Bd. 1, S. XIX, 223) und dasselbe muss wohl von den Fremden gelten,
abgesehen natuerlich von den Gaesten der Gemeinde, die unter oder neben
den Senatoren Platz nahmen (Varro 5, 155; Tust. 43, 5, 10; Suet.
Aug. 44). ---------------------------------------------- Durch
die Einfuehrung des griechischen Dramas steigerten sich wohl die
Anforderungen an das Buehnenpersonal und es scheint an faehigen Leuten
kein Oberfluss gewesen zu sein - ein Stueck des Naevius musste einmal
in Ermangelung von Schauspielern durch Dilettanten aufgefuehrt werden.
Allein. in der Stellung des Kuenstlers aenderte sich dadurch nichts;
der Poet oder, wie er in dieser Zeit genannt ward, der "Schreiber", der
Schauspieler und der Komponist gehoerten nach wie vor nicht bloss zu der
an sich gering geachteten Klasse der Lohnarbeiter, sondern wurden auch
vor wie nach in der oeffentlichen Meinung auf die markierteste Weise
zurueckgesetzt und polizeilich misshandelt (l, 475). Natuerlich hielten
sich alle reputierlichen Leute von diesem Gewerbe fern - der Direktor
der Truppe (dominus gregis, factionis, auch choragus), in der Regel
zugleich der Hauptschauspieler, war meist ein Freigelassener, ihre
Glieder in der Regel seine Sklaven; die Komponisten, die uns genannt
werden, sind saemtlich Unfreie. Der Lohn war nicht bloss gering - ein
Buehnendichterhonorar von 8000 Sesterzen (600 Taler) wird kurz nach dem
Ende dieser Periode als ein ungewoehnlich hohes bezeichnet -, sondern
ward ueberdies von den festgebenden Beamten nur gezahlt, wenn das
Stueck nicht durchfiel. Mit der Bezahlung war alles abgetan: von
Dichterkonkurrenz und Ehrenpreisen, wie sie in Attika vorkamen, war in
Rom noch nicht die Rede - man scheint daselbst in dieser Zeit, wie
bei uns, nur geklatscht oder ausgepfiffen, auch an jedem Tage nur ein
einziges Stueck zur Auffuehrung gebracht zu haben ^9. Unter solchen
Verhaeltnissen, wo die Kunst um Tagelohn ging und es statt der
Kuenstlerehre nur eine Kuenstlerschande gab, konnte das neue roemische
Nationaltheater weder originell noch ueberhaupt nur kuenstlerisch
sich entwickeln; und wenn der edle Wetteifer der edelsten Athener die
attische Buehne ins Leben gerufen hatte, so konnte die roemische, im
ganzen genommen, nichts werden als eine Sudelkopie davon, bei der man
nur sich wundert, dass sie im einzelnen noch so viel Anmut und Witz zu
entfalten vermocht hat. ----------------------------------------------
^9 Aus den plautinischen Prologen (Cas. 17; Amph. 65) darf auf eine
Preisverteilung nicht geschlossen werden (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S.
229); aber auch Trin. 706 kann sehr wohl dem griechischen Original,
nicht dem Uebersetzer angehoeren, und das voellige Stillschweigen
der Didaskalien und Prologe sowie der gesamten Ueberlieferung ueber
Preisgerichte und Preise ist entscheidend. Dass an jedem Tage nur ein
Stueck gegeben wird, folgt daraus, dass die Zuschauer am Beginn des
Stuecks von Hause kommen (Poen. 10) und nach dem Ende nach Hause gehen
(Epid. Pseud. Rud. Stich. Truc. a. E.). Man kam, wie dieselben Stellen
zeigen, nach dem zweiten Fruehstueck ins Theater und war zur Mittagszeit
wieder zu Hause; es waehrte das Schauspiel also nach unserer Rechnung
etwa von Mittag bis halb drei Uhr, und so lange mag ein Plautinisches
Stueck mit der Musik in den Zwischenakten auch ungefaehr spielen (vgl.
