latinischen Kolonien im Jahre 550 (204) auferlegten Nachleistungen (Liv.
29, 15; oben 2, 175). ^13 Man kann darum auch bei Plautus kaum mit
der Annahme von Anspielungen auf Zeitereignisse vorsichtig genug sein.
Vielen verkehrten Scharfsinn dieser Art hat die neueste Untersuchung
beseitigt; aber sollte nicht auch die Beziehung auf die Bacchanalien,
welche im Cas. 5, 4, 11 gefunden wird (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 192),
zensurwidrig sein? Man koennte sogar die Sache umkehren und aus den
Erwaehnungen des Bacchusfestes in der 'Casina' und einigen anderen
Stuecken (Amph. 703; Aul. 3, 1, 3; Bacch. 53, 371; Mil. 1016 und
besonders Men. 836) den Schluss ziehen, dass dieselben zu einer Zeit
geschrieben sind, wo es noch nicht verfaenglich war, von Bacchanalien
zu reden. ------------------------------------------------- Allein
die roemische Polizei war nicht gemeint, gleich der attischen die
Buehneninvektiven und politischen Diatriben zu privilegieren oder auch
nur zu dulden. Naevius ward wegen solcher und aehnlicher Ausfaelle in
den Block geschlossen und musste sitzen, bis er in anderen Komoedien
oeffentlich Busse und Abbitte getan hatte. Ihn trieben diese Haendel,
wie es scheint, aus. der Heimat; seine Nachfolger aber liessen durch
sein Beispiel sich warnen - einer derselben deutet sehr verstaendlich
an, dass er ganz und gar nicht Lust habe, gleich dem Kollegen Naevius
der unfreiwilligen Maulsperre zu unterliegen. So ward es durchgesetzt,
was in seiner Art nicht viel weniger einzig ist als die Besiegung
Hannibals, dass in einer Epoche der fieberhaftesten Volksaufregung
eine volkstuemliche Schaubuehne von der vollstaendigsten politischen
Farblosigkeit entstand. Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng
und peinlich gezogenen Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht
mit Unrecht mochte Naevius die Lage des Dichters unter dem Szepter der
Lagiden und Seleukiden, verglichen mit derjenigen in dem freien Rom,
beneidenswert nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen ward natuerlich
bestimmt durch die Beschaffenheit des eben vorliegenden Originals und
das Talent des einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller individuellen
Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen
Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele
denselben Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst
wurden. Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen
im hoechsten Grade frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die
Originalstuecke vor derselben Gesellschaft spielten, die sie kopierten,
und eben hierin ihr hauptsaechlichster Reiz lag, so war das roemische
Publikum dieser Zeit von dem attischen so verschieden, dass es jene
auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu verstehen. Von
dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die Anmut und
Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere. Die
Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein Stueck
Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen, oder
der Herr mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern die
roemischen Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in Athen
gewoehnliche Dinge nicht zu stossen ^15; und als man spaeter Lustspiele
in roemischem Kostuem zu schreiben anfing, musste die Rolle des
pfiffigen Bedienten herausgeworfen werden, weil das roemische Publikum
solche, ihre Herren uebersehende und gaengelnde Sklaven nicht vertrug.
Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die an sich derber
und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die
Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische
Bearbeiter manche und wahrscheinlich eben die feinsten und
originellsten, wie zum Beispiel die Thais, die Hochzeitskoechin, die
Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen Menanders, ganz liegen lassen und
sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen Gewerbe halten, mit welchen
der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete griechische Tafelluxus
sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der Kochkuenstler und der
Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so auffallender Vorliebe
und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel dazu darin,
dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem roemischen
Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen Spassmacher zu
halten, sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu setzen noetig
fand. In gleicher Weise konnte der Uebersetzer von der eleganten
attischen Konversation seiner Originale einen sehr grossen Teil nicht
brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und Bordellwirtschaft Athens
stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr wie der deutsche
Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die eigentliche
Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die Esspartien blieben
freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr zahlreich, aber
ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei und die
raffinierten Saucen und Fischgerichte der derbe roemische
Schweinebraten. Von den Raetselreden und Trinkliedern, von der
griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den Originalen eine so
grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier und da eine
verlorene Spur. ------------------------------------------- ^14 Etwas
anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem 'Maedel von Tarent' nicht
bedeuten: Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand, Dass das kein
Koenig irgend anzufechten wagt - Wie viel besser als hier der Freie
hat's darin der Knecht! ^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum
dachte, kann man zum Beispiel bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728)
sehen: Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur: Der Name; in
allem andern ist nicht schlechter als Der freie Mann der Sklave,
welcher brav sich fuehrt. ----------------------------------------- Die
Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht auf
ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren, draengte
sie unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und
Durcheinanderwerfens hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition
sich vertrug. Es war gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des Originals
herauszuwerfen, sondern auch dafuer andere aus anderen Lustspielen
desselben oder auch eines anderen Dichters wieder einzustuecken; was
freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition der Originale und
ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so arg war, wie es
scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der aelteren Zeit sich
die Dichter hinsichtlich der Komposition die seltsamsten Lizenzen. Die
Handlung des sonst so vortrefflichen 'Stichus' (aufgefuehrt 554 200)
besteht darin, dass zwei Schwestern, welche der Vater veranlassen
moechte, sich von ihren abwesenden Ehemaennern zu scheiden, die
Penelopen spielen, bis die Maenner mit reichem Kaufmannsgewinn und als
Praesent fuer den Schwiegervater mit einem huebschen Maedchen wieder
nach Hause kommen. In der 'Casina', die bei dem Publikum ganz besonders
Glueck machte, kommt die Braut, von der das Stueck heisst und um die es
sich dreht, gar nicht zum Vorschein, und die Aufloesung wird ganz naiv
als "spaeter drinnen vor sich gehend" vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt
wird sehr oft die Verwicklung ueber das Knie gebrochen, ein
angesponnener Faden fallengelassen und was dergleichen Zeichen einer
unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache hiervon ist wahrscheinlich weit
weniger in der Ungeschicklichkeit der roemischen Bearbeiter zu suchen
als in der Gleichgueltigkeit des roemischen Publikums gegen die
aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes bildete sich der Geschmack.
In den spaeteren Stuecken hat Plautus offenbar mehr Sorgfalt auf
die Komposition gewendet und 'Die Gefangenen' zum Beispiel, der
'Luegenbold', 'Die beiden Bacchis' sind in ihrer Art meisterhaft
gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius, von dem wir keine Stuecke mehr
besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich vorzugsweise durch die
kunstmaessigere Behandlung des Sujets auszeichnete. In der Behandlung
des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten, seinen roemischen
Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu bringen, und die
Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu halten, die
wunderlichsten Kontraste herbei. Die roemischen Goetter, die sakralen,
militaerischen, juristischen Ausdruecke der Roemer, nehmen sich seltsam
aus in der griechischen Welt; bunt durcheinander gehen die roemischen
Aedilen und Dreiherren mit den Agoranomen und Demarchen; in Aetolien
oder Epidamnos spielende Stuecke schicken den Zuschauer ohne Bedenken
nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine solche klecksartige
Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den griechischen Grund ist
eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven Art oft sehr spasshaften
Interpolationen sind weit ertraeglicher als die durchgaengige Umstimmung
der Stuecke ins Rohe, welche bei der keineswegs attischen Bildung des
Publikums den Bearbeitern notwendig schien. Freilich mochten schon von
den neuattischen Poeten manche in der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe
beduerfen; Stuecke wie die Plautinische 'Eselskomoedie' werden ihre
unuebertreffliche Plattheit und Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer
verdanken. Aber es walten doch in den roemischen Komoedien die rohen
Motive in einer Weise vor, dass die Uebersetzer hierin entweder
interpoliert oder mindestens sehr einseitig kompiliert haben muessen.
