ist das Hineinziehen des gemeinen Mitleids in die

Euripideische Tragoedie. Wenn seine verkuemmerten Heroen, wie der

Menelaos in der 'Helena', die Andromache, die Elektra als arme

Baeuerin, der kranke und ruinierte Kaufmann Telephos, widerwaertig oder

laecherlich und in der Regel beides zugleich sind, so machen

dagegen diejenigen Stuecke, die mehr in der Atmosphaere der gemeinen

Wirklichkeit sich halten und aus dem Trauerspiel in das ruehrende

Familienstueck und beinahe schon in die sentimentale Komoedie

uebergehen, wie die 'Iphigenie in Aulis', der 'Ion', die 'Alkestis'

vielleicht unter all seinen zahlreichen Werken die erfreulichste

Wirkung. Ebenso oft, aber mit geringerem Glueck versucht der Dichter das

Verstandesinteresse ins Spiel zu bringen. Dahin gehoert die verwickelte

Handlung, welche darauf berechnet ist, nicht wie die aeltere Tragoedie

das Gemuet zu bewegen, sondern vielmehr die Neugierde zu spannen;

dahin der dialektisch zugespitzte, fuer uns Nichtathener oft geradezu

unertraegliche Dialog; dahin die Sentenzen, die wie die Blumen im

Ziergarten durch die Euripideischen Stuecke ausgestreut sind; dahin

vor allem die Euripideische Psychologie, die keineswegs auf unmittelbar

menschlicher Nachempfindung, sondern auf rationeller Erwaegung beruht.

Seine Medeia ist insofern allerdings nach dem Leben geschildert, als

sie vor ihrer Abfahrt gehoerig mit Reisegeld versehen wird; von dem

Seelenkampf zwischen Mutterliebe und Eifersucht wird der unbefangene

Leser nicht viel bei Euripides finden. Vor allem aber ist in den

Euripideischen Tragoedien die poetische Wirkung ersetzt durch die

tendenzioese. Ohne eigentlich unmittelbar in die Tagesfragen einzutreten

und durchaus mehr die sozialen als die politischen Fragen ins Auge

fassend, trifft doch Euripides in seinen innerlichen Konsequenzen

zusammen mit dem gleichzeitigen politischen und philosophischen

Radikalismus und ist der erste und oberste Apostel der neuen, die alte

attische Volkstuemlichkeit aufloesenden kosmopolitischen Humanitaet.

Hierauf beruht wie die Opposition, auf die der ungoettliche und

unattische Dichter bei seinen Zeitgenossen stiess, so auch der

wunderbare Enthusiasmus, mit welchem die juengere Generation und das

Ausland dem Dichter der Ruehrung und der Liebe, der Sentenz und der

Tendenz, der Philosophie und der Humanitaet sich hingab. Das griechische

Trauerspiel schritt mit Euripides ueber sich selber hinaus und brach

also zusammen; aber des weltbuergerlichen Dichters Erfolg ward dadurch

nur gefoerdert, da gleichzeitig auch die Nation ueber sich hinausschritt

und gleichfalls zusammenbrach. Die Aristophanische Kritik mochte

sittlich wie poetisch vollkommen das Richtige treffen; aber die Dichtung

wirkt nun einmal geschichtlich nicht in dem Masse ihres absoluten

Wertes, sondern in dem Masse, wie sie den Geist der Zeit vorzufuehlen

vermag, und in dieser Hinsicht ist Euripides unuebertroffen. So ist es

denn gekommen, dass Alexander ihn fleissig las, dass Aristoteles den

Begriff des tragischen Dichters im Hinblick auf ihn entwickelte, dass

die juengste dichtende wie bildende Kunst in Attika aus ihm gleichsam

hervorging, das neuattische Lustspiel nichts tat, als den Euripides

ins Komische uebertragen, und die in den spaeteren Vasenbildern uns

entgegentretende Malerschule ihre Stoffe nicht mehr den alten Epen,

sondern der Euripideischen Tragoedie entnahm, dass endlich, je mehr das

alte Hellas dem neuen Hellenismus wich, des Dichters Ruhm und Einfluss

mehr und mehr stieg und das Griechentum im Auslande, in Aegypten wie

in Rom, unmittelbar oder mittelbar wesentlich durch Euripides bestimmt

ward. Der Euripideische Hellenismus ist durch die verschiedenartigsten

Kanaele nach Rom geflossen und mag daselbst wohl rascher und tiefer

mittelbar gewirkt haben als geradezu in der Form der Uebersetzung. Die

tragische Schaubuehne ist in Rom nicht gerade spaeter eroeffnet worden

als die komische; allein sowohl die bei weitem groesseren Kosten

der tragischen Inszenierung, worauf doch, wenigstens waehrend des

Hannibalischen Krieges, ohne Zweifel Ruecksicht genommen worden ist,

als auch die Beschaffenheit des Publikums hielten die Entwicklung der

Tragoedie zurueck. In den Plautinischen Lustspielen wird auf Tragoedien

nicht gerade oft hingedeutet, und die meisten Anfuehrungen der Art

moegen aus den Originalen heruebergenommen sein. Der erste und einzig

erfolgreiche Tragoediendichter dieser Zeit war des Naevius und Plautus

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 47 / 51 段