Hor. epist. 2, 1. 1891. Wenn Tacitus (arm. 14 20) die Zuschauer
"ganze Tage" im Theater zubringen laesst, so sind dies Zustaende einer
spaeteren Zeit. ---------------------------------------------- In
der Buehnenwelt ward das Trauerspiel bei weitem durch die Komoedie
ueberwogen; die Stirnen der Zuschauer runzelten sich, wenn statt des
gehofften Lustspiels ein Trauerspiel begann. So ist es gekommen, dass
diese Zeit wohl eigene Komoediendichter, wie Plautus und Caecilius,
aufweist, eigene Tragoediendichter aber nicht begegnen, und dass
unter den dem Namen nach uns bekannten Dramen dieser Epoche auf ein
Trauerspiel drei Lustspiele kommen. Natuerlich griffen die roemischen
I.ustspieldichter oder vielmehr Uebersetzer zunaechst nach den Stuecken,
welche die hellenische Schaubuehne der Zeit beherrschten; und damit
fanden sie sich ausschliesslich ^10 gebannt in den Kreis der neueren
attischen Komoedie und zunaechst ihrer namhaftesten Dichter Philemon
von Soioi in Kilikien (394? - 492 360 - 262) und Menandros von Athen
(412-462 342-292). Dieses Lustspiel ist nicht bloss fuer die roemische
Literatur-, sondern selbst fuer die ganze Volksentwicklung so wichtig
geworden, dass auch die Geschichte Ursache hat, dabei zu verweilen.
------------------------------------------ ^10 Die sparsame Benutzung
der sogenannten mittleren Komoedie der Attiker kommt geschichtlich nicht
in Betracht, da diese nichts war als das minder entwickelte menandrische
Lustspiel. Vor. einer Benutzung der aelteren Komoedie mangelt jede Spur.
Die roemische Hilarotragoedie, die Gattung des Plautinischen Amphitryon,
heisst zwar den roemischen Literarhistorikern die Rhinthonische; aber
auch die neueren Attiker dichteten dergleichen Parodien und es ist nicht
abzusehen, warum die Roemer fuer ihre Uebersetzungen, statt auf
diese naechstliegenden Dichter, vielmehr auf Rinthon und die
aelteren zurueckgegriffen haben sollten.
------------------------------------------ Die Stuecke sind von
ermuedender Einfoermigkeit. Fast ohne Ausnahme drehen sie sich darum,
einem jungen Menschen auf Kosten entweder seines Vaters oder auch des
Bordellhalters zum Besitze eines Liebchens von unzweifelhafter Anmut und
sehr zweifelhafter Sittlichkeit zu verhelfen. Der Weg zum Liebesglueck
geht regelmaessig durch irgendeine Geldprellerei, und der verschmitzte
Bediente, der die benoetigte Summe und die erforderliche Schwindelei
liefert, waehrend der Liebhaber ueber seine Liebes- und Geldnot jammert,
ist das eigentliche Triebrad des Stueckes. Es ist kein Mangel
an obligaten Betrachtungen ueber Freude und Leid der Liebe, an
traenenreichen Abschiedsszenen, an Liebhabern, die vor Herzenspein sich
ein Leides anzutun drohen; die Liebe oder vielmehr die Verliebtheit
war, wie die alten Kunstrichter sagen, der eigentliche Lebenshauch der
Menandrischen Poesie. Den Schluss macht die wenigstens bei Menander
unvermeidliche Hochzeit; wobei noch zu mehrerer Erbauung und
Befriedigung der Zuschauer die Tugend des Maedchens sich herauszustellen
pflegt als wenn nicht ganz, doch so gut wie unbeschaedigt und das