In der unendlichen Pruegelfuelle und der stets ueber dem Ruecken
der Sklaven schwebenden Peitsche erkennt man deutlich das catonische
Hausregiment, sowie die catonische Opposition gegen die Frauen in dem
nimmer endenden Heruntermachen der Weiber. Unter den Spaessen eigener
Erfindung, mit welchen die roemischen Bearbeiter die elegante attische
Konversation zu wuerzen fuer gut befunden haben, finden sich manche
von einer kaum glaublichen Gedankenlosigkeit und Roheit ^16.
---------------------------------------------------- ^16 So ist zum
Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem Plautinischen
'Stichus' der Vater mit seinen Toechtern ueber die Eigenschaften einer
guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage eingelegt, ob es besser
sei, eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten, bloss um darauf mit
einem nicht minder ungehoerigen und im Munde der Sprecherin geradezu
unsinnigen Gemeinplatz gegen die Frauen zu antworten. Aber das ist
Kleinigkeit gegen den folgenden Fall. In Menanders 'Halsband' klagt ein
Ehemann dem Freunde seine Not: A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du
weisst Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert Und
die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt, Gott weiss es! von
allem Ungemach das aergste uns; Zur Last ist sie all' und jedem, nicht
bloss mir allein, Dem Sohn auch und gar der Tochter. - B: Allerdings,
ich weiss, So ist es. In der lateinischen Bearbeitung des Caecilius
ist aus diesem, in seiner grossen Einfachheit eleganten Gespraech der
folgende Flegeldialog geworden: B: Deine Frau ist also zaenkisch, nicht?
- A: Ei schweig davon! - B: Wieso? - A: Ich mag nichts davon hoeren.
Komm' ich etwa dir Nach Haus und setze mich, augenblicks versetzt sie
mir Einen nuechternen Kuss. - B: Ei nun, mit dem Kusse trifft sie's
schon; Ausspeien sollst du, meint sie, was du auswaerts trankst.
------------------------------------------------- Was dagegen die
metrische Behandlung anlangt, so macht im ganzen der geschmeidige und
klingende Vers den Bearbeitern alle Ehre. Wenn die jambischen Trimeter,
die in den Originalen vorherrschten und ihrem maessigen Konversationston
allein angemessen waren, in der lateinischen Bearbeitung sehr haeufig
durch jambische oder trochaeische Tetrameter ersetzt worden sind, so
wird auch hiervon die Ursache weniger in der Ungeschicklichkeit der
Bearbeiter zu suchen sein, die den Trimeter gar wohl zu handhaben
wussten, als in dem ungebildeten Geschmack des roemischen Publikums,
dem der praechtige Vollklang der Langverse auch da gefiel, wo er nicht
hingehoerte. Endlich traegt auch die Inszenierung der Stuecke den
gleichen Stempel der Gleichgueltigkeit der Direktion wie des Publikums
gegen die aesthetischen Anforderungen. Die griechische Schaubuehne,
welche schon wegen des Umfangs des Theaters und des Spielens bei Tage
auf ein eigentliches Gebaerdenspiel verzichtete, die Frauenrollen mit
Maennern besetzte und einer kuenstlichen Verstaerkung der Stimme des
Schauspielers notwendig bedurfte, ruhte in szenischer wie in akustischer
Hinsicht durchaus auf dem Gebrauch der Gesichts- und Schallmasken.