Maedchen selbst als die abhanden gekommene Tochter eines reichen Mannes,
demnach als eine in jeder Hinsicht gute Partie. Neben diesen liebes-
finden sich auch Ruehrstuecke; wie denn zum Beispiel unter den
Plautinischen Komoedien der 'Strick' sich um Schiffbruch und
Asylrecht bewegt, das 'Dreitalerstueck' und 'Die Gefangenen' gar keine
Maedchenintrige enthalten, sondern die edelmuetige Aufopferung des
Freundes fuer den Freund, des Sklaven fuer den Herrn schildern. Personen
und Situationen wiederholen sich dabei wie auf einer Tapete bis ins
einzelne herab, wie man denn gar nicht herauskommt aus den Apartes
ungesehener Horcher, aus dem Anpochen an die Haustueren, aus den mit
irgendeinem Gewerbe durch die Strassen fegenden Sklaven; die stehenden
Masken, deren es eine gewisse feste Zahl, zum Beispiel acht Greisen-,
sieben Bedientenmasken gab, aus denen, in der Regel wenigstens,
der Dichter nur auszuwaehlen hatte, beguenstigten weiter die
schablonenartige Behandlung. Eine solche Komoedie musste wohl das
lyrische Element in der aelteren, den Chor, wegwerfen und sich von Haus
aus auf Gespraech und hoechstens Rezitation beschraenken - mangelte ihr
doch nicht bloss das politische Element, sondern ueberhaupt jede
wahre Leidenschaft und jede poetische Hebung. Auf eine grossartige
und eigentlich poetische Wirkung legten es die Stuecke auch
verstaendigerweise gar nicht an; ihr Reiz bestand zunaechst in der
Verstandesbeschaeftigung durch den Stoff sowohl, wobei die neuere
Komoedie sich von der aelteren ebenso sehr durch die groessere
innerliche Leere wie durch die groessere aeusserliche Verschlungenheit
der Fabel unterschied, als besonders durch die Ausfuehrung im Detail,
wobei namentlich die fein zugespitzte Konversation der Triumph des
Dichters und das Entzuecken des Publikums war. Verwirrungen und
Verwechslungen, womit sich ein Hinuebergreifen in den tollen, oft
zuegellosen Schwank sehr gut vertraegt - wie denn zum Beispiel
die Casina mit dem Abzug der beiden Braeutigame und des als Braut
aufgeputzten Soldaten echt falstaffisch schliesst -, Scherze, Schnurren
und Raetsel, welche ja auch an der attischen Tafel dieser Zeit in
Ermangelung eines wirklichen Gespraechs die stehenden Unterhaltungstoffe
hergaben, fuellen zum guten Teil diese Komoedien aus. Die Dichter
derselben schrieben nicht wie Eupolis und Aristophanes fuer eine grosse
Nation, sondern vielmehr fuer eine gebildete und, wie andere geistreiche
und in tatenloser Geistreichigkeit verkommende Zirkel, in Rebusraten und
Scharadenspiel aufgehende Gesellschaft. Sie geben darum auch kein Bild
ihrer Zeit - von der grossen geschichtlichen und geistigen Bewegung
derselben ist in diesen Komoedien nichts zu spueren, und man muss erst
daran erinnert werden, dass Philemon und Menander wirklich Zeitgenossen
von Alexander und Aristoteles gewesen sind -, aber wohl ein ebenso
elegantes wie treues Bild der gebildeten attischen Gesellschaft,
aus deren Kreisen die Komoedie auch niemals heraustritt. Noch in dem
getruebten lateinischen Abbild, aus dem wir sie hauptsaechlich kennen,
ist die Anmut des Originals nicht voellig verwischt und namentlich
in den Stuecken, die dem talentvollsten unter diesen Dichtern, dem
Menander, nachgebildet sind, das Leben, das der Dichter leben sah und
selber lebte, nicht so sehr in seinen Verirrungen und Verzerrungen, als
in seiner liebenswuerdigen Alltaeglichkeit artig widergespiegelt. Die
freundlichen haeuslichen Verhaeltnisse zwischen Vater und Tochter, Mann
und Frau, Herrn und Diener, mit ihren Liebschaften und sonstigen kleinen
Krisen sind so allgemeingueltig abkonterfeit, dass sie noch heute ihre
Wirkung nicht verfehlen; der Bedientenschmaus zum Beispiel, womit der
'Stichus' schliesst, ist in der Beschraenktheit seiner Verhaeltnisse und
der Eintracht der beiden Liebhaber und des einen Schaetzchens in seiner
Art von unuebertrefflicher Zierlichkeit. Von grosser Wirkung sind die
eleganten Grisetten, die gesalbt und geschmueckt, mit modischem Haarputz
und im bunten goldgestickten Schleppgewande erscheinen oder besser
noch auf der Buehne Toilette machen. In ihrem Gefolge stellen die
Gelegenheitsmacherinnen sich ein, bald von der gemeinsten Sorte, wie
deren eine im 'Curculio' auftritt, bald Duennen gleich Goethes alter
Barbara, wie die Scapha in der Wunderkomoedie; auch an hilfreichen
Bruedern und Kumpanen ist kein Mangel. Sehr reichlich und mannigfaltig
besetzt sind die alten Rollen; es erscheinen umeinander der strenge
und geizige, der zaertliche und weichmuetige, der nachsichtige
gelegenheitsmachende Papa, der verliebte Greis, der alte bequeme
Junggesell, die eifersuechtige bejahrte Hausehre mit ihrer alten, gegen
den Herrn mit der Frau haltenden Magd; wogegen die Juenglingsrollen
zuruecktreten und weder der erste Liebhaber noch der hie und
da begegnende tugendhafte Mustersohn viel bedeuten wollen. Die
Bedientenwelt: der verschmitzte Kammerdiener, der strenge Hausmeister,
der alte wackere Erzieher, der knoblauchduftende Ackerknecht, das
impertinente Juengelchen - leitet schon hinueber zu den sehr zahlreichen
Gewerberollen. Eine stehende Figur darunter ist der Spassmacher
(parasitus), welcher fuer die Erlaubnis, an der Tafel des Reichen
mitzuschmausen, die Gaeste mit Schnurren und Scharaden zu belustigen,
auch nach Umstaenden sich die Scherben an den Kopf werfen zu lassen hat
- es war dies damals in Athen ein foermliches Gewerbe, und sicher ist es
auch keine poetische Fiktion, wenn ein solcher Schmarotzer auftritt, aus
seinen Witz- und Anekdotenbuechern sich eigens praeparierend. Beliebte
Rollen sind ferner der Koch, der nicht bloss mit unerhoerten Saucen zu
renommieren versteht, sondern auch wie ein gelernter Dieb zu stipitzen;
der freche, zu jedem Laster sich mit Vergnuegen bekennende Bordellwirt,
wovon der Ballio im 'Luegenbold' ein Musterexemplar ist; der
militaerische Bramarbas, in dem die Landsknechtwirtschaft
der Diadochenzeit sehr bestimmt anklingt; der gewerbsmaessige
Industrieritter oder der Sykophant, der schuftige Wechsler, der
feierlich alberne Arzt, der Priester, Schiffer, Fischer und dergleichen
mehr. Dazu kommen endlich die eigentlichen Charakterrollen, wie der
Aberglaeubige Menanders, der Geizige in der Plautinischen Topfkomoedie.