Diese waren auch in Rom wohlbekannt; bei den Dilettantenauffuehrungen
erschienen die Spieler ohne Ausnahme maskiert. Dennoch wurden den
Schauspielern, welche die griechischen Lustspiele in Rom auffuehren
sollten, die dafuer notwendigen, freilich ohne Zweifel viel
kuenstlicheren Masken nicht gegeben; was denn, von allem andern
abgesehen, in Verbindung mit der mangelhaften akustischen Einrichtung
der Buehne ^17 den Schauspieler nicht bloss noetigte seine Stimme
ueber die Gebuehr anzustrengen, sondern schon den Livius zu dem hoechst
unkuenstlerischen, aber unvermeidlichen Ausweg zwang, die Gesangstuecke
durch einen ausserhalb des Spielerpersonals stehenden Saenger vortragen
und von dem Schauspieler, in dessen Rolle sie fielen, nur durch stummes
Spiel darstellen zu lassen. Ebensowenig fanden die roemischen Festgeber
ihre Rechnung dabei, sich fuer Dekorationen und Maschinerie in
wesentliche Kosten zu setzen. Auch die attische Buehne stellte
regelmaessig eine Strasse mit Haeusern im Hintergrunde vor und hatte
keine wandelbaren Dekorationen; allein man besass doch ausser anderem
mannigfaltigen Apparat namentlich eine Vorrichtung, um eine kleinere,
das Innere eines Hauses vorstellende Buehne auf die Hauptszene
hinauszuschieben. Das roemische Theater aber ward damit nicht versehen,
und man kann es darum dem Poeten kaum zum Vorwurf machen, wenn
alles, sogar das Wochenbett auf der Strasse abgehalten wird.
---------------------------------------------------- ^17 Selbst als man
steinerne Theater baute, mangelten diesen die Schallgefaesse, wodurch
die griechischen Baumeister die Schauspieler unterstuetzten (Vitr. 5,
5, 8). ---------------------------------------------------- So war das
roemische Lustspiel des sechsten Jahrhunderts beschaffen. Die Art und
Weise, wie man die griechischen Schauspiele nach Rom uebertrug, gewaehrt
von dem verschiedenartigen Kulturstand ein geschichtlich unschaetzbares
Bild; in aesthetischer wie in sittlicher Hinsicht aber stand das
Original nicht hoch und das Nachbild noch tiefer. Die Welt bettelhaften
Gesindels, wie sehr auch die roemischen Bearbeiter sie unter der Wohltat
des Inventars antraten, erschien doch in Rom verschlagen und fremdartig,
die feine Charakteristik gleichsam weggeworfen; die Komoedie stand
nicht mehr auf dem Boden der Wirklichkeit, sondern die Personen und
Situationen schienen wie ein Kartenspiel, willkuerlich und gleichgueltig
gemischt; im Original ein Lebens-, ward sie in der Bearbeitung ein
Zerrbild. Bei einer Direktion, die imstande war, einen griechischen Agon
mit Floetenspiel, Taenzerchoeren, Tragoeden und Athleten anzukuendigen
und schliesslich denselben in eine Pruegelei zu verwandeln, vor einem
Publikum, welches, wie noch spaetere Dichter klagen, in Masse aus dem
Schauspiel weglief, wenn es Faustkaempfer oder Seiltaenzer oder gar
Fechter zu sehen gab, mussten Dichter, wie die roemischen waren,
Lohnarbeiter von gesellschaftlich niedriger Stellung, wohl selbst wider
die eigene bessere Einsicht und den eigenen besseren Geschmack sich
der herrschenden Frivolitaet und Roheit mehr oder minder fuegen. Es ist
alles Moegliche, dass nichtsdestoweniger einzelne lebende und frische
Talente unter ihnen aufstanden, die das Fremdlaendische und Gemachte
in der Poesie wenigstens zurueckzudraengen und in den einmal gewiesenen
Bahnen zu erfreulichen und selbst bedeutenden Schoepfungen zu gelangen
vermochten. An ihrer Spitze steht Gnaeus Naevius, der erste Roemer, der
es verdient, ein Dichter zu heissen und, soweit die ueber ihn erhaltenen
Berichte und die geringen Bruchstuecke seiner Werke uns ein Urteil
gestatten, allem Anschein nach eines der merkwuerdigsten und
bedeutendsten Talente in der roemischen Literatur ueberhaupt. Er war
des Andronicus juengerer Zeitgenosse - seine poetische Taetigkeit begann
bedeutend vor und endigte wahrscheinlich erst nach dem Hannibalischen
Kriege - und im allgemeinen von ihm abhaengig; auch er war, wie das in
gemachten Literaturen zu sein pflegt, in allen von seinem Vorgaenger
aufgebrachten Kunstgattungen, im Epos, im Trauer- und Lustspiel,
zugleich taetig und schloss auch im Metrischen sich eng an ihn an.