Die nationalhellenische Poesie hat auch in dieser ihrer letzten
Schoepfung ihre unverwuestliche plastische Kraft noch bewaehrt; aber die
Seelenmalerei ist hier doch schon mehr aeusserlich kopiert als innerlich
nachempfunden und um so mehr, je mehr die Aufgabe sich den wahrhaft
poetischen naehert - es ist bezeichnend, dass in den eben angefuehrten
Charakterrollen die psychologische Wahrheit grossenteils durch die
abstrakte Begriffsentwicklung vertreten wird, der Geizige hier die
Nagelschnitze sammelt und die vergossene Traene als verschwendetes
Wasser beklagt. Indes dieser Mangel an tiefer Charakteristik und
ueberhaupt die ganze poetische und sittliche Hohlheit dieser neueren
Komoedie faellt weniger den Lustspieldichtern zur Last als der gesamten
Nation. Das spezifische Griechentum war im Verscheiden; Vaterland,
Volksglaube, Haeuslichkeit, alles edle Tun und Sinnen war gewichen,
Poesie, Historie und Philosophie innerlich erschoepft und dem Athener
nichts uebrig geblieben, als die Schule, der Fischmarkt und das Bordell
- es ist kein Wunder und kaum ein Tadel, wenn die Poesie, die die
menschliche Existenz zu verklaeren bestimmt ist, aus einem solchen Leben
nichts weiter machen konnte, als was das Menandrische Lustspiel uns
darstellt. Sehr merkwuerdig ist dabei, wie die Poesie dieser Zeit, wo
immer sie dem zerruetteten attischen Leben einigermassen den Ruecken zu
wenden vermochte, ohne doch in. schulmaessige Nachdichtung zu verfallen,
sofort sich am Ideal staerkt und erfrischt. In dem einzigen Ueberrest
des parodisch-heroischen Lustspiels dieser Zeit, in Plautus'
'Amphitryon' weht durchaus eine reinere und poetischere Luft als
in allen uebrigen Truemmern der gleichzeitigen Schaubuehne; die
gutmuetigen, leise ironisch gehaltenen Goetter, die edlen Gestalten aus
der Heroenwelt, die possierlich feigen Sklaven machen zueinander den
wundervollsten Gegensatz und nach dem drolligen Verlauf der Handlung die
Geburt des Goettersohnes unter Donner und Blitz eine beinahe grossartige
Schlusswirkung. Diese Aufgabe der Mythenironisierung war aber auch
verhaeltnismaessig unschuldig und poetisch, verglichen mit der des
gewoehnlichen das attische Leben der Zeit schildernden Lustspiels. Eine
besondere Anklage darf vom geschichtlich- sittlichen Standpunkt aus
gegen die Poeten keineswegs erhoben und dem einzelnen Dichter kein
individueller Vorwurf daraus gemacht werden, dass er im Niveau seiner
Epoche steht; die Komoedie war nicht Ursache, sondern Wirkung der in dem
Volksleben waltenden Verdorbenheit. Aber wohl ist es, namentlich um
den Einfluss dieser Lustspiele auf das roemische Volksleben richtig zu
beurteilen, notwendig, auf den Abgrund hinzuweisen, der unter all jener
Feinheit und Zierlichkeit sich auftut. Die Flegeleien und Zoten, welche
zwar Menander einigermassen vermied, an denen aber bei den anderen
Poeten kein Mangel ist, sind das wenigste; weit schlimmer ist die
grauenvolle Lebensoede, deren einzige Oasen die Verliebtheit und der
Rausch sind, die fuerchterliche Prosa, worin was einigermassen wie
Enthusiasmus aussieht allein bei den Gaunern zu finden ist, denen der
eigene Schwindel den Kopf verdreht hat und die das Prellergewerbe mit
einer gewissen Begeisterung treiben, und vor allem jene unsittliche
Sittlichkeit, mit welcher namentlich die menandrischen Stuecke staffiert
sind. Das Laster wird abgestraft, die Tugend belohnt und etwaige
Peccadillos durch Bekehrung bei oder nach der Hochzeit zugedeckt. Es
gibt Stuecke, wie die Plautinische 'Dreitalerkomoedie' und mehrere
Terenzische, in denen allen Personen bis auf die Sklaven hinab eine
Portion Tugendhaftigkeit beigemischt ist; alle wimmeln von ehrlichen
Leuten, die fuer sich betruegen lassen, von Maedchentugend womoeglich,
von gleich beguenstigten und Kompagnie machenden Liebhabern; moralische
Gemeinplaetze und wohl gedrechselte Sittensprueche sind gemein wie
die Brombeeren. In einem versoehnenden Finale, wie das in 'Die beiden
Bacchis' ist, wo die prellenden Soehne und die geprellten Vaeter zu
guter Letzt alle miteinander ins Bordell kneipen gehen, steckt eine
voellig Kotzebuesche Sittenfaeulnis. Auf diesen Grundlagen und aus
diesen Elementen erwuchs das roemische Lustspiel. Originalitaet ward
bei demselben nicht bloss durch aesthetische, sondern wahrscheinlich
zunaechst durch polizeiliche Unfreiheit ausgeschlossen. Unter der
betraechtlichen Masse der lateinischen Lustspiele dieser Gattung, die
uns bekannt sind, findet sich nicht ein einziges, das sich nicht als
Nachbildung eines bestimmten griechischen ankuendigte; es gehoert
zum vollstaendigen Titel, dass der Name des griechischen Stueckes und
Verfassers mit genannt wird, und wenn, wie das wohl vorkam, ueber die
"Neuheit" eines Stueckes gestritten ward, so handelte es sich darum, ob
dasselbe schon frueher uebersetzt worden sei. Die Komoedie spielt
nicht etwa bloss haeufig im Ausland, sondern es ist eine zwingende
Notwendigkeit und die ganze Kunstgattung (fabula palliata) danach
benannt, dass der Schauplatz ausserhalb Roms, gewoehnlich in Athen ist
und dass die handelnden Personen Griechen oder doch Nichtroemer sind.
Selbst im einzelnen wird, besonders in denjenigen Dingen, worin auch
der ungebildete Roemer den Gegensatz bestimmt empfand, das auslaendische
Kostuem streng durchgefuehrt. So wird der Name Roms und der Roemer
vermieden und wo ihrer gedacht wird, heissen sie auf gut griechisch
"Auslaender" (barbari); ebenso erscheint unter den unzaehlige Male
vorkommenden Geld- und Muenzbezeichnungen auch nicht ein einziges Mal
die roemische Muenze. Man macht sich von so grossen und so gewandten
Talenten, wie Naevius und Plautus waren, eine seltsame Vorstellung,
wenn man dergleichen auf ihre freie Wahl zurueckfuehrt; diese krasse und
sonderbare Exterritorialitaet der roemischen Komoedie war ohne Zweifel
durch ganz andere als aesthetische Ruecksichten bedingt. Die Verlegung
solcher gesellschaftlicher Verhaeltnisse, wie sie die neuattische
Komoedie durchgaengig zeichnet, nach dem Rom der hannibalischen Epoche
wuerde geradezu ein Attentat auf dessen buergerliche Ordnung und Sitte
gewesen sein. Da aber die Schauspiele in dieser Zeit regelmaessig
von den Aedilen und Praetoren gegeben wurden, die gaenzlich vom Senat
abhingen, und selbst die ausserordentlichen Festlichkeiten, zum Beispiel
die Leichenspiele, nicht ohne Regierungserlaubnis stattfanden, und da
ferner die roemische Polizei ueberall nicht und am wenigsten mit den
Komoedianten Umstaende zu machen gewohnt war, so ergibt es sich von
selbst, weshalb diese Komoedie, selbst nachdem sie unter die roemischen
Volkslustbarkeiten aufgenommen war, doch noch keinen Roemer auf die
Buehne bringen durfte und gleichsam in das Ausland verbannt blieb. Noch
viel entschiedener ward den Bearbeitern das Recht, einen Lebenden lobend
oder tadelnd zu nennen, sowie jede verfaengliche Anspielung auf
die Zeitverhaeltnisse untersagt. In dem ganzen plautinischen und
nachplautinischen Komoedienrepertoire ist, soweit wir es kennen, nicht
zu einer einzigen Injurienklage Stoff. Ebenso begegnet uns von den
bei dem lebhaften Munizipalsinn der Italiker besonders bedenklichen