Nichtsdestoweniger trennt die Dichter wie die Dichtungen eine ungeheure
Kluft. Naevius war kein Freigelassener, kein Schulmeister und kein
Schauspieler, sondern ein zwar nicht vornehmer, aber unbescholtener
Buerger, wahrscheinlich einer der latinischen Gemeinden Kampaniens, und
Soldat im Ersten Punischen Kriege ^18. Recht im Gegensatz zu Livius ist
Naevius' Sprache bequem und klar, frei von aller Steifheit und von
aller Affektion und scheint selbst im Trauerspiel dem Pathos gleichsam
absichtlich aus dem Wege zu gehen; die Verse, trotz des nicht seltenen
Hiatus und mancher anderen, spaeterhin beseitigten Lizenzen, fliessen
leicht und schoen ^19. Wenn die Quasipoesie des Livius etwa wie bei uns
die Gottschedische aus rein aeusserlichen Impulsen hervor- und durchaus
am Gaengelbande der Griechen ging, so emanzipierte sein Nachfolger die
roemische Poesie und traf mit der wahren Wuenschelrute des Dichters
diejenigen Quellen, aus denen allein in Italien eine volkstuemliche
Dichtung entspringen konnte: die Nationalgeschichte und die Komik.
Die epische Dichtung lieferte nicht mehr bloss dem Schulmeister ein
Lesebuch, sondern wandte sich selbstaendig an das hoerende und
lesende Publikum. Die Buehnendichtung war bisher, gleich der
Kostuemverfertigung, ein Nebengeschaeft des Schauspielers oder eine
Handlangerei fuer denselben gewesen; mit Naevius wandte das Verhaeltnis
sich um und der Schauspieler ward nun der Diener des Dichters. Durchaus
bezeichnet seine poetische Taetigkeit ein volkstuemliches Gepraege. Es
tritt am bestimmtesten hervor in seinem ernsten Nationalschauspiel und
in seinem Nationalepos, wovon spaeter noch die Rede sein wird; aber auch
in den Lustspielen, die unter allen seinen poetischen Leistungen die
seinem Talent am meisten zusagenden und erfolgreichsten gewesen zu sein
scheinen, haben, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich nur aeussere
Ruecksichten den Dichter bestimmt, sich so, wie er es tat, den
griechischen Originalen anzuschliessen und dennoch ihn nicht gehindert,
in frischer Lustigkeit und im vollen Leben in der Gegenwart seine
Nachfolger und wahrscheinlich selbst die matten Originale weit
hinter sich zurueckzulassen, ja in gewissem Sinne in die Bahnen des
Aristophanischen Lustspiels einzulenken. Er hat es wohl empfunden und in
seiner Grabschrift auch ausgesprochen, was er seiner Nation gewesen ist:
Wenn Goettern um den Menschen - Totentrauer ziemte, Den Dichter Naevius
klagten - goettliche Camenen; Dieweil, seit er hinunter - zu den
Schatten abschied, Verschollen ist in Rom der - Ruhm der roemischen
Rede. ------------------------------------------------- ^18 Die
Personalnotizen ueber Naevius sind arg verwirrt. Da er im Ersten
Punischen Kriege focht, kann er nicht nach 495 (259) geboren sein. 519
(235) wurden Schauspiele, wahrscheinlich die ersten, von ihm gegeben
(Gell. 12, 21, 45). Dass er schon 550 (204) gestorben sei, wie
gewoehnlich angegeben wird, bezweifelte Varro (bei Cic. Brut. 15,
60) gewiss mit Recht; waere es wahr, so muesste er waehrend des
Hannibalischen Krieges in Feindesland entwichen sein. Auch die
Spottverse auf Scipio koennen nicht vor der Schlacht bei Zama
geschrieben sein. Man wird sein Leben zwischen 490 (264) und 560 (194)
setzen duerfen, so dass er Zeitgenosse der beiden 543 (211) gefallenen