Invektiven gegen Gemeinden - wenn von einigen ganz unschuldigen Scherzen
abgesehen wird - kaum eine andere Spur als der bezeichnende Hohn auf
die ungluecklichen Capuaner und Atellaner und merkwuerdigerweise
verschiedene Spottreden ueber die Hoffart wie ueber das schlechte
Latein der Praenestiner ^11. Ueberhaupt findet sich in den Plautinischen
Stuecken von Beziehungen auf die Ereignisse und Verhaeltnisse der
Gegenwart nichts als Glueckwuensche fuer die Kriegfuehrung ^12 oder zu
den friedlichen Zeiten; allgemeine Ausfaelle gegen Korn- und Zinswucher,
gegen Verschwendung, gegen Kandidatenbestechung, gegen die allzu
haeufigen Triumphe, gegen die gewerbsmaessigen Beitreiber verwirkter
Geldbussen, gegen pfaendende Steuerpaechter, gegen die teuren Preise der
Oelhaendler, ein einziges Mal - im 'Curculio' - eine an die
Parabasen der aelteren attischen Komoedie erinnernde, uebrigens wenig
verfaengliche laengere Diatribe ueber das Treiben auf dem roemischen
Markt. Aber selbst in solchen hoechst polizeilich normal patriotischen
Bestrebungen unterbricht sich wohl der Dichter: Doch bin ich nicht
naerrisch, mich zu kuemmern um den Staat, Da die Obrigkeit da ist, die
sich hat zu kuemmern drum? und im ganzen genommen ist kaum ein
politisch zahmeres Lustspiel zu denken, als das roemische des sechsten
Jahrhunderts gewesen ist ^13. Eine merkwuerdige Ausnahme macht allein
der aelteste namhafte roemische Lustspieldichter Gnaeus Naevius. Wenn
er auch nicht gerade roemische Originallustspiele schrieb, so sind
doch noch die wenigen Truemmer, die wir von ihm besitzen, voll von
Beziehungen auf roemische Zustaende und Personen. Er nahm es unter
anderm sich heraus, nicht bloss einen gewissen Maler Theodotos mit Namen
zu verhoehnen, sondern selbst an den Sieger von Zama folgende Verse zu
richten, deren Aristophanes sich nicht haette schaemen duerfen: Jenen
selbst, der grosse Dinge ruhmvoll oft zu Ende fuehrte, Dessen Taten
lebendig leben, der bei den Voelkern allen allein gilt, Den hat nach
Haus der eigene Vater von dem Liebchen geholt im Hemde. Wie in den
Worten: Heute wollen freie Worte reden wir am Freiheitsfest, so mag er
oefter polizeiwidrig angesetzt und bedenkliche Fragen getan haben, wie
zum Beispiel: Wie ward ein so gewaltiger Staat nur so geschwind euch
ruiniert? worauf denn mit einem politischen Suendenregister geantwortet
ward, zum Beispiel: Es taten neue Redner sich, einfaeltige
junge Menschen auf.
----------------------------------------------------------------- ^11
Bacch. 24; Trin. 609; Truc. 3, 2, 23. Auch Naevius, der es freilich
ueberall nicht so genau nahm, spottet ueber Praenestiner und Lanuviner
(com. 21 R.) Eine gewisse Spannung zwischen Praenestinern und Roemern
tritt oefter hervor (Liv. 23, 20, 42, 1); und die Exekutionen in der
pyrrhischen sowie die Katastrophe der sullanischen Zeit stehen sicher
damit im Zusammenhang. Unschuldige Scherze wie Capt. 160; 881 passierten
natuerlich die Zensur. Bemerkenswert ist auch das Kompliment
fuer Massalia (Cas. 5, 4, 1). ^12 So schliesst der Prolog der
Kaestchenkomoedie mit folgenden Worten, die hier stehen moegen als die
einzige gleichzeitige Erwaehnung des Hannibalischen Krieges in der auf
uns gekommenen Literatur: Also verhaelt sich dieses. Lebet wohl und
siegt Mit Maennermut, so wie ihr dies bisher getan. Bewahret eure
Verbuendeten alten und neuen Bunds, Zuleget Zuzug ihnen, eurem rechten
Schluss gemaess, Verderbt die Verhassten, wirket Lorbeer euch und
Lob, Damit besiegt gewaehre der Poener euch die Poen. Die vierte Zeile