Scipionen (Cic. rep. 4, 10), zehn Jahre juenger als Andronicus und
vielleicht zehn Jahre aelter als Plautus war. Seine kampanische Herkunft
deutet Gellius, seine latinische Nationalitaet, wenn es dafuer der
Beweise beduerfte, er selbst in der Grabschrift an. wenn er nicht
roemischer Buerger, sondern etwa Buerger von Cales oder einer anderen
latinischen Stadt Kampaniens war, so erklaert es sich leichter, dass ihn
die roemische Polizei so ruecksichtslos behandelte. Schauspieler war er
auf keinen Fall, da er im Heere diente. ^19 Man vergleiche zum
Beispiel mit den livianischen das Bruchstueck aus Naevius' Trauerspiel
'Lycurgus': Die ihr des koeniglichen Leibes haltet Wacht, Sogleich zum
laubesreichen Platze macht euch auf, Wo willig ungepflanzt emporsprosst
das Gebuesch. Oder die beruehmten Worte, die in 'Hektors Abschied'
Hektor zu Priamos sagt: Lieblich, Vater, klingt von dir mir Lob, dem
vielgelobten Mann. und den reizenden Vers aus dem 'Maedel von Tarent':
Alii adnutat, alii adnictat; alium amat, alium tenet. Zu diesem
nickt sie, nach jenem blickt sie; diesen im Herzen, den im Arm.
---------------------------------------------- Und solcher Maenner- und
Dichterstolz ziemte wohl dem Manne, der die Kaempfe gegen Hamilkar und
gegen Hannibal teils miterlebte, teils selber mitfocht, und der fuer die
tief bewegte und in gewaltigem Freudenjubel gehobene Zeit nicht gerade
den poetisch hoechsten, aber wohl einen tuechtigen, gewandten und
volkstuemlichen dichterischen Ausdruck fand. Es ist schon erzaehlt
worden, in welche Haendel mit den Behoerden er darueber geriet und
wie er, vermutlich dadurch von Rom vertrieben, sein Leben in Utica
beschloss. Auch hier ging das individuelle Leben ueber dem gemeinen
Besten, das Schoene ueber dem Nuetzlichen zugrunde. In der aeusseren
Stellung wie in der Auffassung seines Dichterberufs scheint ihm sein
juengerer Zeitgenosse, Titus Maccius Plautus (500? - 570 254- 184).
weit nachgestanden zu haben. Gebuertig aus dem kleinen, urspruenglich
umbrischen, aber damals, vielleicht schon latinisierten Staedtchen
Sassina, lebte er in Rom als Schauspieler und, nachdem er den damit
gemachten Gewinn in kaufmaennischen Spekulationen wieder eingebuesst
hatte, als Theaterdichter von der Bearbeitung griechischer Lustspiele,
ohne in einem anderen Fache der Literatur taetig zu sein und
wahrscheinlich ohne Anspruch auf eigentliches Schriftstellertum zu
machen. Solcher handwerksmaessigen Komoedienbearbeiter scheint es in
Rom damals eine ziemliche Zahl gegeben zu haben; allein ihre Namen sind,
zumal da sie wohl durchgaengig ihre Stuecke nicht publizierten ^20, so
gut wie verschollen, und was von diesem Repertoire sich erhielt, ging
spaeterhin auf den Namen des populaersten unter ihnen, des Plautus. Die
Literatoren des folgenden Jahrhunderts zaehlten bis hundertunddreissig
solcher "plautinischer Stuecke", von denen indes auf jeden Fall ein
grosser Teil nur von Plautus durchgesehen oder ihm ganz fremd war; der
Kern derselben ist noch vorhanden. Ein gegruendetes Urteil ueber die
poetische Eigentuemlichkeit des Bearbeiters zu faellen, ist dennoch sehr
schwer, wo nicht unmoeglich, da die Originale uns nicht erhalten sind.
Dass die Bearbeitung ohne Auswahl gute wie schlechte Stuecke uebertrug,
dass sie der Polizei wie dem Publikum gegenueber untertaenig und